Freitag, 29. Oktober 2010

Vogel-Olympiade

Im Winter bekommen die Vögel gern von mir ein paar Meisenknödel spendiert, wenn die Schneedecke allzu hoch und die Temperaturen allzu niedrig sind.
Vom Sofa aus die gefiederten Gartenbewohner zu beobachten ist einfach die beste Winter-Unterhaltung.

Für eine zünftige Vogel-Olympiade braucht es allerdings ein bisschen mehr als nur einen schnöden Meisenknödel. Da wird zwar auch schön dran gebaumelt und geturnt, aber nicht alle Vögel sind so artistisch begnadet.

Die Amseln in der Disziplin Schnabelweitaufsperren am Zierapfel zu beobachten ist genauso vergnüglich wie Hochsprung an den Hagebutten oder Laub-Weitwurf beim Würmersuchen.

 Zierapfel (Golden Hornet) vor dem Frost und damit amseluntauglich

 Amsel am Zierapfel (Golden Hornet) - nach dem Frost als braune Matsche schmeckt's dann auch

Für die Frühbucher unter den Zugvögeln sind Holunder oder Felsenbirne ein echter Renner - sie reifen so früh, dass sie als Wegzehrung für die Mönchsgrasmücken dienen.

Gimpel und Rotkehlchen üben sich gern im Klettern am Waldgeißblatt. Die roten Beeren zu erhaschen ist gar nicht so einfach - die langen Ranken biegen sich schnell unter dem Gewicht eines dicken Dompfaffs. Das leichtere Rotkehlchen schnappt die Früchte am liebsten im gekonnten Schwirrflug.

Wildrosen stehen ganz oben auf der Speisekarte:
Mit Kartoffelrosen kann man Grünlinge locken. Die winzigen Hagebutten der Büschelrose (Rosa multiflora) schmecken besonders vielen Vögeln. Selbst die korpulenten Amseln ernten sie entweder im Sprung vom Boden aus oder in waghalsigen Balancierakten an den dünnen Rispen.

Rosa multiflora

Hagebutten von Bodendeckerrosen nehmen sie aber ebenso gern.

Wilder Wein, Rotdorn, Efeu und Cotoneaster sind ebenfalls ein gutes Lockmittel.

Cotoneaster

Efeu

Erst wenn die ganzen Leckereien schon weggefressen sind, nimmt die Amsel zur Not auch von den Purpurbeeren Kenntnis, aber man hat den Eindruck, dass sie das äußerst widerwillig zu sich nimmt.

 Purpurbeere ( Symphoricarpos purpurea)

Wenn es ihnen schmeckt, bedanken sich die Vögel auf ihre Art: Als fliegende Gärtner beglücken sie uns mit etlichen Rosensämlingen, Holunderschößlingen oder Waldgeißblatt-Babies.

Manchmal sind sogar echte Überraschungen dabei - bei mir haben die Vögel bereits erfolgeich einen Hartriegelstrauch gepflanzt und als besondere Entdeckung einen Runzelblättrigen Schneeball (Viburnum rhytidophyllum).
 
Und wer einmal versucht hat, Wildrosen oder überhaupt Rosen selbst aus Samen heranzuziehen, weiß diese Dienste sehr zu schätzen. Um die hartnäckige Keimruhe zu brechen braucht es nämlich einen lauten Weckruf und die beste Überzeugungskraft haben Mietmägen, am besten fliegende. Ohne diese Hilfe kann man an der Rosenvermehrung über Samen schon mal verzweifeln.

Wir müssen nur noch die neuen Pflanzen finden, ausgraben und an eine passende Stelle setzen - oder weiterverschenken (zur Not an den Kompost, wenn sich kein anderer Abnehmer finden lässt).

Bei manchen Rosensämlingen bin ich mir so gar nicht sicher, ob das tatsächlich wilde sind: Sieht dieses Exemplar nicht eher aus wie eine "Edel"-Rose?  



(Eigentlich wollte ich auch einen ganz anderen Sämling zeigen, aber nun hat er kein Laub mehr, Sternrußtau sei Dank. Also, Pilzkrankheiten hat die neue Rose schon mal wie eine große - noch ein Merkmal, dass auf eine Edelrose hindeuten könnte.)

