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Samstag, 17. Januar 2026

Der Berggarten in Hannover

Letzten Freitag war ich zu einem Vortrag in Berlin eingeladen - ich wollte etwas zu Kugelspringern mit Bildern auf der großen Leinwand erzählen. Doch wir erinnern uns: Da war ja das Tiefdruckgebiet mit den Schneemassen. Ich bin morgens trotzdem in den ersten ICE nach Berlin gestiegen, denn in Bielefeld hat es geregnet. Das ging dann bis Niedersachsen gut, aber spätestens in Hannover kam man weder vor noch zurück, es fuhr gar kein Zug mehr. Für lange, lange Zeit. Mein Mann hat mich von Hannover abholen müssen, und weil ich noch Zeit hatte und ihm Richtung A2 mit der Straßenbahn entgegen gefahren bin, kann ich noch ein paar Eindrücke aus den zugeschneiten Herrenhäuser Gärten zeigen:


 

Winter ist ja an sich ganz ok, wenn die Züge noch fahren. So bis Anfang Februar, danach reicht es schon ein bisschen. Wobei ich die kurzen Tage und den vor sich hin dösenden Garten ja auch mal ganz entspannend finde, weil ich dann nichts gießen oder aufbinden muss. Vor allem nichts zu gießen ist nach jedem trockenen Sommer wirklich sehr angenehm. Nachdem das jährlich stattfindende Regentonnen-Roulette für dieses Mal beendet ist (muss ich die Tonne leeren oder ist der Frost doch nicht so schlimm?), gibt es sowieso kein Wasser mehr, um etwas zu bewässern. Zeit also, alte Gartenzeitschriften oder neue Bücher zu lesen. Oder mal zu schauen, ob nicht ein Gartenbesuch von 2025 auf der Festplatte zu finden ist, der es nicht auf den Blog geschafft hat.

Und da hätten wir so einen Kandidaten: Der Berggarten in Hannover Anfang April, der ja auch ganz hervorragend zu meinen Erlebnissen im Schneetreiben passt! Nur dass es im Frühling sensationelle Frühlingsblüten zu bestaunen gab! Also einmal schnell vorgespult ins Frühjahr:

Der Garten liegt gegenüber vom großen Herrenhauser Garten und ist der botanische Teil der Herrenhäuser Gärten. Er kostet Eintritt, aber der lohnt sich wirklich. Man kommt auch gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hin, denn es gibt eine extra Haltestelle für die Anlagen.

Obwohl ich Magnolien nicht im eigenen Garten haben möchte, weil sie nicht besonders insektenfreundlich sind, muss ich zugeben, dass die im Berggarten wirklich die ganz große Show abgeben, auch wenn der Lerchensporn unter der Stern-Magnolie sich sicher bedankt unter dem weißen Blütenblätterregen.








Die Kirschblüte ist auch nicht von schlechten Eltern. Hier die leicht gefüllte Sorte 'Sunset Boulevard', die dafür gesorgt hat, dass auch die Teiche eine ordentliche Portion Kirschblüte abbekommen:


Kirschblütentee:

Besonders lange habe ich mich am Rauling (Trachystemon orientalis) und dem Lungenkraut aufgehalten, um die Frühlings-Pelzbienen zu erwischen. Der Rauling ist ja eine meiner Lieblingsstauden und daher war ich erfreut, dass er im Berggarten eine solche Präsenz zeigen darf.




Narzissen, Lerchensporn, Frühlings-Knotenblume, Lenzrosen und die Mandelblättrige Wolfsmilch lieferten auch prächtige Beete ab.













Kopfgras (Sesleria):


Da der Berggarten ein botanischer Garten ist, dürfen auch einige seltene Sorten nicht fehlen. Besonders spannend, wenn auch bewaffnet bis an die Zähne und vielleicht eher nichts für den kleinen Hausgarten, fand ich den Ilex aquifolium 'Ferox'. Nicht nur die Blattränder sind stachlig, wie es im Hause Ilex so üblich ist, sondern auch noch die Blattoberseite, sicher ist sicher.

Kuschlig dagegen ist die Küchenschelle. Sie sollte besser Kuschelschelle heißen.

Zahmer als der Ilex und auch für kleine Gärten geeignet ist die zauberhafte Zwerg-Mandel (Prunus tenella):

Die Eichhörnchen im Berggarten sind schon legendär und man kommt ganz nah ran. Noch näher, wenn man ihnen Wal- oder Haselnüsse mitbringt.



Noch mehr Bilder aus dem Berggarten, aber aus dem Herbst, habe ich in einem anderen Beitrag gezeigt.

Ich komme bestimmt dieses Jahr wieder! Nur bitte nicht mehr mit so viel Schnee...

Samstag, 23. März 2024

Gärtnerlatein und andere Fallstricke

Bedienen sich Schwebfliegen kultureller Aneignung, wenn sie Wespen oder Hummeln imitieren? Macht der Star sich ebenso strafbar, indem er fremde Vogelstimmen imitiert? Wer sagt es ihm?

