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Samstag, 7. August 2021

Bittersüß

Ein altbekanntes Gärtnergesetz besagt: Wer Rosenzweige schreddert und sie auf den Beeten in Umlauf bringt, wird mit Schmerzen beim Jäten nicht unter zwei Monaten bestraft. Und ich kann euch sagen, es ist wirklich so! Wie oft habe ich schon arglos in ein Beet gegriffen, um das Pfennigkraut von einer zarten Pflanze wegzujäten, und dabei nicht mit Gegenwehr gerechnet. Das Pfennigkraut ist auch nicht bewehrt, doch es lagen vor ein paar Wochen geschredderte Rosenzweige als Mulch auf dem Beet. Strafe muss sein.

Aber was soll man tun, wenn man hauptsächlich Rosenäste hat, die wuchernd um sich greifen und geschnitten werden müssen? Mulch bleibt Mulch, auch wenn er bis an die Zähne bewaffnet ist. Ich bin ja auch selbst schuld, weil ich so viele raumgreifende Rosen im Garten verteilt habe.

Und so arbeite ich schon an meinem nächsten großen Gartenirrtum, der hoffentlich glimpflich ausgeht. Ich habe nämlich die fixe Idee, den Bittersüßen Nachtschatten (Solanum dulcamara) im Garten anzusiedeln, weil sowohl Blüten als auch Früchte so hinreißend sind.



Diese heimische Pflanze kann man oft an Gewässerrändern ranken sehen, sie kommt aber auch mit trockenen Standorten klar. Am Gehölzrand wäre sie passend, wo sie in andere Sträucher, zum Beispiel wuchernde Rosen, hineinklettern könnte.

Die Blüten sind lila mit gelber Mitte und typisch Nachtschatten.


 

Danach reifen rote, natürlich giftige Beeren, die zunächst, wie Früchte das nun mal so tun, in Grün starten. Da immer neue Blütenknospen aufgehen, reifen die Früchte nacheinander von Grün nach Rot, was ein herrliches Farbspiel erzeugt.



Als ich einmal ein ähnliches Spektakel mit Zier-Peperoni versucht habe, die auch in allen möglichen Farben abreifen, hat es die Pflanze im kurzen mitteleuropäischen Sommer nicht geschafft, überhaupt Früchte zu produzieren, und seien sie noch so farblos. Das kann mit dem Bittersüßen Nachtschatten nicht passieren, der kommt schließlich von hier.

Ein bisschen Sorgen machen mir ja die Nacktschnecken, aber da hat der Bittersüße Nachtschatten ein Trick gelernt: Wird er angeknabbert, produziert er eine Zuckerlösung, die er direkt aus der Wunde abgibt. Das war vorher nur von Nektarien bekannt, diese Pflanze kann es jedoch auch ohne vorher spezielle Organe für diesen Zweck ausgebildet zu haben. Der süße Saft lockt Ameisen an, die fortan auf den Nachtschatten aufpassen und Fraßfeinde wie Flohkäferlarven und Schnecken abwehren. Vor allem die Flohkäferlarven werden von den Ameisen bekämpft - denn so eine gute Nektarbar muss man sich schließlich warmhalten. Dies haben Wissenschaftler der Freien Universitätguenstiggaertnern Berlin in Zusammenarbeit mit niederländischen Wissenschaftlern der Radboud Universität in Nijmegen entdeckt.

Schwarze Wegameisen (Lasius niger) fressen den Wundnektar des Bittersüßen Nachtschattens (Solanum dulcamara)
Quelle: Tobias Lortzing

 
Rote Wegameisen (Myrmica rubra) sammeln den Wundnektar an einem Blatt des Bittersüßen Nachtschattens (Solanum dulcamara)
Quelle: Tobias Lortzing

Auch Nacktschnecken sollen die Ameisen vertreiben. Das klingt doch wie nach einer Pflanze für meinen Garten! Die Samen soll man direkt im Frühjahr aussäen können oder auch schon ab September. Hoffentlich wuchert der Nachtschatten dann aber nicht zu sehr, wenn ich ihm das Gartentor erstmal geöffnet habe... Sonst bin ich eben auch daran wieder selbst schuld. Das kenne ich ja schon. Immerhin hat Solanum dulcamara keine Stacheln., so bittersüß ist er dann doch nicht.