Da die Vögel auch die dicken Kletterrosen-Hagebutten nicht verschmähen, wenn nichts anderes mehr zur Hand ist, kann ich mir gut vorstellen, dass sie hier eine neue Rosenzüchtung kreiert haben - in Zusammenarbeit mit den Hummeln und Bienen natürlich.
Ich werde die neue Rose auf jeden Fall gut im Auge behalten - wer weiß, was daraus wird - vielleicht die blaueste Rose der Welt oder die erste Rose, die schon im Januar blüht? Oder eine, die man schon aus zehn Metern Entfernung riechen kann (ein Wohlgeruch soll es natürlich sein)?
Man wird doch noch träumen dürfen...


Wenn man nicht schon im Herbst die Staudenbeete abräumt, bekommt man noch mehr Gelegenheiten, Vögel beim Geräteturnen zu beobachten:

Folgende Staudensamen habe ich schon mit eigenen Augen in Vogelmägen wandern sehen:

  • Oregano
  • Verbena bonariensis (Birkenzeisig!)
  • Zitronenmelisse
  • Braunelle
  • Fette Henne
  • Hohlzahn
  • Heil-Ziest
  • Echtes Herzgespann
  • Wermut
  • Johanniskraut
  • Kronen-Lichtnelke
  • Phlox
  • Malven (Meisen)
  • Samen von Clematis alpina (Meisen)
  • Beeren der weiblichen Zweihäusigen Zaunrübe (Sumpfmeise)
Die Vogel-Olympiade ist also ein Spiel ohne Grenzen.  
Das Ganze geschieht natürlich nicht ganz selbstlos, denn ein schöneres Wintervergnügen als die Vogelwelt zu Gast am kalten Gartenbuffet zu haben, kann man sich kaum vorstellen. Noch ist Zeit zum Vogelfutter Pflanzen.


Samstag, 23. Oktober 2010

Grüne Gäste

Hand auf's Herz - habt ihr schon mal Zimmerpflanzen umgebracht?
Also, so richtig mit voller Absicht und im Vollbesitz eurer geistigen Kräfte?
Nicht ganz aus Versehen zu Tode gegossen, sondern weil sie nicht mehr blühten, schief gewachsen waren oder kaum noch Blätter hatten?
Ich gebe zu, auch ich bin schuldig, habe ich doch mal eine selbstgezogene Avokado, die völlig von Schildläusen verseucht war, auf die feigste Art, die man sich vorstellen kann, ins Jenseits befördert: Ich habe mir noch nicht mal selbst die Hände schmutzig gemacht, sondern Väterchen Frost hinterhältig die Drecksarbeit machen lassen.
Ich hatte ja so eine Ahnung, dass die Avokado dank der Parasiten nicht mehr lang leben wird. Eine kalte Nacht und es war wirklich so. Quod errat demonstrandum - wie gemein.

Ähnlich unbeteiligt könnte man sich nur noch am Tod der Pflanze durch eine befreundete Ziege vorkommen.

Aber so richtig gut fühlt man sich nicht nach dem Beseitigen von unschuldigem Grünzeug. Die Gewissensbisse sind nicht zu leugnen.

Bei Gartenpflanzen ist die Lage ein bisschen anders - da kommt das Unheil oft genug in Form von höherer Gewalt wie Sturm, Hallimasch oder Wühlmäusen. Da kann man dann wirklich nichts für, das passiert eben.
Bei Zimmerpflanzen aber hat man die Bedingungen weitestgehend unter Kontrolle und sollte Herr der Lage bleiben - sofern Frau Katze nicht wieder über Nacht eine ganze Grünlilie dem Erdboden gleichmacht oder die Dracaena bis zur Unkenntlichkeit beknabbert (da kann sie noch so unschuldig gucken).


In Münster und andernorts gibt es eine elegante Lösung, ungeliebte Botanik loszuwerden, ohne sie gleich umzubringen: Die Pflanzenklappe. Dort kann man anonym seine Problemfälle abgeben.
Gebeuteltes Grün wird dann wieder fachmännisch aufgepäppelt und anschließend zur Adoption freigegeben.
Bei botanoadopt.org kann man sich über die Anwärter informieren, mit den Pflegeeltern Kontakt aufnehmen und seinen neuen Mitbewohner schließlich mit nach Hause nehmen.
Wenn man selbst eine Pflanze besitzt, die sich zu einem einnehmenden Wesen entwickelt hat, kann man dort auch ein Adoptionsangebot aufgeben.