Und braucht die Indianernessel nun einen anderen, politisch korrekten Name? Muss es jetzt StudentInnenblume statt Studentenblume heißen? Was ist mit der Götterblume, wo ist die Göttin in ihr? Ist Männertreu nicht ebenso diskriminierend und sollte es lieber Menschentreu heißen? Müssen sich Nacktschnecken etwas anziehen? Darf man Lauch noch Lauch nennen oder ist das schon ein Schimpfwort?

Als Gärtner, pardon: GärtnerIn, hat man es wirklich nicht leicht. Nicht nur, dass die wissenschaftlichen Namen vieler Pflanzen sich ständig ändern (aus Aster wurde das unaussprechliche Symphyotrichum) und man kaum noch hinterher kommt, jetzt sind auch viele der Trivialnamen verkehrt und politisch inkorrekt. Selbst Bilder von Tieren sind nicht immer unverfänglich. Neulich warf mir Instagram vor, ich würde gewaltverherrlichende oder sexualisierte Inhalte posten, dabei zeigten die Bilder nur harmlose grüne Achateulenraupen oder Kugelspringer. Künstliche Intelligenz ist so intelligent dann oft doch nicht, und man muss sehr auf der Hut sein, nicht unter falschen Verdacht zu geraten. Natur ist immer unschuldig? Von wegen!








Auch bei einer meiner Lieblingsstauden, die trotz Nacktschneckenplage immer blüht, hat sich der Name minimal geändert, denn sie haben ihm dank Rechtschreibreform irgendwann mal das H weggenommen, aus Rauhling wurde Rauling. Trachystemon orientalis blüht jetzt gerade und die Hummeln, Mauerbienen und Pelzbienen lieben ihn. Er darf sich völlig ungeniert aufführen wie ein Berserker im Beet und tut es auch, immerhin ist er ein Raubein und kein Wattebäuschchen. Ausläufer zu treiben ist ihm in die Wiege gelegt.







Ich bin auch ganz glücklich, dass meine Mandelblättrige Wolfsmilch angefangen hat, Ausläufer zu treiben. Ich muss ihr nur den Bärlauch von selbigen wegjäten, damit sie groß und stark werden können. 


Und da kann man froh sein, dass es noch nicht BärInnenlauch heißen muss...

Freitag, 24. April 2015

Kulinarischer Karriereknick

Gegen einen Karriereknick ist wohl niemand gefeit, auch nicht der gute alte Beinwell. Jahrhundertelang wurde die heimische Art Symphytum officinale sowohl als Heilpflanze als auch in der Küche mit sämtlichen Körperteilen verwendet. Noch nicht mal die Wurzeln waren vor dem Verzehr sicher, obwohl sie doch so gut versteckt sind.

In neuerer Zeit schließlich, als ohnehin kaum noch jemand den Beinwell zum Abendessen eingeladen hätte, weil das Essen vornehmlich im Supermarkt wächst, erfand jemand das schöne Wort Pyrrolizidinalkaloide. Es ist nicht nur ein Zungenbrecher für Gedächtniskünstler, es verheißt auch nichts Gutes: In Tierversuchen wurde erarbeitet, dass dieser Inhaltsstoff schlecht für die Leber ist und auch sonst mit Vorsicht zu genießen. Nun verloren auch die letzten der Naturküche Aufgeschlossenen die Lust daran, etwas mit dem Beinwell anzufangen.

Dabei müsste man schon sehr viel Beinwell essen, um überhaupt ernsthaft Schaden zu nehmen. Ein paar Blättchen hier und da schaden anscheinend nicht weiter. Das sah auch die Landlust so und hat ein Rezept veröffentlicht, in dem Beinwellblätter die Hauptrolle spielen.

Ich wollte diese Idee unbedingt einmal selbst ausprobieren, unter anderem, weil knusprige Panade in einer Nebenrolle lockte. Doch den Beinwell wollte ich verschonen - nicht aus Angst vor den Unaussprechlichen, sondern weil ich doch etwas viel Besseres im Garten habe: Den Rauling (Trachystemon orientalis).


Der ist mit dem Beinwell weitläufig verwandt, soll aber laut einer türkischen Studie ein gerüttelt Maß an Antioxidantien haben. Außerdem: Können so viele Türken irren, die der raublättrigen Staude in hiesigen Schrebergärten quadratmeterweise Beetfläche zugestehen, so groß wie meine Terrasse, um ihn am Ende in die Pfanne zu hauen? Eben.


Also habe ich meinem Rauling acht Blätter geraubt. Vier davon wurden mit einer klebrigen Mischung aus Ziegenfrischkäse, Sahne und kleingehackten Kräutern aus dem Garten (Gundermann, Brennnessel und Giersch) bestrichen, und zwar auf der rauen Blattunterseite, das hält besser. Dann habe ich die restlichen Blätter auf den Käse gepappt, mit der haarigen Seite nach unten. Vorläufiges Ergebnis: Vier grüne Laub-Doppeldecker mit Käsefüllung.

