Mittwoch, 1. Mai 2013

Multikulti im Staudenbeet - die Auflösung

Was bisher geschah: Letzte Woche stellte ich folgende raublättrige Rätselpflanze vor:

Heute wird nun die Identität dieser borstigen Schattenstaude gelüftet. Den lateinischen Namen sollte man sich auch gut merken, denn mit dem kann man bei jeder Scrabble-Partie abräumen. Beim Glücksrad hätte man dagegen kein leichtes Spiel, es ist kaum ein Buchstabe doppelt und man muss reichlich Vokale kaufen. Hier ist also des Rätsels Lösung:

Die Pflanze mit dem wenig attraktiven deutschen Namen Rauling heißt auf Schlau etwas sperrig Trachystemon orientalis (Boraginaceae). Die Briten nennen sie Abraham-Isaac-Jacob (wohl wegen des Farbwechsels der Blüten) oder Orientalischen Borretsch, in der Türkei wird sie Hodan oder Galdırık gerufen. Da Trachystemon ein gutes Gemüse abgibt, wenn man ihm die rauen Blätter oder Stängel weichgekocht hat, wurde er aus kulinarischen Gründen vom Balkan nach Deutschland mitgebracht und ist mancherorts ein bisschen wild geworden, allerdings nicht so flächendeckend wie andere Neophyten - man denke nur an den seuchenartigen Sachalin-Knöterich. 

Weil der Rauling sich in unseren Gefilden richtig rar macht und so unglaublich selten zu finden ist, bekommt man auch nur spärlich Informationen über ihn. Die Pflanze scheint wirklich das am besten gehütete Geheimnis der Schwarzmeer-Küche zu sein. Man sollte daher nicht glauben, dass man ihn im türkischen Imbiss serviert bekommt. Diese Pflanze ist Privatsache.


Und so war ich schon am Ende des Internets angelangt auf meiner Mission, herauszufinden, wie man die Staude zubereitet. Wenn man kein Türkisch kann, muss man eben die Bilder deuten lernen. Und so stellte sich heraus, dass es eine Variante gibt, bei der man die praktischerweise so großen Blätter als Weinblattersatz verwendet und leckere Reisfüllungen damit einrollt. Ein anderes Rezept (auf Englisch) besagt, dass man die Stängel erst kocht, dann mit Zwiebeln und Eiern in die Pfanne haut. Als nette Zugabe soll die Pflanze auch noch haufenweise Anti-Oxidantien enthalten [1] .

Da ich ein großer Freund von der Idee des Gärtnerns mit winterhartem, ausdauerndem Gemüse bin, werde ich das ausprobieren, sobald meine Pflanzen erntefähig sind.

Wer jetzt so viel Exklusivität in Küche und Garten nicht abgeneigt ist, wird sich fragen, woher man denn das Raubein bekommen kann. Da es nur in ganz wenigen erlesenen Gärtnereien überhaupt gehandelt wird, empfiehlt sich ein Spaziergang an Schrebergärten mit internationalem Flair. Das ist ja immer spannend, aber so ist es wie eine Schatzsuche.

Und so bin ich ihm auch zum ersten Mal in einem türkischen Schrebergarten begegnet - bei uns um die Ecke, wo er allen strengen Wintern zum Trotz gut gedeiht. So gut, dass er schon durch den Zaun wucherte und gerne abgehauen wäre, wenn man ihm nicht den Weg mit einem Weg abgeschnitten hätte. Die Zaungäste blühten im April und trugen im Mai Samen, ein paar habe ich für Versuchszwecke entwendet. Da auch um die Kultur von Trachystemon ein Staatsgeheimnis gemacht wird, stellte sich die Frage, ob die Saat aufgehen würde, und zwar wann. War der Gute etwa ein Frost- oder gar so ein nerviger Schwerkeimer?

War er mitnichten - leicht keimten die Samen noch im selben Sommer und entwickelten sich zu prächtigen kleinen Pflanzen, die ich im Juli an Ort und Stelle neben den Komposter setzte.

 
Ein paar zweistellige Kahlfröste und ungeduldige Monate später glänzte der angeblich so robuste Rauling durch völlige Abwesenheit. Maßlos enttäuscht wollte ich schon den Boden nach ihm durchsieben, habe dann aber doch nur vorsichtig an der Oberfläche gekratzt. Er blieb verschollen - und das Sprichwort "wie vom Erdboden verschluckt" gewann bestechende Aktualität.

Also hatte ich gleich zwei neue Dinge über ihn erfahren: Er keimt leicht, ist aber als Jungpflanze empfindlich. Vielleicht ist es erfolgversprechender, die Samen bis zum nächsten zeitigen Frühjahr aufzubewahren, um kräftigere Setzlinge in den Winter schicken zu können. Möglicherweise war es auch einfach nur Pech und eine Schutzschicht aus Stroh hätte geholfen, denn der Winter 2011/2012 war nichts für schwache Nerven: Die Staude hatte Mitte Januar schon kräftig ausgetrieben, als ihr die Kälte den Garaus machte.

