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Samstag, 7. Februar 2026

Ein gräserner Zinnsoldat

Wie heißt es so schön? Schneeflocken brauchen Landeplätze und deshalb schneidet man die Stauden nicht schon im Herbst runter. Nun, mein Calamagrostis x acutiflora 'Overdam schert sich nicht um diese Landeplätze, hier ist für Schneeflocken absolutes Halteverbot. Die Blütenhalme stehen so straff aufrecht, da prallt alles ab wie an Teflon. Sie halten sich parallel zueinander und bilden keinen Strauß wie andere Gräser. Selbst jetzt im Februar lässt es sich nicht dazu herab, klein bei zu geben, noch immer hält es sich wacker kerzengerade, als möchte es einen Preis für das ausdauerndste Gras gewinnen. Von mir bekommt es den gern, ich weiß nur nicht, wie ich ihm seine Medaille umhängen sollte, die würde ja nicht hängen bleiben... Ein wahrer Streber, das hübsche Gras.

Nur sehr nasser Schnee bleibt mal kurz auf den Blüten liegen, der verklumpt nämlich gern und wird dann zu schwer. Aber dann schüttelt sich das Gras mal eben und steht wieder senkrecht, als wäre nichts gewesen. Ein echter Zinnsoldat, der im Gegenlicht sogar golden schimmern kann.

Das hier war an Weihnachten, da leuchtet es wie eine etwas wirre Kerze:

Auch im Schnee wirkt es sehr lebendig:

Hier steht es immer noch tapfer im Beet, während die Karden und der Echte Alant gestützt werden müssen:

Die Sorte 'Karl Foerster' kann das sicher auch sehr gut. Die beiden sind ja nahe verwandt und eine Hybride zwischen den beiden heimischen Arten Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos) und Wald-Reitgras (Calamagrostis arundinacea). 'Overdam' ist kleiner und hat panaschiertes Laub. Interessanterweise treiben die beiden Elternarten Ausläufer und sind daher im Garten nicht gut gelitten. Vor Schreck haben sie bei der Hybridisierung aber dann doch glatt das Wuchern vergessen und wachsen horstartig, sind also im Beet völlig harmlos.

Das hier ist das Land-Reitgras, wie es sich – immer an der Wand lang - in einer Fuge ausgebreitet hat. Irgendwie ja auch sehr hübsch:

Vor fünf Jahren hatte ich mich ja noch beschwert, dass Madame 'Overdam', einer gräsernen Schlampe gleich, einfach keinen guten Winteraspekt hinkriegt und sich nur hängen lässt. Aber letzten Sommer hat sie sich dann endlich mal nicht lumpen lassen und mich durch eine fulminante Blüte so beeindruckt, dass ich aus dem Schwärmen nicht mehr rauskam. Vielleicht braucht der Horst erst eine gewisse Breite, sodass sich die einzelnen Halme gegenseitig stützen oder schön motivieren können?

Jetzt bin ich ja so gespannt wie ein Flitzebogen, oder besser: wie ein 'Overdam', ob dieses sagenhafte Schauspiel sich dieses Jahr wiederholen wird. So langsam könnte ich es auch mal teilen, dann habe ich zwei solche Hingucker im winterlichen Beet - falls die Standfestigkeit dann nicht leidet...

Das hier ist der Horst von oben: Da könnte doch was geteilt werden, oder?







Samstag, 3. Januar 2026

Glitzerwelten

Wer könnte besser für das Stehenlassen der Staudenstängel Werbung machen als Sonne und Frost? Jeder schnöde Halm sieht dann frisch und fesch aus. Durch den Regen zusammengepappte Flugsamen bekommen wieder eine Fönfrisur verpasst und glitzern im Gegenlicht.

Wer also noch ein Argument braucht, um Bekannte oder Nachbarn zu mehr Lässigkeit im Garten zu bewegen, sollte die herbstlichen Scherenschwinger einmal zu einem Besuch in einem botanischen Garten einladen. Denn dort kann die Sonne weiter ausholen als in kleinen Gärten und man hat einfach mehr Auswahl im Schaulaufen um den Wettbewerb "Wer hat den schönsten Samenstand".

Es kann nicht jeder botanische Garten Überzeugungsarbeit leisten, es muss schon einer unter fortschrittlicher Leitung sein, in dem die alten Stängel toleriert und zelebriert werden.


Im Winter steht die Sonne schön niedrig und auf Fotos treten die schönsten Lichteffekte auf, die einen ganz plümerant werden lassen.

Auf den vordersten Rängen stehen dabei die Blütenteller der Goldgarbe (Achillea filipendulina), die sich Mühe geben, ein Postkartenmotiv zu kreieren.


Fette Henne sieht ähnlich elegant aus, wirkt aber ein bisschen bodenständiger als die schwankenden Schafgarben.

Während das Lampenputzergras (Pennisetum) für seine Darbietung Silber bekommt, hat sich der Schneefelberich (Lysimachia clethroides) eindeutig Gold verdient.


