Diese Spezies ist der Rottweiler unter den Gartenpflanzen, und sie will nicht nur spielen. Wer ihr unachtsam zu nahe kommt, wird sofort gebissen. Nein, kuschlig ist sie nicht und ganz bestimmt nicht Everybody's Darling, eher schon Staatsfeind Nummer eins für viele Gärtner. Immerhin bellt sie nicht.
Unsere wehrhafteste heimische Staude ist natürlich die gute alte Große Brennnessel (Urtica dioica). Jeder hat sicher schon unfreiwillig Bekanntschaft mit ihrem Waffenarsenal gemacht - man wundert sich jedesmal, wie der zunächst brennende Schmerz sich in ein ebenso unangenehmes Prickeln verwandeln kann, von dem man noch richtig lange etwas hat.
Man geht ihr also tunlichst aus dem Weg. Ebenso unbeliebt wie ihre brennenden Berührungsängste sind ihre Qualitäten als Unkraut: Wo sie wächst, wächst sie sehr lange, allen Jäteversuchen zum Trotz. Noch dazu keimt sie garantiert im Niemandsland an der Gartengrenze, wo man sie erst übersieht und dann auch noch schlecht hinkommt - für sie sollte Leinenzwang gelten!
Unübertroffen sind aber ihre Fähigkeiten als Dünger - Blätter ausgerissener Strünke lassen sich gut als Mulch verwenden, oder verjauchen zu einer stinkenden, aber zumindest nicht mehr brennenden Brühe. Außerdem ist sie ein professioneller Stickstoff-Spürhund - wo sie ist, ist der Boden nicht allzu nährstoffarm. Darüber hinaus läuft sie einem völlig kostenlos zu, irgendwo wird sie schon auftauchen. Essen kann man sie auch noch - und ins rechte Licht gerückt (besonders im Gegenlicht) kann sie zu allen Jahreszeiten sogar verblüffend hübsch aussehen.
Seit ich letztes Jahr im botanischen Garten eine weitere Urtica-Art entdeckt habe, sehe ich die Gattung plötzlich mit ganz anderen Augen - und zwar mit den gierigen Augen des Sammlers: Dort wird neuerdings die Pillen-Brennnessel (Urtica pilulifera) ausgestellt, und diese Prickelblume hat es mir aus irgendwelchen sonderbaren Gründen angetan.
Die kleinere Verwandte unserer Wald-und-Wiesen-Nessel stammt aus dem Mittelmeerraum und lässt sich am ehesten einjährig kultivieren. Ihre Blätter ähneln dem Wolfstrapp. Vor allem aber besticht sie mit besonders lustigen, kugeligen Blüten. Die dicken sind die weiblichen. Aber so niedlich die Bommel auch aussehen - selbst die Pillen können brennen wie die großen (ich musste es natürlich ausprobieren und mich von ihren Selbstverteidigungskünsten persönlich überzeugen).
So schafft es also auch eine Nessel, brennendes Verlangen nach noch einer neuen Gartenspezies zu schaffen, ist sie doch auch weniger ein Rottweiler als ein zickiger Zwergpudel.
Ich verspreche dir somit, liebe Pillen-Brennnessel, falls du dich entschließen solltest, in meinem Garten zu verwildern, werde ich dich auch nur ein ganz kleines bisschen als Mulch missbrauchen, und auch nur, wenn du beißt. Also, überleg's dir - die Stelle als Wachhund in meinem Garten ist vakant!