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Samstag, 14. Oktober 2017

City-Trop in Bielefeld?

Bielefeld hat so einige Probleme: Mehr Baustellen als Geld, dadurch noch weniger Geld und wegen der vielen Baustellen wird der eine oder andere gestandene Stadtbaum mal eben flachgelegt. Ein Schandfleck mit Tradition, der Kesselbrink, ist dafür von einem gammeligen Park- und Marktplatz zu einem mehr oder minder grünen Fleckchen geworden. Bäume wurden gepflanzt, die ollen Gebäude abgerissen und Sitzgelegenheiten aus Beton gegossen. Doch die neuen Bäume haben manchen auch wieder auf die Palme gebracht: Die Skater fällten bei Nacht und Nebel eine unvorsichtige Mehlbeere, weil sie ihre Früchte nicht bei sich behalten konnte und die Skateanlage rutschig gemacht haben soll. Die Rasenbewässerung wurde kaputtgetreten, der Rasen konsequenterweise auch. Nur die Staudenbeete rund herum sind wirklich richtig gut geworden:




Das Beispiel Bielefeld zeigt: Stadtbegrünung ist nicht einfach und man kann es nicht jedem recht machen. Jonas Reif hat daher ein Buch dazu geschrieben, wie man es machen kann: CityTrop: Projekte und Pflanzen für grünere Städte von Morgen, erschienen im Ulmer-Verlag.


Jonas Reif, den kennen wir schon von der IGA Berlin, wo er unter anderem einen Dachgarten mit Sukkulenten angelegt hat.
Das Buch enthält als Einstieg atemberaubende Beispiele von Projekten in Singapur. Kunststück, wird man zunächst einwenden, dort ist das Klima eben auch tropisch. Doch es folgen nicht minder spannende Projekte aus Berlin, New York, Düsseldorf, Basel und Paris - und da gibt es keine Ausrede mehr. Die Highline in New York oder die berühmten Vertikalgärten in London und Paris sind mittlerweile rasend beliebt bei Touristen und Einheimischen und helfen, das Ansehen einer Stadt international zu steigern.

Highline, New York

Highline, New York
Dachgarten, Bamberg

Innenhöfe, Berlin

Dachgarten, Freiburg



Begrünte Wände werden gezeigt und erklärt, welche Systeme es dafür gibt und was sich bisher bewährt hat, es werden Balkone, Dächer und alte Industriestandorte bepflanzt, mitunter auch nur temporär, aber nicht minder spektakulär.

Wandbegrünung, London

Wandbegrünung, London
Sogar eine Strandbar in Stuttgart mit getopften Palmen wird vorgestellt. Auch wird die Möglichkeit von gemieteten Gehölzen erwähnt, mit deren Hilfe eine schnelle, kurzfristige Begrünung möglich ist.

Strandbar, Bielefeld


Anfänglich mag man skeptisch sein gegenüber den vielen exotischen Pflanzen, die hier Verwendung finden (im Anhang werden viele davon im Portrait vorgestellt), wie die Zimmeraralie, der Chinesische Sonnenschirmbaum, die Japanische Wollmispel, Yuccas oder die Seidenakazie. Es gibt auch ein Plädoyer für das Pampasgras, dann aber bitte in Kleingruppenhaltung anstatt Einzelhaft im Vorgarten. Gerade die Exoten können ganz prima helfen, die Akzeptanz gegenüber begrünten Arealen zu steigern, denn sie erzeugen mit ihrem oftmals großblättrigen, bizarren oder üppigen Erscheinungsbild einen gepflegten und tropischen Eindruck. Im milden Stadtklima haben sie sogar gute Chancen, zu überleben, wie die Beispiele zeigen. Und, wie Jonas Reif schreibt, sind die Bedingungen in der Stadt nicht so anders, dass sie auch eine andere Form der Begrünung brauchen?

Innenhofgarten, IGA Berlin

Das Kapitel über heimische Spontanvegetation ("Wir sind schon da") zeigt dann, wie es mit den freiwilligen Wilden aussehen kann, die man unbedingt integrieren und sogar eigenständig wirken lassen sollte - denn gut geplant und im richtigen Rahmen kann das großartig aussehen.

CityTrop ist ein fundiert geschriebenes Buch voller überraschender Begrünungsszenen. Es zeigt, dass Stadtplaner auch mal Mut zur Lücke haben sollten und jede Chance zur Begrünung wahrgenommen werden sollte, auch wenn sie auf den ersten Blick noch so extravagant wirkt. Das Stadtklima, die Tiere und die Bewohner werden es danken. Hoffentlich wird das Buch von möglichst vielen Stadtplanern auch gelesen und beherzigt, mindestens von denen in Bielefeld!

