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Samstag, 25. Oktober 2025

Auslegeware

Ich gebe zu, dass ich von Teppichen auf der Terrasse oder im Garten nicht allzu viel halte. Dann müsste ich ja draußen auch staubsaugen, von dreckigen Katzenpfoten mal ganz zu schweigen. Oder die Outdoor-Textilien würden womöglich Mikroplastik in der Gegend verteilen. Auch blöd.

Nun habe ich aber doch Auslegeware im Garten, die die Terrasse in zünftigen 70ies-Farben einkleidet, und zwar in grün mit ganz viel orange. Die ist immerhin biologisch abbaubar, essbar und beim ersten Frost spätestens Matsche, und zwar derart, dass selbst ein Staubsauger machtlos wäre: Die Rede ist von der Kapuzinerkresse, die ich sehr spät im Sommer gesät hatte, und es waren sogar schon recht alte Samen.




Je oller, je doller, das ist das Motto von Tropaeolum majus.

Der Anfang ist einfach: Man muss nur Samen in Erde stecken und schauen, dass sie nicht austrocknen. Sie keimen ganz leicht und willig.

Bei genügend Nährstoffen in der Topferde ergießt sich die Einjährige aus Südamerika dann später wie ein rankender Wasserfall aus dem Kübel heraus und schmeißt sich an alles ran, was sie erreichen kann mit ihren saftigen Ranken. Die großen runden Blätter mit dem Zentralgestirn in der Mitte, aus dem wie Strahlen die Blattnerven abzweigen, sind essbar, schmecken scharf nach Senfölen und sollen als pflanzliches Antibiotikum wirken.

Die großen Samen, die meistens als Dreigestirn heranwachsen, lassen sich reichlich ernten, trocknen und im nächsten Jahr wieder aussäen. Oder im übernächsten, sie sind sehr langlebig.


Dieses Mal war ich verblüfft, dass ich mehrere grasgrüne Pflanzen aus den selbst gezogenen Samen bekommen habe und eine mit panaschiertem Laub.

Es gibt auch Sorten mit anderen Blütenfarben, die nicht ganz so 70ies-mäßig daherkommen.

Wüchsiger als die panaschierte ist bei mir die Kapuinerkresse mit den normalen, grünen Blättern. Die wächst sich wirklich die Seele aus dem Leib. An ihr hat auch der Kleine Kohlweißling Eier abgelegt, die aber wohl nie geschlüpft sind. Ich habe da den Unbeständigen Schmalhans im Verdacht, eine kleine Wanze, die ihre Zelt in all meinen Kübeln aufgeschlagen hat.

Im Botanischen Garten hatte es beim Großen Kohlweißling besser geklappt mit der Kapuzinerkresse, die dort im Heilpflanzengarten die Auslegeware der Hochbeete mimt:


Man sollte die Blätter wirklich öfter als Gemüse betrachten und in Kräuterquark essen. Jedes Mal nehme ich mir das vor und verpasse es dann doch wieder, bis es zu Frost kommt, und dann taugen sie nur noch als Smoothie, was aber eklig wäre.

Vielleicht klappt es ja diesmal. Samen für's nächste Jahr habe ich jedenfalls schon gesammelt von dieser feschen Auslegeware, die so einfach zu ziehen ist und immer für gute Laune gut ist.

Samstag, 3. Juli 2021

Ulkige Pflanzen

Dass der Garten uns überraschen kann, ist ja nichts Neues. Das tut er gern und immer wieder. Doch manchmal übertreibt er es ja auch ein wenig. Da spannt er einen erst jahrelang auf die Folter, welche Pflanze da wohl wächst und wie sie blühen wird, wenn wir sie nur stehen lassen, doch wenn die Zeit der feierlichen Enthüllungen gekommen ist, ist man doch ein bisschen enttäscht.