Die Publikation

Lortzing, T., Calf, O.W., Böhlke, M., Schwachtje, J., Kopka, J., Geuss D., Kosanke, S. van Dam, N.M. and Steppuhn*, A. (2016): „Extrafloral nectar secretion from wounds of Solanum dulcamara“, in: Nature Plants. Doi: 10.1038/NPLANTS.2016.56

Samstag, 27. August 2016

Das Unkraut des Jahres

Es gibt die Blume des Jahres, den Vogel des Jahres und den Baum des Jahres. Aber gibt es auch das Unkraut des Jahres? Falls nicht, dann helfe ich gern aus und nominiere meinen persönlichen Wucher-Albtraum 2016: Die Echte Zaunwinde (Calystegia sepium). Die hat es dieses Jahr nämlich faustdick hinter den grünen Ohren. Meist verhält sie sich relativ unauffällig, versucht hier und da den Aufstieg in die sonnigen Gefilde des Gartens, lässt sich mit ein bisschen Rupfen aber in die Schranken weisen.


Dieses Jahr aber raubt sie mir den letzten Nerv, und ich denke, viele von ihr belagerte Pflanzen können da zustimmen. So ungestüm war die staudige Kletterpflanze noch nie. Jede noch so kleine Staude erklimmt sie oder ringt sie in ihrem Würgegriff gleich zu Boden. Die Rosen bieten eine willkommene Kletterhilfe, wo die Zaunwinde rasch obenauf ist und in die Welt hinaus trompetet, dass sie wieder einmal der König der Welt ist. Oben angekommen lässt sie sich dann hängen.

Selbst zum Festhalten an anderen Wildkräutern ist sie sich nicht zu fein und verbrennt sich auch an Brennnesseln allzu gern die Finger oder holt sich an stachligen Karden eine Akupunktur-Behandlung ab.


Auch in fremden Gärten, am Straßenrand, in Hecken und sogar beim Kanufahren am Flussufer verfolgt sie mich dieses Jahr in rauen Mengen - die ist wirklich mit allen Wassern gewaschen.

Dabei muss man ihr eins lassen: Frau Zaunwinde hat Stil. Die weißen Blüten sind die Wucht in Tüten, riesige weiße Trichter, manchmal sogar in wunderschönem Rosa gehalten. Hummeln mögen sie gern.


Überkommt den Gärtner also sowieso gerade die sommerliche Trägheit, ist man dem Windentum recht wohlgesonnen, immerhin ist es ja so hübsch. Und wer könnte sonst aus tiefstem Schatten heraus der Wildrose zu einer kostenlosen zweiten Blüte verhelfen? Versucht man so etwas mit Absicht, etwa mit einer einjährigen Prunkwinde oder der Schwarzäugigen Susanne, wird man sich kläglich scheitern sehen, denn diese Kletterpflanzen schaffen es meist nicht, im Dunstkreis kapitaler, den Himmel verdunkelnder Sträucher groß zu werden.



Die Zaunwinde kann über diese Anfänger nur lachen. Die hat Reserven, schließlich ist sie eine völlig winterharte Staude. Aus ihrem Rhizom schöpft sie so lange Kraft, bis sie das Ende der Fahnenstange erreicht hat und ihre Blüten und Blätter hübsch in die Sonne halten kann. Sie tunnelt ihre Ranken sogar am Boden unter anderem Bewuchs hindurch.

Wenn sie doch nur wenigstens in der Wildrose bleiben würde, dann hätten wir einen Deal. Doch leider ist sie nicht verhandlungsbereit und muss unbedingt noch einen drauf setzen, Ausläufer schieben und sich jede griffbereite Staude gleich mit an Land ziehen. So geht es nicht, da muss gejätet werden, da gibt es kein Pardon.

Und so werde ich wohl noch den Rest des Sommers an meinem Unkraut des Jahres festhalten - und ganz fest ziehen...

Samstag, 9. Juli 2016

Der Gemeine Geburtstagsgarten

Habt ihr im Winter Geburtstag und ärgert euch oft, dass ihr nicht wie wir Sommerkinder im Garten ausgelassen feiern könnt, bis die Sterne leuchten und die Glühwürmchen die beste Lightshow aller Zeiten zu euren Ehren tanzen? 

