Samstag, 12. September 2015

Selbstversorgung - wie es wirklich ist

Hobbies werden oft mit dem vermeintlichen Synonym "Zeitvertreib" umschrieben, vielleicht weil es im Deutschen nichts besseres gibt. Dieses Wort klingt allerdings so, als wären Lieblingsbeschäftigungen nur dazu da, dass die Zeit schneller rum geht. Als wäre Lebenszeit etwas ungeheuer Lästiges, das man möglichst schnell hinter sich bringen müsse. Das Gärtnern als Zeitvertreib zu bezeichnen geht sowieso an der guten Sache vorbei, denn beim Gärtnern schaffen wir ja wohl etwas Bleibendes, das uns selbst in weniger ruhigen Minuten beim hastigen Blick aus dem Fenster belohnt - das da draußen habe ich selbst geschaffen (oder zumindest der grünen Hölle dort zu ihrer Initialzündung verholfen)!

Gemüse- und Obstgärtnern ist sowieso mehr als ein Zeitvertreib, denn hier fällt ja etwas äußerst Nützliches ab, das wir sonst kaufen müssten, noch dazu bei weniger gutem Geschmack.

Die Königsdisziplin der Landnutzung aber ist das Selbstversorgen, das beim Blick auf die letzten Lebensmittelskandale immer mehr Anhänger findet. Das ist dann beileibe kein reines Hobby mehr, denn hier geht's um die Wurst. Oder die Selleriestange, je nachdem.

Selbstversorgung hat, das muss ich zugeben, auch für mich Stadtbewohner etwas ungemein Reizvolles. Aber wie funktioniert das wirklich? Wie anstrengend und nervenzerfetzend ist das? Wieviel Land brauche ich dazu, wie teile ich es geschickt auf, welche Tiere halte ich und - auch nicht unwichtig - wie halte ich sie zusammen und bei Laune?

Diesen Fragen sind die langjährigen Selbstversorger Miriam und Peter Wohlleben nachgegangen in ihrem Buch "Meine kleine Farm - Anleitung für Selbstversorger", erschienen 2015 im Ulmer-Verlag. Der Name Wohlleben klingt ja schon mal vielversprechend. Peter Wohlleben ist auch kein Unbekannter. Er ist von Beruf Förster und plädiert in anderen Büchern für eine ökologische Waldwirtschaft.



In diesem Buch für angehende Selbstversorger geht es dann ans Eingemachte: Es wird die Fruchtfolge erklärt, das Imkern und die Tierhaltung, auch für die Fleischgewinnung. Dies macht das Buch für Vegetarier weniger geeignet und man bekommt auch Tiere von innen zu sehen, aber man merkt den Autoren an, dass sie nicht leichtfertig Tiere schlachten und ihnen vorher ein gutes Leben bereiten. Daher sind auch der Stallbau und die geeignete Weideumzäunung und -größe ein Thema. Selbst wenn man die Tiere nur zum Anschauen oder für die Milchgewinnung halten möchte wird man viele Tipps bekommen.


Sogar die Insekten und Blumen auf der Weide werden gefördert. Überhaupt werden erfreulicherweise auch Kleinigkeiten erwähnt: Ja, das Mutterkorn muss man vor dem Getreidemahlen tatsächlich von Hand herausklauben. Zum Anstreichen der Ställe sollte man aufpassen, dass die abblätternde Farbe später nicht den Boden verseucht. Hier wird ganzheitlich gedacht!

Die Fotos sind meist von den Wohllebens selbst in ihrem Farm-Alltag aufgenommen und sie beschönigen nichts. Die Bilder zeigen, wie es wirklich ist. Alle Ratschläge werden nicht ohne Humor gegeben und zeugen von viel Praxiserfahrung. Auch Fehler werden zugegeben.

Ein tolles Buch, das man jetzt gut den Herbst und Winter über in Ruhe studieren kann, um zu ergründen, ob die Selbstversorgung einem liegen könnte. Mich haben die beiden Autoren überzeugt, auch wenn ich nach der Lektüre doch der Meinung bin, dass ich es niemals schaffen kann. Ich würde mich wahrscheinlich hoffnungslos selbst im Elektrozaun einwickeln oder vom Ziegenbock vermöbelt werden, weil ich es natürlich nicht fertig bringen würde, ihn beizeiten zu schlachten. Aber schließlich ist Selbstversorgung ja auch kein Kindergeburtstag und in jedem Fall mehr als nur ein Zeitvertreib.

* Die unteren 3 Collagen sind nicht aus dem Buch - Rindviecher halten die Autoren auch gar nicht.

