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Samstag, 31. August 2019

Sodom und Gomorrha auf der Stockrose

Stockrosen (Alcea rosea) sind enorm groß und enorm einfach aus Samen zu ziehen. Sie wachsen fast ohne Wasser, ob in der Pflasterfuge oder an der Burgmauer (oder wie rechts im Bild aus dem Burgverlies heraus?). Und natürlich auch im Blumenbeet - um Stockrosen muss man sich kaum kümmern, sogar ohne Gießen werden sie mannshoch und blühen ewig.






Mit ihrer Größe sind Stockrosen das Hochhaus unter den bei Insekten belieben Stauden: Hummeln und Honigbienen lieben die Pflanzen genauso wie wir, die Samenstände sind ein beliebter Treffpunkt für Feuerwanzen, die sich von den Samen ernähren, doch weder die Blüte noch den Fortpflanzungserfolg der Stockrose schmälern.


Wenn man ganz genau hinschaut, entdeckt man an den Blütenknospen zwischen Juni und August allerdings ein ganzes Rotlichtmilieu im Kleinstformat: Der Rüsselkäfer mit dem wahrscheinlich längsten Name der Welt lässt die sprichwörtlichen Kaninchen ganz blass aussehen. Es ist das Langrüsslige Stockrosen-Spitzmäuschen (Rhopalapion longirostre) - und es lässt es auf der Pflanze ordentlich krachen, dass man ganz rot wird beim Zugucken.


Männchen hocken auf Weibchen, oft gleich zu mehreren. Während die Damen nach dem Motto "O'zapft is" schon mal die Blütenknospe anstechen, paart sich das huckepack mitkrabbelnde Männchen munter weiter, oder sitzt einfach nur obenauf, um das Weibchen für sich schon mal zu reservieren, denn die Konkurrenz ist groß.


 
Zum Größenvergleich trabt hier netterweise eine Ameise ins Bild
Bei diesen Rüsselkäfern hat eindeutig das Weibchen die Hosen an: Es hat einen deutlich längeren Rüssel, und das kommt nicht von ungefähr. Diese Riesennase ist das Werkzeug, mit dem es einen Gang durch die Blütenknospe bis zum Fruchtknoten sticht. Darin werden die Eier abgelegt, die Larven arbeiten sich später bis zu den Samen vor, die sie fressen und sich auch darin verpuppen - klein genug sind sie ja.


Manche Stockrosenblüten öffnen sich dementsprechend auch etwas malträtiert, als hätte einer mit einem winzigen Locher bunten Blüten-Konfetti aus ihnen herausgestochen.


Das macht das kleine Spitzmäuschen deutlich mehr zum Schädling als die geselligen Feuerwanzen, die den verblühen Pflanzen immer noch viel Farbe verpassen und mit ihrem Gruppenzwang für Unterhaltung sorgen.

Die Rüsselkäferchen treiben es dagegen etwas zu bunt und man sollte sie eigentlich mal absammeln. Mein Problem ist nur: Ich finde Rüsselkäfer unwiderstehlich, je kleiner und feinrüsseliger, umso besser. Und das winzige Langrüsslige Stockrosen-Spitzmäuschen ist an Niedlichkeit kaum zu überbieten.


Und so muss ich mich wohl damit arrangieren, dass meine Stockrosen immer etwas zerrüttet aussehen und nicht so gut blühen wie andere...

Samstag, 9. Juli 2011

Superhelden

Superhelden haben es auch nicht leicht. Jeder erwartet von ihnen, dass sie überall die Welt retten, und zwar ein bisschen plötzlich. Geschäftszeiten interessieren niemanden - Schönheitsschlaf ebenso wenig (vielleicht sind deswegen viele Superhelden maskiert).
Und zu allem Überfluss müssen sie auch noch in den lächerlichsten Klamotten überhaupt herumlaufen.
Erwachsene Männer oder auch Damen in Strumpfhosen, mit Umhang und möglichst noch am hellichten Tag - da muss man schon eine gehörige Portion Selbstbewusstsein mitbringen. Aber Kunststück - mit Superkräften.