Ärgert euch nicht länger, der Winter kann ja auch schön sein. Denn die Gäste sehen den Garten dann nicht so gut und vor allem nicht hautnah und stundenlang. Im Winter ist es dunkel, im Sommer erst sehr spät. Zu spät.

Mein Geburtstag ist der Johannistag und man kann oft draußen feiern, sogar mit erwähnter, biologisch abbaubarer Lightshow. Dummerweise sieht der Garten nur von März bis Mai vorführfähig aus, aber dann habe ich noch keinen Geburtstag. Und im Juni macht mein Garten, was er will, und meistens will er wuchern was das Zeug hält.

Ich schäme mich dann immer sehr vor den Gästen, mähe den Rasen lieber doppelt, malträtiere die Rasenkanten und schneide, schneide, schneide. Doch auffallen tut es am Ende nie. Die sich wild an der Gartengrenze auftürmende Rosa multiflora ist um diese Zeit nur noch ein Häufchen verblühtes Elend, zu spät für ihre fulminante weiße Blütenschau, zu früh für ihre ebenfalls oscar-reifen Hagebutten. Die sind jetzt noch grün und wirken unordentlich.

Dieses Jahr ist es noch schlimmer als sonst. Die Staudenwicken am Rosenbogen wollten wohl mal Deutsche Bahn spielen und haben Verspätung. Wochenlang, das kriegt selbst der ICE von Bielefeld nach Berlin nur selten hin. Das Wald-Geißblatt hat zu meiner Ehrenrettung immerhin schon mit dem Blühen angefangen


Hinten im Garten wird's noch schlimmer. Die weißen Wald-Glockenblumen haben entweder schwarze Läuse oder hängen in der Hasel fest, wo ihren parasitenfreien Zustand leider keiner sieht.


Der leckere Bärlauch hat riesige Lücken hinterlassen, die selbst der Giersch nicht mehr haben will (sollte der Bärlauch am Ende eine Wunderwaffe gegen Unkraut sein?). Im schattigen Eck hinten links wachsen also momentan nur Wühlmaushügel und Schnecken.

Die Gelbe Wiesenraute, dieser meterlange Lulatsch, ist nicht standfest gewesen und liegt hilflos auf der Bodendeckerrose, wo sie nicht hingehört.

Der Holunder von nebenan hängt in meinem Garten ab und jeder denkt, es wäre meiner und ich zu faul, die Schere zu benutzen. Dabei haben wir schon die schlimmsten Äste abgeschnitten, die direkt auf unserer Seite waren.

Die Kletterrose 'Manita' gebärdet sich wie toll, blüht zwar herzerweichend, aber zwingt den Baldrian und die Spiraea in eine waagerechte Ausweichposition wegen ihrer allzu sehr überhängenden Äste (siehe Holunder, der ihr im Nacken sitzt und sie in unseren Garten zurückdrängt).



Der arme Baldrian hängt nun dumm über dem Rasen rum und ist im Weg, stützen sähe auch komisch aus. Ich bin versucht, ihn zu ernten, um nicht in Schnappatmung zu verfallen.
Dann auch noch der Ansturm der Nacktschnecken, die im ständigen Regen meine besten Blüher in Gerippe verwandeln, darunter der Herbst-Eisenhut. Sogar der gar nicht angefressene Blaue Eisenhut hat aus Solidarität diesmal keine Knospen.

Also schäme ich mich wochenlang schon im Voraus vor den Geburtstagsgästen. Werden sie wieder den obligatorischen Satz sagen: "Das ist aber zugewachsen bei euch."? Wie immer wird niemand sagen: "Hier kann man aber schön blickgeschützt sitzen.". Und was war dieses Jahr? Es hat geregnet und war kalt, fast wie im Winter.

Jetzt sehe ich den Garten wieder etwas entspannter. Wie in den Gartenzeitschriften sieht er zwar immer noch nicht aus, aber es gibt auch gute Nachrichten. Der Säulenapfel 'Arbat' hält sich mit seiner süßen Last aus rekordverdächtig vielen Äpfeln wacker senkrecht.


Die Heuchera 'Palace Purple' blüht einträchtig neben einer Hosta, die die Schnecken nicht kleingekriegt haben.


