Samstag, 17. Oktober 2020

Gut gestiefelt

Die Engländer sind ja schon schlau, was das Gärtnern angeht. Und man merkt auch sofort, dass das Gärtnern nicht im Reihenhaus, sondern in einem Cottage oder gar auf einem herrschaftlichen Anwesen entdeckt wurde, schließlich beweist dies die unglaublich clevere Erfindung des "Mud Rooms". Dieser praktische Raum ist so eine Art Schmutzschleuse zwischen Garten und Haus und glänzt durch das völlige Fehlen von Teppichen oder kunstvollen Tapeten, denn hier darf man seine Gummistiefel nach der Gartenarbeit abstreifen, ohne dass das ganze Haus mit Erdklumpen vollgekleckst wird. Wenn man möchte, kann man die Stiefel dort auch waschen.

Ich habe keinen "Mud Room". Wenn ich aus dem Garten komme, lande ich direkt im Wohnzimmer. Dort kann man keinen Matsch gebrauchen. Also muss ich mir mühsam auf einem Bein hüpfend vor der Terrassentür irgendwie die Gummistiefel von den Füßen pellen (haben die Briten eigentlich auch den Stiefelknecht erfunden?), um sie ganz vorsichtig zur Spüle in der Küche zu tragen. Dort schrubbe ich sie dann mit einer Bürste, um den gröbsten Dreck abzubekommen. Ebenfalls von den Schuhsohlen abzuwaschen sind die beim Durch-den-Garten-Laufen gründlich zermatschten Zieräpfel Marke Apfelmus, mit denen der 'Golden Hornet' dieses Jahr um sich schmeißt, als gäb's kein Morgen mehr. Der Rasen sieht nach der Gartenarbeit auch aus, als wäre er eine Apfelsaftpresse, aber den schrubbe ich nicht.

Nachdem ich mit Stiefelputzen fertig bin, fällt mir dann regelmäßig auf, dass die weißen Fliesen in der Küche jetzt mit schwarzen Spritzern dekoriert sind. Aber schwarze Fliesen sind auch keine Lösung. Also zusätzlich zum Stiefelschrubben heißt es jetzt auch noch Kücheputzen. Da überlegt man sich gleich dreimal, ob man zur Gartenarbeit überhaupt Stiefel braucht.

 


Wer aber einmal beim Rosenschneiden einen Stachel in der Jeans und damit auch im Schienbein stecken hatte, der weiß die Kautschukpellen doch zu schätzen und wird danach noch lieber zum gestiefelten Gärtner. Die Stiefel verhindern wirksam dreckige Socken und nasse Füße. Auch gegen Zecken helfen sie sehr gut, da man die Hosenbeine als Eintrittspforte gut versteckt hat gegen die kleinen, gefährlichen Trojaner, die so gerne Viren oder Bakterien transportieren.

 

Sollten Gummistiefel einmal undicht werden, lassen sie sich noch bepflanzen.

Foto von http://adora-blog.blogspot.com, eingereicht beim Fotowettbewerb Günstig Gärtnern 2014

 

Eigentlich halten gute, qualitativ hochwertige Gummistiefel allerdings ein Gärtnerleben lang, meine werden bald 30 Jahre alt. Das schaffen sie aber nur, wenn man sie nicht wochenlang auf der Terrasse vor sich in siechen lässt, sondern sie nach der Arbeit reinigt und dann dunkel und frostfrei lagert. Im "Mud Room" zum Beispiel. Wenn man nur einen hätte. Die Briten sind wirklich schlau...

Samstag, 10. Oktober 2020

Plant Love

Auch Gartenbücher haben Jahreszeiten. Während man im Winter gern in Gartenreiseführern oder Bildbänden blättert, die den Blick nach draußen in den kahlen Garten ersetzen, sind es im Herbst und Winter auch Bücher über Zimmerpflanzen. Denn nun sieht man seine grünen Mitbewohner wieder öfter, zusammen genießen wir die gleichbleibenden Temperaturen im Haus. Und auch jetzt im Herbst fällt auf, wo eine Zimmerpflanze fehlt. Doch welche Art wird mit dem neuen Standort klarkommen? Ist es dort zu dunkel, zu zugig oder nicht luftfeucht genug?

