Samstag, 24. September 2011

Kann man das essen?

In Kindertagen war noch alles ganz einfach:
Hagebutten waren ausschließlich dazu da, einen ganz besonderen Rohstoff zu liefern: Juckpulver!
Regel Nummer Eins bei der Anwendung: Aufgrund der unschönen Konsequenzen ausdrücklich nicht bei Erwachsenen anwenden, und wenn, dann Regel Nummer Zwei beachten: Nicht erwischen lassen, was nur bei schlafenden Mitbürgern halbwegs funktioniert!


Vogelbeeren waren giftig, so wurde uns damals erzählt, aber hingen sowieso viel zu hoch, und von den komischen blauen Beeren der Mahonie kannten wir noch nicht einmal den Namen.
Die Haselnüsse haben wir direkt vom Strauch gepflückt, als sie noch genauso grün hinter den Ohren waren wie wir, und mit einem Stein geknackt. Alles von der Hand in den Mund.

Heute sind wir älter und weiser (naja, zumindest älter) und die Ansprüche etwas gestiegen.
Zum Beispiel nehmen wir nun einen Nussknacker.
Und gewinnen lieber Marmelade statt Juckpulver, das ist sozialverträglicher.

Aber wer wird denn deswegen gleich in den Supermarkt rennen, um die Rohware zu beschaffen?
Mit etwas Glück hat man eigene Früchtchen im Garten.
Wenn nicht, auch kein Beinbruch, denn Park und freie Landschaft laden ein zum Ernten.
Und das alles ohne lange Transportwege und Giftstoffe - und vor allem kostenlos.

Wie das geht und welche Regeln man dabei beachten muss, beschreibt Christine Schneider in ihrem Buch "Beeren finden!".

Christine Schneider. 2011. 96 S., 86 Farbfotos, 16 Farbzeichn., mit Plastikhülle, kart.
Erschienen im Ulmer-Verlag.
ISBN 978-3-8001-7660-1.
€ 9,90










Dabei geht es nicht um diese leckeren Beeren hier rechts, die man zwar auch ohne Zäune erreichen kann, aber anstandshalber lieber nicht ernten sollte, sonst droht dasselbe Ungemach wie bei Juckpulvereinsatz...



















In dem Buch dreht es sich stattdessen ausschließlich um wilde Beeren und Nüsse und ihre Zubereitung.
Man muss deswegen aber nicht nur außerhalb des eigenen Gartens suchen, denn in vielen Gärten wachsen züchterisch weitgehend unbeleckte Varianten, wie Felsenbirne, Berberitze oder Mahonie, von denen man möglicherweise gar nicht wusste, dass sie essbar sind.
Andere, wie die Schlehe, möchte man lieber außerhalb des Gartens wissen, der Ausläufer wegen.


Und wer hätte es gedacht - auch die so in Ungnade gefallene Vogelbeere wird rehabilitiert, denn man kann eine prima Marmelade aus ihr kochen.




















Bevor es aber ans Kochen und Schlemmen geht, stellt die Autorin zunächst den Beerenknigge vor:
Wo man sammeln kann und wo man besser die Pfoten von den Früchten lassen sollte, wird ausführlich erläutert. Zum einen sollte man den Vögeln auch noch was übrig lassen, und schon gar nicht über Naturschutzgebiete herfallen, zum anderen wird gewarnt vor allerlei Unbilden, die den Genuss etwas trüben können, als da wären: Zecken, Hundepipi, Autoabgase, Fuchsbandwurm, herübergewehte Pestizide sowie last but not least giftige Vetreter ihrer Zunft.

Nachdem die Vorsichts- und Rücksichtsmaßnahmen geklärt sind, geht es ans Eingemachte:
Die besten Beeren und Nüsse werden im Portrait vorgestellt, und zwar mit einem schön großen Bild, damit Verwechslungsgefahren minimiert werden.
Dazu gibt es einen beschreibenden Text, der Artmerkmale, Gefahren und Verwendungsmöglichkeiten aufzeigt.
Das alles ist so locker-flockig geschrieben wie die Baisertörtchen auf Seite 30 aussehen.
Die Lektüre wird also garantiert nicht langweilig.

Der Clou bei jedem Artportrait ist das Blitzrezept. Das geht zum einen schnell, zum anderen aber ist die Mengenangabe der Beeren meist mit ein bis zwei Handvoll beschrieben, genau der Menge also, die man mal eben ganz spontan beim Spaziergang aufgabeln kann und trotzdem den Vögeln nicht die Butter vom Brot klaut.
Auch wie sogar noch ein selbstgemachtes Kirschkernkissen aus dem Sammelgut abfällt, ist zu lesen.

