Samstag, 15. Dezember 2018

Pflanzen mit Pelzmantel

Es ist frostig draußen. Zum Glück tragen manche Pflanzen Pelz. Nicht, weil sie versnobt sind, sondern weil sie sich gern ihre Knospen warmhalten. Diese Kuschelknospen sehen hübsch aus und man möchte sie ständig anfassen. Die schönsten Handschuhe an ihren Blütenknospen tragen zweifelsohne die Magnolien. Groß sind sie und dadurch besonders knuddelig.




Gegen Kälte sind die Pflanzen mit ihrem Pelzmantel ganz gut gewappnet, nicht aber gegen fiese Stürme. Und schon war bei der Magnolie im Park wieder mal ein kapitaler Ast abgebrochen. Das passiert bei ihr so oft, dass es an ein mittleres Wunder grenzt, dass überhaupt noch Äste dran sind.

Als ich mit dem Fahrrad an dem verunfallten Zweig vorbei kam, kam mir die Idee, es damit mal in der Vase zu versuchen. Die Äste ließen sich ganz leicht abbrechen, ohne eine Schere holen zu müssen.

Und dann passierte in der warmen Stube zwei Wochen lang mal gar nichts. Die Knospen waren unverändert kuschlig, rührten sich aber nicht weiter. In der dritten Woche konnte man erahnen, dass sie gewachsen waren.



Und nun fangen sie tatsächlich an zu blühen. Unter den Fellmützen kommt vornehmes Purpur zutage. Das ist ja fast wie Ostern und Weihnachten gleichzeitig.







Schade nur, dass die Knospen dabei ihren Pelzmantel ausziehen müssen. Aber den brauchen sie nun ja auch nicht mehr. Zumindest die Zweige nicht, die mir im Wohnzimmer hocken. Die anderen da draußen werden sicher noch froh sein, nicht auf die milden Temperaturen hereingefallen zu sein.

Samstag, 8. Dezember 2018

Botanische Gärten in Vancouver

Vancouver wird immer wieder zur lebenswertesten Stadt überhaupt gewählt. Warum eigentlich? Immerhin gibt es auch in den dortigen Grünanlagen keine Hundehaufen-Fee, wie dieses Schild hier zweifelsfrei beweist:


Aber einen sehr guten Grund für die Beliebheit der Stadt habe ich entdecken können: Neben etlichen Urban-Gardening-Projekten und einer tollen Landschaft gibt es gleich 2 botanische Gärten - in Worten: Zwei! Das können nun wirklich nicht alle Städte von sich behaupten. Bielefeld schon mal nicht.

Der erste Garten, den wir im Mai besucht haben, gehört zur Universität von British Columbia und wird von einer großen Straße in zwei Teile geteilt. Hier wächst garantiert nie zusammen, was zusammengehört. Macht aber nichts: um auf die andere Seite zu kommen, muss man durch einen Tunnel laufen und schon ist man wieder im Paradies. In einem ganz anderen.

Der erste Teil ist waldartig mit Teichen und großen Exemplaren von Thuja plicata. Darunter wächst die Falsche Alraunwurzel mit Knöterich oder Sibirischem Tellerkraut (Claytonia sibirica).



Hier ist der Tunnelausgang in den anderen, offenen Gartenteil:


In diesem Garten bin ich das erste Mal auf den Begriff "Garry Oak Prarie" gestoßen. Diese offene, trockene Landschaftsform mit Garry Oak, Oregon-Eiche (Quercus garryana), kam vor allem auf Vancouver Island vor, wurde durch Siedlungs- und Weinbau aber stark dezimiert. Es gibt noch ein großes Schutzgebiet, das Cowichan Garry Oak Preserve, das aber für Besucher nur selten zugänglich ist. Schade, denn hier läuft ein großes Wiederansiedlungsprojekt für Hüttensänger: Bring back the Bluebirds.

Im botanischen Garten kann man sich in komprimierter Form anschauen, was man alles verpasst.


Was den Briten ihre Blue Bells sind, wird hier durch Massen an Camassia quamash repräsentiert - die Prärie macht blau.





Der formale Kräutergarten, umgeben von Hecken:


Am Steingarten angekommen konnte man sich vor fliegenden Schätzen kaum retten. Eine Gruppe Goldzeisige (American Goldfinch) machte sich über Sämereien her, während die Sumpfschwalben (Tree swallows) mit der Inneneinrichtung ihres Nistkastens beschäftigt waren. Ist das nicht schön, wenn man  den Schwalben einfach einen Meisenkasten aufstellen kann? Er sollte nur bitte frei stehen, im Baum muss er nicht hängen.