Die Taglilien legen sich ins Zeug und haben so viele Blüten wie nie.

Der Frauenmantel leuchtet hübsch im Gegenlicht neben den Schoten vom Einjährigen Silberblatt und dem wuchernden Wald-Ziest. Überhaupt, der Wald-Ziest. Der sieht zwar gar nicht ordentlich aus und würde sicherlich in gar keiner Gartenzeitschrift jemals erwähnt werden, beschert mir aber regelmäßig diesen Special Guest: Die Wald-Pelzbiene (Anthophora furcata), die nichts so sehr liebt wie Wald-Ziest-Blüten.


Und auch die Glühwürmchen-Veranstaltung funktioniert ja nur durch den Wildwuchs, denn die kleinen Leuchten sind glühende Verehrer von Schneckenfleisch. Aber nächstes Jahr schäme ich mich garantiert trotzdem wieder...

Sonntag, 14. September 2014

Rübergemacht

Im Reihenhausgarten ist es ein Geben und Nehmen... Meine Pflanzen wachsen in die Nachbargärten, dafür kommen andere zu mir. Besonders gut zu beobachten ist dieses Miteinander an den Holztrennwänden an der Terrasse. Mein Wilder Wein (selbst aus Samen gezogen) hat mit den Jahren gut zugelangt und die obere Hälfte der Sichtschutzelemente beiderseits ganz professionell unter seine Fittiche genommen. Er beschützt meine metallenen Insektenhotels vor großer Sommerhitze und lässt genau dann genug Sonne an sie heran, wenn die Mauerbienen die Wärme im Frühjahr brauchen. Das Ganze sieht jetzt im September besonders grandios aus.




Von der anderen Seite, der des Nachbarn, kommen seit einiger Zeit noch andere Pflanzen, die zumindest mit ihren Auslegern gern rübermachen. Da wäre zum einen die Passionsblume, die jenseits der Grenze im Kübel auf der Terrasse residiert.


Zum anderen ist da noch ein ganz edles Geschöpf, das sich immer mehr Luftraum aneignet und sich wie eine Lawine über die Sichtschutzwand ergießt: Eine Clematis tangutica 'Anita'. Die ist auch so ein Gernegroß wie der Wilde Wein und sehr starkwüchsig, somit hat Parthenocissus in ihr endlich einen würdigen Gegner gefunden.


Passionsblume und Waldrebe sind einfach da, blühen bevorzugt auf meiner Seite, weil das die Sonnenseite des Lebens ist, und ich brauche mich gar nicht weiter um sie zu kümmern. Jemand anders gießt sie und ich muss nichts weiter tun, als ihre Gegenwart zu genießen. Das kriege ich hin, nichts leichter als das.

Mit den Jahren fällt mir immer mehr auf, wie unkompliziert die aparte 'Anita' ist. Sie ist die schönste Meterware der Welt, einfach immer obenauf und blüht ewig mit herrlichen kleinen weißen Blüten in rauen Mengen. Obwohl sich niemand sonderlich um sie bemüht, gedeiht sie prächtig. Ab und an vertrocknet mal ein Ast, aber im Grunde ist sie gesund und wüchsig.


Unter den Insekten sind es Honig- und Wildbienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge (im Bild ein Landkärtchen), die sich auf die Blüten stürzen. Durch die lange Blütezeit von Juli bis Oktober ist die Nektarquelle von der zuverlässigen Sorte, die sich die Honigbienen nur einmal merken müssen.


Die fluffigen Samenstände sind im Winter sehr kleidsam für meine Terrassenwand.

Die Dame braucht nur ordentlich Platz. Ihre meterlangen Ranken wollen einfach nicht enden und greifen sich alles, was sie auf ihrem Weg ans Licht finden können. Dafür bekommt man auch wirklich extrem viele Blüten für's Geld und der Meterpreis ist sehr niedrig.

Ich bin glatt versucht, mich an einem Absenker zu probieren, um sie vielleicht einmal ganz für mich allein zu haben.

Wer also eine Laube oder Pergola zu beranken hat, dem sei diese herrliche Sorte ans Herz gelegt. Ihr könntet sie natürlich auch dem Nachbarn empfehlen - das ist um Einiges bequemer...