Im letzten Kapitel sind weitere, ausführlichere Rezepte gelistet, falls dem Sammler auch mal große Mengen ins Netz gehen.

Wer mit dem Buch als Hilfestellung gleich loslaufen möchte, wird den Klarsichteinband ungemein praktisch finden, denn der verzeiht auch den ein oder anderen Brombeerfleck. Überhaupt ist das Büchlein so handlich, dass man es immer mitnehmen kann, falls man unerwartet auf unbekannte Fruchtobjekte trifft.


Vermisst habe ich die Baumhasel, die so häufig als Straßenbaum gepflanzt wird, dass der Weg darunter übersäht ist mit ihren zotteligen Früchten. Auch der Bocksdorn wird nicht erwähnt, dabei müsste doch auch die Wildart brauchbar sein, die gern in der freien Landschaft verwildert.
Unter den giftigen Vertretern fehlen das Salomonssiegel und die Hartriegelsippe. Gerade ersteres schleicht sich womöglich beim Blaubeersammeln ins Körbchen.

Alles in allem aber ein schönes, flüssig zu lesendes Buch zum niedrigen Preis.
Einsteiger können die Beerenbeute bestimmen lernern, in der Botanik Fortgeschrittene lernen möglicherweise neue Verwendungsmöglichkeiten kennen. Das Buch macht Mut und Lust, auch einmal unkonventionelle Früchte zu probieren - denn Hagbutten können mehr, als nur Juckpulver liefern!

5 Sterne also.




Vielen Dank an den Ulmer-Verlag und bloggdeinbuch für das Rezensionsexemplar.

Kommentare:

  1. Das klingt ja nach einem besonders spannenden Buch liebe Elke! Vielen Dank für die Empfehlung - das werde ich mir doch gleich mal besorgen.
    Wir haben selbst schon viel Wildobst gepflanzt und langsam werden sie groß genug, um auf Ernte zu hoffen.
    Viele Grüße von Renate

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  2. Hagebuttenmarmelade - sabber!!!!

    GlG jane

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  3. Hallo,
    ha, was bin ich da stolz auf mich und meinen Garten bzw. Wäldchen. Dort wachsen alle benannten Bäume/Sräucher, die Du hier erwähnt hast.

    Von der Eberesche, haben wir einige im Wäldchen, ... *räusper* ... könntest Du mir das Rezept für die Beeren der Eberesche verraten? ... und werden die nicht eher nach dem ersten Frost gepflückt?!

    LG,
    Pupe

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  4. Zur Eberesche: Vogelbeerschnaps!! Doppeltbrennter: In den Alpen eine Spezialität. Aus "Hetscherln" hat meine Oma oft Marmelade gemacht und ich fand sie köstlich, der Aufwand ( die Früchte sind ja nicht gar groß und das Kernhaus umso mehr) beträchtlich, weshalb ich mich noch nie an diese Arbeit herangewagt habe. Eigentlich schade.
    Meine Eltern machen immer ncoh Marmelade aus "Dirndln", der Kornelkirsche, da ist der Aufwand auch nicht unbeträchtlich. Ist man in der Rente und hat viel Zeit und Nerven ist das alles zu empfehlen. Hat viele Vitamine und schmeckt auch gut. Wo sind die Omas und Opas mit Muße und Freude andieser Art von Betätigung?

    Danke jedenfalls für den wieder sehr gelungenen Text und die stimmungsvollen Fotos!
    LG Elisabeth

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  5. Na das ist ja mal ein Buch, das ich super gebrauchen könnte. Dein Beschrieb macht mich grad richtig "gluschtig". Allerdings würden die Amseln mir wohl ein Liedchen pfeiffen, wenn ich es wagen würde, mich an ihren Vogelbeerbaum zu vergreifen *grins*. In dem Roman den ich gerade zu ende gelesen habe, haben findige Gärtner aus den Vogelbeeren einen Schnaps gemacht... hmm, aber Schrebergarten-Nachbarn sind dem Gebräu immer weiträumig aus dem Weg gegangen :o).
    So, nun gibt's aber bei mir erstmal Frühstück bevor ich mir schon um den Nachtisch Gedanken mache :o).
    Liebe Grüsse
    Alex

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  6. Das ist ein wirklich interessantes Buch!
    Aber bei uns gibt es noch nicht so reichlich von all den Beeren. Die Vogelbeeren haben die Amseln verdrückt, Felsenbirne und Schlehen sind noch zu jung und die Mahonien haben auch nicht so viel Früchte. Unsere vielen Heckenrosen tragen unheimlich. Aber in diesem Jahr machen sich da die Vögel drüber her, als ob es nie wieder etwas zur fressen gäbe. Echt merkwürdig.
    Also kaufe ich leckere dänische Hagebuttenmarmelade ;-)

