Samstag, 29. August 2015

Feigenblatt

Heute brauche ich ein Feigenblatt, denn ich habe etwas zu verbergen: Unschöne Plastiktöpfe.

Ich hatte ja schon einmal erwähnt, dass große Übertöpfe irgendwann alle besetzt sind. Für temporäre Pflanzenexperimente lohnt auch das Anschaffen eines neuen Kübels nicht immer. Warum ich überhaupt Pflanzen in Einzelhaft unterbringe und sie mit engen Verhältnissen quäle, wo ich doch auch einen Garten habe? Weil diese Garten schon von bis zum Stehkragen voll ist und von Stauden annektiert wird. Die Nacktschnecken schaffen es außerdem eher nicht bis in die Töpfe hinauf, vor allem nicht in die, die in luftiger Höhe auf dem Terrassen-Beistelltisch stehen.

Auch andere erhöhte Plätze sind so sicher wie stilsicher - hier Arrangements mit Totholz, die ich beim Spazierengehen entdeckt habe:



Ein Kunststoffcontainer aber hat von Natur aus leider nicht das gewisse Etwas, ob mit oder ohne Nacktschnecken. Da will sich einfach keine Patina entwickeln. Einen geräumigen Topf brachte mir meine Mutter frei Haus mit, bis zum Rand gefüllt mit Bartnelkensämlingen - die reinste Massenpflanzenhaltung. Die sind nun alle im Null-Euro-Beet gelandet und haben mittlerweile deutlich mehr Platz um sich herum.

Der leere große Container kam aber wie gerufen, um einen privilegierten Erdbeerspinat-Sämling darin einzuquartieren.

Zum Verschönern habe ich mir ein knallrotes Gummiband geschnappt, das in etwa die Farbe der Erdbeerspinat-Früchte hat. Das allein macht aber noch keinen tollen Topf. Ich habe also noch Weinblätter unter das Band gesteckt, in Ermangelung an Feigenblättern, die sicher länger halten würden. Dazu kamen noch in bemitleidenswerter Weise abgefallene Süßkirschenblätter in vorzeitigen Herbstfarben - Gummifluss sei Dank!

Bei Regenwetter hält so ein Röckchen eine Weile, lässt sich notfalls aber bei einem kurzfristig angekündigten Besuch noch schnell kurz vor knapp improvisieren. Und schon sieht der kaschierte Kübel ein bisschen besser aus. Zusätzlicher Nutzen: Der schwarze Topf überhitzt nicht so schnell bei heißem Sommerwetter.

Die Erdbeerspinat-Früchte sind übrigens ausgesprochen dekorativ und noch dazu essbar. Sie schmecken wenig fruchtig, sind aber sehr saftig. Und sie passen zum roten Gummiband...

Dienstag, 25. August 2015

Vom Winde gesät

Irgendwann in Berlin. Wir stehen an der Alten Nationalgalerie, wie es sich für gute Touristen gehört. Zwischen altehrwürdigen Säulen und ebensolchen Gebäuden befindet sich eine Grünfläche, über der weiße Köpfe von Zierlauch schweben. Die scheinen neu zu sein. Ein Ehepaar reifen Alters schlendert vorbei. Er fragt seine Angetraute, auf die weißen Kugeln deutend: "Und was soll das sein? Pusteblumen?". Sie entgegnet mit ein bisschen Entrüstung in der Stimme: "Das ist Zierlauch." - er: "Was? Bierlauch?". Sie buchstabiert geduldig.


Beim Bierlauch war wohl der Wunsch der Vater des Gedanken - möglicherweise aber auch eine gewisse Geringschätzung gegenüber allem Floralen, das sich partout nicht nützlich machen will. Wäre es doch bloß Bierlauch, dann wäre alles in bester Ordnung, aber der Name Zierlauch winkt da schon recht deutlich mit dem Gartenzaunpfahl: Hier ist nichts essbar, trinkbar oder sonst wie verwertbar, der ist einfach nur nett anzuschauen. Aber das sind Pusteblumen auch, wozu also der ganze Aufstand.