Eine tolle Idee, wie ich finde. Nicht nur werden gequälte Zimmerpflanzen vor dem Tode bewahrt, sondern man erhält darüberhinaus die Möglichkeit, eine Pflanze mit Persönlichkeit gratis zu bekommen (gratis ist hier allerdings der falsche Ausdruck, denn wie im Projekt ausdrücklich betont wird, besitzt man sie nicht wirklich, sondern erhält nur einen grünen Gast).

Um die Entscheidung zu erleichtern, haben die Pfleglinge einen witzigen Namen bekommen und eine lustige Geschichte zu ihrem Werdegang.
Allein das zu lesen macht schon einen Heidenspaß und weckt Sympathie für die Betreiber des Projekts wie für die Pflanzen gleichermaßen. Unvergessen sind zum Beispiel die legendären Chilibrothers.

Grünzeug mit Namen gibt man doch auch nie wieder her, geschweige denn, dass man so eine Persönlichkeit bei Nacht und Nebel draußen erfrieren lässt, oder?

Mein liebster grüner Mitbewohner ist zwar nicht adoptiert, aber immerhin ein Geschenk gewesen, als am Ende eines Gewinnspiel im Palmengarten Frankfurt noch zu viel Gewinn übrig war. Weil ich ein bisschen beim Aufbau des Standes geholfen hatte, durfte ich mir einen der Preise, eine Kaffeepflanze (Coffea arabica), aussuchen.

Hier ist er also: Tom Bohnen, der Kaffeestrauch.


Geboren und aufgewachsen in Frankfurt am Main, lebt er seit nunmehr vier Jahren in Ostwestfalen.
Er ist schon mächtig groß geworden und wohnt in seinem zweiten Topf.
Weil er ein stadtbekannter Quartalssäufer ist, hat er einen Corona-Bier-Übertopf bekommen - ein Werbegeschenk.
Tom Bohnen ist die einzige mir bekannte Pflanze, die beim Anblick von Kokosnusssubstrat nicht die Wurzeln kräuselt, sondern alles mit einem Blattachselzucken hinnimmt und sogar noch prächtig darin gedeiht.

Er ist verträglich mit Katzen, verbringt den Sommer am liebsten draußen auf der Terrasse im Schatten und schaut gerne Radrennen, um sein Idol Tom Boonen zu bewundern.
Im Winter freut er sich über eine gelegentliche Dusche und mag keine Heizungsluft.
Er ist sehr ehrgeizig und arbeitet an seinem ersten Weltmeistertitel im Dauer-Grünsein.
Das Grüne Trikot hat er ja schon.

Dieses Jahr hat er viele Kaffeebohnen angesetzt und wir hoffen sehr auf baldigen Kaffeebaum-Nachwuchs.

Wer sind eure Lieblingszimmerpflanzen? Habt ihr vielleicht auch eine spektakuläre Mülltonnenrettung miterlebt und die weggworfene Pflanze anschließend aufgepäppelt?
Dann stellt sie doch einmal vor und erzählt ihre Geschichte. Ich bin gespannt, welche grünen Gäste eure Lieblinge sind!

Freitag, 15. Oktober 2010

Harken für den Weltfrieden

Harken? Weltfrieden? Eiersalat? Ägypten?
Jetzt ist sie völlig übergeschnappt, werdet ihr sagen.
Was hat denn bitteschön eine Harke mit dem Weltfrieden zu tun?

Ich möchte versuchen, es zu erklären:

Wenn rundherum die Laubsauger und -bläser gewissenhaft ihrer Bestimmung nachgehen, ist dem in Hörweite gärtnernden Menschen zumindest alles andere als weihnachtlich zumute.
Der Haken an der Motorisierung im Garten: Zartbesaitete brauchen Nerven wie Drahtseile, sonst ist die ehemals gute Stimmung wie weggeblasen - und das kann wiederum eine Lawine der Übellaunigkeit bei anderen in Gang setzen.
Vom Aufruhr in der Insekten- und Spinnenwelt mal ganz zu schweigen.

Dabei hat meditatives Laubharken doch durchaus sein Gutes:
Man verpasst die Kraniche nicht, die womöglich den Garten überqueren.
Vielleicht lugt sogar das sympathischste aller Kulleraugen, das Rotkehlchen, aus der Heckenrose.
Und man kann in Ruhe die letzten Gartenblumen des Jahres betrachten.

Sportliches Wettharken ersetzt das Fitness-Studio im grünsten aller Trainingszentren.
Da kann man der ganzen Welt aber mal zeigen, was ne Harke ist!
Und sollte es dabei doch zu einem zünftigen Muskelkater kommen, muss man auch das sportlich sehen. Schließlich kann man dabei ganze Muskelgruppen wiederentdecken, von denen man schon nicht mehr wusste, dass es sie überhaupt gibt.

