Tauwetter in dem Ausmaß, wie vorher Schnee auf dem Garten lag, ist ein wenig wie Geschenke beim Schottwichteln auszupacken: Während der Garten sich feierlich enthüllt und das weiße Laken gelüftet wird, weiß man nie, was sich zeigen wird - ist es gut oder schlecht, was sich beim Auspacken offenbart? Sind es auf den Gehwegen eher Hundehaufen, die jetzt aus dem Frost hervortreten, sind es im Garten hoffentlich schönere Dinge!
Und um noch mehr Dramatik reinzubringen, warf das Dach zusätzlich mit Dachlawinen und Eisbrocken um sich, natürlich meist unter lautem Getöse und bevorzugt zu nachtschlafender Zeit, damit man auch mitbekommt: Es taut!
Die Suche nach Überlebenden nach Frost und Dachlawinen ist doch immer wieder spannend! Hat die schützende Schneedecke vor zweistelligen Minusgraden ausreichend geschützt?
Manche Stauden haben die Spannung noch ein bisschen gesteigert, denn während ihre Blätter schon längst freigetaut waren, sahen ihre Blüten noch aus, als würden sie den Kopf in den Sand stecken, wie die Lenzrosen.
Nun wirken sie wie frisch aus dem Ei gepellt, der Frost hat ihnen nichts anhaben können.

Die Stinkende Nieswurz ist allerdings durch die schiere Masse des Schnees etwas windschief geworden.
Die Krokusse, Tulpen und Schneeglöckchen sehen taufrisch aus, haben teilweise aber eine bizarre Körperhaltung angenommen oder angeknickte Blätter.

Auch der Austrieb der Taglilie hat etwas von einem Fragezeichen:
Diese Haltungsschäden werden sich hoffentlich verwachsen.

Der Palmkohl und der Staudensellerie, die seit letztem Jahr im Kübel auf der Terrasse stehen, haben sich ein paar Blätter abgefroren, scheinen aber ansonsten lebendig zu sein.
Beim Sellerie, den ich übrigens letztes Jahr aus einem Küchenrest
gezogen habe, sind bezeichnenderweise die Blätter erfroren, die über den
Kübelrand hingen und dadurch keine Schneehaube hatten.
Auch das Mönchsgrasmückenweibchen und sein Mann sind eine Woche nach der letzten Sichtung wieder aufgetaucht und mampfen Hagebutten der Rosa multiflora, als wären sie nie weg gewesen. Wo waren sie nur während der Kältewelle? Haben sie sich in die Obstabteilung des nächsten Supermarktes geflüchtet? Oder sich vor einen leicht erreichbaren Meisenknödel gesetzt und sind ihm nicht mehr von der Seite gewichen zwecks Energiesparens? Ich glaube nicht, dass man innerhalb von einer Woche das Land verlassen und zurückreisen kann, höchstens Business Class.
Die Vögel, nicht nur die Mönchsgrasmücken, freuen sich jedenfalls, endlich wieder baden zu können - auch zu trinken, ohne danach eine Wärmflasche zu brauchen, ist für sie sicher sehr komfortabel.
Und endlich gibt es wieder frische Regenwürmer! Die waren zwar die ganze Zeit da, aber eben tiefgefroren und niemand hat den Tiefkühler aufbekommen.
Der Rosmarin und die Topfbepflanzung wirken ebenfalls ganz gut gelaunt.
Einige Stauden haben allerdings weniger unter dem Frost zu leiden gehabt. Sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und sind als Kollateralschaden mit dem Schnee weggeschüppt worden, so wie diese Storchschnäbel, die ich gestern ein paar Straßen weiter auf einem riesigen Schneehaufen fand. Sie haben die perfekte Stecklingsform, ich habe sie mitgenommen und eingepflanzt.
Bei anderen Pflanzen, wie den Rosen, wird sich noch zeigen, ob es Spätschäden gibt - das Schrottwichteln geht weiter!
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