Samstag, 1. Mai 2021

Whirlpool für Mikroben

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Eine Wellness-Oase für Mikroorganismen? Wozu soll das denn bitte gut sein? Sind Bakterien und Co denn überhaupt für irgendwas gut außer für Schlagzeilen? Doch man muss unterscheiden, denn unter den Bakterien gibt es nicht nur die Fäulnis-Fans, Krankheitserreger und andere Gammler, sondern eben auch die freundliche Fraktion, die gut für den Garten ist. Manche dieser braven Bazillen bilden eine Symbiose mit Pflanzen, andere sorgen dafür, dass im Boden Zellulose abgebaut wird, woraus wiederum Pflanzennährstoffe entstehen, und ganz nebenbei sind sie das Parfum des Gartens: Sie geben dem Erdboden seinen schönen erdigen Geruch, den wir als angenehm empfinden. Und diesen netten, duftenden Mikroorganismen habe ich einen Whirlpool mit Vollpension eingerichtet.


 

Ich habe nämlich Komposttee hergestellt, aber nicht aus Teebeuteln, sondern aus getrocknetem Wurmhumus unter ständiger Luftzufuhr, denn dieser enthält Unmengen der nützlichen Bodenorganismen. Wurmhumus ist übrigens nur ein eleganter Euphemismus für Wurmkot, klingt aber doch gleich viel besser, oder? Er wird in Regenwasser eingeweicht und dabei wird das Wasser die ganze Zeit, etwa 24 h lang, gut belüftet, damit anaerobe Fäulnisbakterien keine Chance haben, wir wollen ja die guten, aeroben Bakterien züchten.

 


Im Wurmkot befinden sich viele dieser guten Mikroorganismen, denn sie lebten einmal im Darm des Wurms und halfen ihm bei der Verdauung. Zum Beispiel lebt im Darm des Kompostwurms Eisenia foetida der Heubazillus, Bacillus subtilis, ein ganz fantastisches Bakterium, das aufbauenden Stoffwechsel im Boden fördert, die Stresstoleranz der Pflanzen stärkt, Pilzbefall und Fäulnisprozesse reduziert - ein echter Wunderheiler unter den Bakterien also. Das funktioniert aber nur, wenn es genug Mitstreiter im Boden finden kann - und genau diese Mehrheit wollen wir mit dem Komposttee erreichen.


Damit die netten Einzeller aber auch gewillt sind, den gemütlichen Humus zu verlassen, braucht es einen leckeren Lockstoff. Dazu nimmt man Melasse, ein klebrig süßer Zuckersirup, der als Bakterienfutter dient. Sobald die Bakterien erstmal angefangen haben, sich zu vermehren, erscheinen auch Protozoen und nützliche Nematoden im Komposttee. Auch sie spielen eine wichtige Rolle im Nahrungsnetz des Bodens und werden von anderen Tieren gefressen.

Das Brauset zum Herstellen von Komposttee wurde mir freundlicherweise von Wurmwelten zur Verfügung gestellt. Es enthält eine Aquarienpumpe, 200 ml Melasse (genügend für 150 Liter Komposttee), 250 g Aktivator-Mischung (Bentonit, Urgesteinsmehl, Algenkalk, Pflanzenkohle), 10 L frischen Wurmhumus, 2 Luftsteine, 2 m Luftschlauch plus Verbindungsstück, Vlies und eine Klammer zum Befestigen des Wurmhumus-Vlies-Päckchens am Eimer. Der Metalleimer ist nicht im Paket enthalten, auch die ganz zufällig farblich perfekt passende Wäscheklammer nicht.


 

Erst muss man ein bisschen basteln und die Luftsteine mit Schlauchstücken verbinden, anschließend wird das lange Schlauchstück an die Pumpe angeschlossen. Die Luftsteine wirft man ins Regenwasser (15 Liter werden empfohlen, dazu braucht man einen 20-Liter-Eimer mit Reserve, wenn sich Schaum bildet) und jetzt darf die Pumpe lossprudeln. Melasse und Aktivator werden hinzugegeben, anschließend packt man die benötigte Menge Wurmhumus in das Vlies ein und klemmt das Päckchen mit der Klammer so an den Eimerrand, dass der Wurmhumus unter Wasser ist.