Eine, die sich damit auskennt, ist Alys Fowler. Ihr neues Buch "Plant Love: Die perfekte Zimmerpflanze für jede Ecke" ist jetzt ins Deutsche übersetzt worden und im Ulmer-Verlag erschienen (Anmerkung: Alle Fotos in diesem Beitrag sind nicht aus dem Buch):

Was das Buch besonders sympathisch macht: Alys sagt gleich klipp und klar, dass unser Zusammenleben mit Zimmerplanzen keine symbiotische Beziehung ist: "Sind wir doch mal ehrlich: Ihre Pflanzen möchten nicht wirklich bei Ihnen leben. [...] Sie hätten gern ein Zuhause, aber eben nicht bei Ihnen."

Der Gang in den Baumarkt ist also nicht gleichzusetzen mit dem Besuch eines Tierheims. Auch wird die Problematik von Pestiziden und Torf angesprochen, die man mitkauft, ob man will oder nicht. Nachhaltige Zimmerpflanzen sind selten und kaum nachgefragt. Alys weist darauf hin, dass man ruhig dagegen protestieren soll und das Thema auch im Gartencenter ansprechen sollte, damit sich etwas ändert.

 

Und damit man eine Pflanze wenigstens nur einmal kaufen muss - oder eben gar nicht, weil man sie von Freunden kostenlos als Ableger bekommt - handeln die ersten Kapitel davon, wo der richtige Standort ist, wieviel man düngen und wässern sollte, wie und wann man umtopft und natürlich auch, welche Arten sich ganz leicht vermehren lassen. So hat man sich am Ende wirklich den Gang in den Baumarkt gespart - und auch Pestizide und Torf können bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Den größten Teil des Buchs nehmen die Pflanzenportraits ein, vom Kaktus über Farne bis zur Zamiokulkas ist alles dabei, selbst fleischfressende Pflanzen werden vorgestellt. Praktischerweise sind die Arten nach Standort sortiert von Sonne bis Schatten.

 

Noch etwas macht das Buch sympathisch: Andere Zimmerpflanzenbücher zeigen schicke Arrangements, die nur auf Aesthetik und Instagram-Tauglichkeit gebürstet wurden, ohne die Bedürfnisse der Pflanzen oder des Besitzers zu beachten. Gern steht der Kaktus dann direkt neben der Spüle - wie unpraktisch, da nimmt man doch dann lieber die Spülmaschine. Bei Alys sind die Pflanzen aber realistisch fotografiert.

Ich habe nach der Lektüre eine neue Flause im Kopf, denn ich hätte jetzt so gerne den Bärenfußfarn (Humata tyermannii), weil er so pelzige Rhizome hat - eine tolle Zimmerpflanze zum Kuscheln (und auch hier muss man leider wieder sagen: Die Pflanze möchte nicht gekuschelt werden, sie ist eben keine Katze). Leider findet man diese Art (im Englischen Bear's Foot Fern) unter dem im Buch angegebenen deutschen Namen nicht, hier firmiert sie unter Tarantel-Farn, Vogelspinnen-Farn oder einfach Spinnenfarn - und das ist auch viel treffender, denn die Rhizome sehen wirklich aus wie Vogelspinnenbeine - also doch lieber nichts zum Kuscheln?

 

Mit gefällt das Buch, es ist unterhaltsam geschrieben, enthält die ein oder andere Anekdote zu den Zimmerpflanzen und lässt sie als das erscheinen, was sie sind: Völlig von uns abhängig, aber für uns doch so wohltuend. Und mit den Tipps aus dem Buch sind die Zimmerpflanzen vielleicht doch ein bisschen gern bei uns...

Samstag, 3. Oktober 2020

Papptöpfe - innovativ oder idiotisch?

Pappe statt Plastik, dieses Prinzip wird mittlerweile immer öfter eingesetzt. Papier ist im Gegensatz zu Plastik kompostierbar, doch ist es auch nicht so unschuldig, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Zwar ist Holz ein nachwachsender Rohstoff, kommt aber zu oft aus illegalen Quellen, wo wertvolle alte Wälder für die Papiergewinnung gerodet werden. Ein schwarzer Plastiktopf wiederum kann wegen seiner Farbe nicht recycelt werden und findet sich am Ende in der Müllverbrennungsanlage wieder, zusammen mit dem ganzen Restmüll.