Ich glaube, oft sind es tatsächlich Männer, die dem Garten eher Essbares entlocken wollen, während viele Frauen sich mehr um das Blumige kümmern. So ist es zumindest bei Andreas Austilat und seiner Frau, deren Geschichte auch in Berlin spielt, wo sie einen Reihenhausgarten haben. Darüber hat Herr Austilat ein Buch geschrieben: Vom Winde gesät: Meine Frau, unser Garten und ich, erschienen bei Goldmann.


Da ein Reihenhaus ja selten allein kommt, beschreibt er die üblichen Dramen, die sich in solchen beengten Verhältnissen abspielen, denn ein solcher Garten ist eine ewige Gratwanderung zwischen Privatsphäre und Verdunkelungsgefahr durch Gehölze. Von der Hecke und wer sie schneidet, über Bäume und laute Parties der Nachbarsjugendlichen bis hin zu Tieren im Garten findet sich eine Vielzahl an Themen, die nicht belehrend sein sollen, sondern immer locker erzählt werden mit einem Augenzwinkern und viel Selbstironie.

Dem Garten Essen abzutrotzen stellt sich im Buch als schwierig heraus. Die Pflaume trägt nicht, die Mini-Süßkirsche (wie auch ich eine habe) ist zickig und die Birnen bekommen Gitterrost. Also doch lieber rein dekorative Hanfpalmen? Die hatte die Frau des Autors in einem Bildband über englische Gärten entdeckt, er ist aber nicht so begeistert: "Ich war schockiert. Die Bilder zeigten einen Garten, der aussah, als könnte man am Rand der Terrasse ohne großen Aufwand das Vietnamkriegsdrama 'Apocalypse Now' nachstellen". Ob die Palmen überlebt haben, verrate ich nicht.



Ich als Leidensgenossin habe mich in Vielem wiedergefunden: Man will immer mehr, als der Garten Platz bietet und hat für so ein kleines Areal genauso viele Gerätschaften wie die Gärtner im Stadtpark. Doch sogar in den Kleinigkeiten habe ich Gemeinsamkeiten entdeckt: Herr Austilat hat auch mal Rollrasen von der Straße gerettet, seine Frau nimmt ausgesetzte Blumen mit und pflanzt so wie ich alles viel zu voll. Und jetzt wird es wirklich gruselig: Frau Austilat hatte so wie ich als Kind ein pudelgroßes Reh zuhause, das nun ihren Garten schmückt. Meins war aus dem Stoff aus dem Gartenzwerge sind und ich habe es lieber hübsch in der Obhut meiner Eltern gelassen (sprich: in deren Keller), habe aber große Angst vor dem Tag, an dem sie es mir hinterhertragen werden.

Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen und kann es jedem Reihenhausgärtner empfehlen - ganz besonders auch den zukünftigen.

Freitag, 21. August 2015

Keine Panik: Phlox paniculata

Da habe ich vor ein paar Tagen Bauklötze gestaunt, als mich ganz hinten im Null-Euro-Beet plötzlich pinkfarbene Blüten anstrahlten: Phlox paniculata ganz ohne Zicken guckte mich verstohlen aus dem Beet mit dem doch eher schlechten, immer ein bisschen zu trockenen Boden an.

Inmitten nun verblühter Phacelia hatte er sich unbemerkt hochgearbeitet und es tatsächlich bis zu einer erklecklichen Blüte geschafft.


Woher er gekommen ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht war er in der Überraschungs-Mischung mit den vielen Blumensamen versteckt, vielleicht ist er im Wurzelwerk einer anderen Pflanze inkognito angereist. Seine Existenz hat er über Monate jedenfalls gut geheim gehalten.

Das Bemerkenswerte an dieser Begegnung ist, dass ich in völliger Ahnungslosigkeit an der Stelle kaum gegossen habe, auch nicht, als es im Mai und Juni so trocken war. Ich wusste ja nichts von ihm. Er musste sich ganz ohne fremde Hilfe durchkämpfen und hat dies mit einem Erfolg getan, den ich der sonst eher mimosigen und blühfaulen Pflanze nicht im geringsten zugetraut hätte.

