Donnerstag, 25. Oktober 2012

Wer schön sein will, muss leiden

Der Bogenhanf hat's nicht leicht. Während Sansevieria trifasciata lange Zeit als angestaubt galt, ist sie mittlerweile wieder als lebende Skulptur auf mancher Fensterbank zuhause. Die hat's gut, im Gegensatz zu ihrer Verwandten Sansevieria cylindrica, die zwar der Senkrechtstarter unter den Zimmerpflanzen ist und sagenhaft robust, aber nicht eben zimperlich behandelt wird.

Es verhält sich nämlich so, dass an ihrem anarchistisch in alle Richtungen wuchernden Habitus nicht wirklich ein kommerzielles Interesse besteht. Zu ungestüm gebärdet sie sich - wie eine Kobra auf Steroiden:



Das hätte die Wappenpflanze der wilden 60er werden können, wenn man sie zu der Zeit nur schon kultiviert hat. Mein zwanzig Jahre altes Zimmerpflanzenbuch jedenfalls erwähnt die Art mit keinem Wort.

Statt dieser natürlichen Wuchsform wird eine ganz neumodische Erscheinung präferiert: Allerhand abstrakte Kunst mit Sansevieria cylindrica - und zwar möglichst viele unschuldige Blätter dicht nebeneinander wie Spaghetti in einen Topf gequetscht.
Das sieht zwar wahnsinnig cool und trendy aus, aber die arme Pflanze kommt so nicht in der Natur vor.

Wie jedes Grünzeug ist auch sie ständig auf Expansionskurs, aber wo soll sie nur hinwachsen in so einem Topf? Überall ist schon besetzt, steht ein Nachbarblatt im Weg, das dieselben Probleme hat. Wie eine saftiggrüne Selbsthilfegruppe in der Sardinenbüchse mag sie sich vorkommen.

Was der geschäftstüchtige Gärtner da nämlich in ein einziges Pflanzgefäß gefercht hat, sind dicht an dicht etliche Blattstecklinge von Sansevieria cylindrica, meistens sogar mehr schlecht als recht bewurzelt in lockerem Substrat fragwürdiger Natur.

Von einer geheimen Überwachungskamera wurde uns dieses Bild zugespielt - die Pflanzen möchten lieber unerkannt bleiben:



Jeden einzelnen Blattsteckling kann man wieder eintopfen und irgendwann hat man eine neue Pflanze. Am besten kauft man sich einen solchen Massenpflanzenhaltungs-Topf gleich mit mehreren eingeschworenen Sansevierien-Fans gemeinsam und teilt schwesterlich. Man könnte doch gleich einen geselligen Umtopfabend veranstalten!

Leider gibt es sogar noch eine Steigerung dieser botanischen Elendsgestalten: Blattstecklinge mit brutalst zusammengeflochtenen Blättern, bei denen es einem direkt in den Fingern juckt, die geschundene Kreatur zu befreien! Wo war noch gleich die Telefonnummer von Amnesty International?
Wie jemand die so flechten kann ist mir sowieso ein Rätsel, da die Blätter so hart sind, dass man Nägel damit in die Wand schlagen könnte.

Was aus einem einzelnen Blattsteckling werden kann, sieht man hier. Dieser ist jetzt etwa eineinhalb Jahre in Einzelhaft:


Dafür, dass der Bogenhanf als gemächlicher Wachser gilt, legen die neuen Blätter ein geradezu rasantes Tempo vor.

Nun habe ich also auch so ein wunderbar anarchistisches Medusenhaupt mit wilder Frisur auf der Fensterbank stehen, das zunehmend um sich greift und ein ziemlich einnehmendes Wesen hat.

Aber sie's drum, schließlich sei auch Zimmerpflanzen ein Bad-Hair-Day von Herzen gegönnt.

Kommentare:

  1. Liebe Elke,

    was müssen das bloß für Gärtner sein, die so etwas machen. Den müsste man wirklich den Umgang mit Pflanzen verbieten. Schade, dass die Pflanzen sich nicht wehren können.

    Liebe Grüße
    Jutta

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  2. Hi liebe Elke.Ja liebe Elke alles darf nicht mehr wachsen wie es will.Der Mensch bestimmt alles.Letzens habe ich so eine Pflanze gesehen mit Perlen verziert.Sah ja nicht schlecht aus aber die Pflanze gefällt es nicht.
    Ber irgendwann werden sie zu groß und passen nicht mehr auf die Fensterbank.Habe auch so eine Pflanze.
    Schönen relexen Abend und liebe GRüße Jana.

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  3. kennst du auch den Namen Schwiegermutterzungen?
    ich mochte die Pflanzen nie , irgendwie langweilig und dann noch so dressiert, aber deine Pflanze mag dich , sie zeigt mehr Ausdruck
    Frauke

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  4. LIebe Elke,
    "Kobra auf Steroide"? Was hab ich gelacht! Aber ehrlich, diese armen Dinger tun mir immer so leid - und ich habe schon etliche Zöpfe im Gartencenter..., wenn auch nicht entzopft, so doch zumindest den oberen Ring gelöst, versteckt und gehofft, dass die armen Dinger so eine Chance auf Leben haben. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie man sich so geflochtenes Teil irgendwo hinstellen kann. Ist mindestens genauso schlimm wie geflochtene Ficus-Stämme...
    Liebe Grüße
    Dagmar

    PS: Ich kenne die Gattung auch als "Beamtenporree"

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  5. Hallo Elke,
    ich bewundere wieder Deine Kunst zu formulieren bzw. zu schreiben. Bogenhanf ist mir noch nie aufgefallen. Du beschreibt sehr schön die Vielfalt und Formen, in denen man dem Bogenhanf begegnet.