So geschah es bei einer Art Lauch, die sich hinten im Rasen angesiedelt hatte. Erst war er nur grasähnlich und so wurde er in der Anfangszeit öfter abgemäht, als ihm lieb war. Irgendwann war er aber so groß, dass er nicht mehr zu übersehen war. Fortan wurde er vom Rasenmäher verschont, denn sicher blühte er spektakulär? Ich hatte mit Sämlingen von Allium sphaerocephalon gerechnet, aber sicher war ich mir nicht, es gibt ja mehrere Läuche mit dünnem Laub, das aussieht, als hätte man einen Schnittlauch rabiat in die Länge gezogen.

Dieses Jahr sollte das Geheimnis endlich gelüftet werden, es bildeten sich Knospen! Als der Lauch seine Hüllen fallen ließ, war allerdings zu erkennen, dass da etwas nicht stimmte. Statt Blüten zeigten sich winzige Brutzwiebeln, das ganze Gebilde sah aus wie ein Morgenstern, der aber wohl höchstens Vampire in die Flucht geschlagen hätte.





Doch es gibt Hoffnung: Ein paar Blüten wollen mich wohl doch gnädig stimmen und haben einige Alibi-Blütenknospen in ihre vegetative Vermehrungswut eingebaut. Na also, geht doch.




Ich vermute, es handelt sich hier um den Weinbergs-Lauch (Allium vineale), eine Art, die es sich durch ihre Brutzwiebelbildung gründlich mit den Bienen verscherzt, aber immerhin trockenheitstolerant ist. Die Brutzwiebeln können auch direkt an der Mutterpflanze austreiben und wenigstens einen grünen Wuschelkopp produzieren.


Die Brutzwiebeln sollen wie Knoblauch schmecken, doch ist es sicher reichlich mühsam, sie zu pellen. 

Allium vineale ist in ganz Deutschland verbreitet und wächst nicht nur in Weinbergen. Zu seinen Hauptvorkommen gehören Äcker und kurzlebige Unkrautfluren sowie nährstoffreiche Stauden- und ausdauernde Unkrautfluren - dann hat sich wohl in meinem Garten eine ausdauernde Unkrautflur entwickelt? Nicht sehr schmeichelhaft, aber sei's drum.


Seltsame Blüten treibt dieses Jahr auch der Farn, der sich ganz von selbst vor Jahren im Garten eingefunden hat. Er schmückt sich mit fremden Blüten und hat sich eine Rosenblüte aufgesteckt. Ist es nicht kurios, dieses Gruppenbild aus Farn, Rose, Blattschneiderbiene, Geranium nodosum und Wald-Glockenblume?

 


 

Eine andere Pflanze, die mir dieses Jahr Rätsel aufgibt, ist die Kapuzinerkresse. Die ist ja eigentlich nicht ungewöhnlich, aber diesmal haben die im letzten Jahr selbst gesammelten Samen zwei Pflanzen mit panaschierten Blättern ergeben. Die sind unfassbar schick!



 

Mal schauen, wie bei denen die Blüte später aussieht. Ich nehme doch an, dass sie vernünftig blühen werden und nicht wie der Lauch direkt Jungpflanzen produzieren...


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Neulich war übrigens das Gartenradio zu Gast in meinem Garten und hat einen Podcast darüber gemacht, der hörenswert ist. Ich habe von Pflanzen- und Bodenökologe Prof. Matthias Rillig noch viel über Mikroplastik im Boden gelernt und was es mit Regenwürmen macht. Hört mal rein!

Samstag, 5. Dezember 2020

Wie dumm

Jeder von uns hat ja sicher schon einmal Dinge bereut. Das letzte Bier, das doch zu viel war, und am nächsten Morgen für bittere Reue in Form von körperlicher Pein gesorgt hat. Die Aktie, die man sich nicht getraut hat zu kaufen, die kurz darauf aber durch die Decke geschossen ist – man wäre ganz bestimmt jetzt Multimillionär, mindestens.

