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Mittwoch, 6. Juli 2011

Türsteher

Vor meiner Haustür steht ein Wächter.
Er ist schwer bewaffnet, zeitweise auch richtig sauer und steht auf einem Bein.

Der wahrscheinlich kleinste Vorgarten der Welt sollte nämlich auch in die Höhe wachsen, also musste ein Hochstämmchen her - wirklich nur ein Stämmchen, kein Stamm, das hätte den Rahmen gesprengt und das Pflaster gleich mit.

Nun gibt es eine illustre und elitäre Gesellschaft von allerlei Sträuchern am Stiel, angefangen von einer Hochstammrose über Nadelbäumchen bis hin zu edlen Ligustervarianten, die schon eine Ewigkeit zu einer Kugelform dressiert wurden.
Jedes Gartencenter bietet eine nicht endenwollende Auswahl feil von diesen Gewächsen, so dass dem willigen Käufer ganz schwindlig wird, auf dass er sich gar nicht mehr entscheiden kann.

Schließlich hatte ich doch noch eine ganze andere Idee. Warum nicht nur etwas Dekoratives, sondern auch was zum Spielen - und was zum Naschen?
Denn was all die teuren Ligusterkugeln nicht können, ist zum einen Essbares produzieren, und zum anderen den Winter überstehen. Zumindest bei den italienischen Vertretern kann man in der Hinsicht nicht ganz sicher sein - wenigstens die Veredelungsstelle muss man schützen, und dann sieht das Arrangement nicht mehr allzu dekorativ aus...
Und außerdem sind sie eben völlig unbillig. Nicht auszudenken, wenn man sie an einen strengen Winter verlieren sollte. Dann ist das Geheule nämlich groß.

Was also her musste war eine beerentragende Wollmilchsau, nämlich eine Stachelbeere - die sind unschlagbar günstig - um die 10 Euro für so eine gelungene Veredelung kann man schon schaffen - und dabei unschlagbar winterhart.




Und so nützlich! Nicht nur macht sie uns Freude, zudem gehört ihre (zugegebenermaßen nicht unbedingt spektakuläre) Blüte zu den Lieblingsspeisen der Roten Sandbiene (Andrena fulva). Die Blätter ernähren die Raupen des C-Falters, und uns ernähren die Stachelbeeren.

 
Eigentlich die Blüte einer Jostabeere, die ihrer Verwandten sehen aber ähnlich aus.
Beachten muss man lediglich, dass so ein Stämmchen nie selbständig wird und zeitlebens auf Stütze angewiesen ist - ohne Pfahl geht es nicht, dann kippt sie um oder sie bricht sich sogar die Krone ab.


Ein weiteres leidiges Thema ist der Stachelbeermehltau. Den will nun wirklich keiner, schon gar nicht an den Früchten, aber die können auch unter ihm leiden.
Es gibt zum Glück mittlerweile genug robuste Sorten, eine davon ist die Invicta, die Unbesiegbare.
Meine hört auf den Namen "Hinnonmäki Gelb" und ist ebenfalls weitestgehend frei von dieser Plage - wenn man sie im Spätwinter ordentlich frisiert mit einem Spitzenschnitt!
Die Astspitzen im Februar zu entfernen klingt komisch, hat sich aber bei meiner Hinnie absolut bewährt.
Seitdem ich das praktiziere hatte die Dame keinen Befall mehr mit der Pestilenz.
Das kommt daher, dass der Pilz auf den Triebspitzen überwintern soll (er verreist wohl auch gern).

Wenn man das alles beachtet, wird man viel Freude an seinem nützlichen Hochstämmchen haben.
Es sieht nicht so akkurat aus wie andere Sträucher, und piekst auch in Notwehr (das tun Rosen auch und alle lieben sie trotzdem), aber das Kunststück mit den essbaren Früchten macht ihm so leicht keiner nach!
Wer lieber Stachelbeeren ohne Stacheln möchte, dem sei der Pazifist unter den Sorten empfohlen, und zwar die robuste Sorte Pax.

Unter den seltsamsten Verrenkungen habe ich die Beeren dieses Wochenende gepflückt. Tat auch gar nicht weh (ich hab nämlich aufgepasst).
Die erste Marmelade ist schon fertig, der Rest wurde verwendet für Stachelbeerkuchen - insgesamt kommt sie dieses Jahr auf 2 kg Früchte!



Mehr Obst auf so kleinem Raum geht nun wirklich nicht.
Oder doch?
Ja, das geht, denn ein weiterer Vorteil eines Hochstämmchens ist, dass man es unterpflanzen kann.
Eine Stachelbeere ist da sehr tolerant gegenüber Mitbewohnern, solange sie nicht an ihr herumklettern.

Noch mehr Früchte bekommt man mit Walderdbeeren als Fußvolk:



Die sind aber eher was für die Hand in den Mund - auf Marmelade müsste man doch zu lange sparen.