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Samstag, 18. April 2026

Alarm am Ampfer

Drei Jahre ist es her, seit ich auf der Saatgutbörse Samen vom Gemüse-Ampfer (Rumex patientia) ergattern konnte und voller Vorfreude gleich ausgesät habe. Ausdauerndes Gemüse, das man nicht jedes Jahr aussäen muss, erschien mir genau richtig für einen wilden Garten, der voll ist mit Stauden - und einem anderen, mittlerweile sehr lästigen und raumgreifenden ausdauernden, Gemüse, dem Bärlauch.

Würde sich dieses winzige Ampferlein gegen wildgewordnen Allium ursinum dursetzen können? Zunächst sah es tatsächlich nicht so aus. Da ich die Ampfer-Sämlinge schnell ins Beet gesetzt hatte, damit sie ihre Wurzeln entfalten können wie sie mögen, waren sie noch sehr klein und zart. Die Schnecken waren dran und das, was an tapferer Blattmasse noch übrig war, wurde von der Minierfliege Pegomya solennis zu Tode geschädigt. Da waren alle Blätter weg. Das wiederholte sich jedes Jahr, obwohl der Ampfer tatsächlich in jedem Frühjahr immer größer wurde. Im Sommer zog er ein (wegen der Fliege?), im Spätsommer war er zaghaft wieder da, blieb dann aber etwas hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Dieses Jahr wird er also drei und er ist so imposant wie nie.

Eigentlich könnte man ihn mal ernten, aber dann entdeckte ich weiße Eier, die wie ein Kamm angeordnet unter den Blättern klebten. Immer nur ein Gelege pro Pflanze, wie rücksichtsvoll! So sehen also die Eier von Pegomya solennis aus....


Doch nicht nur das - ich fand auch winzige Kugelspringer unter den Blätterm, nämlich den kleinen, gelben Deuterosminthurus pallipes in lustigen Grüppchen. Wie sollte ich den Ampfer denn jetzt bitteschön essen? Die möchten die Blattunterseiten jetzt als Partnerbörse und grünes Tanzparkett verwenden.

Dann die noch schlechtere Nachricht: Wer A(mpfer) sagt, muss offenbar auch B(ärlauch) sagen. Die kleinen Knutschkugeln hocken auch auf Allium ursinum herum, was ich erst entdeckt habe, als ich einen Bunten Kugelspringer beim Futtern von Nadelbaumpollen auf den Blättern fotografiert habe. Ein versuchsweises Abzupfen des Blattes konnte aber zumindest die Anzahl an Deuterosminthurus pallipes deutlich verringern - die geradezu elefantös wirkende Verwandtschaft ist bei der geringsten Erschütterung sowieso über alle Berge und stets sprungbereit.




Vielleicht kann der Bärlauch doch ohne Springschwänze im Pesto geerntet werden, man muss nur viel Aufruhr veranstalten dabei.... Den Ampfer beobachte ich aber noch mal weiter, der hat noch Schonfrist.

Samstag, 8. Juli 2023

Die Bärlauch-Blockade

Ich hatte ja schon einmal von meinem eigentlich sehr leckeren Problem berichtet: Was mit wenigen Pflanzen Bärlauch angefangen hat, hat sich mittlerweile zum Flächenfraß in meinem Garten hochgeschaukelt. Erst ganz harmlos, hat sich der Bärlauch immer mehr versamt, bis er ganze Teppiche bildete, gegen die man kaum noch anessen kann. Bärlauchpesto gibt es im Frühjahr jede Woche, außerdem Bärlauchblätter auf der Pizza oder über Pasta, aber es wird kaum weniger. Und ich nehme beim Ernten schon keine Rücksicht mehr auf einzelne Pflanzen und pflücke da, wo andere Stauden am meisten bedrängt werden.

Das Problem kommt dann spätestens im Juni: Kahle Flächen, wo vorher ein Meer aus Bärlauch war. Dann werde ich übermütig und pflanze neue Stauden dort hinein. Und die meisten halten die Belagerung im Frühjahr nicht aus, weil sie zu klein sind oder zu langsam.

