Samstag, 25. Mai 2019

Bärlauch, der Held

Es heißt immer, Schneeglöckchen soll man am besten mit Blättern pflanzen, da die Zwiebeln sonst vertrocknen, wenn sie zu lange ohne Erde gelagert werden. Und  Bärlauch wird gar nicht erst als Zwiebelware angeboten, der scheint noch zarter besaitet zu sein.

Nun war der Sommer letztes Jahr aber bekanntlich so trocken, dass man denken könnte, dem Bärlauch sei Ungemach passiert, die Zwiebeln heillos in der Erde vertrocknet. Diesen Frühling also aus und vorbei mit dem wuchernden Bärlauch?

Mitnichten, der wächst in alter Frühlingsfrische wie immer munter vor sich hin. So, als wäre nie was gewesen, er hat offenbar wirklich Bärenkräfte:








Jetzt blüht er gerade und die Hummeln, Sandbienen und Schmetterlinge sind begeistert. Dem Bärlauch geht es wieder ein bisschen zu gut, denn er bedrängt kleinere Stauden doch sehr. Nur das Salomonssiegel macht gekonnt einen Durchstich und legt sich einfach oben drauf, dafür sind die schwertförmigen Austriebe also gut.






In meinem Garten geht es dem Bärlauch also trotz Trockenheit im letzten Jahr ausgezeichnet, im Teutoburger Wald allerdings ist er an vielen Standorten gebeutelt. Das liegt nicht direkt am Klima, sondern an einer Fliege, die sich nach dem Austrieb der Blätter zunächst ganz harmlos darauf sonnt, als würde sie nur eine schöne grüne Sonnenbank gefunden haben. Allerdings bleibt es nicht beim Herumlungern, die Fliegen legen Eier ans Laub und die Larven minieren in den Blättern.

Hier handelt es sich um die Bärlauch-Erzschwebfliege (Cheilosia fasciata). Vielleicht wird die Fliege vom Klimawandel gefördert, wer weiß. Sie ist nicht so hübsch bunt geringelt wie manch andere Schwebfliege und kümmert sich ganz offensichtlich auch nicht um Blattläuse.





Das Wirken der Larven sieht nicht schön aus, und der Bärlauch blüht auch schlecht, wenn er so von innen aufgefressen wird. Dafür bleibt er dadurch aber auch von professionellen (und damit illegalen) Sammlern und übereifrigen Hobbyköchen verschont, die dem stinkenden Freund in letzter Zeit sehr zusetzen, weil er so in Mode gekommen ist. Da hat er also die Wahl zwischen Pest und Cholera.




Den Weg in den Garten hat die Fliege aber noch nicht gefunden, zum Glück. Und so bin ich jedes Jahr wieder heilfroh, dass ich einen kostenlosen, riesigen Vorrat Bärlauch hinter der Terrassentür plündern kann, ohne die Naturstandorte auszubeuten - und ohne Beifang in Form von Fliegenlarven...

Samstag, 18. Mai 2019

Kostenloses Vogelfutter?

Ein Gespenst geht um in Europa. Es ist hellgrau, wie es sich für ein Gespenst gehört, und verhüllt sich gern mit einem Schleier. Eigentlich ist es sogar ganz hübsch, wenn es nicht in kürzester Zeit Buchsbäume vernichten würde: Der Buchsbaumzünsler, der nun auch in Bielefeld angekommen ist und seine Arbeit aufgenommen hat.

Zurück bleibt ein braunes Gerippe, der Buchs stirbt.

Was man dem Buchsbaumzünsler noch anlasten muss: Er ruiniert den Ruf sämtlicher sympathischer Zünsler gleich mit, außerdem den des Großen Kohlweißlings, denn die Raupen sehen sich auf den ersten Blick recht ähnlich. So glauben viele Gartenbesitzer nun, der Kohlweißling hätte auf Buchsbaum umgeschult, was man ihm anscheinend durchaus zutraut. Das beste am Zünsler: Ich habe mit Gartenbesitzern gesprochen, die gerade ihre Vorgartenhecke wegen der Raupen rodeten und jetzt stattdessen etwas für Bienen pflanzen wollen.

Im botanischen Garten versucht man die Plage durch Verschleierungstaktik zu verwirren, dort wird Algenkalk über die Buchsbäume gestäubt. Pheromonfallen locken die Männchen reihenweise in die Falle, so kann man das Treiben etwas unter Kontrolle halten, sogar ohne Gift.


Bis jetzt habe ich den Zünsler noch nicht an meinem Buchs, aber in einem Schrebergarten, der öffentlich zugänglich ist, habe ich die Raupen gefunden. Sie spinnen sich gut ein, kommen in einem unbeobachteten Moment zum Fressen hervor und ziehen sich blitzschnell in ihre Schutzhülle zurück, wenn Zugriff droht.