 


 

Nach 24 h Sprudeln bei Raumtemperatur ist der Tee fertig. Bis dahin wummert und plätzschert die Pumpe vor sich hin. Man sollte in dieser Zeit nicht allzu dringend aufs Klo müssen, außerdem habe ich mich mehrfach beim Betreten des Raumes gewundert, woher das ungewohnte Geräusch kommt. Die kleine Pumpe ist aber recht leise und arbeitet unermüdlich durch, auch wenn man schläft. Nur wenn man sie aus Versehen wie einen Käfer auf den Rücken wirft, wird sie laut und beschwert sich, weil sie dann nicht mehr auf ihren gedämpften Füßchen steht.

Ist der Tee fertig, wird er sofort mit der Gießkanne im Garten auf den Boden ausgebracht. Es ist nicht schlimm, wenn man damit das Laub der Pflanzen benetzt, im Gegenteil. Man kann den Komposttee auch nicht überdosieren, hierbei gilt endlich mal: Viel hilft viel - eine Regel, die bei Mineraldünger grundverkehrt wäre.



 

Im Gegensatz zu normalem Dünger merkt man aber nicht schon am nächsten Tag, dass der Rasen oder die Pflanzen besser wachsen. Die Wirkung von Komposttee setzt später, aber dafür nachhaltig ein, nichts für Ungeduldige also.

Der Tee riecht übrigens sehr appetitlich, dank der Melasse sogar nach leckerer Limonade. Er färbt sich bräunlich und schäumt zum Ende hin. Das ist alles gut und normal. Wenn er nicht stinkt, ist der Tee ein voller Erfolg und man hat nur die netten Bakterien vermehrt.



 

Mit dem nassen Wurmhumus aus dem Ansatz kann man später übrigens noch prima mulchen. Und wenn der Vorrat aus dem Brauset aufgebraucht ist, eignet sich auch der eigene Kompost zum Ansetzen des Tees.


Ich wollte es aber noch genauer wissen und habe nachgeschaut, was denn wirklich im Komposttee so alles herumschwirrt. Am Anfang, zwischendurch und am Ende habe ich eine Petrischale voll Tee abgezapft und unter dem Binokular geschaut, ob ich darin Leben finden kann. Die Bakterien konnte ich bei der Vergrößerung nicht erkennen, aber es gibt ja gute haarige Indikatoren, dass welche da sind: Wimpertierchen! Diese kleinen, flinken Protozoen filtern Bakterien aus dem Wasser und erscheinen rasch auf der Bildfläche, wenn ihre Nahrung sich vermehrt hat. Und tatsächlich konnte ich zu Anfang keinerlei Tierchen feststellen. Je länger der Tee aber vor sich hin braute, umso mehr Bewegung kam hinein vor lauter umherflitzenden Wimpertierchen und sogar ein paar wirklich winzige Nematoden habe ich gefunden (die sich wiederum von den Wimpertierchen ernähren).


 

Das Brauset funktioniert also und bekommt von mir eine klare Empfehlung.

Jetzt hatte ich nur ein Dilemma: Diese kleinen wuseligen Protozoen sollte ich jetzt einfach auf den Gartenboden gießen? Würden sie sich dort wohlfühlen? Da sie aber aus dem trockenen Wurmhumus stammen, muss ich darauf vertrauen, dass sie in der Erde überleben werden.


Dieses Tierchen ist nicht aus dem Komposttee, sondern aus einem Ansatz im Garten, der aus Grasschnitt und Laub besteht. Er kann über Wasser gehen und sieht aus wie ein Schlumpf: Ein blauer Springschwanz (Collembola):



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Samstag, 24. April 2021

Grasgeflüster

Gräser im Garten kommen gleich nach Hochbeeren, sie sind Trend - zwischen all den eher rundblättrigen Stauden sind ein paar hervorstechende Blatt-Dolche ja auch nicht verkehrt. Im Gegensatz zu rigiden Hochbeeten wiegen sich die Gräserblüten im Herbst in jedem lauen Lüftchen und leuchten bei Gegenlicht wie weiland die Prärie.

