Es ist einer der vielen mysteriösen Mythen, über die man in der Gartenliteratur so stolpert: Man soll die Samenansätze von Tulpen und Narzissen bloß unverzüglich abschneiden, bevor die Zwiebelblume von dem Stress der Nachwuchsförderung völlig erschlafft am Boden liegt. Die Fortpflanzung darf ihnen auf gar keinen Fall erlaubt werden. Wobei Krokusse, Scillas und die anderen kleinen Blümchen aber völlige Narrenfreiheit haben. Und die verausgaben sich nicht, die vermehren sich wie wild. Nur den Großen unter den Blumenzwiebeln soll es bei Strafe verboten sein, Samen anzusetzen? Ausnahme: Zierlauch! Dessen Samenstände sehen ja ganz hübsch aus. Sollte hier der Hase im Pfeffer liegen, ist es am Ende die reine Optik?
Während man Zweijährige wie den Fingerhut auch tatsächlich durch Abschneiden der Samenstände davon überzeugen kann, noch ein weiteres Jahr im Garten zu bleiben, und noch eins und noch eins, hört man bei Stauden ansonsten ja nichts von derartigen Prozeduren, nur bei Tulpen und Narzissen wird dieses Kastrieren empfohlen. Dabei sind sie sowieso oft wahre Diven, die nicht in jedem Jahr blühen möchten, Samenbildung hin oder her.
Ich habe diese Plackerei auch brav jahrelang mitgemacht und bin mühsam mit der Schere hinter jeder Narzisse und Tulpe hergerannt. Dann habe ich es einfach mal gelassen und wollte mal sehen, ob dann die Welt untergeht. Narzissen können tatsächlich super Samen bilden, die richtig große Klunker sind. Die werde ich einfach mal aussäen, sie sollen Dunkel- und Kaltkeimer sein. Auch Zierlauch keimt erst im nächsten Frühjahr.
Bei den Tulpen ist es noch weniger ersichtlich, warum man sie abschneiden soll, denn meistens entsteht statt einer Samenkapsel etwas verschrumpelt rosinenartiges. Die meisten Blüten werden offenbar gar nicht erst bestäubt und die Pflanze lässt sie von sich aus verkümmern. Aber dann sah ich diese Tulpe, links zum Vergleich eine unverkennbar unbefruchtete:
Ein Kawenzmann von Samenkapsel! Hier erwarte ich ähnlich große Samen wie bei der Narzisse. Und die werden dann auch ausgesät, so! Anarchie im Garten!
















