Respekt, Herr Phlox, ich bin zutiefst beeindruckt! Immerhin habe ich ja hier schon einmal auf der Art herumgehackt, weil ein artverwandtes Exemplar in meinem Garten nur in Schaltjahren blüht oder wenn die Sonnenflecken gerade seinen Geschmack treffen, ich weiß es nicht. Die Rätselhaftigkeit dieser Pflanze wird nur von ihrem Durst übertroffen. Dieses Jahr hat das Zimperlieschen in meinem Garten sich sogar etwas ganz Neues ausgedacht und sich zur Abwechslung mal mit Stängelälchen infiziert. So langsam hätten wir dann alle Phlox-Wehwehchen durch.

Der pinke Prachtkerl im Null-Euro-Beet jedenfalls scheint die Anarchie dort zu lieben und steuert mit seiner kecken Farbe eine willkommene Ergänzung zu Spornblume, Seifenkraut und Aster bei. Als Schmetterlingsblume scheint er von den anderen Nachtfalter-Pflanzen, namentlich Seifenkraut und Nachtkerze, zu Höchstleistungen angespornt worden zu sein.

Auch die schlanken Gladiolen und Dahlien trumpfen nun auf, unterstützt von Cosmeen und den letzten Klatschmohnblüten.






Der fabelhafte Phlox aber beweist aufs Neue: Pflanzen sind keine Maschinen. Nicht immer halten sie sich an die Lehrbücher, nach denen sie doch eigentlich ganz andere Standortvorlieben hätten. Manchmal entwickelt sich ganz von selbst eine neue Sorte, die es dann allen mal so richtig zeigt!

Ich entschuldige mich daher hier in aller Form bei sämtlichen Flammenblumen, die ich in irgendeiner Weise beleidigt habe: Ihr seid die Größten, weiter so!

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Und sonst? Die von mir eigenhändig aus Samen gezogene Durchwachsene Silphie blüht ganz verschämt vor bzw. unter der Vielblütigen Rose.

Nur zwei Blüten gibt es, aber ich bin mächtig stolz drauf und die Insekten lieben sie!

Die olle Goldrute, die wächst wie Unkraut, schmückt sich zur Zeit mit farblich wunderschön passenden Knoten- und anderen kleinen Solitär-Wespen:


Da verzeihe ich ihr doch das ganze Gewuchere gern!

Und für Silke noch größere Beetansichten - ziemlich wild, weil noch nicht von abgeblühten Phacelias und Mohn befreit:



Samstag, 15. August 2015

Abhängen im Garten

Gartenmöbel braucht man schon, ob luxuriös oder mit ehrenwerter Patina. Denn wie sollte der Gärtner sonst dem Unkraut beim Wachsen zusehen oder den Bienen beim Bestäuben? Ausruhen wenn andere arbeiten, das ist die Devise.

In kleinen Gärten machen Liegestühle und andere Gemütlichmacher aber auch Probleme: Man kann sich ganz schnell den ganzen Rasen zustellen mit den Faulenzer-Freisitzen. Spätestens beim Rasenmähen wird dann geschimpft wie ein Rohrspatz über den Hindernislauf.

Klappbare Möbel sind schon mal ein guter Anfang. Bei Nichtbenutzung oder schlechtem Wetter lassen sie sich einfach zusammenstauchen und im Haus verstecken. Auch dort tragen sie durch das geringe Packmaß nicht so auf.

Viel besser und auch günstiger für Minigärten sind aber die Helden des wahren Müßiggangs, die Hängematten. Gemütlicher abhängen im Garten geht einfach nicht. Die Gartentiere bemerken den schläfrigen Gärtner bald nicht mehr und turnen in aller nächster Nähe um ihn herum, während ein Liegestuhl immer Verdacht erregt, ob der Insasse nun geistig noch anwesend ist oder schon längst im Reich der Träume weilt.

Die Mauersegler und das Ziehen der Wolken lassen sich aus dem Hängematten-Kokon heraus ganz vortrefflich beobachten. Das Unkraut ist auch nicht mehr so im Blickfeld, so dass die Ruhe endlich einmal eine vollkommene ist und nicht durch ständiges Aufspringen zwecks Jätens jäh unterbrochen wird.

