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Samstag, 22. Juli 2023

Gras-Fahndung

Gräser im Garten sind beliebt, doch meistens geht es eher um die hohen, feinen Arten wie Reitgras oder die korpulenten wie Chinaschilf. Die Schattenarten werden eher als arbeitswillige Bodendecker angesehen, allen voran das Japanwaldgras oder die Segge Carex morrowii. Letzteres kann ganz schön wuchern. Ich wollte für meinen Schattengarten aber eine heimische Art, die nicht so dominant ist, und hatte mich in das Wald-Flattergras (Milium effusum) verguckt. Ganz besonders die Sorte 'Aureum' ist doch auch wirklich schön.

Hier sieht man Milium effusum 'Aureum' im Frühjahr im Botanischen Garten Gütersloh:


Doch das wäre hier ja nicht "Günstig Gärtnern" wenn ich dafür jetzt einfach ins Gartencenter gehen würde. Das wäre zu einfach.

Stattdessen fiel mir auf, dass in vielen Beeten in der Siedlung ein Gras von ganz alleine aufgetaucht war. Es hatte schöne breite Blätter und einen federleichten Auftritt, ohne Ausläufer zu bilden. Noch dazu schien es in Schatten oder Halbschatten mit Trockenheit klarzukommen. Das wollte ich haben - vielleicht war es ja sogar das Wald-Flattergras, immerhin konnte es im Wind flattern.

Und siehe da, in den Pflasterfugen vor der Haustür erschein genau dieses Gras! 

 


Ich habe es vorsichtig extrahiert und in das schattige Terrassenbeet gepflanzt. Es wuchs und war zufrieden, blühte sogar.

 


Jetzt kamen mir aber Zweifel - welche Art war das denn nun? Milium effusum schied leider aus, auch Japanwaldgras schien es nicht zu sein. Das Bestimmungsbuch und auch eine App benannten es als Wald-Zwenke (Brachypodium sylvaticum). Das könnte tatsächlich hinhauen. Nicht alles, was flattert, ist auch Flattergras!

Milium effusum kann ja jeder, Wald-Zwenke ist doch viel exklusiver! Und wird im Staudenhandel zu 6 Euro der Topf gehandelt - ja, genau, man kann sie kaufen, so unkrautig kann sie also gar nicht sein! Und da habe ich richtig was gespart! Außerdem fressen die Raupen von Waldbrettspiel und anderen Faltern an diesem Gras.

Es ist vielleicht nicht so super ordentlich im Aufbau wie das Wald-Flattergras oder das Japanwaldgras und wird daher weniger Liebhaber finden, aber ich mag es trotzdem.




Die Art ist sogar wintergrün! Sie soll eher feuchte, kalkhaltige Böden lieben, ich finde, dass sie aber auch gut mit Dürre zurechtkommt. Man soll dieses Gras sogar essen können.

Wenn es mir zu viel wird, futtere ich es also auf. Ich habe schon den nächsten Sämling getopft für die Bärlauchecke, die um diese Zeit so kahl aussieht. Mal schauen, ob die Wald-Zwenke den Bärlauch in den Hintern zwenken, äh, zwicken, kann....


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Jetzt muss ich aber noch den Sonnenhut auflösen, der im letzten Artikel noch nicht geblüht hat. Er ist sogar noch schöner geworden als gedacht, die Blüte ist zweifarbig!



Abends schaut die Blüte nach oben, in der Mittagspause schaut sie zu mir herüber - super, oder? Da fühlt man sich beachtet.

Samstag, 5. Oktober 2019

Wenn der September geht...

Früher konnte ich nicht genug vom Sommer kriegen und habe schon im Juli gedacht: Jetzt kommt noch der August und schon ist der Sommer vorbei, hoffentlich dauert es noch gaaaaanz lange bis September. Mittlerweile geht mir schon im Juli das Lied von Green Day nicht mehr aus dem Kopf: "Wake me up when September ends", obwohl ich das noch nicht mal leiden kann, aber den Sommer zu verschlafen ist mittlerweile durchaus eine Option für mich. Auch der Song von Lana Del Rey passt als Sommermotto ganz gut: "Summertime sadness".