Mittwoch, 26. Februar 2014

Vogelschutzgebiet Terrasse

Discounter sind tödlich. Für Pflanzen jedenfalls. Wer schon einmal nur wenige Tage nach Erscheinen eines floralen Schnäppchens nachgeschaut hat, wie es den armen Angebots-Opfern geht, sieht oftmals nur noch ein bisschen Grün - falls es sich beispielsweise um Sukkulenten handelt. Andere Pflanzen haben meist nicht so viel Glück und sehen bald ziemlich ramponiert aus.

Das hat mich schon vor vielen Jahren zum rettenden Notkauf angespornt, als ich nur einen Balkon zum Austoben des grünen Daumens zur Verfügung hatte - denn da die Pflanzen im Supermarkt immer so mitgenommen aussehen, tu ich ihnen gern den Gefallen und nehme sie tatsächlich mit.

Damals musste es unbedingt ein kleiner Topf mit einem reduzierten Restposten in Form eines Strauchs sein - unschlagbar günstig, aber ein Häufchen Elend. Bei Lichte betrachtet sah das bisschen Gehölz ziemlich langweilig aus - dunkelgrüne, derbe Blätter und davon auch nicht gerade viel. Aber auf dem Etikett prangte das Zauberwort "Vogelschutzgehölz", dem ich noch nie so recht widerstehen konnte.

Also flugs den lächerlich kleinen Obulus an der Kasse gezahlt und ab auf den Balkon mit dem Patienten. Schnell neu eingetopft, fertig - das Vogelschutzgebiet im zweiten Stock war ab sofort in Betrieb.

Nur, was war das Sträuchlein denn nun überhaupt? Es handelte sich um eine Kletterspindel, aber keine von den vollständig immergrünen Arten, sondern möglicherweise um eine Euonymus japonicus - mein Exemplar behält jedenfalls nur in milden Wintern ein paar Blätter.

Wenn das gute Stück eine Hauswand oder den Terrassensichtschutz berankt, kann es sommers bestimmt so dicht werden, dass es zum gepflegten Brutgeschäft einlädt. Wurde es auf dem Balkon aber nicht. Die Kohlmeise kam trotzdem zum Nisten, wollte allerdings mit dem kleinen Euonymus nichts zu tun haben.

Schließlich zog ich um in ein Haus mit Garten und die Kletterspindel hatte schon wieder Glück: Sie durfte mit und nun richtigen Erdboden spüren, an der Terrassenwand. Sie kletterte auch brav ein bisschen daran herum, wurde immer höher, war aber nie ganz dicht. Geschlagene zehn Jahre lang hat meine Euonymus auf das Vogelschutzgehölz gepfiffen.


Letzten September dann kam ihre große Sternstunde: Es wurde geblüht, sehr zur Freude der hiesigen Randgruppen der Insektenwelt - der Wespen und Schmeißfliegen. Wochenlang herrschte reger Flugbetrieb - die ansonsten fliegenfangenden Wespen schlossen vor lauter Nektarrausch sogar Waffenstillstand mit der in Massen anwesenden Beute.
 

Im Winter öffneten sich die Früchte schließlich und man sah deutlich die Verwandtschaft zum heimischen Pfaffenhütchen, welches ja auch Rotkehlchenbrot genannt wird.



Nun doch mal endlich richtig Vogelschutz? Nun ja, seht selbst: Jetzt Ende Februar haben die Früchte deutlich an Spannkraft eingebüßt und hängen immer noch unangetastet herum.


Schade. Aber sei's drum - sowohl die Büte als auch die kleinen Früchtchen haben mir sehr gefallen, außerdem ist es vielleicht doch nur die Nähe zum Wohnhaus, die die Rotkehlchen von der Einweihung meines Vogelschutzgehölzes abhält.

Falls ihr also im Discounter einmal so einem notleidenden Strauch begegnet, rettet ihn ruhig und berichtet mir bitte, wie eure Erfahrungen mit seiner Naturschutztauglichkeit sind. Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne entgegen!