 


Besser als neues Papier ist Altpapier, für das immerhin kein Baum gefällt werden musste. Mittlerweile gibt es nicht nur kompostierbare Pflanztöpfe für die Pflanzenkinderstube, also die Anzucht der Sämlinge bis zum Einpflanzen, sondern auch welche für den ganzen Sommer. Sie sind groß und bestehen aus dickem, braunem Altpapier. Ein bisschen rustikal sehen sie aus, wie aus einem Klotz Papiermatsch herausgemeißelt.

Doch taugen diese Naturburschen unter den Pflanztöpfen wirklich zum Aufstellen auf der Terrasse, um den ganzen Sommer etwa das Basilikum zu beherbergen? Ich habe es ausprobiert und mir auf der IPM in Essen (Internationale Pflanzenmesse) einen mitgebracht und im April Thymian darin ausgesät:

Der Hersteller schreibt, dieser Topf dürfe ruhig nass werden, trockne dann wieder und werde dabei wieder fest. Man müsse also keine Angst haben, nach dem Gießen oder nach einem Regenschauer ein nasses Häufchen Papierbrei auf der Terrasse vorzufinden.

Damit der Topf nicht untenrum beim Weichwerden auf dem Terrassentisch anpappt, habe ich ihn zur Sicherheit doch auf einen Untersatz gestellt. Im Mai sah auch noch alles ganz gut aus, der Thymian war gekeimt, der Topf noch gut aussehend:


 

Dann hat allerdings das Eichhörnchen Gefallen an diesem Topf aus Naturmaterialien gefunden, er passte ja auch farblich so gut zu seinem Fell und auch haptisch war er vielleicht ganz passend für das Nagetier. Jedenfalls hat es die Thymianansaat sabotiert und erst eine Walnuss im Topf vergraben, später dann wieder heraus geholt. Der Thymian war jedes Mal aufs Neue zerstört, sodass es nichts wurde mit prächtigem Küchenkraut, denn obwohl ich die Sämlinge immer wieder zusammengeflickt hatte, haben Schnecken ihnen am Ende den Rest gegeben.

 


Der Topf vor und nach der zweiten Gärtneraktion des Hörnchens im Juli:


Später säten sich Akeleien im Topf aus. Doch wie gut schlägt sich der Topf? Viel geregnet hat es im Frühling und Sommer ja nicht, sodass er nicht oft Gelegenheit hatte, durchzuweichen. Seine Form hält er bis heute tadellos. Attacken spitzer Meisenschnäbel, die den Rand aufgehackt haben, hat er auch standgehalten.

Das hier ist der Topf im August:


Die Außenseite jedoch sieht mittlerweile nicht mehr so appetitlich aus. Bei Pilzen steht Altpapier auf der Nahrungskette ganz weit oben, ist leichter zu verdauen als kompaktes Holz und daher ein beliebtes Ziel für einen Verdauungsangriff. Und so hat der Topf jetzt schwarze Flecken und sieht insgesamt eher ungesund aus, als hätte er den Schwarzen Tod.

Mein Fazit: Mehrere Monate sieht der Topf tadellos aus, aber irgendwann wirkt er doch etwas verlottert und man möchte ihn nicht die ganze Saison über ohne Übertopf stehen haben, besonders dann nicht, wenn mäkeliger Besuch kommt. Ein guter alter Tontopf ist daher immer noch die beste Möglichkeit, Plastik zu vermeiden, und hält sogar mehrere Jahre durch.

Samstag, 26. September 2020

Das Lexikon der vermissten Gärtnerbegriffe (und Buchvorstellung)

Kennt ihr das Buch "Der tiefere Sinn des Labenz: Das Wörterbuch der bisher unbenannten Gegenstände und Gefühle"? Darin werden Ortsnamen umgemünzt in Begriffe, die schon lange im Wörterbuch gefehlt haben. Und geht es uns Gärtnern nicht auch immer so, dass wir eine neue Wortschöpfung bräuchten, um ein Missgeschick oder ein Gefühl, das wir bei der Gartenarbeit erleben, auszudrücken, ohne einen ganzen Roman für seine Beschreibung aufsetzen zu müssen? Das endet meistens in einer kapitalen Wortfindungsstörung, weil es dieses Wort einfach nicht gibt. Das ist doch ganz und gar ärgerlich!