Früher waren die Sommer ja auch noch halbwegs brauchbar und nicht so ohne Regen wie in den letzten beiden. Mittlerweile freue ich mich auf den Oktober, denn da wird alles wieder gut: Die Regentonne ist voll, der Boden nass und ich muss keine Gießkannen mehr schleppen. Auch macht der Garten jetzt wieder Spaß, man sieht nicht mehr wie im Sommer überall nur notleidende Gewächse, die kurz vorm Verdursten sind und bitteschön morgens und abends gern zehn Liter Wasser gereicht bekommen würden.

Der Regen der letzten Septembertage hat auch meinen besonderen Wucher-Lieblingen gut getan, den Gefleckten Taubnesseln (Lamium maculatum). Die sind ja immer beschäftigt. Wenn sie nicht gerade blühen, arbeiten sie an einer bunten Bodendecke, die auch ohne Blüten unglaublich hübsch aussieht.


Die tollen Taubnesseln treiben es nicht nur ziemlich bunt, sie tun dies auch an Plätzen, die andere Stauden nicht geschenkt haben wollen: Am schattigen Gehölzrand sucht man diese Farbenpracht sonst vergeblich oder findet sie dort nur im noch sonnigen Frühjahr, wenn die Strauchschicht im unbeblätterten Zustand noch genug Sonnenlicht bis zum Boden durchsickern lässt.

In meinem Garten habe ich zwei Gefleckte Taubnessel-Sorten.

Das hier ist 'Pink Pewter', die jetzt mit genug Bodenfeuchte so richtig aufdreht. Neue Blüten erscheinen über graugrünem Laub, die wie bei Taubnesseln typisch immer in entgegengesetzte Richtungen gucken. Die Knospen sehen aus wie kleine pinkfarbene Fäuste.






Die Pflanze habe ich aus einer Triebspitze vermehrt und bin ganz stolz auf das kleine Wucherwunder.


Die andere Sorte 'Argenteum' habe ich von der Pflanzenbörse in Gütersloh. Sie hat bezeichnende weiße Streifen auf den Blättern, die wie bei einem Esel der Aalstrich längs verlaufen. Vier Blätter von oben gesehen bilden dank ihrer gegenständigen Anordnung ein weißes Kreuz, damit die Insekten auch wissen, wo sie die Blüten finden.




Auch diese Sorte mag Schatten und blüht jetzt noch einmal in alter Frische.

Die schöne Schillerwanze freut sich schon unbändig auf die Samen.



Und ich freue mich über das kleine Herbst-Highlight, der Sommer war schließlich anstrengend genug...

Samstag, 11. Mai 2019

Das Gras wachsen sehen

Bei manchen Pflanzen scheiden sich die Geister. Erst ist man Feuer und Flamme für sie, bis ein Punkt kommt, an dem man skeptisch wird, ob man das Richtige getan hat, als man sie gepflanzt hat. So ein Wackelkandidat ist Carex morrowii 'Ice Dance'. Diese Segge hat grünes Laub mit weißen Randstreifen, daher der hübsche Sortenname. Von durch die Beete tanzen kann aber nicht die Rede sein, eher ist es ein Walzen - 'Ice Waltz' oder 'Eispanzer' wäre vielleicht eine bessere Bezeichnung, weil er wie ein grünweißer Panzer durch die Beete kriecht.



Das Gras treibt nämlich Ausläufer. Kurze zwar, aber mit der Zeit wird es immer breiter und verdrängt andere Pflanzen, die nicht stark genug sind bei dieser Landnahme. Deshalb kann man die Segge auch gleich nach Erhalt beherzt teilen, das liegt ihr im Blut, da wächst sie einfach weiter und schon hat man zwei Eispanzer im Beet.

