Freitag, 26. Februar 2016

Innendienst

Regentage wurden erfunden, damit der Gärtner die Hausarbeit schafft. So habe ich es mal in einer englischen Gartenzeitschrift gelesen. Und die Engländer wissen, wovon sie reden. Tatsächlich vernachlässige ich bei schönem Wetter den Haushalt sträflich. Selbst Unkrautjäten oder Knochenjobs wie Kompostverteilen gewinnen im Gegensatz zu Putzen sehr an Attraktivität, wenn die Sonne scheint. Die letzten Wochenenden gab es allerdings bis auf wenige rühmliche Ausnahmen dermaßen schlechtes Wetter, dass die Innenräume jede nur erdenkliche Zuwendung bekommen haben.

Zumindest, bis mich eine gewisse Putzmüdigkeit ergriff, die ich mit heißen Getränken auf dem Sofa auskurierte. Die Hauskatze ist schließlich auch den ganzen Tag faul und keiner macht ihr einen Vorwurf.



Bei Dauerregen ist das Verweilen auf der Couch allerdings um diese Jahreszeit sehr zwiespältig: Der Anblick des durch die vielen Regentage vernachlässigten Gartens lässt keine rechte Gemütlichkeit aufkommen. Der Staudenschnitt müsste dringend mal beendet werden, damit die Krokusblüten zur Geltung kommen. Das Wald-Geißblatt am Rosenbogen hat eine schlimme Frisur und gehört beizeiten geschnitten.


Die Staudenstützen stehen einsam im Garten, weil sie nichts mehr zu halten haben und eigentlich weggeräumt werden sollten. Die Nacktschnecken tanzen mir auf der Nase herum, wenn sie im ständigen milden Regen nonstop weiterfressen. Die Schneeglöckchen haben schon keine Blütenblätter mehr und ich bin kurz davor, eine Runde Schneckenkorn zu schmeißen, obwohl ich das eigentlich nicht mehr machen möchte.


Es gäbe also genug zu tun da draußen, aber es schüttete am Wochenende in einer Tour, gern auch in Kombination mit Sturm. Von drinnen schaute ich mir an, wie der Regen die Buchenholzterrasse mürbe macht und mich gleich mit. Beim gelegentlichen Gang zum Komposter, um die Küchenabfälle loszuwerden, will mich die Terrasse auch gleich am Boden sehen, so rutschig sind die Planken geworden.

Vor ein paar Wochen gab es immerhin einen kleinen Lichtblick: Ein frostiger Start in einen Samstag, der sich mit Sonnenschein bis Nachmittags anbiederte. Da diese Tage rar gesät sind, kann man sich dann wieder nicht entscheiden, ob man Blüten fotografiert oder den Garten aufräumt. Ach, erst einmal Fotos machen. Stauden schneiden kann ich auch noch in einer Regenpause, denn die wurden erfunden, damit der Gärtner in diesem Sintflutwinter die Gartenarbeit schafft...




Aber morgen soll es sonnig werden! Ich bin dann im Garten, der Haushalt kann warten!

Samstag, 20. Februar 2016

Unkraut mit Talent

Sie kommen ungefragt, aber manchmal gerade recht: Unkräuter mit einem Hang zur Gartengestaltung, die zielsicher eine Lücke im Beet finden, in die sie sich quetschen können, und dann auch noch aussehen, als wäre das geplant gewesen. Sowas ist toll und wird vor Publikum gerne als grüner Daumen und als natürlich gewollt von unserer Seite verkauft - wer könnte als Außenstehender schon zweifelsfrei Zufall von Planung unterscheiden?

Und falls die von vielen Menschen Unkraut genannten Blümchen von Hause aus nicht gut genug aussehen und keinen Schönheitswettbewerb gewinnen könnten, hat hoffentlich ein findiger Gärtner adrette Sorten entdeckt, die über jeden Zweifel erhaben sind.