Hier daher ein kleiner Versuch, neue Wörter für die Gartenarbeit zu finden - alle sind ursprünglich Ortsnamen, die ich umgemünzt habe in gärtnerische Begriffe:

  • Atsch: Das Geräusch, das ein Ast macht, der uns mit Schmackes ins Gesicht schlägt bei dem Versuch, ihn abzuschneiden oder festzubinden. 
  • Bräunrode: Ein Gehölz so stark zurückschneiden, dass es nicht mehr oder nur noch spärlich austreibt und früher oder später abstirbt.  


 

  • Bruchsal: Auf die Mühsal beim Herausziehen der Ranken von Zaun-Winde oder Wildem Wein aus den Rosen oder anderen Sträuchern folgt auf den Fuß die Bruchsal: Ein Ast bricht garantiert dabei ab und wir ärgern uns eine Woche schwarz. Passiert mir ständig beim Versuch, eine Ranke vom Wilden Wein aus dem Pfaffenhütchen zu zerren.


 

  • Dürrholz: Völlig verrockneter Strauch, dessen Zustand entweder auf Wühlmäuse zurückgeht oder der immerwährenden Hitze ohne Regen geschuldet ist oder beidem. 
  • Kaköhl: Wenn man morgens nichtsahnend in den Garten geht und das Beet mit der Sommerblumenansaat nur noch aus einem nicht völlig verscharrten, noch frischen Katzenkothaufen besteht.
  • Kiesbert: Der Nachbar, der seinen Vorgarten in eine Steinwüste bar jeder Bepflanzung umgewandelt oder höchstens mit einem dahinsiechenden Buchsbaum garniert hat.
  • Kleenerich: Dieser eine Sämling, der mickrig und viel zu schwach ist, den wir aber trotzdem hingebungsvoll päppeln, weil wir die Aussaat insgesamt vergeigt haben → Kaköhl → Schmölz
  • Klein Wanzleben: Die eine Stelle im Garten, wo sich die Feuerwanzen zur Vollversammlung treffen. 


 

  • Mürmeln: Das ganz leise, kaum hörbare Vor-sich-Hinmurmeln im Gartencenter, um sich selbst per Gesprächstherapie davon zu überzeugen, dass man keinen Platz hat für auch nur eine weitere Staude. Sorgt meistens für irritierte Blicke bei den anderen Kunden.
  • Niederkleen: Das stundenlange Hocken in gebückter Haltung auf dem Rasen, um den Weißklee herauszuklauben, was nicht selten in einem ausgewachsenen Muskelkater und einer Verspannung endet.


 

  • Neusorg: Eine neue Pflanze ist eingezogen und wirft plötzlich Fragen auf, wie die der Überwinterung, weil man im Übereifer ignoriert hat, dass sie nicht völlig frosthart ist. Oder man hat eine solche Pflanze geschenkt bekommen und muss sich jetzt kümmern.


 

  • Schadewohl: Dieses unglaubliche Gefühl von Ärger und Selbsthass, wenn man den falschen Ast abgeschnitten hat, nämlich den einzig lebenden unter zig toten oder den der wertvollen immergrünen Clematis zwischen den alten Wickentrieben.
  • Schmölz: Das Dahinschmelzen (meist über Nacht) einer mühsam selbst herangezogenen Pflanze unter dem Ansturm von Schnecken. Man könnte auch sagen: Die Verwandlung einer Pflanze in eine Schleimspur.



 

  • Schrick: Der kleine, aber am Ende erfreuliche Schreck, den man bekommt, wenn beim Unkrautzupfen im Beet plötzlich etwas wegspringt, das sich am Ende als Frosch entpuppt.


 

  • Trügleben: Der Zustand eines Gehölzes, das im Frühjahr die Blätter verweigert, aber noch ein bisschen grün aussieht, wenn man an der Rind kratzt, obwohl es längst tot ist.
  • Wiebelsaat: Samenkörner, die so klein sind, dass sie beim kleinsten Windhauch zum Nachbarn hinüberfliegen und daher eine Qual beim Aussäen sind.
  • Zwischenwasser: Ein schnelles Blumengießen zwischen Frühstück und Zur-Arbeit-Gehen, um bei großer Hitze die Kübelpflanzen vor dem sicheren Tod zu bewahren und bis zum Abend halbwegs frisch zu halten

 

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...und nun zu etwas völlig anderem: Weil ich lernen wollte, wie man aus Brennnesseln Fasern gewinnt und wie das mit dem Märchen "Die sieben Schwäne" noch mal war, habe ich "Das Brennnessel-Buch" von Mechtilde Frintrup aus dem at-Verlag gelesen.