Kommentare:

  1. Ein Post, der mir sozusagen aus dem Herzen spricht!!
    Das Wort Selbstversorgung beinhaltet ja nicht den Grad derselben und ich habe es, nach einem Plan A (wie autark) mit dem Plan B so gehalten: soviel wie möglich und ist das nicht mehr drin, eben weniger.
    Ich möchte mir das Buch kaufen. Tipps bekommt man nie genug. Die Schafhaltung habe ich mir aber aus dem Kopf geschlagen. Trotzdem wird man in der Selbstversorgung immer wieder die Komfortzone verlassen müssen,spätestens dann, wenn 120kg Pflaumen auf die Verarbeitung warten ;-)

    Gruß aus Schweden
    Beate

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  2. Das ist wirklich eine tolle Sache! Ich würde allerdings vermutlich kläglich damit scheitern! Ich hatte bisher mit dem Gemüseanbau keinen wirklichen Erfolg! Ich bin daher froh, dass unsere Gemüsebauern mehr Ahnung davon haben!!!
    Viele Grüße von
    Margit

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  3. Moin und seine Bücher sind wirklich lesenswert, denn er hat ein enormes Hintergrundwissen.
    Sehr verständlich ist sein Buch über die Bäume. Bin gespannt darauf und ein schöner Geschenktipp
    Grüße von Frauke

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  4. Guten Morgen, danke für den Buchtipp....wir sicher meine Herbst-Winter-Lektüre erweitern!
    Liebe Grüße, Petra

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  5. Sehr interessant, ich hab auch zwei Selbstversorgerbücher und kenne es ja aus meinem Elternhaus, wo geschlachtet wurde. Die eigenen Tiere dienten der Ernährung, Obst wurde eingekocht und Gemüse gezogen. Heute ist das nicht mehr zu schaffen, zumindest auf diesem Waldrandgelände.

    Sigrun

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  6. Liebe Elke,
    vielen Dank für den Tipp. Das werde ich mir gleich notieren. Ich bin auch eine Gärtnerin, die zwar einen kleinen Gemüsegarten hat, aber ihn doch gern bewirtschaftet. Kartoffeln, MÖhren, Zwiebeln, Rote Bete.
    Ich hab Anfang der Achtziger mit das Gärtnerbuch von John Seymour zugelegt. Das ist ähnlich aufgemacht, denke ich mal, das nehme ich auch immer wieder zur Hand. Und es wurde neu aufgelegt.
    Freu mich über deinen Tipp.
    LG Heidi

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  7. Liebe Elke
    Das hört sich wirklich sehr spannend an. Danke für den tollen Buchtipp.
    Einen guten Wochenstart wünscht Dir Yvonne

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  8. Liebe Elke,
    war lange nicht mehr auf deinem Blog und habe mich mit höchstem Vergnügen einmal hoch und runter durchgelesen. Jeder Post ist ein Beitrag zu meiner guten Laune.Wie schon Heidi ein paar Kommentare vor mir schrieb, bin auch ich seit Jahrzehnten von den Büchern John Seymours begeistert,dessen erstes Buch eben auch "Das Leben auf dem Lande" mit genauen Anweisungen zu allen Tätigkeiten behandelt. Dieses Buch hat nicht nur mein Gärtnerleben bestimmt, sondern auch zu diversen langjährigen Nutztierhaltungen bei uns beigetragen. Das von dir vorgestellte Buch wird sicher auch seinen Leser interessante Einblicke schenken und hoffentlich auch Menschen ermutigen, sich diesem schönen Thema - ganz klein beginnend - zu widmen.
    Liebe Grüße, Johanna

    kommentare früher, h

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  9. Hallo Elke,

    ganz so verwegen wie Du es darstellst ist das Gärtnern als Zeitvertreib doch nicht, oder :-)? Die Zeit "vertreibt" sich ja (leider) per Defintion von allein, ob man will oder nicht. Daher ist es doch viel mehr die Frage, wie man sie möglichst erfüllend verbringt. Der eine beim Fußball, der andere eben im Garten...

    Selbstversorgung an sich halte ich allerdings für 99,99% der Leute für a) völlig unrealistisch und b) auch gar nicht erstrebenswert. Von daher wäre das auch nix für mich. Mal was selbst anbauen ist wunderbar, aber gleich völlig autark leben? Neeee.

    Schöne Grüße,
    Markus

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  10. Die Träume vom Selbstversorgerdasein hatten wir einst auch. Doch schon meine Mutter wollte mich auf den Boden der Tatsachen bringen, wovon ich damals nichts wissen wollte. ;-) Es ist nur für bestimmte Menschen etwas. Mein Ding wäre das komplette Selbstversorgerdasein so gar nicht. Aber eine romantische Vorstellung ist es, gell! Wir lasen seinerzeit die Werke von John Seymour oder den Nearings, worüber ich auf meinen Blogs schon schrieb. Es wiederholt sich alles irgendwie ...

    Liebe Grüße auch hier
    Sara

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