So weit die graue Gras-Theorie. Praktisch habe ich in meinem Garten mehrere Seggenarten, wie zum Beispiel Carex 'Icedance' und 'Evergold' mit ihren gestreiften Blättern. Die Blüten erscheinen allerdings sehr früh und ihre Stängel sind kurz, da wiegt sich ein Hauch von Nichts im Wind und schon gar nicht mehr im Spätsommer. Außerdem neigt Carex 'Icedance' sehr dazu, in die Breite zu gehen und sich wie ein Platzhirsch aufzuführen. Von wegen Tanzen - diese Segge führt höchstens einen unbeholfenen Walzer aus und walzt sich eben mit Freuden und ohne jegliches Rhythmusgefühl durch die Beete.

Jeder gegen jeden: Carex 'Icedance', Schneeglöckchen, Trachystemon orientalis und Wunder-Lauch

Hübsch gestreift wie ein Zebra ist auch Calamagrostis x acutiflora 'Overdam'. Dieses Reitgras wäre immerhin in der Lage, später wogende Blüten zu bilden, allerdings knicken sie in meinem Garten sofort um und sehen nicht nach Gartenzeitschrift, sondern nach Unfall aus. Es ist wohl zu schattig für ein ausgefeiltes Blatt-und-Blüten-Ballett. Aus der Traum vom Gräsermeer, das in der Sonne glitzert.

Calamagrostis x acutiflora 'Overdam'

Um den Storchschnäbeln, Anemonen, Helleborus, Primeln, Brandkräutern und dem Rauling optisch Paroli zu bieten, müssen es aber gar nicht unbedingt waschechte Gräser sein. Auch andere Pflanzen mit lanzettlichem Laub ergeben einen guten Kontrast und blühen sogar noch für Insekten - oder sind essbar, was man von Gräsern eher nicht behaupten kann, wenn man kein Huftier ist.

Hübsche grasartige Horste bilden zum Beispiel Taglilien. Sie treiben früh aus, sind robust und ihre Blüten eine Delikatesse.




Essbar ist auch der Wunder-Lauch (Allium paradoxum). Seine Blätter sind schlank und grasähnlich und nicht so korpulent wie die des Bärlauchs. Wunder-Lauch blüht früher als der Bärlauch, seine Blätter lassen sich genauso verwenden. Später bilden sich scharf schmeckende Zwiebeln zwischen den weißen Glöckchen-Blüten, die aber kein Knoblaucharoma haben.

 
Hier eine Szene mit Carex 'Icedance', Schneeglöckchen, Trachystemon orientalis und Wunder-Lauch. Es geht nur scheinbar einträchtig einher, in Wahrheit trachtet die Segge immer danach, das ganze Beet zu erobern.


Die anderen, gängigeren Geophyten dürfen jetzt im Frühjahr auch nicht vergessen werden. Unter ihnen gibt es einige mit grasähnlichem Laub, das schöne Szenen ergibt, wenn es Blüten umspielt. Sie sind zwar jetzt schon längst verblüht, doch gerade Schneeglöckchen- und Krokuslaub ist sehr attraktiv und ergibt im Frühjahr eine Mini-Prärie. Krokuslaub hat ja immerhin auch einen hübschen weißen Mittelstreifen, als wäre es mit Panaschierung gezüchtet worden.

 

Da biste platt: Manchmal entsteht allerdings der Eindruck, als wäre eine Lawine über den Krokus hinweggewalzt. Zwischen anderen Stauden eingebettet werden die Blätter weniger haltlos.