Auch im Garten gibt es viele Situationen, die Reue hervorrufen können. Hätte man doch wie eigentlich fest vorgenommen die Hecke noch geschnitten, dann hätte sie keinen Schneebruch erlitten. Und warum hat man bloß nicht richtig hingeschaut beim Staudenschnitt, was die Schere da genau zwischen den Zähnen hat und ob es nicht vielleicht der einzige Trieb der ohnehin schon mickrigen Clematis ist?

Da wünscht man sich dann eine Zeitmaschine. Die ist nur noch schwerer zu bekommen als eine neue Clematis. 

Am Sonntag hatte ich auch wieder mal so einen Moment der Reue. Am Samstag habe ich bei trübem Wetter vor dem ankündigten Nachtfrost nämlich noch die Terrasse winterfest gemacht. Der Glücksklee hat sein Exil auf dem Dachboden bezogen. Alle Übertöpfe wurden geleert und trocken eingelagert. Die Knollen der Stern-Gladiolen habe ich ausgegraben, sie sind im Haus untergekommen. Die Bewässerungstonkegel mussten aus der Erde, damit sie bei Frost nicht gesprengt werden.


 

Soweit, so gut. Doch warum zum Teufelszwirn habe ich denn die Kapuzinerkresse nicht noch abgeerntet? Die Blätter hätte man noch für den Kräuterquark nehmen können, die Blüten hätten in der Gemüsesuppe schön einen Freischwimmer gemacht.


 


 

Insgeheim habe ich wohl gedacht, die bisher unzerstörbare Pflanze wird auch die kommende Nacht noch mal überleben, wie sie bisher alle kalten Nächte überlebt hat, wo doch ihre Kollegin draußen im Bauerngarten weit ab vom Stadtklima schon vor Wochen hinüber war:

 

Und nun ist meine auch nur noch grüne Matsche mit ein paar eingestreuten orangefarbenen Klumpen, die niemand mehr in den Kräuterquark oder die Suppe werfen möchte, obwohl sie jetzt dieselbe Konsistenz hätten. Die kraftlosen Strünke, die jetzt nicht mehr wie Gemüse aussehen, sondern eher wie Gemüsebrühe, werfe ich nur noch auf den Kompost.

 


 

Ob ich das nächste Mal schlauer bin oder wieder an die Superkräfte von Tropaeolum majus glaube? Man wird sehen, nächstes Jahr wird sich zeigen, wie lernfähig ich bin.

Werden Zeitmaschinen eigentlich auch nach Hause geliefert?

Samstag, 21. Juli 2018

Eine Raupengeschichte

Es ist das Jahr des Kohlweißlings. So viele wie diesen Sommer gab es in den vergangenen Jahren nicht. Vielleicht ist ihnen das trockene, warme Frühjahr gut bekommen. Obwohl Tagfalter anerkanntermaßen Everybody's Darling unter den Insekten sind, haben Kohlweißlinge ein Imageproblem. Während andere Schmetterlinge in einem Technicolor-Design daherflattern und allerorten Beifall und Bewunderung ernten, sind die Weißlinge immer noch in Schwarz-Weiß unterwegs und keiner findet das irgendwie retro, sondern sie sind vielen Leuten einfach nicht bunt genug. Hinzu kommt ihr Appetit auf Kulturpflanzen wie Kohl, Kohlrabi und auch mal Salatrauke.


Dabei ist der Große Kohlweißling ein wahres Prachtstück, kontrastreich weiß gefärbt mit schwarzem Dekor als Akzent am Rande. Die Weibchen punkten als kleines Extra auch noch mit schwarzen Flecken auf den Flügeln. Schon immer wollte ich den Lebensweg vom Ei zum Falter fotografisch dokumentieren, sowas würde gut in ein Buch über Tiere passen.


