Montag, 24. September 2012

Die drei vom Bahndamm

Zwischen Bahndamm, Bach und Bolzplatz schläft ein Schatz im Untergrund. Um diese Jahreszeit ist überhaupt nicht zu erahnen, welche Pracht im Boden verborgen liegt und auf den nächsten Frühling wartet. Nur über einen schmalen Trampelpfad zu erreichen offenbart sich dann eine heimliche Blütenpracht unter Ahornbäumen, die nur von Spaziergängern mit Abenteuergeist oder von heroischen Hundebesitzern entdeckt wird. Man hat immer ein bisschen das Gefühl, vom rechten Weg abzukommen, so schmal und geheim ist der Zugang. Es ist ungelogen eine echte Gratwanderung, denn man muss sogar einmal über einen winzigen Bachlauf springen, was aufgrund der wenigen Zuschauer aber ruhig auch unelegant geschehen darf.


Ab Februar oder März, je nach Großwetterlage, zieht mich dieses Bermudadreieck der Blumen magisch an, denn dann beginnt der Frühling der verwilderten Zwiebeln: Drei Arten sind es, die sich hier die Klinke in die Hand geben, allesamt wohl nicht einheimisch.
Dramaturgisch perfekt inszeniert betreten sie hübsch nacheinander die wilde Waldbühne, als gäbe es ein geheimes Drehbuch. Allein, wer das wohl geschrieben haben könnte, bleibt unklar. Ob hier vielleicht früher ein Garten war?

Erst erscheint zartrosa der zierliche Elfenkrokus (Crocus tommasinianus), der selbst direkt neben den dicksten Baumstämmen und in verdichtetem Erdreich blüht, als wäre er mit kleinen Presslufthammern ausgestattet. Bäume können sie zwar nicht ausreißen, wachsen aber zur Not einfach um diese herum. Selbst die begehrte zweifarbige Variante kann man hier finden.

Ist er verblüht, schiebt sich zwischen den Krokusblättern mehrheitlich dunkelblauer Schneeglanz (Chionodoxa) aus dem Boden. Ein paar hell rosafarbene Exemplare tanzen immer mal aus der Reihe. Neben den blühenden Pflanzen findet man auch viele grashalm-dünne, winzige Sämlinge:



Zu guter Letzt trumpfen im Mai blaue, langhalsige Hasenglöckchen auf, die, was die Größe angeht, eindeutig die Angeber sind, aber dabei nicht minder sozialkompetent. Auch hier sind Abweichler in Rosa zu finden.

Diese drei Geophyten sind nicht nur verträglich mit Artgenossen und Ahornbäumen, sondern auch ansonsten sehr sozial eingestellt, indem sie sich mit den anderen kleinen Zwiebelblumen klaglos den Lebensraum teilen. In perfekter zeitlicher Abfolge genießen sie die Aufmerksamkeit der Hummeln und der Sonne.

Ansonsten hält es keine Staude so recht aus mit den Ahornbäumen - zu viel Schatten, zu viel Wurzelkonkurrenz. Außerdem möchte so ein Gehölz seine Brut gerne weiträumig verteilen, zwangsläufig immer auch unter einen anderen oder denselben Ahorn, so dass der Boden übersät ist mit Schößlingen. Diese rauben den Stauden das letzte bisschen Sonne und den letzten Nerv noch dazu. Den Zwiebelblumen aber ist das fehlende Licht im Sommer auch schon egal und der von den Bäumen leer gesoffene Boden kommt ihnen nicht ungelegen.

Jetzt im September jedenfalls findet man dort, wo sich im Frühling die bunten Geophyten tummelten, tatsächlich nur Baumsämlinge in diversen Größen.


Warum ich euch das alles jetzt erzähle, und nicht - wie es sich für einen anständigen Blog gehört - im Frühjahr, zur besten Blütezeit? Weil es höchste Eisenbahn ist, Frühlingsblumenzwiebeln zu pflanzen. Und wer so heldenhaft unter wilden Ahornbäumen aus dem Boden schießt, sich vermehrt und ohne Extra-Düngung, Schneckenzaun und Wühlmausschutz sein Dasein fristet, der muss es doch wert sein, im Garten unter die Erde zu kommen, oder? Warum nicht einfach alle drei pflanzen, schließlich scheinen sie sich blendend zu verstehen, sogar mit Bäumen. Und sicher auch mit Gärtnern.