Die Pflanzen am Originalstandort jedenfalls lebten noch, schwebten aber anderweitig in akuter Lebensgefahr: Der Trampelpfad entlang des türkischen Gartens sollte zu einem richtigen Weg ausgebaut werden - die Pflanzen waren im selbigen und wurden weggeworfen. Und so konnte ich die zweite Vermehrungsstrategie testen: Teilung älterer Stauden. Die dicken Rhizome setzte ich wieder in das schattige Bermudadreieck aus Komposter, Kletterrose und Spiraea. Würden sie diesmal den Winter überleben?

Das mit Spannung erwartete Ergebnis zeigte sich vor ein paar Wochen: Kräftige raue Blätter in rauen Mengen, so soll das sein. Eine Blüte gab es zwar nicht, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein. Die fand stattdessen mitten in einem kleinen Wäldchen bei uns in der Nähe statt, sehr zur Freude der heimischen Hummeln. Wie der weitgereiste Trachystemon dahin gekommen ist, wird eines der Rätsel sein, die ich wohl nicht mehr lösen werde.


Zusammenfassend kann gesagt werden: Trachystemon ist eine essbare Staude für schattige Bereiche im Garten. Schnecken meiden ihn offenbar, Hummeln nicht. Die Zeit der borretschähnlichen Blüten liegt im April, danach entrollen sich die übergroßen Blätter. Ich würde dieser Staude durchaus Großes zutrauen, nämlich den Giersch in Schach zu halten. Ihr offensichtlichster Nachteil ist ihre Exklusivität. Im Baumarkt wird man sie unter Garantie nicht finden, daher Augen auf in der Nähe von Multikulti-Schrebergärten, es lohnt sich!


  1. [1] Antioxidant activity of wild edible plants in the Black Sea Region of Turkey, Tevfik Özen, Giresun University, Department of Chemistry, Faculty of Arts and Sciences, 28049 Giresun-Turkey

Kommentare:

  1. Liebe Elke,
    wow, du hast das Ende des Internets gefunden? :D
    Nein, im Ernst, ich wär nie drauf gekommen - aber ich werde auf jeden Fall die Augen offen halten, wenn ich durch Schrebergartenanlagen spaziere!
    Lieben Gruß, Doris

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  2. Vielen Dan für diesen wunderbaren Exkurs...ich bin gespannt, wie es mit deinen Pflänzchen weiter geht! LG Lotta.

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  3. Haben wollen ;-)
    Denn wenn er sich mit Giersch anlegt, dann schafft er es auch meinen Waldmeister in Schach zu halten. Beim Beinwell klappt das in den letzten Jahren auch erstaunlich gut.
    Und selbst verspeisen würde ich ihn erst wenn er groß & stark ist und reichlich qm im Garten bevölkert hat! Da muss ich wohl doch mal wieder zur Spezial-Staudengärtnerei und dort auf die Suche gehen. Blöd, ich wollte doch vernünftig bleiben - wer weiß, was ich da dann wieder entdecke, was ich alles gar nicht haben wollte ... ;-)
    LG Silke

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  4. Hallo Elke,
    wunderbar, was Du zu dieser schönen Pflanze recherchiert hast.
    Ich hatte sie bei einer befreundeten Gärtnerin im letzten Jahr gesehen und dieses Jahr hat sie mir einen Ableger geschenkt. Ich freue mich sehr über dieses schöne Gewächs und jetzt wo ich dank dir so viel darüber weiß noch viel mehr:-)
    LG Cordula

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  5. Liebe Elke, es ist doch immer wieder eine echte Bereicherung hier vorbeizuschauen. Was man nicht alles erfährt?! Dank Dir dafür!

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  6. Liebe Elke,
    darauf wäre ich nie gekommen. Toll hast du wieder recherchiert. Pflanzen, die meine Hummeln und danach mich ernähren, sind mir ja besonders sympathisch. Ich glaube, so einer muss auch in meinem Garten wachsen. Übrigens scheint dieses zeitweise Verschwinden bei der Borretsch-Familie üblich zu sein. Nachdem wir mehrere Jahre im ganzen Garten wild keimenden Borretsch hatten (der auch wachsen durfte!), hat er sich mit einem Winter komplett erledigt. Nicht ein Pflänzchen kommt mehr von allein!
    Liebe Grüße, Johanna

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  7. Danke Elke für diesen sehr interessanten Bericht mit all den Tipps und Erfahrungsberichten. Klingt echt spannend. Mich würde dann noch interessieren, wie das gute Kraut schmeckt und ob wie es außer als Ersatz für gefüllte Weinblätter noch verwendet werden kann. Du weckst übrigens richtig den Entdeckergeist und ich überlege schon, wo ich diese Pflanze bekommen könnte. Sie sieht sehr hübsch aus!
    Liebe Grüße
    Elisabeth

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  8. Hallo Elke.
    Ja was alles so in fremde Strebergärten wächst.Jedenfalls wie ich dich liebe Elke kenne, wird es wieder ein schönes Pflänzchen bei deiner Pflege.
    Viel Spaß damit.
    Schönen Abend und liebe GRÜße Jana.

