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Samstag, 17. Juli 2021

Das Schweigen der Glockenblumen

Wenn irgendwo vor einer Pflanze ausdrücklich gewarnt wird, weil sie andere Pflanzen verdrängen kann oder den ganzen Garten in Beschlag nehmen möchte, dann fangen meine Augen an zu leuchten. Worte wie konkurrenzstark, Überlebenswille, Plage oder wuchernd sind magische Worte für mich. Auch Sätze wie "Die kriegst du nie wieder weg!" erregen sofort mein Interesse. Handelt es sich dann noch um eine ausgewiesene Wildbienenstaude, ist es um mich geschehen, denn natürlich möchte sogar ich keinen wuchernden Bambus im Garten marodieren sehen.

Ich mag nämlich Stauden, um die man sich nicht kümmern muss, die sich selbst ihren Platz suchen und mit den anderen konkurrenzstarken Stauden in meinem Garten zurecht kommen, die ich wiederum geholt habe, weil sie sich um sich selbst kümmern. Ein Teufelskreis also: Da ich so viele selbstbewusste Gewächse in meinem Garten habe, kann ich ihm keine zarten Pflänzchen zumuten, stattdessen kann ich nur Grünzeug setzen, das ebenfalls mit gesunden Ellenbogen ausgestattet ist.

Also habe ich das Angebot einiger Ableger der Acker-Glockenblume (Campanula rapunculoides) auch sofort begeistert angenommen. Diese Pflanzen stammten aus einem Garten, der schon ziemlich unter der Wuchrerei dieser Pflanze litt - perfekt, das wollte ich auch!



Dumm nur, dass die Pflanze zwar sagenhaft konkurrenzstark ist, aber auch auf der Speisekarte der Nacktschnecken als konkurrenzlose Delikatesse gilt. Und so war im Frühjahr von den im Herbst gesetzten Pflanzen nichts mehr zu sehen. Neue Glockenblume, neues Glück. Diesmal im Frühjahr gesetzt und gut verteidigt, kam die Pflanze sogar zu Blüte - und die blauen Schwerter, die die Acker-Glockenblume aus dem Staudendickicht schiebt, sind einfach sagenhaft.



Nach der Blüte war dann aber auch schon wieder sagenhaft schnell Schluss, die Acker-Glockenblume hatte sich wieder mal vom Acker gemacht, kein Sämling, nichts. Von wegen, die wollen die Weltherrschaft übernehmen. Auch die Nesselblättrige Glockenblume (Campanula trachelium) wollte bei mir nicht bleiben. 

Campanula rapunculoides

 

Campanula trachelium

Campanula trachelium

 

Anderswo leben beide vergnügt in Pflasterfugen und an Mauerfüßen und bei mir kapitulieren sie vor Nacktschnecken. Dieses Jahr muss ich das Experiment erst gar nicht wiederholen, der Andrang der Schleimer ist dank der für einen durchschnittlichen Bielefelder Sommer ungewöhnlichen Regenmenge einfach gigantisch, das ist eine Invasion sondergleichen. Dagegen kommt auch keine Acker-Glockenblume an.

Wenn ihr aber einen Balkon habt, versucht es ruhig auch einmal mit Campanula rapunculoides,  denn wenn der Balkonklassiker Campanula poscharskyana schon verblüht ist, macht sie einfach weiter und versorgt die Glockenblumen-Scherenbiene weiterhin mit Pollen, denn diese Wildbiene ist auf Glockenblumen spezialisiert und lässt sich auch auf dem Balkon ansiedeln. Im Topf kann man diese Glockenblume zähmen und auch Schnecken sind seltener auf dem Balkon unterwegs.

In meinem Fall ist das Schweigen von Campanula rapunculoides allerdings schade, denn Glockenblumen braucht der Garten einfach, vor allem so langblühende - nicht nur für die Glockenblumen-Scherenbiene, sondern auch für die dicken Blattschneiderbienen. Mir bleibt also nur die Pfirsichblättrige Glockenblume (Campanula persicifolia), die von den Schnecken erfolgreich ignoriert wird, aber auch nicht so schön wuchert. Außerdem sind mir einige weiße Exemplare der Breitblättrigen Glockenblume (Campanula latifolia) treu.

Campanula latifolia

Campanula persicifolia mit Glockenblumen-Scherenbiene

Campanula persicifolia mit Glockenblumen-Scherenbiene

 

Falls also jemand von euch noch einen brandheißen Tipp hat, welche Glockenblume schattenverträglich ist, wuchert und nicht von Schnecken eliminiert wird, nehme ich ihn gern entgegen.