Kommentare:

  1. Hallo Elke,
    sie verdienen es wirklich alle drei gepflanzt zu werden. Habe ich auch schon gemacht, das Hasenglöckchen erst letztes Jahr. :)
    Ich komme immer mal wieder an Stellen vorbei wo Gartenpflanzen wachsen, ich denke immer der ein oder andere entsorgt auch Kompost und Gartenerde wild, zur Freude von Spaziergängern und Blogschreiberinnen!!!
    LG Dagmar

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  2. Blumenzwiebel habe ich auch schon besorgt, pflanzen muss ich sie allerdings noch :) Aber leider macht mir das Wetter immer wieder einen Strich durch die Rechnung.

    lg kathrin

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  3. Liebe Elke,
    ich habe langsam alle zusammengetragen - aus fremden Gärten, von Oma und die neuen bestellten. Am Wochenende geht es los!
    Liebe Grüße, Dagmar

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  4. Liebe Elke
    Wie recht du hast - und ich hab nächste Woche Ferien und dann, jaaaaa, daaaaaannn werde ich bestimmt dazu kommen, Blumenzwiebeln einzubuddeln ... hm, nur wo hats denn noch Platz ... grübelgrübel - jedes Jahr dieselbe Frage und jeden Frühling nehme ich mir vor, die Stellen zu markieren. Aber irgendwo find ich schon noch ein Plätzchen.
    Eine schöne Woche wünsch ich dir.
    Herzlichst
    Ida

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  5. Hallo Elke
    Wie immer hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen. Bin nämlich wirklich gerade dabei, mir über einen bestimmten Platz und seiner Frühlingsgestaltung den Kopf zu zerbrechen. Bei mir sind aber alle drei Erwähnten nicht so vermehrungsfreudig. Woran das wohl liegen mag? Vielleicht mögen sie keinen so grässlich kalten und nassen Lehmboden wie es ihn bei uns gibt. Hmm, ich gebe aber nicht auf und werde bestimmt auch wieder einige von den Dreien in besagtem Platz unterbringen. Es ist ja ein neuer Platz und wer weiss, vielleicht behagt dieser besser.
    Hab einen gemütlichen Nachmittag.
    En liebe Gruess
    Alex

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  6. Liebe Elke,

    was für ein zauberhafter Bericht mit solch wundervollen Fotos, haaaaaaaaaaaaach, das erfreut das Gärtnerherz ;)

    Hab einen wundervollen Tag, danke fürs erinnern,
    lg Sandra

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  7. Ich liebe Frühblüher und habe mittlerweile eine ganze Menge im Garten. Zur Zeit warte ich noch auf mehr Feuchtigkeit von oben...wenn der Boden so ausgetrocknet ist wie im Moment ist das Pflanzen von Frühblühern eine ziemlich Schinderei...LG Lotta.

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  8. Liebe Elke,
    supersüß hast du das wieder formuliert: Die Drei vom Bahndamm! Solche aufgegebenen Gärten kenne ich auch, übrigens auch bevorzugt am Bahndamm. Früher wurden dort sicher die Randbereiche gärtnerisch genutzt. Die drei Zwiebelblümchen sind wirklich schön. Die Chionodoxa sind bei mir nach und nach verschwunden. Irgendwas gefiel ihnen da wohl nicht. Die spanischen Scilla oder Hasenglöckchen dagegen wuchern schön. Mit ihrem dicken Laub unterdrücken sie jede Beipflanzung gnadenlos. Die kommen sogar mit der Decke aus Efeu zurecht. Ich will noch Märzenbecher pflanzen.
    Schöne Grüße, Johanna

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  9. Liebe Elke,
    finde ich klasse deine Frühjahrsblumenkollektion am Ende des Sommers! Davon kann ich nie genug bekommen :-) In Griechenland hab ich vorige Woche solche Blüten gesehen, gehe aber davon aus, dass es sich um Herbstzeitlosen handelt. Sie sahen genauso aus, was mich kurz verwirrte...
    Nackte Erde (weil die Sommerhitze alles verglühte) übersät mit einem zartlila Teppich, wie ein kleines Wunder!
    Wieder ein schöner Post, danke!
    Liebe Grüße
    Elisabeth

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  10. Liebe Elke,
    würde mich sehr freuen über Odermennigsamen! Adresse: Thürgasse 4, 2362 Biedermannsdorf in Österreich.
    Laut Wikipedia unterscheiden sich Krokusse von Herbstzeitlosen durch die Anzahl der Staubgefäße. Letztere haben 6, erstere halb soviel. Nach dieser Definition waren es in Griechenland (Insel Zakynthos im Ionischen Meer) eindeutig die für die Jahreszeit ausgewiesenen :-) Ich werde sicher demnächst einmal Fotos posten, auf dem nackten rotbraunen Boden kamen ganze Blügenteppiche wunderschön zur Geltung.
    Wünsch dir ein schönes Wochenende
    Elisabeth

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