Samstag, 17. September 2011

Von Kresse und Katzen

Als ich 1992 das erste Mal ohne Unterschrift eines Erziehungsberechtigten in der Hauptstadt war, besuchte ich ein vegetarisches Restaurant in Berlin-Kreuzberg. Das Gericht war mit Blüten garniert.
Beides war für mich eine Sensation!
Aus der tiefsten Provinz stammend kannte ich überhaupt keine vegetarischen Gastronomiebetriebe.
Dort, wo ich herkam, konnte selbst die Bestellung eines simplen Salattellers zu einem Wagnis werden - nie enthielt er einfach nur Gemüse, das wäre zu einfach. Nein, irgendwo war immer Kochschinken oder sonstwas versteckt, denn das scheint meistens unter Gewürz zu firmieren und nicht unter Fleisch.

Und hier war nun nicht nur nachweislich kein Fleisch im Essen, sondern auch noch Blumen!
Kapuzinerkresseblüten (Tropaeolum majus), um genau zu sein. Blüten gehörten für mich bis dato an eine Pflanze dran, nicht ans Essen.
Schmeckte aber.
 

Trotzdem bringe ich es bei meiner eigenen Kapuzinerkresse nicht über mich, die Blüten zur Beilage zu erklären.
Von irgendwas müssen die letzten Ackerhummeln das Jahres ja auch leben. Die ernähren sich schließlich hauptberuflich von Blumen.

Ohne Blüten gibt es nun mal keine Samen, die eine Grundversorgung mit Kapuzinerkresse auch im nächsten Jahr sicherstellen können.


Leider ist die robuste Rankblume etwas in Verruf geraten - zu grell sind ihre Farben für die so angesagten, Ton-in-Ton-Bepflanzungen der leisen Töne.


Dabei gibt es auch dezente, fast weiße Auslesen, sogar nahezu schwarze oder apricot-farbene sind erhältlich. Die kosten allerdings auch gleich etwas mehr, während die orangefarbenen Promenadenmischungen für kleines Geld zu haben sind.
Muss man ja auch nur einmal kaufen, danach kann man eigenes Saatgut gewinnen - und vielleicht eine neue Auslese ziehen, die Hausmarke eben.

Die Anzucht ist denkbar einfach. Solange sie genug Freiraum und Sonne hat, gibt es keinen Zickenkrieg.


Auch kulinarisch hat Tropaeolum majus es faustdick hinter den dicken Knospen. Die kann man nämlich wie Kapern verwenden.
Aber das hieße ja wieder Blüten zu essen.
Glücklicherweise kann man stattdessen die jungen Blätter ernten. Kleingeschnitten sind sie genauso zu verwenden wie die altbekannte Gartenkresse. Schmeckt nicht viel anders - der Name Kapuzinerkresse kommt schließlich nicht von ungefähr.

Der Geschmack stammt von den Senfölglykosiden, die auch in Kreuzblütern vorkommen.
Daher interessieren sich auch die Kohlweißlingsraupen sehr für die Pflanze:

Raupe vom Kleinen Kohlweißling
Auch anderen Besuch kann man entdecken:


Leider wird die Kapuzinerkresse gern von Blattläusen geplagt. Als Gewürz kommen die Blätter daher erst in Frage, nachdem die Kavallerie in Form von Marienkäfern und Schwebfliegen Tabula rasa gemacht hat.
Jetzt im Herbst sind die Blätter schön frei von Beifang.

Die gute alte Bauerngartenpflanze sollte viel öfter gepflanzt werden, so hoch sind Zier- und Nutzwert.

Vielleicht kommen nächstes Jahr doch auch mal Blüten ins Essen. Schließlich jährt sich dann mein augenöffnender Berlin-Besuch zum 20. Mal. Und das ist schließlich ein Grund, über die Stränge zu schlagen. Aber ohne Kochschinken.

PS: Die Ernte von Kapuzinerkresse-Samen wurde jäh unterbrochen, als Nachbars Katze, die kein Vegetarier ist, mit einem tollen Spielzeug meinem Blumenbeet entstieg. Es war ein Grasfrosch, den ich ihr flux entwendet habe.
Das hier ist die Tote-Frosch-Stellung:


Die Finger hielt er sich schützend über die Augen und rührte sich nicht mehr, ich konnte aber seine Schluckatmung spüren. Unter Aufsicht, und zwar meiner und nicht die der Katze, konnte er wieder unbehelligt in der Rabatte untertauchen.