Vor ein paar Wochen schien der Pulitzer-Preis zum Greifen nah (haha): Ein Weibchen vom Großen Kohlweißling hatte die Kapuzinerkresse auf der Terrasse gefunden und sorgfältig zwei wohlgeordnete Gelege unter die Blätter geklebt.


Tolle Sache, das Eistadium war schon mal dokumentiert. Aber wie sollte es weitergehen? Die Kapuzinerkresse war nicht gerade meterlang, eher schmächtig und würde bald unter dem Massenansturm hungriger Mäuler verschwunden sein, ohne dass die Raupen auch nur ansatzweise verpuppungsfähig wären.

Diese Kapuzinerkresse hier in einem anderen Garten ist viel größer und hat erfolgreich Raupen großgezogen - sowas wollte ich auch:



Also bin ich zur Rettung des Raupenprojekts ins Gartencenter geradelt und wollte Kohlpflanzen kaufen. Falsche Jahreszeit. Paprikapflanzen werden gerade verramscht, aber Kohl gibt es im Juli nicht mehr. Da wäre aber noch die Gemüseabteilung im Supermarkt. Also habe ich als Notlösung zwei Kohlrabi gekauft. Ich war die einzige, die die Blätter nicht direkt im Laden abgerissen hat.

Zuhause habe ich die fette Beute in Töpfe gepflanzt. Wenn man aus einem Scheibchen Kohlrabi wieder eine neue Pflanze ziehen kann, würden ganze Früchte vielleicht auch anwachsen und weiterleben? Es wachsen zumindest oben immer neue Blätter nach, auch nach zwei Wochen noch.


Dann waren die Räupchen auch schon geschlüpft und hatten als erste Amtshandlung die Eihüllen gefressen, danach ein bisschen Kapuzinerkresse. Das nächste Foto war im Kasten.


Jeden Tag habe ich nach den Larven geschaut, um bloß kein Stadium zu verpassen. Doch irgendwann waren sie nicht mehr da. Wo das Rudel gesessen hatte, klaffte ein Loch im Blatt, das verdächtig angeschleimt aussah. Und tatsächlich, in der Nähe hockte eine dicke Nacktschnecke und wirkte sichtlich wohlgenährt. Sie hatte offenbar Gefallen an den proteinreichen Laubfragmenten gefunden. Nur noch zwei Überlebende des Massakers gab es nun. Die Schnecke gehörte nicht lange dazu, so sauer war ich.

Auch die letzten zwei Raupen waren irgendwann nicht mehr auffindbar. Als ich sie das letzte Mal gesehen hatte, trieb sich eine Springspinne in der Nähe rum. Schädlinge erleiden also auch oft genug Schaden, bevor sie überhaupt selbst welchen anrichten können.

Nun sind mir also die Fotomotive ausgegangen, dafür habe ich nun zwei Töpfe mit angewelkten Kohlrabipflanzen. Für die hat sich mittlerweile der Kleine Kohlweißling interessiert und Eier gelegt. Dokumentiere ich eben den. Hauptsache, jetzt geht nichts mehr schief...



Und wer noch Paprikapflanzen braucht: Im Gartencenter gibt es sie gerade zum halben Preis...

Dienstag, 1. Januar 2013

Die heimlichen Stars 2012

Ein neues Jahr fängt an und es ist Zeit für den obligatorischen Rückblick. Dieses Mal möchte ich aber nicht meine eigenen mehr oder minder guten Vorsätze aufschreiben und schon gar nicht den Erfolg der letztjährigen kritisch überprüfen (ihr wisst ja, wie das ist), sondern mal wieder die Prominenz im Reihenhausgarten zu Wort kommen lassen. Diese VIPs, über die ich mich 2012 gefreut habe, sollen heute inklusive Paparazzi-Fotos vorgestellt werden. Wie sich sicher jeder denken kann, ist die Prominenz hier allerdings rein pflanzlicher Natur, das macht auch das Zeigen von Oben-Ohne-Fotos einfacher.