Hier kann man ganz gut sehen, wie groß die eine Pflanze in drei Jahren geworden ist.

Ich habe jetzt die Ausläufer abgestochen und eingetopft, um das unbepflanzbare Siedlungsbeet mit den drei Kugelahornen zu ergänzen. Dort könnte die robuste Natur von Carex morrowii gut hinpassen, da ist es elend trocken und durchwurzelt. Ahorn eben.



Unter den Bäumen könnte 'Ice Dance' seine Trümpfe ausspielen. Trockenheitsverträglich ist es, wüchsig auch.

Wenn es aber blüht, dann geschieht dies mit einer Zartheit, die nicht zu diesem dominanten Wesen zu passen scheint. Filigrane weiße Fusselblüten, die aussehen, als würden weiße haarige Raupen einen Zweig hinaufkrabbeln. Oder Zahnbürsten. Oben drauf gibt es dann noch einen braunen Staubwedel. Unfassbar hübsch im Gegenlicht.






Die Ameisen finden die Blüten auch spannend und zerrupfen manchmal so eine weiße Raupe.


Bei Carex morrowii gibt es also eine Geschlechtertrennung: Ganz oben, der braune Staubwedel, ist der männlicher Teil des Blütenstandes, die weißen Raupen sind die weiblichen Teile.


Später werden diese dicker und bilden die Samen. Wer weiß, vielleicht knabbert die ein Vogel?


Hopp oder topp also? Ich bin noch unentschlossen, ob ich das Gras lieben oder verfluchen soll. Ich hatte die Hoffnung, dass es etwas Ordnung in meinen wilden Garten bringt. Klappt bei der Blüte mindestens, denn da hat es schon bewundernde Blicke geernet. Und ich ernte gleich wieder Ausläufer.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Die familiäre Farnkrise

Meine Mutter, die einen sehr ordentlichen Garten hat und beim Anblick des meinigen gebetsmühlenartig das Wort Brandrodung vor sich hinzumurmeln scheint, hat sich neulich über den Farn in meinem Vorgarten beschwert. Wann ich den denn mal wegmachen wollte?

Wenn es nach meiner Mutter ginge, fielen Farne demnach eindeutig unter die Kategorie Unkraut der allerschlimmsten Sorte. Gut, meiner ist nun wirklich wenig glamurös, es ist ein stinknormaler heimischer Wurmfarn. Er blüht zugegebenermaßen nicht schön, bildet keine knalligen Früchte wie die Wildrosen (im Bild Rosa multiflora und canina) und hat keine atemberaubende Herbstfärbung - im Dezember fallen seine Wedel einfach über Nacht und ganz pragmatisch in sich zusammen und liegen braun am Boden. Nein, eine Pflanzengestalt, über die man schwülstige Gedichte schreibt, ist er wahrlich nicht.


Dafür ist er immer für mich da, und das schon seit über 15 Jahren. Ich habe ihn nämlich damals bei einem Spaziergang in der Nähe meiner alten Wohnung aufgegriffen, als ich ihn auf dem Grünabfallhaufen einer Gärtnerei fand - Wurzeln nach oben. Einige Jahre hat er es im Topf auf meinem Balkon ausgehalten, was man ihm sehr zugute halten muss - zimperlich ist er wirklich nicht.

Nun steht er seit fast einer Dekade also am hinteren Ende meines sogenannten Vorgartens im Schatten der Stachelbeere. Trichterfarne sind zwar beeindruckender, hätten mir aber bereits das ganze Beet zugewuchert mit ihrem einnehmenden Wesen. Der Wurmfarm tut so etwas nicht, der wird ganz langsam breiter.

Im Frühjahr veranstalten Farne mit ihren sich entrollenden Blattspitzen und dem braunen Pelz eine Show sondergleichen, der sich wohl niemand entziehen kann. 