Sonntag, 11. September 2011

Reiseandenken

Der September ist genau die richtige Zeit, sich ein Reiseandenken zu besorgen, das lange haften bleibt.
Nicht nur im Gedächtnis, sondern auch an allen nicht allzu glatten Oberflächen.
Nein, die Rede ist hier nicht von exotischen Geckos oder Eidechsen, die kommen selbstverständlich nicht in die Tüte. Und schon gar nicht ins Handgepäck.

Eine Pflanze meine ich natürlich, den Wilden Wein (Parthenocissus quinquefolia). Mit dem echten eher weitläufig verwandt und lässt sich daher mit ihm auch nicht kreuzen.
Eine berauschende Ernte werden wir also vergeblich suchen, dafür kann ihm die Reblaus auch den Buckel herunterrutschen.

Seine hübschen blauen Beeren an knallroten Stielen sorgen an sich schon für Begeisterungsstürme.

 
Und auf genau die hat man es als Andenkensammler abgesehen. Also, auf die Beeren, nicht die Stiele.
Die Samen kann man nämlich von Fruchtfleisch befreit direkt aussäen, den Winter über draußen lassen und sich im Frühjahr an den Keimlingen erfreuen.
Den Topf gut kennzeichnen, denn die Keimblätter lassen nicht erkennen, wer da wächst - das sieht eher nach Knöterich aus, finde ich:


Das ist nicht nur ein nettes, kostenloses Reisemitbringsel - wer schon einmal angesichts des tiefen Topfes, in dem Baumarkt-Kletterpflanzen verkauft werden, beim Einpflanzen verzweifelt ist, weiß die Jungpflanzen sehr zu schätzen.
Ohne Spitzhacke, Presslufthammer oder Sprengstoff lassen sie sich auch in wenig Erde setzen - an der Hauswand etwa, an Gartenschuppen oder Terrassensichtschutzwände.
Die Wurzeln werden im Schotter schon zurechtkommen. Wenn nicht, wuchert der Wilde Wein eben weniger, soll uns auch recht sein.
Meiner jedenfalls, in mehr Schotter als Erde gepflanzt, hat bereits die gesamte Trennwand zur Nachbarterrasse mit seinem wunderschönen Laub tapeziert. In dieser Jahreszeit ist er mein Lieblings-Terrassen-Accessoire:

Meine Terrassentapete, aus Samen gezogen

Beim Auswählen der beerigen Reiseandenken sind ein paar Dinge zu beachten, möchte man möglichst lange in schönen Erinnerungen schwelgen:

  • Nur Orte verwenden, an die man sich gern erinnert. Hat man gerade die längste Nacht seines Lebens verbracht, weil das Hotelzimmer vor Mücken nur so wimmelte, lieber einen anderen Wein suchen.
  • Historische Bauwerke oder Altstädte werden oft von Wildem Wein bewachsen. Hier zu sammeln fördert das Gedächtnis. Man kann dann ganz großspurig seinen selbstgezogenen Pflanzen Sortennamen geben nach dem Gebäude oder der Stadt: "Schloss Sanssouci" etwa oder einfach nur "Zürich".
  • Orte mit negativen Assoziationen lieber nicht beernten. Ein Sortenname à la "Lärmschutzwand A2 Südhang" oder "Burger King Bahnhofsstraße Ostflügel" wird womöglich dazu führen, dass man die Pflanze etwas vernachlässigt. Das will ja keiner.
  • Wer absolut auf Nummer Sicher gehen möchte, was sein Gedächtnis angeht, sammelt nicht nur an bestimmten Orten, sondern gleich auch noch zu einem besonderen Anlass. Weinfest Meersburg etwa (findet praktischerweise gerade statt). Aber Vorsicht: Am anschließenden Kater ist nicht der Wilde Wein schuld, das schafft nur der echte!

Wilder Wein berankt Zürich


Auch Balkongeländer lassen sich mit der schönen Kletterpflanze verdichten. Hier sind Sämlinge wieder besser einzutopfen, weil sie keinen allzu ausufernden Wurzelballen haben:

Nochmal Zürich

Hausfassade in Meersburg mit Echtem und Wildem Wein. Und Geranien.

Wenn alles klappt, ernährt das besondere Reiseandenken in ein paar Jahren auch die durchreisenden Wintervögel. Was will man mehr.