Und so machen wir heute zur Abwechslung mal eine kleine Oscarverleihung - Vorhang auf!

Da wäre zum einen die spontane Spornblume (Centranthus ruber), die ganz ohne Erde und freiwillig in der Traufrinne an der Hauswand wächst, womit sie sich gleich noch den Tapferkeitsorden des Jahres verdient hat. Ich hatte letzten Winter schon darüber berichtet, aber dann kam ja noch der zweistellige Kahlfrost. Überlebt hat nur das Exemplar, das ich noch rechtzeitig mit Tannenreisig in Deckung gebracht hatte. Alsdann hieß es, die Staude vor feindlichen Übergriffen zu schützen, denn ein bisschen illegal war ihr Platz ja schon, und so war sie auch einigen Ordnungsfanatikern ein Sporn im Auge. Aber ich habe mich stets tapfer dazwischen geworfen, so dass ich im Sommer in den Genuss ihrer Blütenpracht kam. Wenn man genau hinschaut, sind ihre Flugsamen sogar ein bisschen golden - sie veranstaltet ihre eigene kleine Preisverleihung.


Mittlerweile hat sie damit reichlich Nachwuchs in den umliegenden Pflasterfugen verteilt - sie erhält damit auch noch den Oscar für die beste Nebenrolle (wenn auch etwas neben der Spur).

Meine langjährige Hausmarke, die immer wieder aus selbst gesammelten Samen vermehrte Kapuzinerkresse, hat letztes Jahr beschlossen, sich zur Abwechslung einmal dezenter zu kleiden. Statt wie jede Saison davor in knalligem Orange die Diva zu spielen und jede Party zu sprengen, nun wieder in zartem Apricot. Eindeutig der Oscar für das beste Kostüm, und noch ein Grund mehr, seine eigenen Pflanzen nach Samen abzusuchen statt immer neue zu kaufen:


Mein langjähriger Regieassistent, der gute alte Korallenstrauch (Solanum  pseudocapsicum), schlug auch 2012 wieder alle Rekorde und ist kein bisschen leise geworden. Blüht und fruchtet, dass es eine Pracht ist, trotz fortgeschrittenen Alters und ohne Schönheitschirurgie! Eindeutig keine Wegwerfpflanze - er erhält damit den Oscar für die besten visuellen Effekte,  Schattenspiel inklusive:


Den Oscar für die beste Hauptrolle erhält das längste Gemüse der Welt, das sich letzte Saison dazu herabgelassen hat, zaghaft zu blühen. Das ist das erste Mal in der Gartengeschichte meines Topinambur-Wildwuchses im Alcatraz-Beet. Immer ein wenig auf der dominanten Seite, muss man doch seiner Wuchskraft Respekt zollen. Weiter so!



Der Oscar für den besten Schnitt geht an die gute alte Katzenminze (Nepeta fassenii), denn es gibt nur wenige Stauden, die so lange blühen, wenn man sie rechtzeitig zurückschneidet, und dabei so anspruchslos sind. Dazu ist sie ein echter Publikumsliebling - bei Bienen und Hummeln genauso wie bei diesem winzigen Purpurzünsler (Pyrausta), der scheinbar Nachwuchs auf der Katzenminze heranziehen wollte:




Ein Frohes Neues Jahr 2013 wünsche ich allen meinen Lesern, ihr bekommt den Oscar für das beste Publikum!

Samstag, 17. September 2011

Von Kresse und Katzen

Als ich 1992 das erste Mal ohne Unterschrift eines Erziehungsberechtigten in der Hauptstadt war, besuchte ich ein vegetarisches Restaurant in Berlin-Kreuzberg. Das Gericht war mit Blüten garniert.
Beides war für mich eine Sensation!
Aus der tiefsten Provinz stammend kannte ich überhaupt keine vegetarischen Gastronomiebetriebe.
Dort, wo ich herkam, konnte selbst die Bestellung eines simplen Salattellers zu einem Wagnis werden - nie enthielt er einfach nur Gemüse, das wäre zu einfach. Nein, irgendwo war immer Kochschinken oder sonstwas versteckt, denn das scheint meistens unter Gewürz zu firmieren und nicht unter Fleisch.

