Samstag, 21. Juli 2018

Eine Raupengeschichte

Es ist das Jahr des Kohlweißlings. So viele wie diesen Sommer gab es in den vergangenen Jahren nicht. Vielleicht ist ihnen das trockene, warme Frühjahr gut bekommen. Obwohl Tagfalter anerkanntermaßen Everybody's Darling unter den Insekten sind, haben Kohlweißlinge ein Imageproblem. Während andere Schmetterlinge in einem Technicolor-Design daherflattern und allerorten Beifall und Bewunderung ernten, sind die Weißlinge immer noch in Schwarz-Weiß unterwegs und keiner findet das irgendwie retro, sondern sie sind vielen Leuten einfach nicht bunt genug. Hinzu kommt ihr Appetit auf Kulturpflanzen wie Kohl, Kohlrabi und auch mal Salatrauke.


Dabei ist der Große Kohlweißling ein wahres Prachtstück, kontrastreich weiß gefärbt mit schwarzem Dekor als Akzent am Rande. Die Weibchen punkten als kleines Extra auch noch mit schwarzen Flecken auf den Flügeln. Schon immer wollte ich den Lebensweg vom Ei zum Falter fotografisch dokumentieren, sowas würde gut in ein Buch über Tiere passen.


Vor ein paar Wochen schien der Pulitzer-Preis zum Greifen nah (haha): Ein Weibchen vom Großen Kohlweißling hatte die Kapuzinerkresse auf der Terrasse gefunden und sorgfältig zwei wohlgeordnete Gelege unter die Blätter geklebt.


Tolle Sache, das Eistadium war schon mal dokumentiert. Aber wie sollte es weitergehen? Die Kapuzinerkresse war nicht gerade meterlang, eher schmächtig und würde bald unter dem Massenansturm hungriger Mäuler verschwunden sein, ohne dass die Raupen auch nur ansatzweise verpuppungsfähig wären.

Diese Kapuzinerkresse hier in einem anderen Garten ist viel größer und hat erfolgreich Raupen großgezogen - sowas wollte ich auch:



Also bin ich zur Rettung des Raupenprojekts ins Gartencenter geradelt und wollte Kohlpflanzen kaufen. Falsche Jahreszeit. Paprikapflanzen werden gerade verramscht, aber Kohl gibt es im Juli nicht mehr. Da wäre aber noch die Gemüseabteilung im Supermarkt. Also habe ich als Notlösung zwei Kohlrabi gekauft. Ich war die einzige, die die Blätter nicht direkt im Laden abgerissen hat.

Zuhause habe ich die fette Beute in Töpfe gepflanzt. Wenn man aus einem Scheibchen Kohlrabi wieder eine neue Pflanze ziehen kann, würden ganze Früchte vielleicht auch anwachsen und weiterleben? Es wachsen zumindest oben immer neue Blätter nach, auch nach zwei Wochen noch.


Dann waren die Räupchen auch schon geschlüpft und hatten als erste Amtshandlung die Eihüllen gefressen, danach ein bisschen Kapuzinerkresse. Das nächste Foto war im Kasten.


Jeden Tag habe ich nach den Larven geschaut, um bloß kein Stadium zu verpassen. Doch irgendwann waren sie nicht mehr da. Wo das Rudel gesessen hatte, klaffte ein Loch im Blatt, das verdächtig angeschleimt aussah. Und tatsächlich, in der Nähe hockte eine dicke Nacktschnecke und wirkte sichtlich wohlgenährt. Sie hatte offenbar Gefallen an den proteinreichen Laubfragmenten gefunden. Nur noch zwei Überlebende des Massakers gab es nun. Die Schnecke gehörte nicht lange dazu, so sauer war ich.

Auch die letzten zwei Raupen waren irgendwann nicht mehr auffindbar. Als ich sie das letzte Mal gesehen hatte, trieb sich eine Springspinne in der Nähe rum. Schädlinge erleiden also auch oft genug Schaden, bevor sie überhaupt selbst welchen anrichten können.