 

Hier umspielen die Blätter der Hasenglöckchen und einiger Prärielilien (Camassia) die Blüten einer Lenzrose. Danaben wieder Bärlauch bis zum Horizont, soviel kann man gar nicht essen, wie der wuchert.


Vorsicht ist nur bei Herbstzeitlosen geboten. Ihr Laub ist nicht filigran und grasartig, sondern eher matronenhaft und platzeinnehmend. Außerdem sammeln sich hier sämtliche Nacktschnecken der näheren und weiteren Umgebung. Das kann man gut nutzen, um sie einzusammeln, denn das Laub ist ein Magnet für groß und klein.


Auch Laucharten benehmen sich nicht alle gleich gut. Während Allium sphaerocephalon sich sehr dünn macht und selten aufdringlich wird, ist Allium aflatunense eher ein Platzhirsch. Nur die gerade gekeimten Sämlinge sind noch grasartig, später werden die Blätter lappig und sind einfach überall - und grundsätzlich ist ihre Zahl grundsätzlich um ein Vielfaches höher als die der Blüten. Das gilt auch für Tulpen, die sich allerding - je nach Wildheit - seltener versamen.


Links Allium spaerocephalon, rechts Traubenhyazinthe

 
Die ultimative Gras-Alternative in Sachen Lauch ist natürlich der gute alte Schnittlauch. Der hat feines Laub, schöne Blüten und wenn man die Samenstände nicht entfernt, wiegt sich im Spätsommer auch irgendwas im Wind.

 

Während ich im Garten also unter den Gräsern eher die Wucherer und die Umkipper vereine, erfreuen mich die Geophyten doch mehr als dass sie mich ärgern. Und wenn ich auch keinen opulenten Präriesommer habe, so zaubern sie immerhin ein bisschen Wiesenflair ins Frühjahr.

Samstag, 17. April 2021

Getestet: Klimaneutrale Blumenerde

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Wie bekommt man Blumenerde für den Garten, wenn selbiger klein ist, völlig frei von Maulwurfshügeln und bis zum Anschlag so voll mit Pflanzen, dass es sich verbietet, einfach irgendwo ein Loch zu graben, um daraus Erde zum Selbstmischen zu gewinnen? Große Gärten können sicher die ein oder andere Schmuddelecke beherbergen, schön versteckt hinter dekorativen Zäunen, sodass eigene Erde in einer Schubkarre gemischt werden kann. Meiner hat zwar auch Schmuddelecken, aber in denen wächst immer irgendwas oder es ist keine Erde zugänglich. Draußen versuche ich schon mit allen Tricks, die Erde in den Kübeln möglichst lange taufrisch und für die Pflanzen akzeptabel zu halten. Jedes Frühjahr bekommen sie eine Schicht Kompost, zusätzlich möchte ich ihnen diesmal noch Mykorrhiza spendieren, wenn die Tomaten in die Erde vom letzten Jahr einziehen.


Doch ich habe auch noch Zimmerpflanzen. Spätestens hier würde die eigene Bodengewinnung aus dem Garten zu wenig Material liefern. Außerdem möchte ich den armen Regenwürmern und anderen Tieren nicht zumuten, mit mir zusammen im Wohnzimmer das Fernsehprogramm zu erleiden, von dem oft austrocknenden Wurzelballen und dem fehlendem Auslauf mal ganz zu schweigen.

Also greife ich doch jedes Jahr wieder zu einem Sack Blumenerde - alles bis 45 Liter lässt sich übrigens auch hervorragend und unfallfrei auf dem Fahrradgepäckträger transportieren! Natürlich soll das Substrat torffrei sein, das ist auch mittlerweile kein Problem mehr. Die zweite Randbedingung, nämlich ohne Plastiksack ist schon schwieriger zu erfüllen. Daher habe ich mich gefreut, dass ich dieses Jahr eine neue torffreie Erde testen darf, nämlich die BiO Gemüse- und Kräutererde von TerraBrill. Hier ist der Plastiksack schon mal zu 50 % aus Altplastik und zu 100% recyclingfähig. Noch ein Pluspunkt: Das Substrat ist organisch aufgedüngt, also frei von Mineraldünger. Der Dünger wird langsam abgegeben, je kälter es ist, umso länger dauert es, es empfiehlt sich für Starkzehrer eine Nachdüngung nach etwa 4 Wochen.