Hier meine absoluten Lieblingsunkräuter, die einem nicht den letzten Nerv rauben und die ein oder andere Schokoladenseite zeigen:

  • Auf Platz eins das Scharbockskraut (Ranunculus ficaria), das zu dieser Jahreszeit im Austrieb begriffen ist und mit seinen glänzenden Blättern die Herrschaft im Beet anstrebt. Man wird es nie wieder los und kann bis zur Selbstaufgabe an ihm herumjäten. Dabei blüht es so schön gelb und verschwindet im Mai sowieso wieder unter der Erde, ab dann lässt es anderen den Vortritt. Schmetterlinge und die ersten Wildbienen der noch jungen Gartensaison lieben die Blüten. Über jeden Zweifel erhaben ist die Sorte 'Brazen Hussy', die mit ihren dunklen Blättern statt Mordgelüsten eher Heißhunger auf Schokolade weckt. Die Blüten sind immer noch gelb, was spektakulär zum Laub aussieht.

  • Auch sehr schön ist der Feinstrahl (Erigeron annuus). Einst als Zierpflanze aus Nordamerika eingeführt wurde er bald zum Unkraut degradiert, da er sich in alle Beete schummelte. Die einjährige Art macht sich im Garten aber dünn und kann mit ihren monatelang erscheinenden weißen oder rosafarbenen Blüten mit gelbem Zentrum federleichte Akzente setzen. Im Herbst färben sich auch noch die Blätter bunt. Insekten lieben die Pflanze sehr, vor allem kleine Wildbienen. Kümmern muss man sich um den Feinstrahl nicht, er sät sich auf offenem Boden selbst aus und eignet sich zum Blackbox-Gardening.
  • Der Kriechende Günsel (Ajuga reptans) hat ein ähnliches Schicksal wie das Scharbockskraut: Eigentlich ein ausläufertreibendes Unwesen auch in schattigeren Bereichen, wird er mit gefärbtem Laub zur begehrten Handelsware. Die Sorte 'Atropurpurea' mit violettem Laub ist die häufigste, 'Black Scallop' ist fast schwarz, 'Burgundy Glow' geht ins Pinkfarbene. 'Pink Lightning' hat rosa Blüten und weißbunte Blätter. Der Günsel sollte öfter als Bodendecker für den halbschattigen Gehölzrand gepflanzt werden, sehr zur Freude von Hummeln und Schmetterlingen.

  • Eine weitere Pflanze, die sich spontan an der Gartengestaltung beteiligt, ist das Schöllkraut (Chelidonium majus). Es blüht ewig in gelb und gibt einen orangen Milchsaft ab, wenn es geknickt ist. Flecken auf der Haut bleiben lange erhalten und erinnern uns an die Begegnung. Dafür ist es aber auch leicht gejätet und treibt an dem Platz auch nicht mehr aus. Ich lasse immer ein bisschen Schöllkraut-Wildwuchs für die Hummeln stehen. Die Sorte 'Pleniflorus' hat gefüllte Blüten, die die Insekten aber nicht komplett verprellen.

Was sind eure Lieblingsunkräuter?

Samstag, 13. Februar 2016

Gärtnern vor Publikum

Das Null-Euro-Beet ist ganz idyllisch gelegen zwischen einer Reihe Garagen und einem China-Restaurant, das seit ein paar Monaten geöffnet hat und damit auch mein kleiner wilder Hinterhofgarten. Man darf sich seitdem nie unbeobachtet wähnen. Die Restaurantbesucher haben Logenplätze und können gleichzeitig Peking-Ente süß-sauer vertilgen und mir gemütlich im Warmen sitzend bei meiner Beet-Slapstick zuschauen.



Richtig sicher fühlt man sich nur vormittags, wenn der Hunger auf Nasi-Goreng bei normalen Menschen doch eher gering ausfällt. Die Mittagspause aber für's Unkrautzupfen nutzen? Kann man vergessen, da wird gespeist, was das Zeug hält. Nur der Ruhetag am Montag ist garantiert zuschauerfrei.

Da ich eher am Wochenende Zeit habe für Scherenakrobatik, muss ich damit leben, dass sich die Leute über mich amüsieren. Drinnen sitzen also gut gekleidete Menschen, draußen hockt eine Verrückte in ihren ältesten Klamotten zwischen verblühten Nachtkerzen und auf Krawall gebürsteten Brombeeren.

