Es ist wahrlich kein Wespensommer, dazu war der Mai zu kalt. Außer bei der feindlichen Übernahme diverser Bäckereiauslagen sind mir die schwarz-gelben Stacheltiere noch nicht negativ aufgefallen.
Zugegeben, die massenweisen Naschangriffe auf Bienenstich und Berliner lassen zwar darauf schließen, dass das feilgebotene Backwerk einigermaßen essbar sein muss, aber solchermaßen angeknabberte Leckereien können die Wespen dann auch von mir aus behalten. Kaufen muss ich das nicht mehr. So gesehen unterstützen die Tierchen unbewusst vielleicht den ein oder anderen bei seiner sommerlichen Diät.
Trotzdem, das ist noch lange kein Grund, das Sommerloch mit zweifelhaften Berichten über die fliegenden "Stechmaschinen" zu füllen.
Das Vokabular der Journalisten reicht dabei von "Nichtsnutze" über "Nur eine tote Wespe ist eine gute Wespe" bis hin zu "Der Welt ginge es besser ohne Wespen.".
Ist das so? Die fliegende Armada ist das Gegenteil von unnütz, vertilgen Wespen doch als echte Jäger Unmengen von Fliegen und anderen Insekten, die wir auch wieder nicht gern auf unserem Kuchen sehen. Nur wenn sie zuviel Freizeit haben - die Larven sind aus dem Haus - stürzen sie sich auf alles Süße.
Lediglich zwei Arten treten als Vorkoster an Pflaumenkuchen und Kotelett unangenehm in Erscheinung: Die Deutsche und die Gemeine Wespe. So ruinieren diese beiden den Ruf aller weiteren sozialen Faltenwespen dann so gründlich gleich mit, dass Bekämpfungsmaßnahmen meistens die falschen treffen, nämlich die offen nistenden Arten, die man schnell entdeckt, während die Nester der lästigen Kuchenkauer unterirdisch oder hinter Wandverschalungen versteckt sind.
In Schuppen oder Gewächshäusern trifft man manchmal auf die offenen Nester der langbeinigen Feldwespen (Polistes), die völlig friedfertige Mitbewohner sind.
Das wirkungsvollste (und günstigste) Mittel gegen Mitesser beim Grillabend ist (man glaubt es kaum) - ein eigenes Wespennest am Haus!
Vor ein paar Jahren beherbergten wir ein Nest der "schlimmen" Deutschen Wespe hinter der Dämmung unter den Dachsparren. Die Damen hatten aber besseres zu tun, als direkt unter ihrem Nest auf Beutezüge zu gehen - und fremde Flieger wurden offenbar vertrieben. Das war das entspannteste Wespenjahr, das wir je hatten!
Nun kann man Wespennester aber nicht kaufen, und wenn das ginge, wollte sie keiner haben.
Im botanischen Garten nisten immer mal wieder Wespen im Steingarten. Statt in Panik zu verfallen, den Kammerjäger zu rufen oder ganze Wege großräumig abzusperren, wird das Nest einfach gekennzeichnet. Diese pragmatische Lösung funktioniert! Selbst wenn man direkt vor dem Einflugloch herumlungert, wird man von den Mädels ignoriert:
Dieses Jahr haben wir die Ehre, ein Nest der Sächsischen Wespe am Haus zu haben - interessanterweise genau an der Stelle, wo vor Jahren die Deutsche Wespe genistet hat, nur eben frei zugänglich außen unter dem Dachüberstand:
Die Tiere sind fleißig und friedfertig, haben keinen Hang zu Grillfleisch oder Süßkram und gehen, bzw. fliegen, ihrer Wege, ohne sich an neugierigem Publikumsverkehr zu stören.
Doch selbst bei den Pazifisten unter den Hautflüglern sollte man sich nicht alles erlauben. Der Tag, an dem man sich an ihrem Nest zu schaffen macht, ist Stichtag! Solange man aber genügend Abstand hält und die Brutstätte nicht anrührt, können alle in Frieden leben.