Die Erde ist als klimaneutral zertifiziert nach dem Prinzip „from cradle to customer“. Das heißt, dass alle Emissionen kompensiert werden, die durch die Rohstoffe, die Produktion, die Frachten und allgemein im Unternehmen durch diese Erden entstehen. Konkret wird ein Aufforstungsprojekt im Harz mit heimischen Baumarten unterstützt.

Doch was ist drin im Sack? Zunächst war ich erschreckt, denn man konnte einen deutlichen Geruch nach Nadelholzrinde feststellen. Und mit so einer Erde habe ich schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht, mir sind einige Pflanzen darin eingegangen. Als ich die Tüte geöffnet hatte, war ich beruhigt: Keine riesigen Rindenstücke, alles wirkt locker und fluffig. Enthalten sind Kompost, Holzfasern, Kokosfasern (ein Abfallprodukt) und Kiefernrinde, daher also der Geruch nach Nadelholz.



 

Mittlerweile wachsen bei mir Tomaten, Sämlinge von Blasenstrauch, Pfirsichblättriger Glockenblume, Wolligem Hahnenfuß und Lathyrus niger seit einigen Wochen in diesem Substrat und scheinen ganz zufrieden zu sein.

Der Wollige Hahnenfuß ist schon gewachsen, wenn man ihn mit dem Foto darüber vergleicht:





Es ist auch im Haus kein Trauermückenschwarm aufgetaucht. Das Wasserspeichervermögen ist in Ordnung. Ich kann bisher also nichts negatives über diese Erde berichten. Man muss sich allerdings im Klaren darüber sein, dass die Firma Brill-Substrate auch torfhaltige Erden im Angebot hat. Wer konsequent Firmen unterstützen möchte, die ausschließlich torffreie Substrate herstellen, wird woanders suchen müssen. Die sind dann aber oft auch nicht klimaneutral produziert.

Der Nachteil an so einem großen Sack Blumenerde um diese Zeit ist, dass ich ständig irgendwas aussäe und Ableger eintopfe, solange bis alle freien Töpfe einen Bewohner haben und ich ständig aufpassen muss, dass mir keiner vertrocknet. Und das in einem Jahr, wo wieder keine einzige Tauschbörse stattfinden darf...

Samstag, 10. April 2021

Die fliegenden Teddybären

Bei blauem Himmel kann man im Frühjahr braune Wollknäuel über sich schweben sehen. Ist es ein Vogel, ist es ein Flugzeug oder gar eine bemannte Drohne? Nein, es ist eines der enzückendsten Insekten überhaupt, das da wie ein fliegender Teddybär so festgetackert in der Luft schwebt. Kuschlig wie eine Biene, ist dieses Pelztier doch aus der Nähe betrachtet als Fliege zu erkennen: Der Große Wollschweber (Bombylius major), auch Hummelschweber genannt, hat wie bei Dipteren üblich zwei Flügel, die man nur aber erkennt, wenn das hektische Insekt auch mal stillsitzt, sonst sieht man nur zwei verschwommene Wirbel. Typisch sind die dunkel gefärbten Partien auf den Flügeln.

 


Setzen tut sich der wuschelige Wirbelwind zum Sonnenbaden oder ausnahmsweise auch mal beim Blütenbesuch - der gefährlich lange Rüssel, der so nach Stechmücke aussieht, ist in Wahrheit ein harmloser Strohhalm, mit dem die dicke Fliege aus tiefen Blüten trinkt, stechen kann sie damit nicht. Die wuseligen Stofftiere sind also nicht nur unfassbar niedlich, sondern auch noch sehr gute Bestäuber.





