Samstag, 6. Juni 2026

Blattläuse und ihre Bodyguards

Läuse sind lästig und langweilig? Das scheint auf den ersten Blick so zu sein, aber sie sind auch hochinteressant, immerhin sind die Weibchen lebendgebährend, außerdem entsteht mit ihnen die reinste Serengeti im Kleinen - auch im Garten! 

Blattläuse sitzen an der Pflanze herum, haben ihren Strohhalm fest in ihre Leitungsbahnen hinein gestochen wie an einer Bar, und wirken so wie eine Pflaume am Baum: Jeder kann sie ohne Widerstand pflücken. Weil sie dermaßen wehrlose Sauger sind und oft nicht mal wegfliegen können, haben manche Arten in Tarnung investiert.

Die Buchenblattlaus zum Beispiel ist ein wandelnder - oder auch fliegender - Flokati, der durch viele weiße Fusseln ungenießbar wirken möchte. Hier kommen viele Fressfeinde nicht auf die Idee, diesen komischen Belag auf der Pflanze probieren zu wollen.




Wer fusselfrei daherkommt, setzt oft auf Ameisen als engagierte Beschützer, wie hier die Art Metopeurum fuscoviride an Rainfarn. Damit man auf diese Bodyguards hoffen kann, muss man sie aber mit Honigtau bestechen. Arten, die das nicht tun, werden auch von Ameisen eher gefressen als hofiert. Bei genauem Hinsehen sind diese Läuse ganz extravagant zweifarbig - fast wie das Husumer Protestschwein!


Die Ahornborstenlaus (Periphyllus testudinaceus) ist auf Ahorn spezialisiert, hier an Feld-Ahorn. Während andere Blattlausarten den Wirt wechseln können, bleibt sie dem Ahorn treu und wird auch von Ameisen betreut.


Die rote Laus Uroleucon tanaceti lebt auf Rainfarn und fällt dort durch ihre Farbe direkt auf. Eine Schwebfliege hat das längst entdeckt und Eier neben die Kolonie gelegt. Und wenn Schwebfliegenlarven in der Blattlausversammlung wüten, können die Läuse nichts machen und werden gnadenlos vom Blatt gepflückt und verspeist.


An Birken und Verwandten Bäumen lebt die wirklich sagenhaft hübsche Art Callipterinella tuberculata. Kann man diesen wunderschön gezeichneten Tieren wirklich böse sein?




Weniger Freunde hat wohl die Schwarze Efeu-Blattlaus (Aphis hederae), eine ameisenfreundliche Art, die große, schwarze Kolonien bildet und so den Unmut der Gartenbesitzer auf sich zieht, genauso wie die ebenso schwarze Holunderlaus. In der Vergrößerung sieht man die weißen Wachsplättchen.


Grün, groß und elegant ist die Große Rosenblattlaus, die besonders gern an den Blütenknospen saugt und sich so nicht gerade beliebt macht. Aber auch hier ist die Rettung nah, denn eine Hainschwebfliege hat auch an dieser Knospe ihre länglichen weißen Eier platziert:


Auch eine winzige Blattlausschlupfwespe hat die Läuse längst entdeckt und wird die dicken, behäbigen Sauger mit einem Ei belegen:



Dumm für die Schwebfliege, dass viele Rosenblattläuse auch schnell die Schwebfliegenschlupfwespe anlocken, die wiederum Eier in die Schwebfliegenlarve legt - die in diesem Fall genauso wehrlos ist wie ihre Beute und genauso wenig fliegen kann.



Und sogar die Schwebfliegeneier sind nicht immer sicher. Strategisch günstig in der Nähe einer Kolonie der Efeublattlaus abgelegt, sollte eigentlich nichts mehr schiefgehen, doch eine Strahlenmilbe (das sind die kleinen, quirligen roten Dinger, die auch auf Mauern und Gartenmöbeln herumwuseln) hat die Eier gefunden und saugt sie jetzt eins nach dem anderen aus:



Wenn sich da mal nicht die Blattläuse ins Fäustchen lachen - und die Ameisen gleich mit.


Blattläuse sind vielleicht nicht gern gesehen und ein Massenbefall ist für viele Leute kein erquicklicher Anblick, doch früher oder später stellen sich Fressfeinde ein und die Kolonie ist schon viel kleiner geworden. Mit Blattläusen im Garten wird es nicht langweilig, wenn man genau hinschaut in diese winzige Welt voller Intrigen, Bestechungen und Räubereien.

dfhdfh

Samstag, 30. Mai 2026

Allium-Alarm und Größenwahn

In meiner langjährigen Gartenkarriere kann ich mich nicht daran erinnern, dass es im Mai jemals so viel geregnet hätte  und zwischendurch so kalt war. Normalerweise komme ich dann aus dem Urlaub zurück und die Allium-Blüten sind kurz vorm Verblühen. Dieses Mal aber nicht - sie hatten auf mich gewartet und fingen gerade erst an.

Was für ein Allium-Alarm dieses Jahr! Die Anno 2009/2010 gesetzten Zwiebeln von Allium aflatunense - es müssen so um die 10 gewesen sein, wenn das Gartentagebuch vollständig ist und nicht lügt - haben sich mittlerweile so vermehrt, dass ich bei 70 Blüten aufgegeben habe, sie durchzuzählen. Man kann sagen: Es sind echt viele und sie haben sich so gut versamt, dass es nur noch Stehplätze im Beet gibt.

 






Die Samen von Allium aflatunense keimen erst im nächsten Frühjahr und möchten dann einen Boden vorfinden, der in Ruhe gelassen wird, denn die Sämlinge sind dünn und zart, aber anscheinend gänzlich unbeeindruckt von großen Nachbarpflanzen. Nur Bodenbearbeitung würde sie vermutlich sehr stören.