Hängematten lassen sich selbst nähen in Wunschfarbe oder zumindest umarbeiten. Sie sind im Gegensatz zu stoffbespannten Klappstühlen waschbar und können einfach bleiben wo sie sind, wenn darunter Rasen gemäht wird. Nach einem Regen trocknen sie auch schnell wieder, denn sie hängen sowieso schon auf der Leine. Bei Nichtgebrauch machen sie sich schließlich unschlagbar klein.

So richtig günstig sind Hängematten aber nur, wenn Bäume vorhanden sind. Gehölze mit tragfähigen Ausmaßen spenden Schatten und brauchen keinen zusätzlichen Platz. Große Hängemattenhalter wiederum sind weder günstig noch platzsparend.


Da wir nur einen ernstzunehmenden Baum im Garten haben, den zehnjährigen Zierapfel 'Golden Hornet', hat unsere Hängematte auf einer Seite einen Metallständer, der nebenbei immerhin noch eine Wildrose vor dem Niederknien bewahrt und sich mehr oder weniger unauffällig ins Beet integriert.


Der Vorgänger des Baumersatzes war sogar selbst gebaut aus altem Zeltgestänge, aber leider etwas niedrig:


Der selbstgedrehte Efeukranz ist übrigens vom Selbstbauhalter umgezogen zum großen Modell - man sieht ihm das Alter auch an.

Für ein Nickerchen ohne neugierige Wespenweibchen ist ein optionales Fliegennetz angebracht, durch das die Welt noch ein bisschen grüner wird.

Ich bin seit diesem Jahr jedenfalls überzeugter Hängemattenanhänger und möchte das schwerelose Stück Stoff nicht mehr missen. Der Zierapfel möge es mir verzeihen!

Samstag, 8. August 2015

Segel setzen

Sie hat blaue oder lila Blüten, sieht untenrum aus wie ein Gras und ist die perfekte Fernweh-Pflanze: Die Dreimasterblume (Tradescantia), die ihre Segel gern im Staudenbeet setzt.

Ich kenne sie als langlebige, robuste Art, die aufgrund ihrer kleinen Blüten mit den Rastalocken-Staubgefäßen inmitten der schwertförmigen Blätter nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hätte. Dabei ist sie alles andere als eine alte Fregatte - sie blüht sich die Seele aus dem Leib und das den ganzen Sommer lang.

Ich habe mir auch einiges vorzuwerfen und habe ihr lange Zeit viel zu wenig Beachtung geschenkt. Dann habe ich bei Alys Fowler gelesen, dass die gute alte Tradescantia in jedem herkömmlichen Wasserglas bewurzelt, wenn man Triebe abschneidet oder abbricht. Dazu soll der obere Teil reichen.

Schon der Name sagt ja schon, dass die Staude nah am Wasser gebaut ist, aber ich konnte nicht glauben, dass das klappen kann. In jedem Fall war meine Neugier geweckt. Also habe ich im Mai zwei Triebspitzen von etwa zehn Zentimeter Länge abgerissen und in eine kleine Vase auf der Küchenfensterbank vor sich hin dümpeln lassen.

Ich gestehe, ich wollte das Experiment spätestens im Juni abbrechen, denn es bildeten sich rein gar keine Wurzeln. War die Pflanze doch eine echte Landratte? Immerhin wurde in der Vase sofort geblüht, was den Testtrieben am Ende das Leben gerettet hat.

Dann hatten wir schon Ende Juli und wieder zeigten sich neue Blüten. Andere Pflanzen hätten bestimmt längst die Segel gestrichen. Nicht so die Dreimasterblume: Bei genauerem Hinsehen hatte ein Trieb tatsächlich gewurzelt und auch schon einen Seitentrieb in Arbeit!


Die Jungpflanze ist mittlerweile aus dem Wasser gezogen worden und nun in ihrem eigenen Topf Erde vor Anker gegangen. Sofort setzte vor lauter Freude über den Landgang neues Wachstum ein.

Toll, damit war bewiesen, dass Alys Fowler kein Seemannsgarn gesponnen hat, und ich bin um eine Staude reicher. Bis sie ein wogendes Meer aus Blättern wird, werden noch einige Jahre ins Land gehen, aber das klappt bestimmt. Schließlich hat Tradescantia schon jetzt gezeigt, dass sie wahrhaftig mit allen Wassern gewaschen ist.

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