Am Ausgang gibt es einen kleinen Laden, wo man Pflanzen, Bücher und diese schönen Kränze kaufen kann:


Auf dem Parkplatz gab es zum Abschluss noch den Goldspecht (Northern Flicker), der gar nicht scheu nach Ameisen fahndete - und mit seinem schwarzen Schlabberlätzchen sowieso ganz entzückend ist:



Der zweite botanische Garten ist der Van Dusen Botanical Garden, der schon durch einen wahrlich imposanten Eingangsbereich neugierig macht. Aktuelle Blüten sind vorne im Reagenzglas ausgestellt - nicht als Versuchskaninchen, sondern um Besucher hinein zu locken. Hat auch geklappt.




Der Außenbereich ist natürlich kostenlos zu besichtigen und an sich schon eine Wucht mit dem riesigen Staudenbeet:


Innen gibt es alles von heimischen Pflanzen bis zum Rosengarten, immer sehr gepflegt.








 

Eine Ecke zeigt, was man für die Gartenvögel tun kann. Natürlich ist wieder der Goldzeisig abgebildet, den kennen wir schon aus dem anderen Garten.




Hier hat es dann auch mal mit dem Anna-Kolibri geklappt, er liebt Geißblatt und Fackellilien:



Und bei diesen frechen, feengleichen Vögelchen kann man über das völlige Fehlen der Hundehaufen-Fee dann auch mal hinweg sehen...

Samstag, 1. Dezember 2018

Gisela gibt Gummi

Wenn Kirschbäume doch nur sprechen könnten. Können sie aber nicht. Fluchen können sie dagen wie ein Rohrspatz, nur mit der Artikulation hapert es ein wenig. Gummifluss nämlich ist wie ein Schimpfwort unter Kirschen. Das ist dieses zähflüssige, bernsteinfarbene Zeug, das der Baum aus seiner Rinde presst. Damit drückt er aus, dass ihm etwas nicht passt. Was genau, weiß man leider nicht.

Meine Gisela (mit vollem Namen heißt sie 'Celeste' auf GiSelA V, so viel Zeit muss sein) steigt jedes Jahr wieder beherzt in die Großproduktion von Gummi ein. Von Weitem fällt das noch nicht so auf, vor allem, wenn nette Vögel von der Misere ablenken:




Aus der Nähe sieht mein Garten aber mittlerweile aus wie ein etwas rustikales Bernsteinzimmer, Gisela gleicht einer farbenfrohen Tropfsteinhöhle.


Manche der glibbrigen Gebilde ähneln sogar Nacktschnecken:



Hinzu kommen noch gelbe und graue Flechten an den Ästen, aber die stören nicht weiter und sehen jetzt im Winter sogar ganz nett aus. Es handelt sich hier um Gelb- und Schüsselflechte (die in dezentem Grau) - sie sind oft unzertrennlich, wenn es um die Erstbesteigung von Bäumen geht.




Viele Äste, auch sehr dicke, sind ohne Zutun von Flechten arg in Mitleidenschaft gezogen und der Länge nach aufgerissen. Hier trat vorher Gummifluss auf.




Bukett-Triebe hat die Kirsche trotzdem noch. Aus diesen werden nächstes Jahr die Blüten.




Wenn wenigstens Reichtümer in Form von echtem Bernstein dabei rauskommen würden... Das einzige, wozu das Zeug nützlich zu sein scheint, ist die Herstellung von Klebstoff, solange die Masse nicht völlig durchgetrocknet ist.

Gummifluss kann im Detail folgendes bedeuten, hier motzt der Baum:

  • Ich bin von Bakterien befallen.
  • Der Standort ist mir zu nass.
  • Der Standort ist mir zu trocken.
  • Der Hallimasch will mich fertigmachen. 
  • Ein Vogel hat auf meinen linken oberen Ast gekackt (*).
  • Die doofe Miezekatze hat fies geguckt (*).
  • Jemand hat an meiner Rinde gekratzt (vielleicht die doofe Miezekatze).

Gummifluss scheint die Standardantwort auf alles zu sein, kurzum: Der Baum hat Stress. Man kann diesen Stress im Nachhinein weder mit der besten Wellnessbehandlung noch mit beruhigender Musik lindern. Wenn eine Kirsche ordentlich Gummi gibt, hat man's schon gründlich mit dem Standort versaut.

Vorbeugend kann bei den Bäumen darauf achten, sie nicht in staunasse Böden zu setzen und sie im Sommer auch mal zu gießen. Zu viel Schneiden sollte man auch nicht, und den Baum am besten mit Samthandschuhen anfassen, um nur ja keine neue Wunde entstehen zu lassen. Aber Kunststück, wenn die Äste sich ständig selbst zerlegen und Risse bekommen.

Gisela und ich müssen da jetzt wohl durch. Mal schauen, wie lange das noch gut geht. Aber solange Madame immer noch blüht und fruchtet, kann's ja so schlimm auch wieder nicht sein... (hier ein Bild aus dem Frühling 2018)


* Achtung, Satire

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