Die Fliege im Pelzmantel ist für Bienen allerdings weniger lustig, denn die Tiere werfen ihre Eier in Bienennester, wo die Larven die Bienenbrut verspeisen. Das tun sie vor allem in Sandbienennestern. Damit das Ei auch in die Brutröhre der Biene gelangt, wird es irgendwie in die Nähe des Nesteingangs geschmissen, denn die Wollschweber sind keine besonders akkuraten Kunstflieger, da geht das Ei auch gern mal daneben. Die Larven bewegen sich zum Glück aktiv auf die Bienenlarve zu, da muss man nicht ganz so genau sein. Damit das Zielen einfacher wird, beschweren die Hummelschweberweibchen die Eier mit Sandkörnern oder Erdpartikeln. Dazu schubbern sie ihren Fellhintern über die Erde wie ein kleiner Staubsauger, um Ballast aufzusammeln. Die Eier passieren bei der Eiablage diese Erdschicht. Das Verhalten kann man an unbewachsenen Bodenstellen oft beobachten.

Eine in Nordamerika heimische Art, Bombylius varius, hat einen schneeweißen Pelzpopo, der sicher beim Erdeschubbern schnell schmuddelig wird.

Seltener als der Große ist der Gefleckte Wollschweber (Bombylius discolor). Er zeichnet sich durch hübsch gepunktete Flügel aus. 

Bombylius discolor


Dieser Teddybär parasitiert in den Nestern der Weiden-Sandbiene (Andrena vaga). 

Andrena vaga

 

Andrena vaga


Die diese große Kolonien gründet, kann man hier auch leicht die Exuvien (leere Larven-Hüllen nach dem Schlupf der Fliege) finden. Auch die Puppen sieht man hier leicht, wenn die Bienen sie einfach mit ausgraben bei ihrem in diesem Fall wenig sozialen Wohnungsbau.

Exuvie von Bombylius discolor


Vermutlich kann so eine frei gelegte Puppe nicht mehr schlüpfen, denn sie weist am Rücken dicke Borsten auf, mit denen sie sich in der Erde verankert. Ohne dieses Widerlager gelingt der unfallfreie Schlupf wahrscheinlich nicht und sie ist Vogelfutter. Die Biene wird's freuen, hat sie so doch aus Versehen bei ihren Erdarbeiten den Feind aus ihrem Umfeld entfernt. 

Puppe von Bombylius discolor, Rücken


Puppe von Bombylius discolor vor einem Nesteingang der Sandbiene, man erkennt hier schon den langen Rüssel

Ein Wolf im Schafspelz also? Man kann einem Bombylius nicht ernsthaft böse sein, denn die Tiere werden nie den Bestand der Wildbienen schädigen. Und so darf man sich ruhig ungeniert freuen über diese harmlosen, hübschen Wollknäuel mit dem langen Rüssel und den beeindruckenden Flugmanövern.

Dienstag, 30. März 2021

Rappelkiste und Buchvorstellung "Mein Garten im Wandel"

Vorher-Nachher-Bilder gehören ja immer zum Beliebtesten, das die Gartenwelt zu bieten hat. Aber nur, wenn es dadurch zu einer gut erkennbaren Verschönerung kommt. Der allgemeine Verfall von Material und Mensch ist dagegen als Thema meist weniger beliebt. Aber warum soll man immer nur den Trends folgen? Hier möchte ich einmal den Werdegang meiner Orangenkiste vom Wochenmarkt, Jahrgang 2019, aufzeigen, denn es ist doch gut zu wissen, wie lange sowas hält. Erinnert sich noch jemand an die schicke Kiste mit dem Flugzeug-Aufdruck, der die Pflanzen darin beflügeln sollte?