Gräser gehen ja immer.





Die Agastache lässt sich auch nicht lumpen und steht wacker aufrecht.



Das hier könnte eine Bergminze (Calamintha nepeta) sein:


Und bei dem Samenstand hier bin ich mir gar nicht sicher, was das sein soll, sieht aber gut aus:



Sonnenhut (Rudbeckia fulgida) ist auch als Samenstand noch ein Sonnenschein:

Die Stinkende Nieswurz gibt sich grün wie eh und je:



Die Gehölze glänzen natürlich nicht weniger als die Stauden:






So, das war wieder mal der Botanische Garten Gütersloh. Ich hoffe, er hat auf ganzer Linie überzeugt, die Staudenstängel dran zu lassen und noch nicht wegzuwerfen.

Samstag, 5. Juli 2025

Grasglück

Gräser im Garten sind ja gerade sehr in Mode. Nicht das gute alte Pampasgras, das früher mal in war, aber dann als altmodisch galt. Es wirkte auch immer ein bisschen steif und unbeweglich, vor allem sehr groß und dominant. Gräser im Staudenbeet sollen jetzt aber beschwingt und leicht daherkommen und sich mit den Stauden vergesellschaften, anstatt sie zu dominieren.

Gräser im Garten sind also mittlerweile ein Muss - und manche Schmetterlinge freuen sich auch über dieses Raupenfutter, denn mit den Blüten können die Falter eher wenig anfangen. Schwebfliegen naschen aber tatsächlich am Pollen. Also musste ich es auch versuchen. Daher habe ich ein geschenktes Bastard-Reitgras (Calamagrostis x acutiflora) 'Overdam' eingepflanzt, und das ist jetzt schon fünf Jahre her. Und seit 5 Jahren meckere ich an diesem armen Gras herum, weil es statt wogende Blattschwerter mit federleichten Blüten zu präsentieren immer mickrig war, umknickte und ein Bild des Jammers abgab, aber immerhin war es panaschierter Jammer.

Auch im Winter war es kein spektakulärer Anblick, auch dann verzauberten die umgenknickten Blütenstiele völlig überraschend gar nicht mal so sehr.

Dabei wird im Foerster-Stauden-Kompendium als "Anspruchsarmer Bastard für durchlässige Substrate" beschrieben (wobei Bastard zugegebenermaßen nicht nett klingt), sowie als horstbildend mit guter Winterwirkung. Bei mir wirkte eher der Winter gut auf das Gras ein als es auf mich Eindruck gemacht hätte.

Aber kaum wartet man 5 Jahre oder mehr, bin ich auch schon ganz begeistert von 'Overdam'. Diesen Sommer sieht es gar nicht nach Bastard, sondern nach einem ganz edlen Gras aus - Stängel bis zum Hals mit vielen luftigen Blüten, die sich hübsch im Wind wiegen oder bei Orkanböen nachgiebig schwanken.

Es wirft sich der Wilden Malve an den Hals wie eine Federboa, was geradezu bezaubernd wirkt und Malva sylvestris mit ihrer streng aufrechten Figur sehr schmeichelt. Diese Malve habe ich aus Samen selbst gezogen.


Und weil ich so zufrieden bin mit diesem Gras, habe ich mir dieses Jahr das Diamantgras (Calamagrostis arundinacea var. brachytricha) schenken lassen. Ob das auch 5 Jahre braucht, um mich zu überzeugen? Ich werde berichten. Zum Glück sind Schnecken an Gräsern nicht sonderlich interessiert, an der Front besteht also keine Gefahr...


Samstag, 22. Juli 2023

Gras-Fahndung

Gräser im Garten sind beliebt, doch meistens geht es eher um die hohen, feinen Arten wie Reitgras oder die korpulenten wie Chinaschilf. Die Schattenarten werden eher als arbeitswillige Bodendecker angesehen, allen voran das Japanwaldgras oder die Segge Carex morrowii. Letzteres kann ganz schön wuchern. Ich wollte für meinen Schattengarten aber eine heimische Art, die nicht so dominant ist, und hatte mich in das Wald-Flattergras (Milium effusum) verguckt. Ganz besonders die Sorte 'Aureum' ist doch auch wirklich schön.

Hier sieht man Milium effusum 'Aureum' im Frühjahr im Botanischen Garten Gütersloh:


Doch das wäre hier ja nicht "Günstig Gärtnern" wenn ich dafür jetzt einfach ins Gartencenter gehen würde. Das wäre zu einfach.

Stattdessen fiel mir auf, dass in vielen Beeten in der Siedlung ein Gras von ganz alleine aufgetaucht war. Es hatte schöne breite Blätter und einen federleichten Auftritt, ohne Ausläufer zu bilden. Noch dazu schien es in Schatten oder Halbschatten mit Trockenheit klarzukommen. Das wollte ich haben - vielleicht war es ja sogar das Wald-Flattergras, immerhin konnte es im Wind flattern.