Später zieren die filigranen Wedel von meinem Wurmfarn vor allem im Gegenlicht und nehmen die unschöne Wertstofftonne ein wenig unter ihre Fittiche, die leider nur vor dem Haus noch Platz hatte und mit ihrem aufdringlichen Gelb-Schwarz nur zu sich selbst und zum Postboten passt.







Auch hinten im Garten zeigen sich seit ein paar Jahren wilde Farne, die sich selbst dort angesiedelt haben und den Schatten unter Hasel und Hundsrose mögen. Einer hat sich an die Samenstände der Lunaria herangeschmissen, was durchaus kleidsam aussieht.


Bei großer Trockenheit, die viele Farne nicht schätzen, haben die Pflanzen eine hübsche Strategie entwickelt, um Wasser zu sparen: Sie lassen einzelne Wedel oder nur die rechte oder linke Hälfte davon absterben, was den Gesamteindruck nicht schmälert, aber den Durst. Vor allem der Trichterfarn ist ein Meister dieser Strategie.

Alles in allem sind Farne in schattigen Ecken ein Gewinn und können sich selbst überlassen werden. Sie reißen zwar kein Feuerwerk an optischen Knalleffekten ab, aber so sind sie nun mal, sie drängen sich eben nicht gern auf. Meine Mutter konnte ich trotzdem nicht vom Wurmfarn überzeugen - Unkraut bleibt Unkraut.

Freitag, 13. Juni 2014

Die Ziest-Herausforderung

Liebe Pflanzenzüchter, tut doch mal was zur Ehrenrettung einer kleinen Staude, die völlig zu Unrecht höchst selten in Gärten zu finden ist. Das hat der wilde Wald-Ziest (Stachys sylvatica) doch nun wirklich nicht verdient.


Na gut, der Geruch seiner Blätter ist etwas befremdlich, wenn man an ihnen reibt, aber das muss man ja nun auch nicht ständig tun - einfach Finger weg! Und, ja, zugegeben, ohne Blüten sieht er immer ein bisschen aus wie eine böse Brennnessel, weshalb er von vielen Gartenbesitzern auch sogleich als eine solche eliminiert wird (nicht ohne sich dabei über den fehlenden Schmerz zu wundern).

Doch seine Blüten sind einfach fantastisch - lilafarben mit einer filigranen Zeichnung, die glatt als Kunstwerk durchgehen könnte. Außerdem mäandert er durch den Garten, taucht an neuen Stellen auf und blüht sogar in der Sonne noch ganz zufrieden vor sich hin, obwohl er von Hause aus ein Kind des Waldes ist.


Wo er nicht hinpasst oder sich zu breit macht, kann man ihn leicht herausziehen. Meist kommt dann eine Schleppe von Rhizom hinterher, die seine Untergrundtätigkeit beweist. Nicht nur durch Ausläufer pflanzt er sich fort, sondern auch durch Samen, was seine plötzliche Anwesenheit in mit Kompost gemulchten Blumentöpfen erklärt.

Aufgrund seiner langen Blütezeit ist er bei Hummeln als zuverlässige Nahrungsquelle bekannt. In meinem Garten beobachte ich sogar seit einiger Zeit mit Freuden die Anwesenheit der Wald-Pelzbiene (Anthophora furcata), die von den größer werdenden Ziestbeständen angelockt wird.

In der Werbetrommel darf auch seine Eignung als Wildgemüse nicht fehlen!

Aber ganz offensichtlich wird das Alles nicht dazu ausreichen, den kleinen Stinker als geliebte Gartenstaude zu etablieren. Zu unbekannt ist er - und wenn man ihn nur flüchtig kennt, sind die Vorurteile gegenüber seiner wuchernden Tätigkeit einfach übermächtig.

Dabei macht er sich neben Frauenmantel oder - wie hier - Geranium phaeum recht gut:



Im direkten Vergleich mit den Blüten des Nesselkönigs (Lamium orvala) zeigt sich, wie winzig die des Ziests sind - nebeneinander sehen sie aus wie Pat und Patachon. Beide Stauden können zusammen im Schatten unter Gehölzen wachsen.