 



Der magische Teil (Signatur, das Pflanzenwesen, "das dritte Auge erwecken") war zwar nichts für mich, doch im praktischen Teil habe ich viele interessante Anwendungen gelernt, von tollen Rezepten über Pflanzenfarbe bis hin zum Spinnen der Fasern. Frau Frintrup ist auf diesem Gebiet Expertin und hat schon selbst Kleidungsstücke angefertigt. 

Wie man wann aus der Pflanze grobe und feine Fasern gewinnt, um einen Faden zu spinnen oder Seile herstellt, wird gut in Wort und Bild erklärt. Ich habe erfahren, dass die Kunst der Textilherstellung aus Brennnesseln auch heute noch Anwendung findet, sogar extra dafür Sorten gezüchtet werden und man Kleidung aus Brennnesselgewebe kaufen kann. Meistens wird jedoch die verwandte Ramie (Boehmeria nivea) verwendet, die neuerdings immer mehr als Gartenstaude gepflanzt wird - da ergeben sich doch ganz neue Anwendungsfälle und rückt sowohl Ramie als auch Brennnessel im Garten in ein ganz neues Licht!

Über die Ramie als Gartenstaude hat Katrin Lugerbauer schon öfter berichtet. Sieht die Pflanze nicht klasse aus?

Gut, dass im Brennnessel-Buch auf den Nutzen für Schmetterlinge hingewiesen wird. Auch das Märchen "Die wilden Schwäne" ist mir jetzt wieder präsent!

Wer mehr über dieses eigentlich verhasste Unkraut wissen möchte, ist mit dem Buch gut beraten. Ich werde im Winter tatsächlich versuchen, daraus Fasern zur Verwendung als Gartenschnur zu gewinnen!


Samstag, 19. September 2020

Der Garten im Hochsommer

Wenn ein Garten eines kann, dann ist es zu überraschen. Immer wieder aufs Neue. Da denkt man, man kennt seine winzige Parzelle in und auswendig, aber Pustekuchen. Jedes Jahr bietet der Garten einige Innovationen, ob man die mag oder nicht.

Dieses Jahr war das Jahr des Malvenrosts. Dieser blöde Pilz lässt Malvenblätter aussehen, als hätten sie die Pest oder die Masern, jedenfalls sieht es erst unschön aus und dann vertrocknen die befallenen Blätter. 

Anfang Juli war noch alles wie immer, alles rosig, dann trat Agent Orange auf den Plan und schnell spielte die Malve Chamäleon und wurde orange und braun. 




Den Rostpilz hatten die Malven jedes Jahr und so dachte ich auch diesmal, wird schon werden. Wurde es aber nicht. Die Stockrose ist eingegangen und auch einige Moschusmalven. Die Buschmalve ist jetzt sehr durchsichtig, treibt zum Glück wenigstens an manchen Stellen wieder aus.


Ich habe aber auch irgendwann versucht, gegen den Malvenrost mit deinem 70er-Jahre-Orange eine Nulltoleranzpolitik zu betreiben. Dazu war ich extra im Gartenfachgeschäft und habe mir alle Fläschchen zeigen lassen, die da waren. Manche Präparate waren gefährlich für Wasserorganismen, andere sollte man nicht einatmen und nach der Behandlung die Kleidung wechseln. Oder war es verbrennen? Die schieden schon mal alle aus. Am Ende ist es ein kleines harmloses Präparat ohne Warnhinweise aber mit Pflanzenstärkungsmitteln und ein bisschen Schwefel geworden, denn Schwefel mögen blattbewohnende Pilze nicht.

Ob es an der unermüdlichen Behandlungsaktion mit dem Stinkenebel lag oder Zufall war? Jedenfalls haben zumindest die Buschmalve und der selbstgesäte Eibisch überlebt.