    Noch einen schönen Rest-Sonntag!
    und viele Grüsse aus dem kühlen Norden von Meggie

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  7. Toller Post. Gerade heute habe ich auf einer Kräuterwanderung meine erste Hagebutte verspeist und noch diverse andere Dinge ;) War super interessant und hat richtig Spaß gemacht. Erstaunlich was man alles essen kann ;)

    Am besten gefallen haben mir optisch der wilde Majohran und an sich die wilde Möhre. Die hatte ich schon tausendfach gesehen ohne sie zu "erkennen"...

    Das mit dem Buch ist ein toller Tipp, danke!

    Lg Sandra

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  8. Hallo Elke.
    Juckpulver da werden Erinnerungen wach als Kinder hABEN wir sie uns gegenseitig im Pulli gesteckt.
    Wunderbar deine Aufklärung.Hagebuttenmarmelade ist sehr lecker.
    Schöne Woche und schönes Wetter.Sei lieb gegrüßt von Jana

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  9. Liebe Elke
    Du hast das Buch so toll beschrieben, also wenn mir die Beeren noch näher wären, ich müsst es haben. Mit "noch näher" meine ich eigentlich eher die Zeit, die ich für das Beeren pflücken bräucht, denn ich liebe die Beeren sehr ... aber ich begnüge mich mal mit denen, die im Garten wachsen und das sind ja nicht grad viele.
    Und übrigens, ich kann alles nur unterstreichen. Die Hagebutten versuchten früher die Jungs den Mädels hinten in den Pulli zu werfen, natürlich auch schön verdrückt. Da kommen ja wieder Erinnerungen hoch.
    Einen wunderschönen Tag wünsch ich dir. Habt ihr auch so toll schönes Wetter bei euch.
    Herzlichst
    Ida

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  10. Hallo Elke, wie wahr, wie wahr....
    Früher kannten wir Kinder nur wenig von dem, was in Beerenform vor unseren Nasen hing. Heute weiß ich viel über Beeren und das hat eigentlich auch einen Nachteil: Ich will von der Felsenbirne bis zur Vogelbeere alles verkochen und verarbeiten, so vieles, das ich noch ausprobieren will.

    ABER WANN? So viel Zeit hat doch kein Mensch! Deshalb will ich zufrieden sein mit Heidelbeer-, Brombeer-, Erdbeer- und Marillenmarmelade!

    Liebe Grüße,
    Christiane aus dem Gartl

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  11. Liebe Heike,
    Beeren sammele ich gern, werden aber zum Kranz binden und Vogelfutter verwandt:)
    Du schreibst in Deinem Blogprofil:
    Ich gärtnere in einem Reihenhausgarten in NRW, der irgendwie immer zu klein ist in letzter Zeit...
    Da wären doch Mini Hostas sehr angebracht. Sie wachsen ja auch in grossen Pflanzschalen. Da kann MINI Gärten pflanzen:)
    - Cheers Gisela.

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  12. Danke für die Buchvorstellung! Es gibt ja so viel Interessantes ...!
    Nun werde ich erst einmal Deinen Blog verlinken, damit ich ihn immer wieder finde!
    LG
    Sabine aus Zeuthen/Brandenburg

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  13. Liebe Elke,

    herrlich Deine Beiträge ... Juckpulver ja da schreibst Du was. Vielen lieben Dank auch für den Buchtipp.

    Herzliche Grüße
    von Anke

    Ps.: Ich habe übrigens ein Bild von Deinem Wiesenstorchschnabel auf meinem Blog, vielleicht magst Du ja mal vorbeischauen.

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  14. Hallo Elke,
    da sagst Du was, Schlehen und ihre Ausläufer! Wir haben 4! Schlehen in unserer Wildstrauchhecke, hätte ich das vorher gewusst...demnächst geht es ihnen aber an den Kragen, die müssen raus!

    Das Buch hört sich wirklich sehr interessant an. Ich habe sehr viele Wildrosen im Garten und somit auch massenhaft Hagebutten, die ich aber noch nie (außer bei Basteleien) verwertet habe. Hagebuttenmarmelade wäre doch mal einen Versuch wert.

    Liebe Grüße von Bärbel

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  15. Hallo Elke,
    das ist eine ganz tolle Buchvorstellung. Hagebuttenmarmelade hört sich ja lecker an. Bisher habe ich die Hagebutten nur zum Basteln genommen.
    LG Angelika

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