Die anderen Gartenpflanzen sind vielleicht nicht mehr geworden, aber durch den Regen legen sie einen nie dagewesenen Größenwahn an den Tag.

Der Beinwell hinter dem Allium ist so hoch und breit wie nie. Die Hummeln freuen sich, die Stauden daneben nicht so.



Die Pastinakenwurzel, die ich im Winter im Biolade gekauft und dann nicht gekocht habe, weil sie oben schon austreiben wollte, ist im Kübel mittlerweile zu einem vielblütigen Monster von locker zwei Metern Höhe herangewachsen. Ich wusste nicht, dass die überhaupt so hoch werden können. Die Blüten wirken wie ein gelbes Feuerwerk, zumindest so, wie ich mir eines zu Silvester wünschen würde: Leise. Die Rindenspringspinnen, die sich unter die Markise verirrt haben, können jetzt von dort mit Leichtigkeit auf die Pastinake hüpfen und dort nach Beute suchen.




Klein, aber dafür umso breiter ist der Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys), der dieses Jahr endlich richtig blüht und prompt die Rote Ehrenpreis-Sandbiene (Andrena labiata) in meinen Garten gelockt hat. Dieses sehr kleine Tier ist auffällig rot gezeichnet und passt ganz hervorragend zu den blauen Blüten.



Der Gamander-Ehrenpreis ist der schönste Rasenersatz, wird nur ein paar Zentimeter hoch, aber wächst unglaublich in die Breite mit kurzen Ausläufern, die man auch eintopfen und verschenken kann. Man kann ihn aber nicht umpflanzen, auch nach kurzer Zeit nicht mehr, denn dann hat man zwei, an der alten und an der neuen Stelle.

Nicht als Rasen, aber als gut riechende Wolke kann die Süßdolde dienen. Dieses Jahr hat sie so richtig aufgedreht und ist ein breites, weißes Ungetüm geworden. Die Samen kann man im grünen Zustand direkt von der Pflanze naschen, sie schmecken frisch nach Anis.



Der Wollkraut-Blütenkäfer lässt sich den Pollen schmecken:


Auch die Rotschopfige Sandbiene und der Mattschwarze Blütenbock sind hier oft zu finden, wenn man sie sucht:

Die zweite Süßdolde hinten im Garten ist weniger imposant, weil sie schattiger steht, hat sich aber dieses Jahr gut versamt.

Die Schnecken glänzen erfreulicherweise weniger durch Schneckenschleim als durch Abwesenheit, was das Gartenjahr erfrischend anders macht. So kann's bleiben, nur gern immer mit ein wenig Regen zwischendurch und ohne große Hitze! Immerhin machen die Monsterpflanzen Schatten...

Nachtrag: Gestern Abend bei dem schweren Gewitter ist die Pastinake abgebrochen. Ich bin untröstlich.😢 


Samstag, 23. Mai 2026

Reichenau reloaded

Erinnert ihr euch noch an den pfiffigen Naturgarten auf der Bodensee-Insel Reichenau, den ich letzten September besucht habe? Da man ja bekanntlich nie zweimal in denselben Garten geht, musste ich dieses Jahr im Mai unbedingt noch einmal hin. 

Die Lindwürmer aus Tonblumentöpfen sind natürlich immer noch da, aber es blühen andere Pflanzen und es gibt andere Deko - und auch andere Tiere.








Sogar kaputte Tontöpfe kommen noch zu ihren Ehren:






Und natürlich dürfen sie die Benjeshecke bewachen, die um diese Zeit mit Kohlstrünken farblich aufgepeppt wurde:

Im Hochbeet fielen Gurkenscheiben auf, die dort ausgelegt waren. Sie waren offenbar nicht für müde Augen gedacht, sondern für wache Stielaugen - eine Opfergabe für den Gott der  Nacktschnecken? Es scheint zu wirken, denn die Mitte mit dem saftigen Teil war ausgefressen. Gurken in allen Zuständen gibt es auf der Reichenau je genug, da wird auch mal was weggeworfen, was dann noch als Schneckenköder taugt.

Der Garten ist so friedlich, dass ein Igel ein Sonnenbad nahm. Als es ihm zu heiß wurde, zog er sich wieder in sein Versteck unter der Palette zurück und schlief im Dunklen weiter.

Mauerpfeffer ergießt sich aus einer Gießkanne...

...und anderen Gefäßen:

Der Kompost ist so hübsch mit Strohblumen dekoriert, dass man gar nichts Neues oben drauf werfen möchte:

Auch der Stinkende Storchschnabel hat einen Ehrenplatz neben Feldsalat bekommen:


Ein Sandarium in einer großen Schale:

Blühender Schnittlauch:

Kreative Deko mit Ton und Totholz:


Teich mit Ausstiegshilfe und helfender Hand:


Noch mehr Deko mit Sukkulenten:



Eine kreative Verwendungsmöglichkeit für ausrangierte Teller:


Totholz und noch mal der Stinker:


Das bepflanzte Gesicht:


Dieses Mal hat es mir besonders die Haferwurzel angetan. Sie ist mit Bocksbart und Schwarzwurzel verwandt, blüht aber in sensationellem Lila - und war ganz beliebt bei einer sich im Pollen wälzenden Schmalbiene.






Der Beinwell wurde von einem Langhornbienen-Männchen besucht. Die Damen gehen lieber an Rotklee, Vogel-, Zottel- oder Zaun-Wicke, die Herren sind weniger wählerisch. Daneben ein Johanniskraut-Fallkäfer.



Dieser Garten ist auf jeden Fall ein Muss bei jedem Besuch der Reichenau - und vom Fähranleger fußläufig zu erreichen!