Sonntag, 13. Juni 2010

We apologize for any convenience

Ich fahre gerne Zug. Wirklich. Einfach nur dasitzen, aus dem Fenster schauen, lesen oder seinen Gedanken nachhängen. Wenn die Mitreisenden das zulassen und man nicht die ganze Zeit panisch auf die Uhr schaut, weil der ICE wieder mal kurz vor dem Umsteigebahnhof unvermittelt auf offener Strecke anhält und der Anschlusszug wenn man es mal brauchen kann natürlich keine Verspätung hat.
Nirgendwo sonst bekommt man soviel Nervenkitzel geboten (außer vielleicht beim Zahnarzt) inklusive einem umfassenden Fitnessprogramm beim Sprinten zum Anschlussgleis. Wer das Risiko liebt, der sollte einmal versuchen, aus einem hoffnungslos verspäteten Intercity am Berliner Hauptbahnhof Tief kommend einen auf dem obersten Gleis abfahrbereiten ICE nicht zu verpassen (Hoffnungslos verspäteter Intercity ist übrigens eine Tautologie, wie der Weiße Schimmel).
Trotz allem: Ich fahre gerne Zug. Wenn sich der reservierte Sitzplatz nicht gerade samt halbem ICE wegen der Achse des Bösen in der Werkstatt befindet, kann man die Zeit wirklich genießen und erreicht Ziele, die man mit dem Auto auch bei Vollgas und unter Umgehung sämtlicher Verkehrsregeln in derselben Zeit niemals schaffen würde.

Diesmal war Göttingen das Ziel: Die alte Universitätsstadt mit gleich drei botanischen Gärten. Soviel Luxus ist ja an sich schon Verlockung genug.
Der ersten Verlockung musste ich allerdings schon auf dem Marktplatz trotzen: Ein Stand mit Kräutern, Heil- und Duftpflanzen, die man selten leibhaftig vor sich sieht, bzw. von deren Existenz man noch nicht mal ahnen konnte. Der Gärtner erklärte kompetent und freundlich alle seine Schätze und ich war schon versucht, wenigstens die Mohnbrötchenblume (Scrophularia chrysantha) mitzunehmen, aber ich habe doch keinen Platz mehr im Garten. Diese stark behaarte Staude ist völlig winterhart, eine gute Bienenweide und die Blätter duften wirklich verblüffend nach frischgebackenen Brötchen! Wenn es zuhause mal nur zum Toastbrot reicht - diese Pflanze zaubert Sonntagsflair auf den Frühstückstisch.
Ein paar Straßen weiter wurden in einem Buchladen die schönsten historischen Rosen und dazu passende Stauden verkauft, zudem konnte man Rosentorte kosten (lecker!). Zum Glück hilft auch Zugfahren ganz hervorragend gegen den Kaufrausch, sonst müsste ich mir jetzt einen Zweitgarten zulegen.

Die Göttinger scheinen Rosen wirklich zu lieben, das zeigte auch der Spaziergang durch die Innenstadt und schließlich der alte botanische Garten:
Die Anlage ist völlig kostenlos zu besichtigen und schafft es trotzdem, mehrere Gewächshäuser zu unterhalten, darunter ein altes Farnhaus von 1875, das jahrzehntealte Geweihfarne enthält, die vermutlich älter sind als ich. Das Viktoriahaus zeigt wunderschöne Seerosen, die namengebende Victoria cruciana sowie eine Reihe Tillandsien:


Das Wüstenhaus bietet sogar eine besondere Attraktion, nämlich frei lebende, gefräßige Raubtiere (betreten auf eigene Gefahr!): Eine Kolonie des Bienenwolfes, der sich in dem trockenen, warmen Klima wohl fühlt und im Boden seine Nester anlegt:



Der historische Gartenteil enthält einen Rosengarten mit ausschließlich ebensolchen Sorten, eine schöner als die andere. Umgeben von Stauden und anderen Bauerngartenpflanzen wirken sie einfach umwerfend:


Gallica- und Alba-Rosen in mehreren Sorten stehen neben Moosrosen und umrahmen den Mittelpunkt, den ein riesenhaftes Exemplar von Rosa alba "Maxima" (1450) krönt:


Am Nachmittag fing es leider an zu regnen und wir haben die anderen botanischen Gärten nicht mehr anschauen können.

Zurück am Bahnhof erheiterte die Lautsprecherdurchsage anlässlich einer rekordverdächtigen Zugverspätung auf dem Nachbargleis: "We apologize for any convenience". Kein Grund sich zu entschuldigen, Göttingen, wir kommen trotz der vielen Annehmlichkeiten gerne wieder - wenn ich Platz geschaffen habe für die Mohnbrötchenblume.

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