Nun sind mir also die Fotomotive ausgegangen, dafür habe ich nun zwei Töpfe mit angewelkten Kohlrabipflanzen. Für die hat sich mittlerweile der Kleine Kohlweißling interessiert und Eier gelegt. Dokumentiere ich eben den. Hauptsache, jetzt geht nichts mehr schief...



Und wer noch Paprikapflanzen braucht: Im Gartencenter gibt es sie gerade zum halben Preis...

Kommentare:

  1. Liebe Elke, oh ja, diese Freude und dieses Leid kenne ich auch... Die Kohlweisslinge dürfen sich bei mir austoben auf irgendwelchen Kohlpflanzen, die aus dem Vogelfutter gewachsen sind. Und ja, tatsächlich sind es auch hier (in der Nähe von Zürich) extrem viele dieses Jahr, irgendwo müssen sie also Nahrung gefunden haben.
    Wie letztes Jahr schon ziehe ich Rüebliraupen (Schwalbenschwanz-Schmetterlinge) nach. Dafür setzte ich sie in ein "Aerarium", einen "Käfig" aus feinem Gewebe, um sie vor Schlupfwespen zu schützen, welche Eier in die Raupen legen, sowie vor anderen Gefahren. Auch die Suche nach Nahrung kenne ich: Meine Sachen wachsen nicht genug schnell, die Gartencenter rundherum haben keinen Dill mehr... zum Glück ging es immer irgendwie. Welche Freude, wenn dann wie gestern und Vorgestern nach all den Bemühungen tatsächlich ein Schmetterling schlüpft.
    Liebe Grüsse, Miuh

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  2. Toller Beitrag... Ich mag den Schmerling sehr. Geniess Dein Wochenende

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  3. Oh, da muß ich rasch nach meiner Kapuzinerkresse schauen, denn die wollte ich eigentlich selber essen! :-)

    Schade, dass Du das Endstadium nicht mehr fotografieren konntest!
    Wünsche Dir beim nächsten Mal mehr Glück ... So ist die Natur ...

    Liebe Grüße
    Sara

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  4. Schade mit den Räupchen, aber tolle Doku bis dahin!! Ich hoffe, Du zeigst die nächsten Versuche auch!
    Lg Khendra

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  5. Liebe Elke,
    es ist wieder die reinste Freude deinen Post zu lesen...wie spannend doch die einzelnen Stadien und die Begleitumstände ;-) vom Ei zum Schmetterling sind. Dieses Jahr sind laut NABU immens viele Schmetterlinge unterwegs, was ich in meinem Garten im Gegensatz zu den Jahren zuvor leider nicht beobachten kann. Aber ein Schwalbenschwanz hatte sich erstmals hier eingefunden und nach der NABU Schmetterlingswanderung weiß ich nun, dass ich für ihn unbedingt Dill im Garten haben muss. :-))
    Ein nettes Wochenende und lieben Gruß, Marita

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  6. Da hast du aber viel Geduld aufgebracht, um uns diese wunderbare bebilderte Doku zu zeigen, Dank dafür. Das die Kohlweislinge in der Mehrzahl in meinem Garten heimisch sind finde ich in diesem Jahr sehr extrem. Aber sie werden geduldet und ich pflichte dir bei, auch sie sehen schön aus, auf ihre Art.
    Ein schönes Wochenende
    wünsche ich dir
    Edith

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  7. Next time?
    I watch our citrus swallowtails. But only to keep them from eating too much lime ... when I move them to lemon.