Der lärmende Laubsauger kostet sowieso nur Geld und dann braucht man auch noch einen Unterstand für das gute Gerät. Im Reihenhausgarten kann so etwas ein echtes Problem sein.

Gartendesignerin Gabriella Pape ("Meine Philosophie lebendiger Gärten") vertritt sogar die Ansicht, dass regelmäßiges Harken  - nicht nur von Laub, sondern auch von Rasenschnitt - das Vertikutieren des Rasens komplett erspart. Einen schöneren Rasen als durch diese Methode würde man auch durch teure Hilfsmittel wie einen Vertikutierer nicht hinbekommen. Hauptsache, das Striegeln geschieht regelmäßig.

Ich jedenfalls harke gern. Habe ich so doch einen Grund, mich draußen aufzuhalten.
Noch mehr Spaß würde es natürlich machen, wenn meine Bäume und Sträucher sich in der Farbwahl ihres Laubes etwas mehr Mühe geben würden.

Ich hätte da an so etwas gedacht:



Zu seiner Ehrenrettung muss ich aber sagen, dass der Zierapfel wenigstens ein bisschen gelb wird.

Auch die Kartoffel- und die Bibernellrose machen durchaus eine gute Figur in leuchtendem Gelb und Orange:



Bei der Süßkirsche allerdings ist Hopfen und Malz verloren: Ihre Blätter sind heute noch grün am Baum, morgen schon grün und am Boden. Tja, man kann nicht alles haben.

Gute Laune macht die Befreiung des Rasens in aller Ruhe trotzdem!

Also: Laubsauger zu Pflugscharen, pardon: Harken!

Sonntag, 10. Oktober 2010

Die Wucht in Tüten

Schrecklich, diese Maßlosigkeit. Diese Mitnahme-Mentalität meinerseits.
Wo soll das noch hinführen?
Ich schäme mich sehr - habe ich doch gestern schon wieder nicht widerstehen können und Blumenzwiebeln gekauft, obwohl eben diese meinem Garten schon zu den Ohren wieder herauskommen.

Aber zu meiner Verteidigung kann ich anführen, dass die Gebrüder Albrecht diese Zwiebeln seit Ende August anbieten - ich also schon seit über einem Monat erfolgreich dieser Versuchung getrotzt habe, und das war gar nicht leicht.

Nun verhält es sich so, dass das Sortiment an Blumenzwiebeln immer mal wieder ergänzt wird durch gewisse modische Neuheiten. Und wie das oft so ist mit diesen Neuentdeckungen für den Garten: Was der Gärtner nicht kennt, das pflanzt er nicht. Kaufen erst recht nicht.

Während also die altbekannten Lieblinge, die den Frühling erst zum Frühling machen, ziemlich plötzlich ausverkauft sind, bleiben die anderen, die sich womöglich noch erdreisten, erst zu den Eisheiligen zu blühen und nicht schon im März in Schnee und Eis, einfach links liegen.

Bei Krokussen, Narzissen und Tulpen weiß man schließlich, was man hat: Die Tulpen und Narzissen werden im ersten Jahr alles geben und wunderbar blühen, im zweiten Jahr eventuell gar nicht mehr auftauchen oder nur Blätter zeigen. Egal - da weiß man, worauf man sich einlässt. Und eben weil sie sich so gern vom Acker machen oder im Falle der Tulpenzwiebeln in Wühlmausmägen landen (falls man kein Alcatraz aus Kaninchendraht um sie herumbaut) braucht es auch ständig Nachschub.

Was in unserem Außenposten des Albrecht-Imperiums aber jedes Jahr auf's neue wie Blei im Regal liegenbleibt, ist der Goldlauch (Allium moly). Eigentlich eine schöne kleine Pflanze für auch feuchtere Böden, blüht aber erst im Mai. Da sie zudem noch zum Wuchern neigt, kauft man sie nicht zweimal.
Schnell werden diese Zwiebeln daher zur Bückware und jede Woche sinkt ihr Preis.

Dieses Jahr haben sie zur Abwechslung einmal Leidensgenossen, die ihnen Gesellschaft leisten: Die Prärielilie (Camassia cusickii). Die blüht ähnlich spät, passt also auch nicht ins typische Frühlingserwachen-Spektakel.
Außerdem ist sie noch unbekannter als der kleine Goldlauch. Erschwerend kommt hinzu, dass auf der Packung noch nicht mal ein deutscher Name abgedruckt ist - sehr suspekt.

