Samstag, 1. Dezember 2012

Horror vacui

Horror vacui - die Angst vor der Leere, soll bekanntermaßen vor allem Künstler befallen, die dann zusehen, jeden Zentimeter weiße Leinwand oder Papier mit Details zu füllen. Ich kenne diesen Gemütszustand auch nur zu gut, allerdings im Garten. Ich möchte damit natürlich nicht sagen, dass mein Revier da draußen irgendetwas mit Kunst zu tun hätte. Das läge mir fern und wäre auch glattweg gelogen.

Nein, mit dem Horror vacui bin ich stets auf Du und Du, wann immer mir ein Stück blanke Erde entgegenlacht. So was kann ich allenfalls im Winter ausstehen, zu allen anderen Zeiten muss ich so ein kahles Fleckchen zügig in Grund und Boden bepflanzen.

Alteingesessene Pflanzen tun also gut daran, vor diesem manischen Blick zurückzuschrecken, den ich sofort bekomme, wenn ich ein bisschen Raum zwischen ihnen entdecke. Allzu bald wird ihnen ein neuer Nachbar aufgezwängt. Und so tobt in meinem Garten immer die Evolution: Ring frei - möge die stärkere Pflanze sich durchsetzen.

So kann das dann aussehen:

Geranium phaeum Samobor und Nachbarn

Campanula latifolia


Akelei, Pentaglottis und Tulipa tarda

Aber diese kleinen Lücken wissen findige Pflanzen auch ganz von allein auszunutzen und säen jede Nische gleich gewissenhaft zu. Vergissmeinnicht zum Beispiel. Und so kommt es, dass ich in meinem Garten während der Vegetationsperiode nur selten den Erdboden überhaupt zu Gesicht kriege.

Ganz anders sieht das in Töpfen und Kübeln aus. Frisch mit Blumenerde gefüllt, ist mir ihr Anblick mit so viel Braun ein Graus. So wie dieses Jahr, als ich stolz zwei klitzekleine Steckzwiebelchen in einem hübschen glasierten Behältnis geerdet hatte. Eigentlich war dort genug Platz für die Entfaltung ihrer Zwiebelpersönlichkeit, aber wie immer lebte ich im Hier und Jetzt und dachte: In so einem kleinen Garten ist soviel nackte Erde doch pure Platzverschwendung.

Und schwupps - hatten die beiden Gesellschaft von ein paar wirklich winzigen Sedum-Kindeln Marke Fette Henne. Nun ja - ich hatte gedacht, die neuen Nachbarn würden sehr lange sehr klein bleiben und einen brauchbaren Bodendecker für das junge Gemüse abgeben. Aber weit gefehlt, es kam ganz anders.


Die Fette Henne machte sich nämlich unglaublich breit und ihrem Namen alle Ehre. In atemberaubender Geschwindigkeit waren die Ableger in die Höhe geschossen und hatten die beiden Speisezwiebeln untergebuttert. Diese wiederum - mit weniger Ellbogenkraft gesegnet - machten sich dünn und wuchsen krakenartig und gar nicht dumm in die einzige Richtung, die genug Licht versprach: nach unten. Da der Topf in vorderster Front auf dem Gartentisch stand, war das eine gute Strategie.



Die wilde Wohngemeinschaft war zwar ein willkommener Anlass zu großer Erheiterung bei jeder Grillparty, aber was wäre die Gärtnerin, wenn sie nicht über sich selbst lachen könnte? Ein bisschen waren sie wie Pat und Patachon, Dick und Doof, Tom und Jerry oder andere ungleiche Paare.


Und dann schließlich, als die Fette Henne schon zum großen Finale ansetzte, konnte ich doch noch zwei prächtige Zwiebeln aus dem Topf ziehen. Oder wären sie ohne den raumgreifenden Nachbarn vielleicht noch dicker geworden?