Und siehe da, in den Pflasterfugen vor der Haustür erschein genau dieses Gras! 

 


Ich habe es vorsichtig extrahiert und in das schattige Terrassenbeet gepflanzt. Es wuchs und war zufrieden, blühte sogar.

 


Jetzt kamen mir aber Zweifel - welche Art war das denn nun? Milium effusum schied leider aus, auch Japanwaldgras schien es nicht zu sein. Das Bestimmungsbuch und auch eine App benannten es als Wald-Zwenke (Brachypodium sylvaticum). Das könnte tatsächlich hinhauen. Nicht alles, was flattert, ist auch Flattergras!

Milium effusum kann ja jeder, Wald-Zwenke ist doch viel exklusiver! Und wird im Staudenhandel zu 6 Euro der Topf gehandelt - ja, genau, man kann sie kaufen, so unkrautig kann sie also gar nicht sein! Und da habe ich richtig was gespart! Außerdem fressen die Raupen von Waldbrettspiel und anderen Faltern an diesem Gras.

Es ist vielleicht nicht so super ordentlich im Aufbau wie das Wald-Flattergras oder das Japanwaldgras und wird daher weniger Liebhaber finden, aber ich mag es trotzdem.




Die Art ist sogar wintergrün! Sie soll eher feuchte, kalkhaltige Böden lieben, ich finde, dass sie aber auch gut mit Dürre zurechtkommt. Man soll dieses Gras sogar essen können.

Wenn es mir zu viel wird, futtere ich es also auf. Ich habe schon den nächsten Sämling getopft für die Bärlauchecke, die um diese Zeit so kahl aussieht. Mal schauen, ob die Wald-Zwenke den Bärlauch in den Hintern zwenken, äh, zwicken, kann....


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Jetzt muss ich aber noch den Sonnenhut auflösen, der im letzten Artikel noch nicht geblüht hat. Er ist sogar noch schöner geworden als gedacht, die Blüte ist zweifarbig!



Abends schaut die Blüte nach oben, in der Mittagspause schaut sie zu mir herüber - super, oder? Da fühlt man sich beachtet.

Samstag, 11. Mai 2019

Das Gras wachsen sehen

Bei manchen Pflanzen scheiden sich die Geister. Erst ist man Feuer und Flamme für sie, bis ein Punkt kommt, an dem man skeptisch wird, ob man das Richtige getan hat, als man sie gepflanzt hat. So ein Wackelkandidat ist Carex morrowii 'Ice Dance'. Diese Segge hat grünes Laub mit weißen Randstreifen, daher der hübsche Sortenname. Von durch die Beete tanzen kann aber nicht die Rede sein, eher ist es ein Walzen - 'Ice Waltz' oder 'Eispanzer' wäre vielleicht eine bessere Bezeichnung, weil er wie ein grünweißer Panzer durch die Beete kriecht.



Das Gras treibt nämlich Ausläufer. Kurze zwar, aber mit der Zeit wird es immer breiter und verdrängt andere Pflanzen, die nicht stark genug sind bei dieser Landnahme. Deshalb kann man die Segge auch gleich nach Erhalt beherzt teilen, das liegt ihr im Blut, da wächst sie einfach weiter und schon hat man zwei Eispanzer im Beet.

Hier kann man ganz gut sehen, wie groß die eine Pflanze in drei Jahren geworden ist.

Ich habe jetzt die Ausläufer abgestochen und eingetopft, um das unbepflanzbare Siedlungsbeet mit den drei Kugelahornen zu ergänzen. Dort könnte die robuste Natur von Carex morrowii gut hinpassen, da ist es elend trocken und durchwurzelt. Ahorn eben.



Unter den Bäumen könnte 'Ice Dance' seine Trümpfe ausspielen. Trockenheitsverträglich ist es, wüchsig auch.

Wenn es aber blüht, dann geschieht dies mit einer Zartheit, die nicht zu diesem dominanten Wesen zu passen scheint. Filigrane weiße Fusselblüten, die aussehen, als würden weiße haarige Raupen einen Zweig hinaufkrabbeln. Oder Zahnbürsten. Oben drauf gibt es dann noch einen braunen Staubwedel. Unfassbar hübsch im Gegenlicht.






Die Ameisen finden die Blüten auch spannend und zerrupfen manchmal so eine weiße Raupe.


Bei Carex morrowii gibt es also eine Geschlechtertrennung: Ganz oben, der braune Staubwedel, ist der männlicher Teil des Blütenstandes, die weißen Raupen sind die weiblichen Teile.


Später werden diese dicker und bilden die Samen. Wer weiß, vielleicht knabbert die ein Vogel?


Hopp oder topp also? Ich bin noch unentschlossen, ob ich das Gras lieben oder verfluchen soll. Ich hatte die Hoffnung, dass es etwas Ordnung in meinen wilden Garten bringt. Klappt bei der Blüte mindestens, denn da hat es schon bewundernde Blicke geernet. Und ich ernte gleich wieder Ausläufer.