Normalsterbliche, die in der Fußgängerzone Eindruck schinden wollen, sollten sich ein solches Kostüm dagegen nur dann anziehen, wenn sie der staunenden Menge auch wirklich glaubhaft versichern können, dass sie jederzeit die nächste Hauswand emporklettern könnten, aber gerade zu sehr in Eile sind. Ansonsten verkehrt sich die Wirkung doch schnell in ihr Gegenteil. Hier kommt erneut der Gesichtsmaske erhebliche Bedeutung zu. Außer, es ist eine Bank in der Nähe, dann Obacht.

Botanische Superhelden haben so eine Maskerade gar nicht nötig. Sie überzeugen auch so, meistens mit inneren Werten.
Der Staudensuperheld schlechthin kann aber noch mehr - er beeindruckt schon durch schiere Körpergröße, die den Gärtner locker in den Schatten stellen kann. Im wahrsten Sinne.

Die Rede ist von der Stockrose (Alcea rosea). Allerdings ist der Name eine Mogelpackung, denn sie ist genausowenig eine Rose, wie Superman von der Erde stammt.
Sie gehört zu den Malven, daher wird sie auch korrekter Stockmalve genannt.
 

Ihren großen Auftritt hat sie ab etwa Juli.
Sie gehört in den Bauerngarten wie Lois Lane zu Clark Kent, macht aber auch andernorts eine gute Figur, nämlich immer eine schlanke, aufrechte.




Im Gegensatz zum Gemeinen Superhelden kann und darf sie einfach alles tragen. Rüschen stehen ihr genauso wie einfache Blüten, auch jede Farbe passt zu ihr. Die Palette reicht dabei von weißlich über Gelb und Rosa und bis hin zu fast schwarz:


Nur Blau weigert sie sich beharrlich zu tragen. Das hat sie dann doch mit der Rose gemeinsam.

Knospen

Nicht nur oberirdisch überzeugt die Stockrose mit ihrer schieren Größe, auch im Untergrund erreicht sie Superlative - der langen Pfahlwurzel ist es geschuldet, dass man die kurzlebige Staude nicht so einfach umsetzen kann, wenn sie eingewachsen ist.


Macht aber nichts, schließlich geht die Aussaat kinderleicht. Traditionsgemäß werden Stockrosensamen über den Gartenzaun weitergegeben oder gar bei einem Spaziergang an fremder Gartengrenze mitgehen lassen.




Die Samen keimen extrem gut und siedeln sich zur Not auch in der kleinsten Pflasterfuge an.

Aber auch dieser Superheld hat sein Kryptonit, und zwar Licht, beziehungsweise das Fehlen desselben.
Denn nichts ist schlimmer für die größenwahnsinnige Malve, als wenn sie im zarten Keimlingsalter böswillig von Gegenspielern beschattet wird. Das überlebt sie nicht.

Daher scheiterte auch mein Superhelden-Sozialhilfeprojekt im Vorgarten.
Die Besiedlung von kleinsten Bröckchen Erde in anderen Gärten verleitete mich zu der irrigen Annahme, dass auch mein kleines Beet die Bühne sein könnte für ein stattlliches Stockrosen-Ensemble.
Aber da hatte ich die Rechnung ohne die vorhandenen Stauden gemacht. Nur ein einziger der breit ausgestreuten Samen keimte und überlebte auch - blöderweise direkt hinter und halb in der Buchsbaumhecke.
Jetzt haben die Nachbarn mehr davon als ich, dabei hat das Prachtstück auch noch genau meine Malven-Wunschfarbe - das zarteste Rose, das man sich nur vorstellen kann:


Das Vorziehen in Töpfen bis zum jugendlichen Alter ist daher anzuraten, wenn größere Konkurrenz zu erwarten ist.

Das oben gezeigte Exemplar wurde übrigens das ganze Jahr noch nicht einmal gewässert - noch eine fabelhafte Eigenschaft, die nicht unerwähnt bleiben darf.

Also ran an die Stockrosen zum Samensammeln - denn Superhelden braucht das Land!