Seit dieser Geschichte sehe ich beide Mitbewohner mit anderen Augen: Die so behäbig wirkende Fette Henne ist mir jetzt als ehrfurchtgebietender Senkrechtstarter ein Begriff. Die Speisezwiebel ist trotz beengter Verhältnisse eine wahre Kämpfernatur, solange sie nur von irgendwo noch genug Sonne abbekommt, und sei es von schräg oben.

Man sollte viel öfter Mut zur Mischkultur der unkonventionelleren Art haben - vielleicht finden sich doch ganz neue Traumpaare, von denen niemand etwas geahnt hat und die richtig Platz sparen im kleinen Garten. Und wenn es doch nicht klappt mit der Paarbildung, hält man die Streithähne eben im nächsten Jahr lieber voneinander fern.

Kommentare:

  1. Oh, das ist wirklich eine gute Idee...muss ich unbedingt im Frühjahr mal ausprobieren...so ein Experiment...vielleicht sondert die Zwiebel ja auch ein Wachstumshormon aus...;-) LG LOTTA

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  2. Ein liebevoll gepflegter Garten gehört für mich durchaus zu den Kunstwerken! Deiner gehört bestimmt dazu.
    Schönes Wochenende und liebe Grüsse.
    bea

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  3. Liebe Elke,

    hach, ich mag deine Posts, da muss ich immer lächeln ;) Wundervoll, bei mir gibt es (noch) freie Ecken im Garten, aber ich arbeite am Gegenteil ;))

    Der Tipp mit den Frühlingszwiebeln ist klasse, herzlichen Dank.

    Glg Sandra

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  4. Hallo Elke.Ich mag so schön mit Pflanzen bewachsene Gärten. Am besten zuwachsen so das man keine Erde sieht.Aber nur bei manchen schönen Pflanzen.Du hast deinem Garten schon gut im Griff da bin ich mir sicher
    das es toll aussieht.
    Schönen, besinnlichen 1.Advent und liebe GRüße Jana.

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  5. Da kann ich nur meine Bewunderung aussprechen...zu deinem Experiment...und beiden Pflanzen, weil sie sich im harmonischen Topf-Zusammenleben so toll entwickelt haben!
    Genauso gefällt es mir..die Erde soll kaum zu sehen sein.
    Herzlichst Zaunwinde

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  6. Zwiebeln km Topf!, Auf die Idee wär ich noch nie gekommen ... und die Gesellschaft der fetten Henne dazu ... Das tönt schon fast nach Dick und Doof oder so. :-) Und ist ja toll, was aus den beiden geworden ist .
    Hab ein schönes Wochenende.
    Libste Grüsse
    Ida

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  7. Die Henne und die Zwiebel,
    die hatten einen Streit,
    we-er wohl am schnellsten wüchse,
    we-er wohl am schnellsten wüchse,
    zur schönen Maienze-ei-eit,
    zur schönen Maienzeit! (nach der Melodie: der kuckuck und der esel)

    ;D Lieben Gruß, Doris

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  8. ja wenn sie doch alle so klein sind - da denkt man doch, ach das passt da doch noch reich und das? Auch noch und bevor´s doch keinen Platz findet...

    und schon geht´s zu wie regenfrau singt :-)
    Ach, welche Gärtnerin kennt nicht diese Versuchung, nur um ihr immer wieder zu erliegen. Vorsätze hin oder her.
    viele liebe Grüße von Renate

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  9. Mag deine freiwilligen und unfreiwilligen Experimente! ;-)

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  10. Den Horror vacui kenn ich auch bestens, jedes Frühjahr falle ich immer wieder in den Irrglauben, dass ich ja noch so vielen freien Platz in den Beeten habe und stopfe neue Stauden in die Lücke...

    Jedenfalls hat es den Vorteil, dass so ein Beet kaum Unkraut bekommt.

    Liebe Grüsse Rosana

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  11. köstlich dein Wettstreit im Topf auch im Verborgenes kann etwas gedeihen
    Frauke

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  12. so geht uns das hier seit jahren: der staerkere setzt sich durch. problematisch wird das immer mal wieder, wenn zwei baeume ungefaehr gleich hart sind - und wir dann eingreifen muessen, weil sonst einer ernsthaft schaden anrichten koennte:( ansonsten lassen wir wie du wachsen, was halt so zusammenhockt:) komischerweise findet "unkraut" dazwischen aber doch immer noch platz - loewenzahn z.b. macht sich garnix drauf, in der mitte einer erdbeere irgendwie eine wurzel loszulassen...