Und jetzt kommt ihr ins Spiel, liebe Pflanzenzüchter! So tut doch was! Drängt den Geruch des stinkenden Stachys sylvatica in Richtung Zitronenaroma, von mir aus auch Erdbeereis mit Sahne. Oder verpasst ihm ein neues Kleid aus weißbuntem Laub, denn durch diesen Trick mit den panaschierten Blättern ist doch am Ende sogar der Giersch salonfähig geworden.

Irgendwas wird euch schon einfallen, es soll ja nur ein bisschen Ziest-Zauberei sein. Als kleiner Anreiz sei gesagt, dass ihr durch die großzügige Ausläuferbildung in Bälde richtig reich sein werdet, versprochen. Es wäre doch wirklich zu schade, wenn wir diese bei Bienen so beliebte Wildstaude nicht aus ihrem Schattendasein herausholen könnten! Also - ich zähle auf euch!

Freitag, 10. Mai 2013

Sitzenbleiber

Es gibt Stauden, die kann man nicht umpflanzen. Man kann es gerne versuchen, aber was meistens dabei herauskommt, ist, dass man die Pflanze anschließend an zwei Stellen hat. Lässt die Aktion Wurzelreste zurück - und das ist sehr wahrscheinlich - bleibt die Staude einfach sitzen und treibt am alten Standort wieder aus. Da ist sie dann stur, denn was man hat, das hat man - warum sollte man einen Spitzen-Platz für geringeres Grün räumen?

Ein solcher Vertreter dieser ganze hartnäckigen Fraktion ist das Kaukasus-Vergissmeinnicht (Brunnera macrophylla). Dieses Gewächs hat den Namen Standorttreue erfunden!

Manchmal glaube ich, es legt es darauf an, dass der Gärtner es umpflanzt, damit es sich noch weiter im Garten verbreiten kann. Es macht sich an Wegrändern extra schlabberig, hängt in der Gegend herum und bedrängt absichtlich seine Nachbarn mehr als Not tun würde. Wir greifen ein und zum Spaten, pflanzen das blaue Wunder um - und mir nichts, dir nichts, haben wir zwei von der Sorte. Dabei setzt es sowieso schon alles daran, in möglichst vielen schattigeren Beeten Präsenz zu zeigen, indem es sich reichlich versamt. Meine Pflanzen sind auch alle vom Nachbarn über die grüne Grenze hinweg eingewandert, ohne dass ich auch nur eine hätte kaufen müssen.

Also keine Angst vor dem Teilen dieser robusten Staude, da kann kaum was schief gehen. Vermutlich könnte man sie sogar verkehrt herum wieder einpflanzen und trotzdem würde das was. Rhizomstücke der panaschierten Sorten verlieren allerdings oft ihre Extravaganz, besinnen sich auf ihre Wurzeln und treiben nur noch gewöhnlich grün aus.


Jetzt im Frühling können wir den kleinen Sternchenblüten in himmelblau aber sowieso nichts krumm nehmen. Man vermisst um diese Jahreszeit noch nicht mal die schönen Sorten mit dem exaltierten Laub, wie beispielsweise 'Jack Frost' oder 'Hadspen Cream'. Auch in schlichtem Grün ist die Staude eine Schau, wenn sie blüht. Lästig wird die nie, auch nicht durch expansive Selbstaussaat. Ihre herzförmigen Blätter bleiben lange attraktiv, vor allem, weil sie nahezu schneckensicher ist. Wunderschön scheinen die blauen Blüten über allem erhaben zu sein.
Kombinieren kann man das Raublattgewächs im lichten Schatten mit anderen Stauden des Gehölzrandes. Nett ist auch ein Zusammenleben mit dem kleineren, zweijährigen Vergissmeinnicht, das ja eine ganz ähnliche Blüte hat - so ein Arrangement sieht dann aus wie Gullivers Reisen.



