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Samstag, 22. Februar 2020

Blütezeit im Wohnzimmer

Im Winter haben sie es gut, meine Zimmerpflanzen. Wenn es im Garten noch nichts zu tun gibt, brauche ich andere grüne Opfer, die ich bemuttern kann, ob sie wollen oder nicht. Denn entgegen weit verbreiteter Meinung brauchen auch Topfpflanzen öfter mal was zu Futtern. Sie können nicht nur von Luft und Liebe leben, sondern brauchen genau wie die Gartenpflanzen auch mal Stickstoff, Phosphat und Kalium. Man muss es ihnen auch nicht noch schwerer machen als es ohnehin schon ist, es reicht ja, wenn sie an den Wurzeln in der Zwangsjacke stecken und sich nicht ausbreiten können. Nährstoffe suchen sie im Topf jedenfalls meistens vergeblich. Es sei denn, man gönnt ihnen einen Schluck aus der Düngerflasche.

Amaryllis und Rhipsalis auf der IPM in Essen


Feste Dünger sind bei Zimmerpflanzen ein Problem, weil die Tiere im Boden fehlen, die beim Freisetzen der Nährstoffe helfen können. Hornspäne auf der Fensterbank sind also nicht ideal. Düngestäbchen sind schon besser, wirken aber auch laaaaaangsam. Und man weiß nie, wann es losgeht. Die reinste Zeitbombe. Daher ist Flüssigdünger am besten.

Dieses Jahr haben die Zimmerpflanzen organischen Bio-Dünger bekommen, der eigentlich für Tomaten ist. Aber was soll's, bevor die braune Suppe schlecht wird... Der Nachteil ist, dass man beim Gießen aufpassen muss, denn Dünger in Maggi-Farbe verträgt sich nicht gut mit hellen Sofabezügen.

Aber es ist erstaunlich, was so ein bisschen Nachhilfe bewirken kann...

Das hier ist zum Beispiel meine Sansevieria cylindrica. Die habe ich schon 9 Jahre. Als ich sie fand, lag sie als einzelnes dickes Blatt im Ikea-Parkhaus auf dem Boden. Der Steckling erholte sich schnell von dem Trauma und bildete viele neue Blätter, die krakenartig und nicht gerade fensterbanktauglich in der Gegend herum hängen.


Das allererste Blatt hat die Pflanze übrigens immer noch, die sind extrem sparsam damit, Blätter auszutauschen. Was ich erst für Schildläuse hielt, scheinen eher Altersflecken zu sein, die jungen Blätter haben diese braunen Punkte jedenfalls nicht:


Neulich, einige Wochen nach der Düngekur, wuchs aus der Mitte plötzlich so ein spargelähnliches Etwas. Eine Blüte, die erste! Das sah vielversprechend aus, allerdings waren die meisten Knospen wohl nur Attrappen, nur wenige blieben übrig - ganze 9 Stück! Noch mehr Wochen später erblühte die Pflanze endlich. Im Gegensatz zur Langlebigkeit der Blätter wollte die Sansevieria das mit dem Blühen jetzt aber mal schnell hinter sich bringen. Kaum einen Tag lang hielt eine Einzelblüte, duftete aber nett.







Und noch eine Überraschung: Der Rhipsalis, den ich als winzigen Ast ebenfalls vom Boden aufgehoben habe, diesmal aber im Supermarkt, hat komische kleine Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Figuren bekommen. Das müssen Blüten sein, denn das kenne ich noch nicht von ihm. Die kleinen Knubbel sehen jedenfalls so ganz anders aus als die von seinem Verwandten an der Gardinenstange. Es muss sich also um Rhipsalis baccifera ssp. horrida handeln - den Mistel-Kaktus!



Die Zamioculcas hat nach dem Doping leider keine Blüten, aber immerhin neue Blätter bekommen. Das passiert bei der auch nur alle Jubeljahre mal.

Das Spathyphyllum blüht endlich wieder und selbst die alte Amaryllis-Zwiebel hat urplötzlich neue Blätter und sogar eine Knospe getrieben - Flüssigdünger als Jungbrunnen!



Es lohnt sich also, die Zimmerpflanzen ab und zu mal zu düngen! Man entdeckt ganz ungewohnte Seiten an ihnen...