Für beide sank nun der Kurs beständig, bis sie mittlerweile bei sagenhaften 10 Cent (in Worten: Zehn Cent!) pro Beutel angekommen sind. Dafür bekommt man drei äußerst feiste Prärielilien-Zwiebeln.



Ob die Druckstellen allerdings so förderlich sind? Man wird sehen, wie sie sich entwickeln.

Zwei Beutel habe ich mitgenommen, denn auf einem Bein kann man nicht stehen.

 
Das darf man doch auch eigentlich nicht mehr kaufen nennen, das fällt eher schon unter lebensrettende Maßnahmen, denn noch ein paar Wochen später werden sie vermutlich auch aus dem untersten und vergessensten aller Regale verbannt und dem Müll überantwortet. Das will doch kein Pflanzenfreund, der etwas auf sich hält, auf dem Gewissen haben.
Außerdem habe ich noch überhaupt keine Prärielilien. Goldlauch schon.

Wenn ihr also noch eine oder mehrere dieser Arten braucht - schaut doch einfach einmal nach, im entlegensten Winkel eures Supermarktes werdet ihr vermutlich fündig. Zu einem Preis, der ihrer zwar nicht würdig ist, aber über Leben und Tod entscheiden wird. Holt sie da raus!

Montag, 4. Oktober 2010

Deutschland sucht den Superstar

Mein absoluter Top(f)star des Jahres 2010 ist eine kleine Giftspritze, aber so ist das nun mal, wenn man sich mit Nachtschattengewächsen einlässt.

Mitten im Winter, als ich mich zur Abwechslung mal wieder im Baumarkt herumtrieb, kullerte mir eine rote Beere vom Korallenstrauch (Solanum pseudocapsicum) entgegen (nachgeholfen habe ich nicht, ich schwöre!). Ich hob sie auf und nahm sie mit nach Hause, denn auch im Winter darf der grüne Daumen nicht nur Däumchen drehen sondern braucht auch mal eine kleine Fingerübung.

Schnell die Samen herausgekratzt, in einen Topf gesät und ab damit auf die Fensterbank.

Die Keimung ging unglaublich schnell und einfach vonstatten und schon reckten sich etliche winzige Sämlinge ans Licht.
Bald wurde es zu eng in der Kinderstube und ich musste sie trennen. Naja, um einer größeren Korallenstrauch-Invasion auf der Fensterbank vorzubeugen, habe ich nur einen pikiert und seine restlichen Geschwister verschenkt (ihnen geht es aber blendend, hab ich mir sagen lassen).

Im März sah die angehende Koralle schon so aus:


Im Mai hatte ich einen kleinen Strauch:


Dann kamen auch schon die ersten Blüten - dezentes Weiß mit ein bisschen Orange und nicht überragend spektakulär, aber einfach unverkennbar Nachtschatten:


Beim Bestäuben braucht es keine Nachhilfe - die Beeren kommen von ganz allein:


Dieser Strauch macht einfach nur Freude!
Die Schere kann man getrost einmotten - der verzweigt sich ganz ohne Friseur.
Er sieht seit Mai ununterbrochen dekorativ aus - einfach gänzlich ohne Fehl und Tadel.
Mit bewundernswertem Gleichmut erträgt er Hitze mit und ohne Platzregen sowie Kälte bis kurz vorm Frost - ich wünschte, ich könnte das auch, stattdessen habe ich das beneidenswerte Talent, auch im Sommer durchaus mit kalten Füßen aufwarten zu können.

Vor allem, wenn die Tomatenzucht mal wieder so richtig in die Binsen geht, ist Solanum pseudocapsicum ein echtes Trostpflaster, denn zumindest sind die Beeren einer Tomate wie aus dem Gesicht geschnitten - aber zum Glück war es das auch schon mit der Familienähnlichkeit, denn eine Heulsuse ist der kleine Strauch nicht: Mit der bösen Braunfäule haben die Früchte nämlich nichts am Hut.

Aber trotzdem besser nicht als Vorspeisenteller anrichten - die Beeren sind giftig.

Im Handel bekommt man den Korallenstrauch jetzt überall. Das geht so weiter bis mindestens Neujahr - weil er einfach immer passt: Er kann herbstlich aussehen oder auch weihnachtlich, je nach Stimmungslage des Betrachters - und würde er nicht auch prima zu Ostern passen? Oder Karneval? Die Pappnase(n) hat er immer auf.