Im Wald gibt es wenige Stauden, die mit Bärlauch vergesellschaftet sind. Oft sieht man interessanterweise regelrechte Demarkationslinien, wo Bärlauch ein eigenes Territorium besiedelt und das Bingelkraut nebenan nichts mit ihm zu tun haben will, als wären sie sich wirklich spinnefeind. Dazwischen ist ein schmaler Streifen Niemandsland.

Solche Territorien kann man sich im Garten nicht leisten, dann bleibt zu viel Fläche im Sommer kahl. Was also tun, außer den Mulch grün anzustreichen?

 


Was braucht eine sozialverträgliche Staude? Wer dem Bärlauch Paroli bieten will, muss mehrere Superkräfte haben: Sie sollte von Schnecken nicht gemocht werden, denn die haben ideale Bedingungen im dichten Bärlauch-Blätterwald. Sie muss anfänglichen Schatten vertragen oder alternativ so raketenschnell aus dem Bodendecker herausschießen, dass sie kaum Zeit hat, über Verschattung nachzudenken.

Solche Turbo-Stauden sind der Wasserdost, der einfach so durchschießt, oder das Salomonssiegel, dem auch alles egal ist.
 
 


Hohler und Gefingerter Lerchensporn ziehen ein, wenn der Bärlauch richtig loslegt.




Knotiger Storchschnabel ist so wuchsstark, dass er immer obenauf ist. Das Hohe Helmkraut, Bach-Nelkenwurz und Frauenmantel schaffen es ebenso, gegen den Bärlauch anzuwachsen.
 


 
Auch Kaukasus-Beinwell ist ein robuster Nachbar, sodass man kaum weiß, wer mehr wuchert:
 

 

Mit Akeleiblättriger Wiesenraute, Rauling, Immergrüner Ochsenzunge, Kerzen-Knöterich und Kriechender Gämswurz habe ich noch keine Probleme gehabt, bzw. sie keine mit dem Bärlauch.
 


Eine andere Eigenschaft, die eine kompatible Pflanze erfüllen kann, ist, höher als Bärlauch und immergrün zu sein. Eine Mandelblättrige Wolfsmilch, die eine schöne, große, aber leider unbekannte Sorte ist, erfüllt dieses Kriterium sehr gut. Hier sieht man, wie sie erhaben über dem Bärlauch thront:

 

Lenzrosen beschirmen den Bärlauch einfach, so groß sind sie.


 

Auch Farne, entweder schnell wie der Wurmfarn, der Tricherfarn oder immergrün wie die Hirschzunge kommen klar.
 


 

Erdbeeren, Astern oder Stauden-Sonnenblumen dagegen waren bei mir eine Fehlbesetzung, sie haben es nicht geschafft, teils wegen der Schnecken.

 

Fallen euch noch weitere Stauden ein, die gegen den Bärlauchrambo anwachsen können?

Samstag, 4. April 2020

Verfrorenes und Unverfrorenes

Blauer Himmel am Tag, weißer Raureif in der Nacht - so hatte man sich das sonnige Frühjahrswetter jetzt aber mal nicht gedacht. Nicht nur ein bisschen Frost, nein, es musste ja gleich so kalt sein wie wie den ganzen Winter nicht.




Und so habe ich abends immer alles warm eingepackt. Die Busch-Malve hat einen Kaffee-Sack übergestülpt bekommen, was gar nicht so einfach war, ohne Äste abzubrechen.


Der Goldlack, der diese Temperaturen auch nicht unbedingt schätzt und manchmal alles klaglos übersteht und manchmal Matsche ist, hat ein altes himmelblaues Bettlaken als Decke übergeworfen, passend zum wolkenlosen Himmel. Nur saugt sich so ein Laken gerne voll und wird sehr schwer, der Goldlack war danach ein bisschen geplättet.



Die Tulpen legen sich nieder, ducken sich vor der Kälte und hoffen auf wärmeres Wetter. Im Gegensatz zu den Hyazinthen kommen sie tagsüber auch wieder hoch. Die Hyazinthen dagegen ergeben sich der Schwerkraft und bleiben einfach unten, sicher ist sicher.