Und hier war nun nicht nur nachweislich kein Fleisch im Essen, sondern auch noch Blumen!
Kapuzinerkresseblüten (Tropaeolum majus), um genau zu sein. Blüten gehörten für mich bis dato an eine Pflanze dran, nicht ans Essen.
Schmeckte aber.
 

Trotzdem bringe ich es bei meiner eigenen Kapuzinerkresse nicht über mich, die Blüten zur Beilage zu erklären.
Von irgendwas müssen die letzten Ackerhummeln das Jahres ja auch leben. Die ernähren sich schließlich hauptberuflich von Blumen.

Ohne Blüten gibt es nun mal keine Samen, die eine Grundversorgung mit Kapuzinerkresse auch im nächsten Jahr sicherstellen können.


Leider ist die robuste Rankblume etwas in Verruf geraten - zu grell sind ihre Farben für die so angesagten, Ton-in-Ton-Bepflanzungen der leisen Töne.


Dabei gibt es auch dezente, fast weiße Auslesen, sogar nahezu schwarze oder apricot-farbene sind erhältlich. Die kosten allerdings auch gleich etwas mehr, während die orangefarbenen Promenadenmischungen für kleines Geld zu haben sind.
Muss man ja auch nur einmal kaufen, danach kann man eigenes Saatgut gewinnen - und vielleicht eine neue Auslese ziehen, die Hausmarke eben.

Die Anzucht ist denkbar einfach. Solange sie genug Freiraum und Sonne hat, gibt es keinen Zickenkrieg.


Auch kulinarisch hat Tropaeolum majus es faustdick hinter den dicken Knospen. Die kann man nämlich wie Kapern verwenden.
Aber das hieße ja wieder Blüten zu essen.
Glücklicherweise kann man stattdessen die jungen Blätter ernten. Kleingeschnitten sind sie genauso zu verwenden wie die altbekannte Gartenkresse. Schmeckt nicht viel anders - der Name Kapuzinerkresse kommt schließlich nicht von ungefähr.

Der Geschmack stammt von den Senfölglykosiden, die auch in Kreuzblütern vorkommen.
Daher interessieren sich auch die Kohlweißlingsraupen sehr für die Pflanze:

Raupe vom Kleinen Kohlweißling
Auch anderen Besuch kann man entdecken:


Leider wird die Kapuzinerkresse gern von Blattläusen geplagt. Als Gewürz kommen die Blätter daher erst in Frage, nachdem die Kavallerie in Form von Marienkäfern und Schwebfliegen Tabula rasa gemacht hat.
Jetzt im Herbst sind die Blätter schön frei von Beifang.

Die gute alte Bauerngartenpflanze sollte viel öfter gepflanzt werden, so hoch sind Zier- und Nutzwert.

Vielleicht kommen nächstes Jahr doch auch mal Blüten ins Essen. Schließlich jährt sich dann mein augenöffnender Berlin-Besuch zum 20. Mal. Und das ist schließlich ein Grund, über die Stränge zu schlagen. Aber ohne Kochschinken.

PS: Die Ernte von Kapuzinerkresse-Samen wurde jäh unterbrochen, als Nachbars Katze, die kein Vegetarier ist, mit einem tollen Spielzeug meinem Blumenbeet entstieg. Es war ein Grasfrosch, den ich ihr flux entwendet habe.
Das hier ist die Tote-Frosch-Stellung:


Die Finger hielt er sich schützend über die Augen und rührte sich nicht mehr, ich konnte aber seine Schluckatmung spüren. Unter Aufsicht, und zwar meiner und nicht die der Katze, konnte er wieder unbehelligt in der Rabatte untertauchen.