Am liebsten werden Exemplare mit nur noch knallroten Beeren verkauft, aber dann bringt man sich um ein sagenhaftes Farbenspiel, wenn die Früchte von Grün über Orange nach Rot wechseln.


Aber kaufen ist ja sowieso langweilig. Diese Pflanze will einfach wachsen und man sollte sich den Spaß einmal gönnen, sie selbst heranzuziehen.
Ich hätte doch in die Großproduktion einsteigen sollen, denn jetzt könnte ich sie gut gebrauchen - als Mitbringsel und kleines Geschenk.

Aber nachher ist man immer schlauer, daher bleibt mir nur noch, euch den kleinen Superstar wärmstens ans Herz zu legen. Allüren hat er jedenfalls keine.

Freitag, 1. Oktober 2010

Fluch der Tomaten

Es reicht! Ende. Aus. Vorbei. Das war's.
Nie mehr versuche ich, Tomaten auf der Terrasse heranzuziehen. Ich schwöre!

Dieses Jahr war es wieder mal völlig desaströs - Braunfäule ohne Ende. Kein einziger rote Paradeiser war dabei. Kurz vor der Reife hatten sie alle die Krätze. Eklig. Sowas schmeckt bestenfalls den Schnecken - können sie sich zur Abwechslung auch mal nützlich machen.

Gut, gekostet hatten sie nichts - ich bekomme immer überzählige Sämlinge von meiner Mutter geschenkt, die sich allerdings reproduzierbar jedes Jahr wieder nicht an die Sorte erinnern kann.

Und was für einen Aufwand man da treiben muss! Erst sehen die Pflänzchen noch so niedlich klein aus, nach ein paar Wochen aber wuchern sie die halbe Fensterbank (außen) zu, haben die Fallsucht, so dass man sie stützen und stäben muss, und wollen drei mal am Tag Wasser haben.

Man wird zum Sklaven der Tomate. Wenn man es wagt, ihnen auch nur einen einzigen Tag den Rücken zu kehren, macht man sich ständig Sorgen um die undankbare grüne Bagage.
Und womit?
Mit Recht: Nach einem Tag allein zuhaus erwarten sie einen dann auch schon beleidigt und dem Verwelken nah.
Im Urlaub gibt sich dann die Nachbarin die allergrößte Mühe, unsere Tomaten am Leben zu erhalten.

Bei soviel Zuwendung könnte man anstandshalber wenigstens ein paar Früchte seiner Arbeit erwarten, aber nix ist. Alles verfault schon am Strauch.

Wahrscheinlich waren es Gewächshaustomaten. Freilandbedingungen sind die ja gar nicht gewöhnt - im Treibhaus bekommen sie von morgens bis abends den Hintern gepudert und bloß keinen Tropfen Wasser auf Blatt oder Frucht, das wäre ja noch schöner!

Um Hochglanzmagazine, die das Thema Garten bedienen, sollte man im Falle erfolgloser Zucht in dieser Zeit auch lieber einen ganz großen Bogen machen. Die dort aufgeführten Tipps und Rezepte, wie man der Tomatenernteschwemme Herr werden kann, klingen wie Hohn, wenn man es nicht mal zu einer einzigen mickrigen Frucht gebracht hat.
Die können was, was ich nicht kann - das steht da schwarz auf weiß.

Was Tomaten angeht, habe ich eher einen braunen Daumen.

Bei anderen klappt das besser, auch wenn sie in die hinterletzte Gartenecke verbannt werden, aber vielleicht hilft der drohende Spaten ihnen auf die Sprünge:


Vor Jahren hatten wir mal Jungpflanzen gekauft von der schönen Sorte Tigerella. Die war kleinwüchsig, hat aber immerhin ein paar wohlschmeckende kleine Früchte gebracht.

Vielleicht probiere ich es nächstes Jahr einfach mal mit Johannisbeertomaten? Was kann da schon schiefgehen?
Oder ich kratze ein paar Samen aus den wilden Tomaten, die es im Bioladen gibt, und die immer so lecker sind? Da klingt die Samengewinnung doch kostengünstig und man vermehrt eine wertvolle alte Sorte!

Und schon scheinen sich die guten Vorsätze vom Ende aller Tomatenzucht wieder in Luft aufzulösen.
Auch das ist der Fluch der Tomaten....

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