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Wer schön sein will, muss leiden

Der Bogenhanf hat's nicht leicht. Während Sansevieria trifasciata lange Zeit als angestaubt galt, ist sie mittlerweile wieder als lebende Skulptur auf mancher Fensterbank zuhause. Die hat's gut, im Gegensatz zu ihrer Verwandten Sansevieria cylindrica, die zwar der Senkrechtstarter unter den Zimmerpflanzen ist und sagenhaft robust, aber nicht eben zimperlich behandelt wird.

Es verhält sich nämlich so, dass an ihrem anarchistisch in alle Richtungen wuchernden Habitus nicht wirklich ein kommerzielles Interesse besteht. Zu ungestüm gebärdet sie sich - wie eine Kobra auf Steroiden:



Das hätte die Wappenpflanze der wilden 60er werden können, wenn man sie zu der Zeit nur schon kultiviert hat. Mein zwanzig Jahre altes Zimmerpflanzenbuch jedenfalls erwähnt die Art mit keinem Wort.

Statt dieser natürlichen Wuchsform wird eine ganz neumodische Erscheinung präferiert: Allerhand abstrakte Kunst mit Sansevieria cylindrica - und zwar möglichst viele unschuldige Blätter dicht nebeneinander wie Spaghetti in einen Topf gequetscht.
Das sieht zwar wahnsinnig cool und trendy aus, aber die arme Pflanze kommt so nicht in der Natur vor.

Wie jedes Grünzeug ist auch sie ständig auf Expansionskurs, aber wo soll sie nur hinwachsen in so einem Topf? Überall ist schon besetzt, steht ein Nachbarblatt im Weg, das dieselben Probleme hat. Wie eine saftiggrüne Selbsthilfegruppe in der Sardinenbüchse mag sie sich vorkommen.

Was der geschäftstüchtige Gärtner da nämlich in ein einziges Pflanzgefäß gefercht hat, sind dicht an dicht etliche Blattstecklinge von Sansevieria cylindrica, meistens sogar mehr schlecht als recht bewurzelt in lockerem Substrat fragwürdiger Natur.

Von einer geheimen Überwachungskamera wurde uns dieses Bild zugespielt - die Pflanzen möchten lieber unerkannt bleiben:



Jeden einzelnen Blattsteckling kann man wieder eintopfen und irgendwann hat man eine neue Pflanze. Am besten kauft man sich einen solchen Massenpflanzenhaltungs-Topf gleich mit mehreren eingeschworenen Sansevierien-Fans gemeinsam und teilt schwesterlich. Man könnte doch gleich einen geselligen Umtopfabend veranstalten!

Leider gibt es sogar noch eine Steigerung dieser botanischen Elendsgestalten: Blattstecklinge mit brutalst zusammengeflochtenen Blättern, bei denen es einem direkt in den Fingern juckt, die geschundene Kreatur zu befreien! Wo war noch gleich die Telefonnummer von Amnesty International?
Wie jemand die so flechten kann ist mir sowieso ein Rätsel, da die Blätter so hart sind, dass man Nägel damit in die Wand schlagen könnte.

Was aus einem einzelnen Blattsteckling werden kann, sieht man hier. Dieser ist jetzt etwa eineinhalb Jahre in Einzelhaft:


Dafür, dass der Bogenhanf als gemächlicher Wachser gilt, legen die neuen Blätter ein geradezu rasantes Tempo vor.

Nun habe ich also auch so ein wunderbar anarchistisches Medusenhaupt mit wilder Frisur auf der Fensterbank stehen, das zunehmend um sich greift und ein ziemlich einnehmendes Wesen hat.

Aber sie's drum, schließlich sei auch Zimmerpflanzen ein Bad-Hair-Day von Herzen gegönnt.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Das Parfum

Das haben sie nun davon. Ertrugen klaglos Zugluft, völlige Vernachlässigung und fehlende Beachtung.
Sie waren die schweigenden und unfreiwilligen Gäste verstaubter und verräucherter Bahnhofskneipen und anderer zwielichtiger Etablissements.
Sie wurden als Aschenbecher missbraucht oder mussten als beblätterter Büroinsasse so manche Tasse kalten Kaffee verschwinden lassen, was gleichzeitig ihre einzige Gelegenheit darstellte, überhaupt Nahrung in flüssiger Form aufzunehmen. Denn das Gießen wurde oft einfach gänzlich unterschlagen.

