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Sonntag, 19. Dezember 2010

Der Mörder ist immer der Gärtner

Herzlich willkommen beim zweiten Teil unserer Reihe "Gartenliteratur aus dem Antiquariat - brilliant oder brandgefährlich?".

Heute: Horst Köhler mit Dem Praktischen Gartenbuch von 1952, erschienen im Carl-Bertelsmann-Verlag.


Die Kapitelauswahl lässt auf den ersten Blick keine Wünsche offen: Über den Boden, Düngemittel, Gartengestaltung, Ziergarten, Rosen, Sommerblumen, Gemüse und Obst bis hin zu Zimmerpflanzen ist alles vertreten.


Ein Buch, das voll ist von poetischen Wörtern, wie "Leunasalpeter", "Ätzkalk" oder "Rhenaniaphosphat" - alles unentbehrliche Helferlein des Nachkriegsgärtners, der augenscheinlich ein grenzenloses Vertrauen in die Welt der Chemie hatte.

Dieses Gefühl beschleicht einen auch beim Betrachten der Werbung im Anhang:

 

Führen wir uns dieses Bild einmal genauer zu Gemüte:
Rechts sehen wir einen ungemein erfolgreichen Gärtner, der einen blühenden und ertragreichen Garten vorweisen kann, E605 forte sei's gedankt. Dass in diesem chemiegetränkten Areal Äpfel und Tulpen gleichzeitig auf der Bildfläche erschienen sind, nehmen wir jetzt mal als künstlerische Freiheit hin. Während der Gärtner rechts ohne zu Schwitzen allein mit der Kraft der Giftspritze zu arbeiten scheint, sieht man zur Linken seinen neidischen Nachbarn, der sich mit dem Spaten abrackern muss und allerhöchstens seinen Maschendrahtzaun zum Blühen bringt.
Langsam bekomme ich eine leise Ahnung, warum in Krimis immer der Gärtner der Mörder ist...

Auch der gute Horst Köhler empfiehlt das "Wundermittel" E605 gegen Insekten in den wärmsten Tönen.
Die gute alte Zeit hatte also auch so ihre Tücken und zum Glück haben sich nicht alle Bräuche in die heutige Zeit retten können. Zur Sicherung der Beerenernte wird gar dazu geraten, Amsel- und Sperlingsnester gnadenlos zu vernichten. Wer hätte danals ahnen können, dass gerade Sperlinge einmal so selten werden könnten...

Doch Hotte hat auch ein weiches Herz, das sich in dem Kapitel "Gnade vor Recht" zeigt: Schwalbenschwanzraupen wird Amnestie gewährt, weil sie hübsch, selten und so gefährlich auch nicht sind.
Vogelfütterung und Nistkastenbau werden ebenfalls nicht verschwiegen.

Dann wieder gibt sich der Autor ganz bodenständig - und beschreibt die organischen Dünger. Der geneigte Leser erfährt, welcher Dung von welchem Tier als "kalt" (Rind, Schwein, Gans) oder "warm" (Pferd, Ziege, Huhn, Schaf und Taube) gilt - denn damals hatte man die Qual der Wahl, da die Viehhaltung im eigenen und in Nachbars Garten noch weit verbreitet und ganz üblich war.
Sollten alle Stricke reißen, steht auch der Verwertung der eigenen Stoffwechselendprodukte (sic!) nichts mehr im Wege.

Das Buch hat wenige Farbtafeln, aber eine Fülle teilweise unfreiwillig komischer Zeichnungen.
Hier meine Favoriten:


Als die Bohnen laufen lernten:


Gevatter Blumentod - ist richtig aufgesetzte Heizungsluft der Hyazinthe Blumentod, oder wie jetzt?

 

Geradezu legendär ist diese Anleitung zum Holländern:


Wer das kapiert - Respekt! Ich gestehe: Ich tu's nicht... Man hätte wohl dabei sein müssen.

Mein Fazit: Das praktische Gartenbuch hat durchaus nostalgischen Wert und auch heute noch einen gewissen Nutzen, wenn, ja, wenn man zu differenzieren weiß. Nicht alles, was dort geschrieben steht, kann man heute unreflektiert übernehmen. Die Zeiten ändern sich und gerade den biologisch gärtnernden Lesern werden bei der Lektüre so manches Mal die Haare zu Berge stehen.
Überliest man die für heutige Gärtner so befremdlichen Praktiken, trifft man stellenweise aber auch auf ganz moderne Ansichten und gute Tipps.
Nur die Sache mit dem E605 sollte man dann doch lieber nicht zuhause nachmachen...