Die Äpfel vom Säulenapfel 'Arbat' sind dieses Jahr recht viele, aber viel zu viele bekommen ebenfalls einen Pilz (Frucht-Monilia), werden braun und fallen noch nicht mal ab, damit sie noch mehr Äpfel anstecken können:


Andere Überraschungen sind weniger schlimm. Das Herzgespann sät sich plötzlich aus und zwar in einer Weise, die man schon als aggressiv bezeichnen kann. Hat es vorher nie getan, nur ganz leise und zaghaft. Jetzt ist es überall und wächst innerhalb von einer Saison zu einer blühfähigen Pflanze heran.


Dafür fand ich in einer raffinierten Blatttasche eine Raupe an diesem neuen Herzgespann, das sich so einnehmend auf dem Rasen herumräkelt, als wäre es schon immer hier zuhause gewesen.



Sie stellte sich auf Nachfrage im Lepiforum als Brennnessel-Zünsler heraus und ich hatte eine bischer nicht dokumentierte Futterpflanze gefunden.

Die Hängepolster-Glockenblume wächst aus allen Löchern des Durchschlags heraus, das ist ebenfalls eine schöne Überraschung:


Die Kapuzinerkresse wurde im August schon recht mickrig, aber kaum dreht man ihr den Rücken zu und macht Urlaub, dreht sie plötzlich wieder richtig auf:


Gab es bei euch dieses Jahr auch Überraschungen im Garten?



Samstag, 12. September 2020

Die Demokratisierung des Gemüses

Die Demokratisierung des Gemüses, sprich: Gärtnern für alle in der Stadt und ganz ohne Zäune und Wachschutz, geht das? Kommt drauf an. In Städten oder Stadtvierteln, in denen Vandalismus stärker wuchert als Giersch, Zaunwinde und Knöterich zusammen, wird es sicher anstrengend. Selten wird man eine besondere Tomatensorte dazu gepflanzt bekommen, eher verschwindet eine besondere Tomate in fremden Mägen. Wenn das mühsam gezogene Gemüse also von Leuten geklaut wird, die sich nie drum gekümmert haben, oder die schönen Hochbeete auf dem öffentlichen Platz von Graffiti statt Blumen geschmückt werden, kann einem die Lust am Grün für alle, die keinen eigenen Garten haben, sicher schnell vergehen.

Alles vergebliche Liebesmüh also mit dem demokratisierten Gemüse? In manchen Städten scheint es doch zu klappen. In Coburg, Bayern, kann man zunächst einen Garten mit Blumen und rotem Grünkohl bewundern, der aber hinter Gittern verschlossen liegt und nicht betreten werden kann. Kunststück also, dass der Kohl noch da ist?



Ohne Zaun stehen diese Kübel herum, gänzlich grafittifrei und ohne eine einzige Einwegflasche zwischen den Blumen:


 

Dahinter die Treppe hinauf gibt es aber schöne Hochbeete aus Cortenstahl, der immer vor Rost so schön errötet, während man selbst bei diesem edlen Hochbeet ganz blass vor Neid wird. Bepflanzt ist es mit Salbei, Erdbeeren, Ringelblumen, Zucchii, Kapuzinerkresse und Duftverbene als kleiner Lufterfrischer für zwischendurch.




 Dahinter steht noch ein ausgeklügelter Erdbeerturm.


Das alles wird betreut vom Grünflächenamt und kommt gut gewässert, aber ohne Grafitti oder Vermüllung daher. Was hat Coburg, das andere Städte nicht haben?

Auch nett ist der "Stinknormale Stadtgarten" in Rathenow, Brandenburg. Hier findet man ebenfalls keinen Stein des Anstoßes. Der Park, in dem der Gemüsegarten liegt, gehört zum ehemaligen Gelände der Bundesgartenschau 2015 in Rathenow und hat daher einen Zaun drum herum, der vielleicht auch nachts ganz geschlossen wird.

 

Hier gibt es eine gigantische Feuerbohne in einem Ziegelsteinbeet.

 


Obstspaliere von Apfel bis Kirsche rahmen die Beete kunstvoll ein. Ein Riegel Spalierobst zeigt sogar Herz. Was so akkurat gezogen wurde, stammt ganz sicher noch aus BUGA-Zeiten.






Ganz so stinknormal ist dieser Stadtgarten also doch nicht...

Wie ist es in eurer Stadt? Gibt es öffentliche Gemüsegärten und wenn ja, wie klappt es damit?