Sie waren das pflanzengewordene Symbol für Tristesse und Einsamkeit schlechthin.


Und doch: Diese Zimmerpflanze mit Migrationshintergrund hat es trotzdem geschafft. Die grünste Nebensache der Welt hat sich durchgebissen.

Es handelt sich um die Sansevieria, den Bogenhanf, oder auch gar nicht liebevoll Schwiegermutterzunge genannt. Sansevieria, die Verkannte, die stiefmütterlicher behandelt wurde als jedes Stiefmütterchen.

Einen geradezu legendär schlechten Ruf hatte Sansevieria trifasciata inne. Gerade sie musste wie keine zweite als Mauerblümchen vielen Glasbauwänden den letzten Schliff geben und schmückte so manches öde Treppenhaus.

Dabei ist ihre Anspruchslosigkeit sprichwörtlich: Zuviel Wasser bringt sie eher um als zuwenig.
Die ideale Pflanze für Gießmuffel und vergessliche Zeitgenossen!

Nach jahrzehntelanger Funkstille sieht man sie zum Glück erneut überall.
Und schon wieder bewohnen sie Kneipen, doch diesmal können sie sich was drauf einbilden, sind es doch in der Regel schicke Szenelokale, die die Sansevierie als Stilmittel wiederentdeckt haben - denn was dem Küchenchef der reduzierte Aceto Balsamico an Rucola-Salat, ist dem Innenarchitekten die Sansevierie.

Doch können Pflanzen denn tatsächlich ganz ohne fremde Hilfe altmodisch sein oder gar spießig?
Da sie hauptberuflich aussehen wie eine grüne Skulptur, sind Sansevierien eher für das moderne Wohnzimmer als für den Landhausstil geeignet. Im richtigen Übertopf und als Alleinherrscher auf der Fensterbank sind sie durchaus ein extravaganter Blickfang.

Ich gebe zu, auch bei mir war es keine Liebe auf den ersten Blick. Ich war mit dem Bogenhanf am Wohnzimmerfenster großgeworden und war fest entschlossen, nicht auch noch mit ihm alt zu werden.
Aber manchmal ist es eben höhere Gewalt - und die kam in Form von diversen Plagen wie Thripse und Spinnmilben über alle Pflanzen, die eine schöne grüne Senkrechte an mein eigenes, sonniges Wohnzimmerfenster zaubern sollten, aber bitte ohne allzusehr in die Breite zu gehen.

Also bat ich eben doch meine Mutter, mir Ableger von ihrem greisen Bogenhanf zu schenken, der gut und gern so alt sein wird wie ich.
Dabei handelte es sich um den Kneipen-Klassiker schlechtin: Sansevieria trifasciata "Laurentii" - seit jeher heiß geliebt oder glühend gehasst. Ich beschloss, ihn zur Abwechslung mal zu lieben.

Und er hat es verdient: Toleriert Heizungs- wie Zugluft, verzeiht kleinere Nachlässigkeiten und größere Urlaube ohne Pflege und sieht immer gut dabei aus. Schädlinge können ihm den Buckel runterrutschen.

Den Bogenhanf kann man mittlerweile in allen möglichen Sorten wieder käuflich erwerben.
Aber das kann man auch lassen, wenn man jemanden kennt, der noch so ein Schmuckstück besitzt.
Am besten ist natürlich so ein altehrwürdiges Exemplar mit Kultfaktor - aus der Zeit, als die Welt noch schwarz-weiß war.

Die Pflanze kann man ganz leicht teilen - selbst, wenn die Ableger nur eine homöopathische Dosis Wurzeln mit auf den Weg bekommen haben, das wird schon. Die Sansevieria bringt so schnell nichts um.

Ganz Geduldige können sich auch an Blattstecklingen versuchen.

Und wer sich die ganze Bogenhanf-Bande trotz nachweislicher Braune-Daumen-Toleranz dann doch nicht so recht zutraut, der versuche es doch einmal mit selbstgebastelten Sansevierien-Püppchen.
Aber beschwere er sich nachher nicht, dass die nicht blühen!



Das ist nämlich die größte Ehre, die einem eine Sansevieria zuteil werden lassen kann - der Duft ist unbeschreiblich und kann ein ganzes Zimmer erfüllen - das reinste Raumparfum.
Wer hätte gedacht, dass das ehemalige Kneipenkind so ein Gespür für das Ätherische hat?