So sah sie mal aus, als sie noch jung und schön war, aber auch da schon weitgereist von Spanien auf den Bielefelder Wochenmarkt:

Und nun sah sie so aus. Etwas angestrengt und mürbe war sie geworden:

 

 

Der Boden war weggerottet und die Seitenwände haben sich in zwei Schichten aufgelöst, in deren Zwischenraum locker eine Heckenbraunelle passt, sie hat es nämlich demonstriert. Der Flieger musste also nun als letzte Reise in den Restmüll fliegen. Da würden übrigens auch die dünnen Obstkisten vom Wochenmarkt landen, auch wenn sie noch jung und faltenfrei sind, also darf man sie ruhig mitnehmen - aber besser vorher fragen.

Und weil das Fragen so gut klappt, habe ich am Wochenende eine neue geholt. Zur Abwechslung kommt diese Apfelsinenkiste aus Sizilien, hat zwar mehr Spalten, durch die die Erde rieseln kann, aber das Holz ist auch dicker und nicht im Zweischichtenmodell verbaut wie bei der alten. Ausgekleidet habe ich sie mit dickem Verpackungs-Papier. Die alten Pflanzen, nämlich Erisymum, Vergissmeinnicht und Purpur-Leinkraut, die sich alle selbst in die alte Kiste gesät hatten, sind mit einem mehr oder minder unfallfreien Schwung umgezogen:


Ich bin gespannt, wie lange der sizilianische Blumenkasten halten wird.


...und da freue ich mich über eine neue, kostenlose Kiste, damit ich wieder einen Bruchteil eines Quadratmeters mehr Platz zum Gärtnern habe, während Peter Janke in anderen Dimensionen denkt. Ich habe sein neues Buch Mein Garten im Wandel des Zeitgeistes und des Klimas: Ökologisch, pflegeleicht, stilbewusst gelesen und war beeindruckt, wie groß und vielfältig sein Garten in Hilden ist. Zum Glück erwähnt er auch, dass er Angestellte hat, was auch nötig ist bei so einem Anwesen. Dieser tolle Bildband ist im Becker-Joest-Volk-Verlag erschienen und vorwiegend mit Fotografien von Jürgen Becker bebildert.

Das Buch beginnt im März und Peter Janke schildert im Jahresverlauf, wie sich sein Garten entwickelt und welche Arbeiten anstehen. Es gibt immer wieder Exkurse, etwa zum Gärtnern ohne Plastik. Ich konnte direkt schon Ideen aufgreifen und habe dieses Jahr ganz akribisch mein Brandkraut und meinen Rauling (Trachystemon orientalis) von altem Laub befreit. So sieht es gleich ordentlicher aus und etliche Nacktschnecken, die unter den großen Blättern hockten, sind im Kompost gelandet.

 

Rauling


Peter Janke zeigt auch, wie man die frostempfindliche Gunnera einpackt, ohne Plastik zu verwenden - man wirft ihr einfach ihr altes Laub wie einen Regenschirm über, was ich auch schon im Botanischen Garten Hamburg so gesehen habe:


 

Auch der Klimawandel ist ein großes Thema. Peter Janke hat schon hunderte Quadratmeter Rasen in trockenheitsverträgliche Beete umgewandelt, damit er nicht monatelang auf rascheltrockenes Gras schauen muss. Bewässert wird in seinem Garten kaum, was ich sehr ressourcenschonend und sympathisch finde.  Auch in Hilden werden die Sommer trockener und der Garten wandelt sich dadurch. Nur der Kiesgarten, den er nach seiner Mentorin Beth Chatto angelegt hat, ist immer vital und summt nur so vor Insektenbesuch.

Mir gefällt dieses Buch sehr und ich werde es noch öfter zur Hand nehmen, um nachzuschlagen - es hat völlig zu Recht den Deutschen Gartenbuchpreis als bester Bildband gewonnen. Genial ist auch die Idee, auf einer Seite beschriebene, aber nicht abgebildete Pflanzen mit einem Seitenverweis zu einem Foto auszustatten, damit man sie auch anschauen kann.

Der Nachteil an dem Buch: Jetzt habe ich den Traum, diesen Garten einmal zu besuchen. Vielleicht lässt mich Herr Janke einmal schauen, was so alles in seinem Garten summt und brummt. Ob es ein Traum bleiben muss?