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  9. Diese Pflanze ist mir wohl noch nicht untergekommen. Hätte auch zuerst an Borretsch gedacht und der ist ja recht einfach zu säen und zu halten.
    Mit dem Verzehr von Wildpflanzen bin ich inzwischen vorsichtig geworden. So manche dienen ja mehr Heilzwecken, auch wenn sie heute kulinarisch ausgeschlachtet werden. Ob das dann noch gesund ist bzw. die Pflanze im Falle des Falles noch ausreichende Heilkräfte entwickeln kann ??? Zumindest bei ausgesprochenen Heilpflanzen verwende ich diese nur für den jeweiligen Zweck oder bestenfalls einmal für eine Neunkräutersuppe im zeitigen Frühjahr.
    Bei uns fällt wegen Verunreinigung die Kräuterernte in diesem Jahr zumindest im eigenen Garten leider aus.

    Lese Deinen Post erst jetzt, da ich einmal ein Augenproblem bekommen habe und dazu noch so allerlei anderes um die Ohren, wie meine kranke Mutter, die zwar nach einem KH-Aufenthalt mit Eingriffen wieder daheim ist, aber es ist jeden Tag was anderes ...

    Viele liebe Grüße
    Sara

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  10. Liebe Elke, vielen Dank für die interessante Pflanzenvorstellung. Ich kannte dieses Gewächs bislang nicht, aber vielleicht sollte ich es mal ausprobieren.

    lg kathrin

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  11. Hallo Elke,
    also dumm verlässt man Deinen Blog nicht...was Du so alles herausfindest, einfach toll! Diese Pflanze scheint ja wirklich der totale Geheimtipp zu sein. Genau wie Elisabeth würde ich auch zu gerne wissen wonach sie schmeckt. Da ich in der Nachbarschaft leider keine Multikulti-Schrebergärten habe, hoffe ich darauf, dass Du irgendwann in die Großproduktion dieser Pflanze gehst und dann reichlich Samen für den Tausch abfallen...;-)

    Liebe Grüße, Bärbel

    PS: Wachsen die Tomaten?

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  12. Ach, wie cool ! Ich suche ihn schon lange und bin jetzt bei Stauden Stade (www.stauden-stade.de) fündig geworden - ich beziehe seit Jahren meine Stauden bei ihm. Durch einen herrlichen Bericht bin ich vor 2 Jahren auf ihn aufmerksam geworden - sehr schön, dass du ihn vorstellst !!!
    Hab vielen Dank dafür... GLG, Christine

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    1. Mhm, das war in einer Zeitschrift... ich hatte mir sogar den Bericht rausgerissen, aber leider finde ich ihn nicht mehr. Ich glaube, das war in der MsG oder in der Wohnen & Garten - auf jeden Fall ein etwas höherpreisiges Segment... Ja, ich denke mal, dass er ähnlich wie Borretsch und Beinwell einsetzbar ist, oder ? Kann man denn die Blätter auch essen ??? Also, da bin ich ja echt mal gespannt, was du weiter zu berichten hast *gg*.

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  13. Echt Spannend und wäre genau das richtige Pflänzchen für meinen eher schattigen Garten. Werde die Augen aufsperren. Werde am Samstag einen Pro Spezie Rara Markt besuchen und alle Stände nach dem blauen Fremden genau inspizieren.
    Hab einen gemütlichen Abend.
    En liebe Gruess
    Alex

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  14. Liebe Elke,
    toll! Eine wirklich interessante Pflanze.
    Wieder was gelernt :-) Nicht schlecht
    so ein wenig Multikulti in der Umgebung zu
    haben. Da sieht es hier eher mau aus.
    alles alt Eingesessene. Bloß nichts Neues
    ausprobieren. Dorf halt ;-))
    Ganz viele liebe Grüße
    sendet dir Urte

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  15. Diese Pflanze wächste bei uns am Zaun entlang und im Frühjahr habe ich jede Menge davon verkocht. "Galderik" - wie er in der Türkei heißt schmeckt super und ich bereite ihn folgendermaßen zu. Die Stängel von den Blättern trennen und gut waschen. Dann in kurz in kochendes Wasser geben. In der Zwischenzeit in einer Pfanne Zwiebel in Olivenöl anschwitzen und die gekochten Stiele dazugeben. Mit Salz und Pfeffer würzen. Wer es schärfer mag kann auch Chilli und Knoblauch dazugeben, Gartenkräuter usw. Man kann auch Karotten kleinschneiden und mitdünsten. Die Blüten sind ebenfalls essbar und eine tolle Dekoration bei Salaten.

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