Für meinen mehr oder weniger gekonnten Ausfallschritt ins Beet, um an noch mehr alte Stängel vom letzten Jahr heranzukommen, ohne die Krokusse zu zertreten, ernte ich jedenfalls keinen Applaus, obwohl ich ihn ja wohl verdient hätte. Die Nachtkerzen schlagen beim Abschneiden mit Wucht zurück und mir mit Schmackes ins Gesicht. Ich bilde mir ein, ich würde Gelächter auf den Zuschauerrängen hören, wie in Sitcoms üblich.


Mein grimmiges Gesicht beim unbeabsichtigten Kuscheln mit einer Brennnessel oder beim Entwirren von amoklaufenden Brombeerranken kriegt hoffentlich angesichts einer Getränkebestellung keiner mit. Mittlerweile habe ich auch Durst.

Schließlich ist es soweit, die Altlasten liegen verstreut auf dem Rasen herum und die Biotonne kann wie eine Weihnachtsgans gestopft werden. Auch das geht leider wieder nicht elegant über die Bühne, so sehr ich mich auch bemühe. Ich setze mein ganzes Fliegengewicht ein, um die Zweige in die Untiefen der Tonne zu quetschen, damit ich den nicht unerheblichen Rest auch noch hinein bekomme. Am Ende blute ich auch noch aus mehreren Stichwunden an den Fingern in die Biotonne (die Brombeeren schon wieder), weil ich ja eigentlich nur mal kurz nach dem Rechten sehen wollte und keine Handschuhe mitgenommen habe. Irgendwann ist doch alles verstaut. Ich sehe davon ab, mich zu verbeugen.

Dann kommt die komische Gartenfrau auch noch mit der Kamera wieder und fotografiert das Unkraut...

Vielleicht sollte ich doch Eintritt nehmen oder am Ende der Vorstellung mit einer Trinkgeldbüchse rumgehen, immerhin bekommen die Restaurantbesucher sicher nicht oft so eine schaurige Show geboten...


* Die Bilder zeigen: Es blüht im Null-Euro-Beet! Die geretteten Elfenkrokusse aus der Mülltonnenaktion letztes Jahr sind glücklich, auch ein paar Schneeglöckchen aus meinem Vorgarten blühen dort. Die Rosette dieser Pflanze lässt mich grübeln, was das wohl werden soll, wenn's fertig ist - Ochsenzunge vielleicht? Was meint ihr?


Mittwoch, 10. Februar 2016

Das kleine schwarze

Es gibt Bücher, die können hohe Folgekosten nach sich ziehen. Entweder man möchte nach dem Lesen seinen ganzen Garten umkrempeln, oder aber unbedingt einen fremden mit eigenen Augen sehen. Den schon im Garten ansässigen Pflanzen gefällt die zweite Möglichkeit weitaus besser, wird ihnen doch so auf keinen Fall der Platz streitig gemacht und sie können unbesorgt weiter vor sich hin wurzeln.

Ein Buch, das auf jeden Fall zu einer Garten-Reise verführt, ist das kleine schwarze, das kürzlich im Ulmer-Verlag erschienen ist:
"Einmal gärtnern wie in Sissinghurst - Ein Blick hinter die Kulissen der berühmten englischen Gartenlegende" von Astrid Ludwig.


2016. 142 S., 100 Farbfotos, geb. ISBN 978-3-8001-0365-2. € 19,90

Nun geht Frau Ludwig aber nicht einfach nur in diesen Garten, indem sie Eintritt zahlt, sondern sie arbeitet für ein paar Wochen dort, als freiwillige Helferin. Die erste Frage: Was zieht man an beim Gärtnern vor Publikum? Dann darf sie Rosen und Taglilien die verblühten Köpfe abschneiden, immer unter den wachsamen Augen der Chefgärtner, damit die deutsche Hobbygärtnerin nicht ein englisches Kulturgut verschandelt, wie sie scherzt.

Es kommt zu netten Begegnungen mit anderen Helfern, mit den Besuchern und den Vermietern des Landhauses, in dem sie während der Zeit wohnt - alles very british.

Es geht aber nicht nur ums Gärtnern im Hier und Jetzt, sondern die Geschichte des Gartens wird ebenso aufbereitet, alles geschmückt durch Fotos. Am Ende ist Frau Ludwig wieder zu Hause und überlegt sofort, wie sie ihren eigenen Garten etwas sissinghurstiger machen könnte.