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  8. Ein groses vergnügen den beitrag zu lesn. Vor allem die idee mit dem kohlrab. Senf müste es doch auch tun als kreuzblütler. Ganz viel hatte ich in einem jahr an einer stattlichen pflanze Meerkohl und dem Grünkohl.Bei mir sitzen die kohlweißlinge gerne auf dem wilden Majoran und der kleinen blauen Distel. Grüße von Frauke

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  9. Hallo Elke,
    großartig geschrieben! Und: Respekt vor so viel Einsatz! Auf die Idee Kohlrabi aus dem Supermarkt einzupflanzen wäre ich nie gekommen *lach*.
    Dem kleinen Kohlweißling drücke ich die Daumen, dass wenigstens seine Nachkommen auf der Pulitzer-Preisverleihungsparty mitflattern können.
    Liebe Grüße,
    Krümel

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  10. Eine wahre Plage sind die Falter (nein die Raupen) dieses Jahr bei mir, ich habe ewig vor dem Kohl verbracht und jedes Blatt umgedreht um die Raupen abzulesen. Heute wird das wieder meine Feierabend-Beschäftigung sein. Meditatives Raupen abpflücken und den Vögeln zum Frass hinwerfen ;-)
    Grüess Pascale

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  11. Liebe Elke, das ist ein total interessanter Beitrag. Eine solche Raupe habe ich heuer bereits entdeckt. Kohlweißlinge stören mich nicht so besonders, schlimmer finde ich die Gemüseeule. Sie ruiniert mir gerade wieder die Tomatenpflanzen. Schnecken tummeln sich bei mir auch wieder... sie sind einfach immer und überall.

    LG Kathrin

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  12. hihi
    da musste ich doch einmal schmunzeln über deinen Bericht und deine Bemühungen..
    ein paar Kohlweißlinge gibt es hier auch ..
    so zwei drei ;)
    es gibt ja auch nicht mehr viel zu futtern für sie.. früher wurde in den Gärten hinter dem Haus Gemüse angebaut
    und ich erinnere mich an ein Jahr da gab es so viele Raupen im nachbarlichen Kohl die dann zu hunderten an der Hauswand empor krochen
    sowas hatte ich noch nie gesehen ..
    die Nachbarn haben die Wand dann mit dem Schlauch abgespritzt

    bunte Schmetterling gibt es bei mir leider nicht

    liebe Grüße
    Rosi
    ich habe keine Ahnung was sie oben wollten

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  13. ich koennte dir damit aushelfen - ich haette die kohlpflanzen und die raeupchen daran! leider... ich schaetze es nicht so, wenn sie an den wirsing gehen, weil sie meist eine eklige matsche im innern hinterlassen, wenn der kopf sich drumherum schliesst:( also muss ich absammeln - was ich auch nicht soooo klasse finde, weil ich auch so schon genug zu tun habe! aber es hilft nix, weil ich ganz gern auch noch was vom wirsing haette:)
    vielleicht hast du ja naechstes jahr mehr glueck?

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  14. Liebe Elke,
    spannende Geschichte mit leider tödlichem Ausgang. Ich mag sie sehr, die unzähligen Weißlinge. Die Kapuzinerkresse krepelt hier jedes Jahr nur vor sich hin, die mag unseren Garten wohl nicht.
    Liebe Grüße
    Karen

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  15. Du hast a u c h soviele Kohlweißlinge, liebe Elke?! Dann ists ja wirklich ein landesweites Phänomen dieses Jahr!
    Sie könnten aber schlauer sein: Wue wild haben due Räupchen meine Palm-Kohlsämlinge fefuttert statt sie zu starken ( Futter-)Pflanzen werden zu lassen...

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  16. Toller Beitrag, tolle Fotos. Bei mir dürfen die Kohlweisslingsraupen genüsslich knabbern, weitgehend unbeheligt von Schnecken, die zur Zeit auch abends nicht mehr zu sehen sind. Ich denke, die meisten sind der Dürre zum Opfer gefallen. Auch mir ist aufgefallen, dass es dieses Jahr wirklich sehr viele sind.

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  17. Die Idee mit dem Kohlrabieinkauf finde ich Klasse.....ich habe auch meistens Kohlweißling-Besuch, wenn ich Kohlrabi anpflanze, über den ich dann aber nicht erfreut bin ;-) Schade, dass es keine Puppen gab, aber das gelingt dir bestimmt noch.
    LG Sigrun

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