    Gruß Dieter

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  6. Arghhh!! Das war meine erste Zimmerpflanze und sie stand gefühlte Jahrzehnte in meinem Mädchenzimmer und zwar deswegen, weil sie jemand anders nicht mehr sehen konnte (meine Vermutung). Sie stand da ewig steif herum, immer gleich, immer langweilig und sie verweigerte alle Vertrocknungsversuche meinerseits. Ich konnte sie nicht leiden (mag sein, dass meine Mutter sich ihrer erbarmte, sie goss und das nicht an die große Glocke hängte), weil sich einfach nichts an ihr änderte, obwohl sie den Topf viele Jahre zu sprengen schien. Naja, irgendwann bin ich dann ausgezogen, die Sanseveria hab ich mit Genuss zurückgelassen. So böse kann frau sein ;-)
    Seitdem lebe ich "sanselos" und es geht!!!

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  7. Ja die geflochtenen Bogenhanf ist wirklich ein neuer Tiefpunkt im Sortiment von GC vergleichbar mit farbig eingesprühten Erikas...

    Ideal für Menschen für die Pflanzen Dekogegenstände sind, die sie nach ein paar Wochen fortwerfen können.

    Die freiwachsende Sansevieria cylindrica sieht hingegen richtig schön aus.

    Liebe Grüsse Rosana

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  8. Hey, genau so ein Teil wächst bei mir im Büro und ich habe mich immer gefragt was das ist?! Cool, jetzt weiss ich's.
    Der Text ist wieder einmalig geschrieben und Du hast mein Mittagspäuschen damit versüsst. Danke schön.
    En liebe Gruess
    Alex

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  9. Leider habe ich für Bogenhanf keinen Platz, aber er würde sich bestimmt toll in einer hellen Diele machen.

    lg kathrin

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  10. Hey, du Pflanzenflüsterin ;-) Zur Duftgeranie: Die Frau, sie sie mir im Mai verkaufte behauptete allen Ernstes, dass diese Pflanzen nicht gegossen werden dürfen. Ein bissl aber schon, meinte ich dann, aber sie blieb bei ihrer Meinung. Na ja, ich hab sie doch gegossen und sie ist ordentlich gewachsen den ganzen Sommer über. Hab mir trotzdem Gedanken gemacht, ob das mit dem Steckling in feuchtes Tuch in einem Umschlag am Postweg klappen würde! Wenn dem so ist, freut es mich doppelt!
    freu mich jedenfalls immer über deine Posts, sind einfach sehr informativ und unterhaltsam geschrieben.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende inden Norden
    Elisabeth

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  11. Liebe Elke,

    danke für den tollen Bericht, ich lese sooooooooo gern bei dir ;)
    Die fette Henne liebe ich übrigens auch ;)

    Lg Sandra

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  12. Gut zu wissen! Eine Teilungsparty ist übrigens eine super Idee, ich denke darüber nach, bei anderen Pflanzen.

    Sigrun

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  13. Liebe Elke, konntest du Amnesty International erreicht? Wer tut so was bloß. Aber das mit der Teilungsparty - super Idee, bin sofort dabei ;-). Es ist wirklich toll/interessant deine Posts zu lesen und du kennst dich so gut aus. GLG Petra

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  14. Liebe Elke,

    das ist ja wirklich ein sonderbarer Geselle, der sieht ja so richtig glücklich aus, nach seiner doch schon langen Einzelhaft??! Falls du eine Petition für die Befreiung der armen Wesen am oberen Bild in die Wege leitest, ich unterschreibe sofort!!!

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  15. ulkig, die "schwiegermutterzunge" kenn ich noch aus deutschen zeiten, aber diese variante ist mir hier noch nie untergekommen! allerdings - irische cottagefenster moegen es auch lieber etwas zurueckhaltender (bzw. die menschen, die manchmal noch etwas licht durch die kleinen fenster bekommen moechten:). daher waere sie vielleicht hier auch nicht soooo gluecklich? das flechten von blaettern finde ich ja auch sehr merkwuerdig - aber floristen ist nichts heilig:) das verdrehen von ficustengeln dagegen dient oft dem stabileren wuchs, sie wachsen irgendwann zusammen und bilden einen festeren stamm, von daher schadet es der pflanze ueberhaupt nicht (war ein kommentar, hast du nix zu geschrieben!).
    viele gruesse von der insel
    Bettina

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  16. Liebe Elke
    Hab beim Lesen jetzt grad nach meinem Bogenhabf geschielt :-) Nun verstecken muss er sich gottseidank nicht und er steht in einem recht grossen Topf und ... Ja also das eine und andere Blatt schweift auch schon ganz schön weg von der gemeinten Norm.
    Wieder ein toller Post von dir.
    Liebe Grüsse und geniedd das Ausschlafen am Freitag. Ist dann auch dein Frei- Tag?
    Ida

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