Es wird berichtet, dass Singvögel Gefallen an den Raupen gefunden haben und sie gern aus dem Laub klauben. Ob man die Larven also auch als kostenloses Vogelfutter anbieten kann?

Ich habe es versucht, und aus der befallenen Buchshecke etwa 15 Larven herausgefischt und in den Vogelfutterspender gelegt.


Nun ja, legen kann man die nicht lange, die krabbeln natürlich weg, auf der Suche nach neuem Buchs. Eigentlich hatte ich gedacht, die Vögel freuen sich über die frische Ware, aber bis die mal gucken kamen, krabbelten die Raupen schon überall herum und überzogen den ganzen Futterspender inklusive Futter mit Spinnfäden, die sie übrigens mit dem Mund herstellen.

Ah, Kundschaft: Das Rotkehlchen nahm Kurs auf das Futter und drehte entsetzt wieder ab: "Iiiiii, Herr Ober, da ist Ungeziefer in meinen Cerealien, ich muss doch sehr bitten!". Das Gekrabbel war ihm eindeutig zu unheimlich. Vögel, die Angst vor Insekten haben? Sachen gibt's.



Dann kam der nächste Proband: Die immer experimentierfreudige Blaumeise hat sich die Sache in gewohnter Eroberermanier erstmal gründlich angesehen. Kurz überlegte sie, ob sie sich die Krabbler an der Decke schnappen sollte. Nein, doch lieber zwischen den Sonnenblumenkernen nachschauen. Ein paar Mal hat sie tatsächlich nach den Raupen gepickt, dann aber beschlossen, dass das wer anders essen soll, sie jedenfalls nicht. Na, super.



Raupen, wo man eigentlich Sonnenblumenkerne erwartet, sind also eine eher unangenehme Überraschung und kein willkommener Proteinhappen. Manchmal sind Vögel auch Mimosen.

Am Ende habe ich die Raupen alle wieder eingesammelt und tiefgefroren, um sie abzutöten, bevor sie doch noch den Weg zum Buchs finden.

Das mit dem Lebendfutter ist also nicht so einfach. Und wenn der Buchsbaumzünsler dann wirklich über meine Sträucher her fallen sollte, erwarte ich aber gefälligst eine sofortige mobile Eingreiftruppe aus vielen hungrigen Schnäbeln. In die Sonnenblumenkerne schmeiße ich keine mehr, versprochen!

Samstag, 11. Mai 2019

Das Gras wachsen sehen

Bei manchen Pflanzen scheiden sich die Geister. Erst ist man Feuer und Flamme für sie, bis ein Punkt kommt, an dem man skeptisch wird, ob man das Richtige getan hat, als man sie gepflanzt hat. So ein Wackelkandidat ist Carex morrowii 'Ice Dance'. Diese Segge hat grünes Laub mit weißen Randstreifen, daher der hübsche Sortenname. Von durch die Beete tanzen kann aber nicht die Rede sein, eher ist es ein Walzen - 'Ice Waltz' oder 'Eispanzer' wäre vielleicht eine bessere Bezeichnung, weil er wie ein grünweißer Panzer durch die Beete kriecht.



Das Gras treibt nämlich Ausläufer. Kurze zwar, aber mit der Zeit wird es immer breiter und verdrängt andere Pflanzen, die nicht stark genug sind bei dieser Landnahme. Deshalb kann man die Segge auch gleich nach Erhalt beherzt teilen, das liegt ihr im Blut, da wächst sie einfach weiter und schon hat man zwei Eispanzer im Beet.

Hier kann man ganz gut sehen, wie groß die eine Pflanze in drei Jahren geworden ist.

Ich habe jetzt die Ausläufer abgestochen und eingetopft, um das unbepflanzbare Siedlungsbeet mit den drei Kugelahornen zu ergänzen. Dort könnte die robuste Natur von Carex morrowii gut hinpassen, da ist es elend trocken und durchwurzelt. Ahorn eben.



Unter den Bäumen könnte 'Ice Dance' seine Trümpfe ausspielen. Trockenheitsverträglich ist es, wüchsig auch.

Wenn es aber blüht, dann geschieht dies mit einer Zartheit, die nicht zu diesem dominanten Wesen zu passen scheint. Filigrane weiße Fusselblüten, die aussehen, als würden weiße haarige Raupen einen Zweig hinaufkrabbeln. Oder Zahnbürsten. Oben drauf gibt es dann noch einen braunen Staubwedel. Unfassbar hübsch im Gegenlicht.






