Samstag, 1. Dezember 2018

Gisela gibt Gummi

Wenn Kirschbäume doch nur sprechen könnten. Können sie aber nicht. Fluchen können sie dagen wie ein Rohrspatz, nur mit der Artikulation hapert es ein wenig. Gummifluss nämlich ist wie ein Schimpfwort unter Kirschen. Das ist dieses zähflüssige, bernsteinfarbene Zeug, das der Baum aus seiner Rinde presst. Damit drückt er aus, dass ihm etwas nicht passt. Was genau, weiß man leider nicht.

Meine Gisela (mit vollem Namen heißt sie 'Celeste' auf GiSelA V, so viel Zeit muss sein) steigt jedes Jahr wieder beherzt in die Großproduktion von Gummi ein. Von Weitem fällt das noch nicht so auf, vor allem, wenn nette Vögel von der Misere ablenken:




Aus der Nähe sieht mein Garten aber mittlerweile aus wie ein etwas rustikales Bernsteinzimmer, Gisela gleicht einer farbenfrohen Tropfsteinhöhle.


Manche der glibbrigen Gebilde ähneln sogar Nacktschnecken:



Hinzu kommen noch gelbe und graue Flechten an den Ästen, aber die stören nicht weiter und sehen jetzt im Winter sogar ganz nett aus. Es handelt sich hier um Gelb- und Schüsselflechte (die in dezentem Grau) - sie sind oft unzertrennlich, wenn es um die Erstbesteigung von Bäumen geht.




Viele Äste, auch sehr dicke, sind ohne Zutun von Flechten arg in Mitleidenschaft gezogen und der Länge nach aufgerissen. Hier trat vorher Gummifluss auf.




Bukett-Triebe hat die Kirsche trotzdem noch. Aus diesen werden nächstes Jahr die Blüten.




Wenn wenigstens Reichtümer in Form von echtem Bernstein dabei rauskommen würden... Das einzige, wozu das Zeug nützlich zu sein scheint, ist die Herstellung von Klebstoff, solange die Masse nicht völlig durchgetrocknet ist.

Gummifluss kann im Detail folgendes bedeuten, hier motzt der Baum:

  • Ich bin von Bakterien befallen.
  • Der Standort ist mir zu nass.
  • Der Standort ist mir zu trocken.
  • Der Hallimasch will mich fertigmachen. 
  • Ein Vogel hat auf meinen linken oberen Ast gekackt (*).
  • Die doofe Miezekatze hat fies geguckt (*).
  • Jemand hat an meiner Rinde gekratzt (vielleicht die doofe Miezekatze).

Gummifluss scheint die Standardantwort auf alles zu sein, kurzum: Der Baum hat Stress. Man kann diesen Stress im Nachhinein weder mit der besten Wellnessbehandlung noch mit beruhigender Musik lindern. Wenn eine Kirsche ordentlich Gummi gibt, hat man's schon gründlich mit dem Standort versaut.

Vorbeugend kann bei den Bäumen darauf achten, sie nicht in staunasse Böden zu setzen und sie im Sommer auch mal zu gießen. Zu viel Schneiden sollte man auch nicht, und den Baum am besten mit Samthandschuhen anfassen, um nur ja keine neue Wunde entstehen zu lassen. Aber Kunststück, wenn die Äste sich ständig selbst zerlegen und Risse bekommen.

Gisela und ich müssen da jetzt wohl durch. Mal schauen, wie lange das noch gut geht. Aber solange Madame immer noch blüht und fruchtet, kann's ja so schlimm auch wieder nicht sein... (hier ein Bild aus dem Frühling 2018)


* Achtung, Satire

Kommentare:

  1. Liebe Elke,
    Vielen Dank für diese interessanten Informationen. Mein Sohn hat dieses Jahr auch ein großes Stück Harz abgepolkt und nun weiß ich, dass der Baum an dieser Stelle wohl etwas hat. Muss ich mir doch mal genauer anschauen.
    Liebe Grüße und einen schönen Advent!
    Steffi