Mir hat das Buch viel Spaß gemacht, vor allem, weil die Autorin über sich selbst lachen kann und eben mit eigenen Händen zupackt, auch wenn die Rosen pieksen.

Die Idee mit den freiwilligen Helfern hat mir gut gefallen - wer möchte denn mal meinen Reihenhaus in das kleinste Möchtegern-Sissinghurst der Welt verwandeln, während ich mir das echte endlich mal anschauen gehe?

Samstag, 6. Februar 2016

Die Wahrheit ist irgendwo da draußen

Grün beruhigt? So einfach ist das nun auch wieder nicht. Das stimmt zwar in den meisten Fällen, aber es gibt doch Ausnahmen. Zum Beispiel, wenn ich irgendwo am Wegesrand eine unbekannte Pflanze entdecke. Das lässt mir dann keine Ruhe mehr, bis ich am Ende unter Aufbietung sämtlicher kriminologischer Techniken die Identität des Blümchens zweifelsfrei gelüftet hab, zur Not im Kreuzverhör, wobei sich die meisten Pflanzen da taub stellen.

Manchmal stehe ich nämlich vor der heimischen Flora wie ein Idiot. Es sind einfach zu viele Arten, man kann sie nicht alle kennen. Und so bin ich immer ganz froh, wenn ich jedes Jahr wenigstens eine Handvoll neue Pflanzen lerne. Meist sind es die eher auffälligen, aber sei's drum, gelernt ist gelernt.

Letztes Jahr waren es immerhin drei Arten: Der Dürrwurz-Alant (Inula conyzae), eine unscheinbar gelb blühende, recht hohe Staude, das Scharfe Berufkraut (Erigeron acre), das hübsch blau blüht, aber sich äußerst rar macht, weil es magere Standorte bevorzugt. Auch die Gewöhnliche Goldrute (Solidago virgaurea), die unbekannte heimische Verwandtschaft der invasiven Kanadischen Goldrute, war dabei. Das sind nicht alles Prachtstauden, aber ich habe mich trotzdem gefreut sie kennengelernt zu haben.



Noch schlimmer ist der Wiedererkennungswert im Winter. Bei wildlebenden Stauden, die  man vielleicht zur Blütezeit mit Ach und Krach noch mit Vornamen anreden kann, ist man in der kalten Jahreszeit schon froh, wenn man weiß, dass es eine Staude ist. Im Garten läuft das besser, da kennt man seine Pappenheimer schließlich jahrein, jahraus.

Und so war ich bass erstaunt, bei uns im Teutoburger Wald an einer trockenen und im Sommer warmen Stelle auf merkwürdige, vogelschnabelähnliche Samenkapseln zu stoßen. Die meisten Schnäbel waren schon leer, einige wenige hatten patschnasse Flugsamen in den Hüllen, bereit zum Abflug. Gut, dass mich keiner gefragt hat, was das nun wieder für ein Kraut wäre, ich hätte es sowieso nicht gewusst.


Irgendwie erinnerte mich dieser Flugapparat an die Gewöhnliche Seidenpflanze (Asclepias syriaca), aber die kommt ja nun mal aus Nordamerika und ist größer. Zuhause habe ich dann das Blumenbuch blindlings durchgeblättert, bis ich bei der Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria) stutzte: Dort stand tatsächlich was von Seidenpflanzengewächs! Sie ist der einzige heimische Vertreter und eigentlich erkenne ich sie zur Blütezeit ganz gut, hatte mir aber nie Gedanken über ihre Verwandtschaftverhältnisse und ihre Samen gemacht.


Das wäre nun also geklärt. Ist zwar keine neue Art, aber immerhin. Man kann sie sogar im Garten ansiedeln, zum Beispiel an trockenen, steinigen Stellen.

Dieser erkennungsdienstliche Erfolg ist aber kein Grund, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen - das nächste unbekannte Wesen lauert sicher schon irgendwo, vielleicht sogar im eigenen Garten. 

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Flugsamen sind mir auch heute in den Briefkasten geweht worden - Stockrosensaat aus der Manufaktur von Sigrun.



Dann kann im Null-Euro-Beet bald ganz vortrefflich die Welt gerettet werden! Danke, Sigrun, für das wunderschöne Geschenk!

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