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  13. Liebe Elke, Deine Geschichte kommt mir sehr bekannt vor. Mir ist es auch schon mal passiert, dass ich zu vieles in ein zu kleines Behältnis gepfercht habe und dies dann ganz dubiose Auswüchse nahm :)

    lg kathrin

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  14. Ach, eine Seelenverwandte :-) Allerdings dulde ich auch im Winter kaum nackte Erde und zu viele kahle Zweige. Daher haben es manche Sommergemeinschaften bei mir noch viel schwerer ...
    Vorweihnachtliche Grüße von Silke

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  15. Hallo Elke,
    horror vacui kenne ich in unserem Garten allzu sehr - allerdings mehr aus Zeitmangel, unseren Garten richtig zu pflegen. Da sprießt viel zu viel, was im Garten eigentlich nichts zu suchen hat. Hoffe, dass wir diesen horror vacui im neuen Jahr etwas mehr in den Griff bekommen.

    Gruß Dieter

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  16. Liebe Elke,
    deine Posts sind immer so schöm kurzweilig
    geschrieben :-) das kenne ich im Garten übrigens auch.
    Im Frühling sieht alles so frei und leer aus.
    Man denkt man hat Unmengen an Platz :-)
    Im Sommer merkt man dann, das dem nicht so war
    und wieder alles bunt durcheinander geht :-))
    Viele liebe Adventsgrüße Urte

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  17. Kreisch - Mut zur Mischkultur, und das bei Zwiebel und Sedum. Da haste ja was gemacht! Ich hab mich fast gebogen bei diesem Anblick. Meine Beete sind auch viel zu dicht, weißt du wie schön Schnittknoblauch zwischen Stauden aussieht, wenn er blüht?

    Sigrun

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  18. Grins, einfach wieder goldig geschrieben, liebe Elke! Mit meinem Horror vor nackter Erde habe ich leider schon manch Röschen untergebuttert. Erklär erst mal dem Storchenschnabel Rozanne oder den Frauenmäntelchen, dass sie ihren schönen Nachbarn nicht schikanieren sollen... ph, man könnte meinen die hätten Bienen in den Ohren.
    En liebe Gruess
    Alex

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  19. Hallo Elke,
    was für eine Kombi, Zwiebel und Fette Henne in einem kleinen ! Topf. Du nutzt wirklich jeden Zentimeter !!! Bei mir gibts übrigens auch kaum blanke Erde !!! :)
    LG Dagmar

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  20. Irgendwie fühle ich mich bei deinem Post an mich selbst und meinen Garten erinnert. Wunderbar geschrieben :-)) Liebe Grüße Annette

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  21. Liebe Elke,
    schau mal hier ... das ist der sog. A*ademiker-Verlag, der firmiert unter unterschiedl. Namen u.a. https://www.verlag-naturleben.de/ Die haben auch bei mir vor kurzem angefragt. ;-) Normalerweise gehts andersherum. Autoren kommen auf die Verlage zu ...

    http://doktorandenforum.de/board/viewtopic.php?f=1&t=504&start=30
    http://www.gamestar.de/community/gspinboard/showthread.php?t=417069
    http://qemu-buch.de/german/autorentips.php

    Die Bücher sollen überteuert in den Handel kommen, Lektorat bieten sie auch nicht. Unterm Strich bleibt dann nicht viel für den Schreiberling ;-) Es gibt aber auch seriöse BODs, wie die Autorin Ulrike auch weiß
    http://www.ulinne.de/hochzeitstag-2/#comments

    Das mit dem Pdf ist mal ein kleiner Gag - ich nehm's gewiß mal wieder raus, denn ich selbst drucke meinen Blog nicht aus.

    Liebe Adventsgrüße
    Sara

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