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  2. Genau, Ruhe bewahren und die Kirsche möglichst in Ruhe lassen, ab und an mal wässern hift zwar nicht gegen Gummifluß, aber tut trotzdem gut. So handhabe ich das schon über 20 Jahre an unserer Sauerkirsche. Und die im Garten meiner Mutter, die durch das Beseitigen von Moniliazweigen fast zu Tode geschnippelt wurde, hat zwar ihren oberen alten Stamm irgendwann verloren, aber der ist jetzt Efeuhalter und unten schlug sie wieder kraftvoll aus. Unsere Bäume sind mindestens 40 Jahre alt - und wären wahrscheinlich dahingerafft, wenn wir immer wieder das leidemde Holz beseitigt hätten. Geblüht haben beide auch ganz toll. Nur bei meiner Mutter war es einfach zu trocken. Die Früchte reiften und vertrockneten dann blitzschnell. Und unsere hochhängenen Früchte sahen saftig und schmackhaft aus, aber uns fehlten in diesem Sommr die erntenden Amseln …
    VG Silke

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  3. Liebe Elke,
    was für ein schöner Post! Deine Ausführungen gefallen mir sehr gut. Auch ich habe einen großen Kirschbaum im Garten. Er steht schon über 40 Jahre. Er wird sehr regelmäßig geschnitten, weil wir sonst schon zugewachsen wären. Und an einigen Stellen harzt er auch. Nach deinem Bericht muss ich ihn mir noch mal genau ansehen. Aber wenn er harzt, dann ist das eben so. Er hat im letzten Jahr mächtig getragen und während der Blüte ist er wunderschön. Auch die Flechten an den Ästen der Bäume mag ich.
    Einen schönen ersten Advent
    wünscht Dir
    Agnes

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  4. tja, unsere kirsche fliesst so gut wie garnicht! leider blueht sie aber auch wenig, und traegt noch weniger:) also bist du insgesamt vermutlich besser dran... kratzende katzen muss das baeumchen auch nicht erdulden, weil jede katze mit selbstrespekt auf das miserable spindelchen nicht klettern wuerde, wenn sie riesige, alte eschen oder ahoerner zur auswahl hat. also bleibt nur der vogel, der... die paar fruechte vermutlich auffrisst, ehe sie auch nur ansatzweise rosa werden:) in jedem falle sind kirschen im westen irlands totale fehlinvestitionen... ausser den jap. zierkirschen, die von 52 wochen im jahr 2 wochen traumhaft schoen aussehen, ansonsten voellig langweilig sind und nicht eine frucht produzieren. aber diese "models der baumwelt" wollte ich auch wieder nicht haben, das ist ja die reinste platzverschwendung... also schliessen wir in jedem jahr wieder wetten ab, wieviele cm der baum wohl zulegt - und welchen der groesseren aeste der naechste sturm wohl abschlaegt. ist ja auch eine form der unterhaltung:)
    ich wuensch dir eine froehliche vorweihnachtszeit - und viel spass beim armchair gardening schonmal!
    Bettina

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    1. Armchair gardening, ein schöner Begriff! Die jap. Kirschen sind wirklich nur kurz ein Traum, für meinen kleinen Garten wären sie nichts, da passt der Zierapfel besser.
      Viele Grüße nach Irland!
      Elke

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  5. Liebe Elke,
    da habe ich was gelernt: Gummifluss bedeutet einen gestressten Baum.
    Du hast wirklich schöne Besucher im Garten. Ich sehe auch öfters Rotkehlchen an der Futterstelle. Sonnst beglücken mich Spatzen mit ihrer erstaunlichen Anzahl und Meisen.
    Ich wünsche Dir einen schönen ersten Advent.
    Liebe Grüße
    Loretta

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  6. Auch wenn die Sache mit dem Gummifluss nicht gerade toll für den Baum ist, habe ich mich doch über Deine möglichen Ursachen köstlich amüsiert! So ist das einfach... auch, wenn man meint, wirklich alles richtig gemacht zu haben... die Natur lehrt einem oft, dass es nicht so ist.
    Trotzdem... einen schönen ersten Advent
    Margit

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  7. Nach deinem Post muss ich sagen, der Kirsche zuliebe sollte ich keine pflanzen. Ich kann wohl jeden Störmoment bieten! Und wir wollen ja nicht vorsätzlich eine Kirsche beleidigen...
    Herzlichst
    yase

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  8. Danke für den interessanten Beitrag. Hab etwas dazugelernt. Genieß Deinen 1. Adventsonntag.