Bei manchen flächendeckenden Pflanzen fällt jetzt ein seltsames Phänomen auf: Mitten im Bestand oder auch mal am Rand sind einige Blätter zermatscht. Da heißt es ja immer, bei großer Kälte friert man sich den Arsch ab, aber ich glaube, diesen Pflanzen hat ein Arsch die Blätter abgefroren, vorzugsweise in der Nacht, wenn kleine Raubtiere unterwegs sind und sich auch mal hinsetzen müssen. Was gefrorenes Blattwerk nämlich gar nicht verträgt, ist plötzlich und zu schnell erwärmt zu werden. Davon erholen sich die Zellen nicht mehr und platzen, zurück bleibt grüne Matsche. Auch mechanische Belastung verträgt das Laub in diesem fragilen Zustand nicht.

Hier bei den Polster-Glockenblumen hat entweder eine Katze oder der Marder die Pfoten drin gehabt, das ist genau die übliche Absprungstelle. Zurück bleibt eine Spur der Verwüstung:





Auf dem Bärlauch hier muss in der kalten Nacht oder früh morgens jemand gesessen haben, ein kleiner Fellhintern womöglich.


Eigentlich sollte das so aussehen, wenn der Bärlauch wieder auftaut:


Die Herbst-Anemone ist ganz ohne tierische Einwirkung verfroren, hoffentlich hält sie durch:



Auch andere Tiere beteiligen sich derzeit als Gärtner. Das Kohlmeisenweibchen ist mit dem Holz vor ihrer Tür nicht einverstanden und zerhackt manisch die Äste des Zierapfels vor dem Nistkasten, damit er bloß nicht mehr austreibt. Das macht Frau Meise mit einer Vehemenz und Akribie, dass man sie schon zum Psychiater schicken möchte. Anscheinend ist ihr der Anflug zum Kasten mit den ganzen querwachsenden Ästen zu mühsam, da muss man eben selber Kneifzange spielen und die Rinde so lange entfernen, bis da wenigstens keine lästigen Blätter mehr wachsen.


Hier das Ergebnis, ein an der Spitze entrindeter Ast:



Wenn sie nicht am Zierapfel zerrt, zieht sie Fasern aus dem Kartoffelsack oder betätigt sich immerhin als kleinster Vertikutierer der Welt und zupft Moos fürs Nest aus dem Rasen.




Dem Männchen ist der ganze Aufwand herzlich egal. Frauen sind vielleicht auch bei Kohlmeisen praktischer veranlagt.

Irgendwann erbarme ich mich mal und schneide den Ast des Anstoßes einfach ab. Nur bitte nicht mehr bei Frost in die Pflanzen setzen, liebe Tiere.

Samstag, 3. August 2019

Hex, hex!

Manchmal steht man staunend vor einer wilden Pflanze und fragt sich, warum sie es nicht zur Gartenstaude geschafft hat? So eine ist das Gewöhnliche Hexenkraut (Circaea lutetiana), das man oft im Wald antrifft. Meistens sieht es da auch eher bescheiden aus, klein mit weißen, winzigen Blüten, damit kann man keinen Blumentopf gewinnen. 

Dabei kann es auch anders, wie ich kürzlich im botanischen Garten erleben durfte. Dort hatte es sich mit einem Blütenschleier gekonnt im Heidegarten über die Ericas geworfen. Ist ja nicht schlimm, die blühen ja gerade gar nicht, und so bekommt dieser nun völlig verhexte Gartenteil jetzt doch noch zu einem kleinen Rühmchen.






Auffällig waren an diesem Bestand die schönen rosafarbene statt weißen Blüten, die in der Masse einfach fabelhaft aussahen, ein wenig wie eine heimische Heuchera.


Die Samenkapseln sind klein und haarig, ein bisschen wie beim Kletten-Labkraut, aber viel zierlicher - das Hexenkraut ist eindeutig die Samtpfote unter den heimischen Pflanzen.


Schwebfliegen und Furchenbienen freuen sich sehr über diesen blühenden Hexenkessel.



Das Hexenkraut ist eine Staude, die Ausläufer treibt. Vielleicht ist es deswegen nicht in Gärten zu finden? Dabei kommt es als Waldpflanze ganz hervorragend mit Schatten zurecht, und wie der Fund im botanischen Garten zeigt, auch mit halbschattigen Lagen bei großer Trockenheit, denn ich glaube nicht, dass der Heidegarten bewässert wird.