Die Ameisen finden die Blüten auch spannend und zerrupfen manchmal so eine weiße Raupe.


Bei Carex morrowii gibt es also eine Geschlechtertrennung: Ganz oben, der braune Staubwedel, ist der männlicher Teil des Blütenstandes, die weißen Raupen sind die weiblichen Teile.


Später werden diese dicker und bilden die Samen. Wer weiß, vielleicht knabbert die ein Vogel?


Hopp oder topp also? Ich bin noch unentschlossen, ob ich das Gras lieben oder verfluchen soll. Ich hatte die Hoffnung, dass es etwas Ordnung in meinen wilden Garten bringt. Klappt bei der Blüte mindestens, denn da hat es schon bewundernde Blicke geernet. Und ich ernte gleich wieder Ausläufer.

Samstag, 4. Mai 2019

Ein Kessel Buntes

Weihnachten ganz kurz nach Ostern - das hat die Staudenbörse im botanischen Garten Gütersloh vor einer Woche möglich gemacht. Nirgendwo darf man so viele tolle Pflanzen mitnehmen, ohne etwas dafür zu bezahlen. Die Regeln: Bis zu 15 Gewächse kann man einpacken, wenn man entweder selbst Tauschmaterial mitbringt oder Geld spendet.

Viele Gartenbesitzer bringen Ableger in rauen Mengen mit, um ihre Lieblinge nicht auf dem Kompost, sondern in guten Händen zu wissen. Auch der botanische Garten karrt immer schubkarrenweise überschüssige Stauden an, die dringend geteilt werden mussten.

Ich hatte Sämlinge von meiner Bach-Nelkenwurz (Geum rivale) mitgebracht und war mit dem Zug angereist. Diesmal war ich zu früh da und konnte den botanischen Garten noch bei Sonne sehen, bevor die Staudenbörse und die Bewölkung los gingen.









Erst um 10 Uhr wurde das Gartentor aufgemacht, um die schon ungeduldig Wartenden auf die Tauschware loszulassen.

Manche Stauden, wie eine Skabiose, waren so schnell weg, dass ich nur noch die Reste aufsammeln konnte - Triebe mit wenig Wurzeln, aber viel Potential.

Überhaupt habe ich bei dieser Veranstaltung immer Mitleid mit den Gewächsen, die schon auf dem Boden liegen und vermutlich am Ende doch im Müll landen, wenn sich keiner erbarmt. Aber in meiner Mission als Retterin des ungeliebten Bodensatzes habe ich eben dort den Besenwagen gespielt und die hoffungslosen Fälle aufgeklaubt.

Darunter waren mehrere Storchschnäbel (Geranium endressii und renardii), eine Minze (sie drohte wirklich unter die Räder, äh, Füße zu kommen), Milchsterne, eine unbekannte Zwiebel und die Skabiose.




Im Topf gab es dann aber noch wirklich schöne Pflanzen sogar mit Wurzeln dran, die ich mitgenommen habe. Eine Gefleckte Taubnessel mit feiner Andeutung von Nadelstreifenmuster - und blindem Gundermann-Passagier - musste dringend mit, außerdem eine echte Sensation, die ziemlich spät ins Rennen geschickt wurde, als schon fast alles geplündert war. Gut, dass ich gerade passend daneben stand, als ein Schwung Ausdauernde Gartenkresse (Lepidium latifolium) die Bühne betrat, auch Pfefferkraut genannt. Es war nur ein kurzer Auftritt, dann waren alle Töpfe weg.

Hier links die Taubnessel, rechts das Pfefferkraut:




Diese Gartenkresse ist lecker, winterhart, heimisch und trockenheitverträglich - und selten noch dazu! Ein echtes Geschenk des Himmels, denn ich habe ein Herz für ausdauerndes Gemüse.

Das Pfefferkraut kommt eigentlich an den Küsten vor, ist salztolerant und macht derzeit eine Tournee entlang der Autobahnen. Bei mir konnte es bequemer reisen, erst zu Fuß, dann mit dem Zug und zum Schluss mit dem Fahrrad.

Auf dem Rückweg sahen die wurzellosen Pflanzen, die ich erbeutet hatte, aber schon etwas erledigt aus, also habe ich sie mal zu einem Kessel Buntes in einen Eimer Wasser geworfen, sozusagen als Erste-Hilfe-Maßnahme.




Später habe ich sie eingetopft, denn so habe ich sie eher unter Kontrolle als im Beet.

Am Ende gab es dann noch ein zusätzliches Geschenk: Regen den ganzen Nachmittag lang - also wirklich alles in allem wie Weihnachten. In Gütersloh und kurz nach Ostern.

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