Ein ganz besonderer Knaller ist die Vergesellschaftung mit weißem Tränenden Herz (Dicentra spectabilis). Dieses wiederum lässt sich deutlich schlechter vermehren. Brunnera wird es zwar zu Lebzeiten nicht in den Schatten stellen, aber in Sachen Robustheit, Langlebigkeit und Vervielfältigungsrate ist das Kaukasus-Vergissmeinnicht ihm weit voraus. In trockenen Sommern sollte man allerdings immer mal ein Auge und etwas Wasser auf die Staude werfen, dann kann es schon durstig werden.
Also, wer will noch mal, wer hat noch nicht? Das kecke Kaukasus-Vergissmeinnicht muss man einfach haben! Vielleicht hat der Nachbar eines übrig? Wenn er weiß, dass es am selben Standort wieder austreibt, gibt er es auch viel lieber her. Früher oder später kommt es sowieso wieder zu ihm zurück, wetten?

Mittwoch, 1. Mai 2013

Multikulti im Staudenbeet - die Auflösung

Was bisher geschah: Letzte Woche stellte ich folgende raublättrige Rätselpflanze vor:

Heute wird nun die Identität dieser borstigen Schattenstaude gelüftet. Den lateinischen Namen sollte man sich auch gut merken, denn mit dem kann man bei jeder Scrabble-Partie abräumen. Beim Glücksrad hätte man dagegen kein leichtes Spiel, es ist kaum ein Buchstabe doppelt und man muss reichlich Vokale kaufen. Hier ist also des Rätsels Lösung:

Die Pflanze mit dem wenig attraktiven deutschen Namen Rauling heißt auf Schlau etwas sperrig Trachystemon orientalis (Boraginaceae). Die Briten nennen sie Abraham-Isaac-Jacob (wohl wegen des Farbwechsels der Blüten) oder Orientalischen Borretsch, in der Türkei wird sie Hodan oder Galdırık gerufen. Da Trachystemon ein gutes Gemüse abgibt, wenn man ihm die rauen Blätter oder Stängel weichgekocht hat, wurde er aus kulinarischen Gründen vom Balkan nach Deutschland mitgebracht und ist mancherorts ein bisschen wild geworden, allerdings nicht so flächendeckend wie andere Neophyten - man denke nur an den seuchenartigen Sachalin-Knöterich. 

Weil der Rauling sich in unseren Gefilden richtig rar macht und so unglaublich selten zu finden ist, bekommt man auch nur spärlich Informationen über ihn. Die Pflanze scheint wirklich das am besten gehütete Geheimnis der Schwarzmeer-Küche zu sein. Man sollte daher nicht glauben, dass man ihn im türkischen Imbiss serviert bekommt. Diese Pflanze ist Privatsache.


Und so war ich schon am Ende des Internets angelangt auf meiner Mission, herauszufinden, wie man die Staude zubereitet. Wenn man kein Türkisch kann, muss man eben die Bilder deuten lernen. Und so stellte sich heraus, dass es eine Variante gibt, bei der man die praktischerweise so großen Blätter als Weinblattersatz verwendet und leckere Reisfüllungen damit einrollt. Ein anderes Rezept (auf Englisch) besagt, dass man die Stängel erst kocht, dann mit Zwiebeln und Eiern in die Pfanne haut. Als nette Zugabe soll die Pflanze auch noch haufenweise Anti-Oxidantien enthalten [1] .

Da ich ein großer Freund von der Idee des Gärtnerns mit winterhartem, ausdauerndem Gemüse bin, werde ich das ausprobieren, sobald meine Pflanzen erntefähig sind.

Wer jetzt so viel Exklusivität in Küche und Garten nicht abgeneigt ist, wird sich fragen, woher man denn das Raubein bekommen kann. Da es nur in ganz wenigen erlesenen Gärtnereien überhaupt gehandelt wird, empfiehlt sich ein Spaziergang an Schrebergärten mit internationalem Flair. Das ist ja immer spannend, aber so ist es wie eine Schatzsuche.