Ich würde es gern einmal mit der kleinen Hexe versuchen, denn der nun völlig kahle Platz hinten im Garten, den der Bärlauch hinterlassen hat wie verbrannte Erde, wäre vielleicht ideal dafür. Wenn es sich aus Heidekraut empor zaubern kann, dann vielleicht auch aus drängelndem Bärlauch in dieser sommerlichen Problemzone?

Ein anderer Kandidat für die monotone Bärlauchsuppe hinten im Garten ist der Wald-Geißbart, den ich vor zwei Jahren selbst aus Samen gezogen habe. Nun steht er zwar schon woanders, aber das Geschlecht der Pflanzen an dieser Stelle ist zum Glück als divers zu bezeichnen: Männchen und Weibchen wachsen zusammen an einer Stelle, sodass mit Samenansatz zu rechnen ist bei dieser zweihäusigen Staude. Dieses Jahr Anfang Juni haben die Sämlinge schon geblüht, sehr zur Freude der Hummeln, Sandbienen und des Gefleckten Schmalbocks.

Sandbiene auf dem männlichen Geißbart beim Pollensammeln

Gefleckter Schmalbock auf dem weiblichen Geißbart beim Naschen von Nektar



Daher habe ich sicher bald genug Saatgut für eine neue Pflanze, damit die Leerstelle, die der Bärlauch nach dem Einziehen hinterlässt, endlich besetzt und verschönert werden kann.

Samstag, 25. Mai 2019

Bärlauch, der Held

Es heißt immer, Schneeglöckchen soll man am besten mit Blättern pflanzen, da die Zwiebeln sonst vertrocknen, wenn sie zu lange ohne Erde gelagert werden. Und  Bärlauch wird gar nicht erst als Zwiebelware angeboten, der scheint noch zarter besaitet zu sein.

Nun war der Sommer letztes Jahr aber bekanntlich so trocken, dass man denken könnte, dem Bärlauch sei Ungemach passiert, die Zwiebeln heillos in der Erde vertrocknet. Diesen Frühling also aus und vorbei mit dem wuchernden Bärlauch?

Mitnichten, der wächst in alter Frühlingsfrische wie immer munter vor sich hin. So, als wäre nie was gewesen, er hat offenbar wirklich Bärenkräfte:








Jetzt blüht er gerade und die Hummeln, Sandbienen und Schmetterlinge sind begeistert. Dem Bärlauch geht es wieder ein bisschen zu gut, denn er bedrängt kleinere Stauden doch sehr. Nur das Salomonssiegel macht gekonnt einen Durchstich und legt sich einfach oben drauf, dafür sind die schwertförmigen Austriebe also gut.






In meinem Garten geht es dem Bärlauch also trotz Trockenheit im letzten Jahr ausgezeichnet, im Teutoburger Wald allerdings ist er an vielen Standorten gebeutelt. Das liegt nicht direkt am Klima, sondern an einer Fliege, die sich nach dem Austrieb der Blätter zunächst ganz harmlos darauf sonnt, als würde sie nur eine schöne grüne Sonnenbank gefunden haben. Allerdings bleibt es nicht beim Herumlungern, die Fliegen legen Eier ans Laub und die Larven minieren in den Blättern.

Hier handelt es sich um die Bärlauch-Erzschwebfliege (Cheilosia fasciata). Vielleicht wird die Fliege vom Klimawandel gefördert, wer weiß. Sie ist nicht so hübsch bunt geringelt wie manch andere Schwebfliege und kümmert sich ganz offensichtlich auch nicht um Blattläuse.





Das Wirken der Larven sieht nicht schön aus, und der Bärlauch blüht auch schlecht, wenn er so von innen aufgefressen wird. Dafür bleibt er dadurch aber auch von professionellen (und damit illegalen) Sammlern und übereifrigen Hobbyköchen verschont, die dem stinkenden Freund in letzter Zeit sehr zusetzen, weil er so in Mode gekommen ist. Da hat er also die Wahl zwischen Pest und Cholera.




Den Weg in den Garten hat die Fliege aber noch nicht gefunden, zum Glück. Und so bin ich jedes Jahr wieder heilfroh, dass ich einen kostenlosen, riesigen Vorrat Bärlauch hinter der Terrassentür plündern kann, ohne die Naturstandorte auszubeuten - und ohne Beifang in Form von Fliegenlarven...