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  9. Gisela scheint etwas zickig zu sein ;-) Schön sieht es aber aus, dieser Pseudobernstein. Noch besser gefallen mir die Flechten, die haben eine positive Botschaft im Gepäck.
    Liebe Grüße
    Karen

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  10. Hallo Elke,
    die Gisela gefällt mir mit ihren Flechten und für ihr angekratztes Befinden wünsch ich gutes Durchhaltevermögen.
    Schönen Adventsabend, Marita

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  11. Hallo Elke,
    wahrscheinlich hat Gisela sich mit dem Rotkehlchen gestritten und hat deswegen jetzt so schlechte Laune. Der kleine Kerl sieht nämlich recht aggro aus wie er da so aufgeplustert auf der Ärmsten rumhüpft. Da wär ich auch stinkig ;-)
    Liebe Grüße,
    Krümel

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  12. Liebe Elke,
    wir wollten auch gern so eine Gisela haben :-)! Aber in der Baumschule stand dann plötzlich eine Garrns Bunte auf.... keine Ahnung was;-). Ein Bestellfehler wahrscheinlich.Mann wollte aber nicht wieder lange warten, tütete sie ein und so bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht allzu riesig aber fruchtig wird...
    liebe Grüße
    Corinna

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  13. Liebe Elke,
    zumindest bei Aprikosen/Pfirsichen soll Gummifluss durch Kalkmangel begünstigt werden. Vielleicht möchte die Kirsche Gisela auch was derartiges?
    Hast du wieder sehr schön geschrieben und fotografiert.
    lg Johanna

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    1. Liebe Johanna,
      zumindest bekommt die Kirsche über den Kompost immer ganz viel Kalk in Form von Eierschalen... Aber ob das reicht?
      VG
      Elke

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  14. Liebe Elke,
    bisher wusste ich nicht, dass ein Baum so seinen Stress artikuliert und anscheinend meint er mit dieser Botschaft auch nicht uns, sonst würde er das nicht mit Ausfluss kundtun, der auch noch an Nacktschnecken erinnert. Das wirkt sogar eher wie eine Drohung.
    Machen das alle Bäume, sofern sie nicht verletzt wurden?
    Ich wünsche Dir noch eine schöne Woche.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

    P.S. Der Post ist wieder klasse geschrieben.

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  15. beautiful birds and wonderful series of photos.
    greeting- evi erlinda

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  16. Herrlich, herrlich, herrlich liebe Elke :-)
    Besonders die letzten 3 Gründe :-)
    Aber mit dem kratzen am Baum und unseren Miezen
    haben wir beim Flieder ja auch so unsere Probleme.
    An ihm werden immer die Krallen geschärft - gemein!
    Dafür gibt unsere Kirsche zum Glück kein Gummi :-)
    Ganz viele liebe Grüße von Urte

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  17. Hallo Elke,
    deinem Beitrag zufolge müsste mein Kirschbaum total relaxt sein. Der tröpfelt keinen Leim. Könnte daran liegen, dass meine - in einer Baumschule gekaufte - "Hedelfinger Riesenkirsche" sich nach ein paar Jahren als kleines, saures Wildkirschchen entpuppte.Offensichtlich hat man da ein wenig blödsinnig veredelt. Und dem Ding scheint wirklich alles egal zu sein.
    Viele Grüße
    Claudia

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  18. Guten Morgen Elke,
    auf der Suche nach Deinem neuen Samstagspost habe ich jetzt Deine 3 Buch-Ankündigungen entdeckt ;-) Toll, dass die Zusammenarbeit mit dem Ulmer Verlag so schöne Pflanzen-Früchte trägt - die werde ich mir gleich mal auf die Merkliste setzen!
    LG Silke

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