Nun kommt die Panade: Die Laubflundern erst in Ei, dann in Paniermehl wälzen und in die Pfanne legen. Die Blätter brauchen nur ein paar Minuten, bis sie in einer Butter-Olivenöl-Mischung goldbraun geworden sind, dann werden sie gewendet und auch die andere Seite lecker gemacht.



Und was soll ich sagen? Es geht richtig einfach, sieht gut aus und schmeckt fantastisch. Das wäre durchaus etwas, das man in einem Sternerestaurant für 14,90 Euro mit einem Tomatensalat als Vorspeise verkaufen könnte.

Das schlechte Gewissen wegen des Blattraubs war auch unbegründet: Die Staude mit den Blüten, die immer aussehen wie auf Lockenwickler gedreht, treibt schneller wieder neues Laub als man Pyrrolizidinalkaloide sagen kann.

Wenn ich auch dem Beinwell also wieder nicht gegen seinen anhaltenden Karriereknick helfen konnte, so gehört ab sofort wenigstens der Rauling, das alte Schwarzmeergemüse, zum kulinarischen Frühlingsprogramm!

Samstag, 11. April 2015

Talentsuche

Stauden sind schön. Stauden locken Insekten an. Stauden sind im Garten einfach unersetzlich. Soweit, so gut. Trotz dieser Vorzüge bin ich aber immer auf der Suche nach Kandidaten, die nicht nur im Beet gut sind, sondern auch im Haushalt oder in einer anderen Disziplin. Eine Staude mit Zweitnutzen zu finden ist eine immerwährende Talentsuche mit manchmal überraschendem Ausgang.

Kulinarische Entdeckungen sind natürlich immer besonders gern gesehen. Kräuter wären hier zuerst zu nennen, aber die sind zu offensichtlich und werden oft gar nicht zur Zierde gepflanzt - Geheimtipps unter den Zierpflanzen gilt es stattdessen aufzudecken. 

Da wäre zum Beispiel die Taglilie, deren Blüten man essen kann, sogar noch im Verwelken, nachdem die Schwebfliegen einen vergnügten Tag lang darin herumfuhrwerken durften. So teilen sich Mensch und Insekt einvernehmlich dieselbe Blüte.


Der im April sagenhaft aussehende Rauling (Trachystemon orientalis) ist aus der Schwarzmeerküche nicht wegzudenken. Eine Verkostung meinerseits steht immer noch aus. Er soll erst einmal Fuß fassen und größer werden. Bis dahin macht er sich als Gierschverdränger nützlich - den man ja auch essen kann. Hummeln und Pelzbienen (Bild unten) haben jedenfalls schon fleißig die Blüten getestet und für tauglich befunden.




Stauden, die neben schönen Blüten auf irgendeine Art Dünger zaubern können, sind für den Garten ebenfalls eine große Hilfe. Der Beinwell ist so einer. Man kann seine Blätter als Mulch verwenden oder zu übelriechender, aber sehr nahrhafter Jauche vergären.

Manchmal dauert es durchaus ein bisschen länger, bis dem Talentscout eine bisher verborgene Eigenschaft ins Auge fällt, aber in der Kaderschmiede Garten ist alles möglich. So eine Multifunktionsstaude auf den zweiten Blick ist die Gelbe Wiesenraute (Thalictrum flavum ssp. glaucum), die man für gewöhnlich eher für den erfrischenden Anblick ihrer gelben Wuschelköppe pflanzt, die in dezenter Pastellfarbe daherkommen und mit dem zart bläulichen, feingliedrigen Laub kontrastieren.


Obwohl sie für feuchte Standorte empfohlen wird, habe ich diese Staudenriesin an einem eher trockenen Platz trotz Wurzelkonkurrenz noch nie gießen müssen. Manchmal wird angegeben, dass sie Ausläufer bildet, doch so etwas tut mein Exemplar jedenfalls nicht - es weiß sich zu benehmen.

Erst im Winter fällt auf, wie schön ihre Stängel sind - in einem warmen Farbton gehalten, rank, schlank und so lang, dass man sie in Flechtzäune integrieren kann, wo ihr sonniger Teint positiv auffällt.


Ein weiterer Pluspunkt: Die Stängel sind hohl und weisen Internodien auf - diese stabilisierenden Verdickungen machen bei der stattlichen Größe dieser Pflanze auch durchaus Sinn, da sie ein Umknicken verhindern. 

So große Hohlkammern im Inneren machen das Wiesenrautengestrüpp im Frühjahr zu einer perfekten Einlage für Insektennisthilfen. Waagerecht und wettergeschützt in ein Bienenhotel integriert dienen die Abschnitte kleineren Arten als Brutkammer. Die Wiesenraute ist eben ein Naturtalent.



Blüten, Bastelmaterial und Bienenhotel-Zimmer - das sind ja gleich drei Dinge auf einmal! So eine mit allen Wassern gewaschene Allround-Staude muss man erstmal finden. Aber die Talentsuche geht weiter - es bleibt spannend.