Und so bin ich ihm auch zum ersten Mal in einem türkischen Schrebergarten begegnet - bei uns um die Ecke, wo er allen strengen Wintern zum Trotz gut gedeiht. So gut, dass er schon durch den Zaun wucherte und gerne abgehauen wäre, wenn man ihm nicht den Weg mit einem Weg abgeschnitten hätte. Die Zaungäste blühten im April und trugen im Mai Samen, ein paar habe ich für Versuchszwecke entwendet. Da auch um die Kultur von Trachystemon ein Staatsgeheimnis gemacht wird, stellte sich die Frage, ob die Saat aufgehen würde, und zwar wann. War der Gute etwa ein Frost- oder gar so ein nerviger Schwerkeimer?

War er mitnichten - leicht keimten die Samen noch im selben Sommer und entwickelten sich zu prächtigen kleinen Pflanzen, die ich im Juli an Ort und Stelle neben den Komposter setzte.

 
Ein paar zweistellige Kahlfröste und ungeduldige Monate später glänzte der angeblich so robuste Rauling durch völlige Abwesenheit. Maßlos enttäuscht wollte ich schon den Boden nach ihm durchsieben, habe dann aber doch nur vorsichtig an der Oberfläche gekratzt. Er blieb verschollen - und das Sprichwort "wie vom Erdboden verschluckt" gewann bestechende Aktualität.

Also hatte ich gleich zwei neue Dinge über ihn erfahren: Er keimt leicht, ist aber als Jungpflanze empfindlich. Vielleicht ist es erfolgversprechender, die Samen bis zum nächsten zeitigen Frühjahr aufzubewahren, um kräftigere Setzlinge in den Winter schicken zu können. Möglicherweise war es auch einfach nur Pech und eine Schutzschicht aus Stroh hätte geholfen, denn der Winter 2011/2012 war nichts für schwache Nerven: Die Staude hatte Mitte Januar schon kräftig ausgetrieben, als ihr die Kälte den Garaus machte.

Die Pflanzen am Originalstandort jedenfalls lebten noch, schwebten aber anderweitig in akuter Lebensgefahr: Der Trampelpfad entlang des türkischen Gartens sollte zu einem richtigen Weg ausgebaut werden - die Pflanzen waren im selbigen und wurden weggeworfen. Und so konnte ich die zweite Vermehrungsstrategie testen: Teilung älterer Stauden. Die dicken Rhizome setzte ich wieder in das schattige Bermudadreieck aus Komposter, Kletterrose und Spiraea. Würden sie diesmal den Winter überleben?

Das mit Spannung erwartete Ergebnis zeigte sich vor ein paar Wochen: Kräftige raue Blätter in rauen Mengen, so soll das sein. Eine Blüte gab es zwar nicht, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein. Die fand stattdessen mitten in einem kleinen Wäldchen bei uns in der Nähe statt, sehr zur Freude der heimischen Hummeln. Wie der weitgereiste Trachystemon dahin gekommen ist, wird eines der Rätsel sein, die ich wohl nicht mehr lösen werde.


Zusammenfassend kann gesagt werden: Trachystemon ist eine essbare Staude für schattige Bereiche im Garten. Schnecken meiden ihn offenbar, Hummeln nicht. Die Zeit der borretschähnlichen Blüten liegt im April, danach entrollen sich die übergroßen Blätter. Ich würde dieser Staude durchaus Großes zutrauen, nämlich den Giersch in Schach zu halten. Ihr offensichtlichster Nachteil ist ihre Exklusivität. Im Baumarkt wird man sie unter Garantie nicht finden, daher Augen auf in der Nähe von Multikulti-Schrebergärten, es lohnt sich!


  1. [1] Antioxidant activity of wild edible plants in the Black Sea Region of Turkey, Tevfik Özen, Giresun University, Department of Chemistry, Faculty of Arts and Sciences, 28049 Giresun-Turkey