Was Berliner sich wünschen

Samstag, 16. September 2017

Ketzerisches aus der Hauptstadt (IGA Berlin)

Heute ist mir etwas ketzerisch zumute. Das mag daran liegen, dass ich auf der IGA Berlin war, es fast die ganze Zeit geregnet hat und ich deswegen etwas nörgelig war. Aus der Traum von traumhaften Gegenlichtaufnahmen und bunten Schmetterlingen auf Blüten (hier wenigstens eine Feldwespe auf Kerzen-Knöterich).



Meine Kamera musste ihren Dienst trotzdem verrichten, obwohl sie dabei ein bisschen nass wurde. Bevor ich aber zu den Schaugärten komme, erst mal der ketzerische Teil: Die den Weg säumenden Staudenbeete habe ich wegen der schlechten Lichtverhältnisse und der mehr feuchten als fröhlichen Atmosphäre nicht ausgiebig fotografiert. Dafür sind wir noch eine Extrarunde mit der Seilbahn gefahren, den schaurigen Windgeräuschen dabei zum Trotz. Aber dort war es trocken und die Aussicht toll.
 
Der Blick von oben schweifte auch über die Staudenbänder entlang der Wege. Und was soll ich sagen? Der Ansatz, die Pflanzen in sogenannten Drifts zu pflanzen, also alle der gleichen Art dicht an dicht gesetzt, die Reihen fest geschlossen, sieht von oben ziemlich unnatürlich aus - wie eine Malerpalette, also vor dem Malen. Auf Augenhöhe nimmt man das nicht so wahr, aber aus der Vogelperspektive denkt man sofort, dass Vögel solche militärischen Staudenaufmärsche in der Natur wohl sehr selten sehen. Wenn nicht gerade Bänder mit völlig anderem Boden ein Gelände durchziehen, werden sich Pflanzen eher gleichverteilen. Das Reh, um das die Gartenschau herumgebaut wurde und das nun dort wohnt, wird aber sehr dankbar sein, wenn es seine Lieblingsstauden einfach abgrasen kann, ohne nach links und rechts zu schauen.



Der Hang hier gefiel mir da schon besser, der sieht aus wie vom Winde gesät:


Aber ich bin schließlich auch kein Gartengestalter, nur ein Gartenfreund, der zufällig in einer Seilbahn saß, was in Fachkreisen durchaus unüblich ist.

Die Schaugärten waren aber ganz unketzerisch wirklich beeindruckend. Endlich habe ich die berühmten Anlagen gesehen, die ich bisher nur aus Zeitschriften kannte. Sie sahen genauso aus wie dort abgebildet, nur mit weniger Sonne.

Hier ein ungezähmt wirkender Sukkulenten-Dachgarten mit (hoffentlich) winterharten Stachelträgern (wer den Garten bei Sonne sehen möchte, der schaue bei Sibylle Pietrek). In den geräumigen Kübeln unterm Sonnendach befinden sich Yucca rostrata, Echinocactus coccineus, winterharte Opuntien (O. engelmannii, O. polyacantha, O. pottsii), Yucca rigida, Y. faxioniana (unten links mit den aufstrebenden Blättern) und Y. thompsoniana (das ist das strubbelige, mehrtriebige Fellmonster mit der wilden Frisur - im folgenden Bild links mit Walzen-Wolfsmilch und Cylindropuntia imbricata). Auch Zypressen-Wolfsmilch, Fette Henne, Wermut, Federgras und Allium sphaerocephalon machen mit.




Für dieses Bild habe ich lange im Regen ausgeharrt, bis ich den Dachgarten menschenleer hatte (die Mittagszeit und der wieder stärker werdende Regen haben geholfen):



Reihenhausgarten mit großen Kübeln und Kornelkirschenspalier - die Möbel werden einfach aufgehängt, wenn man sie nicht braucht:





Mobiler Palettengarten mit Stauden auf Rädern - wenn die Pflanzen mal schnell woanders hingerollt werden müssen:


Aquaponic-Garten, perfekt für den Sichtschutz im Reihenhausgarten. Die Pflanzen in der Wand werden mit dem Wasser gedüngt, in dem Fische leben - sieht das nicht herrlich herbstlich aus?



Ebenen-Garten in Rot und Grau:




Präriegarten mit Feuerstelle, die aber den Pflanzen zuliebe besser unangezündet bleibt - im Frühjahr war sie bestimmt besser zu sehen, bevor Frau Verbena bonariensis sich so in den Vordergrund schieben musste:



Strandgarten, aber mit Kies statt Sand - und eher stranduntypischen Hortensien, damit die Gießkanne und der Gartenbesitzer vor lauter Relaxen nicht arbeitslos werden:




Der goldene Garten von Tom Stuart-Smith, mit Feuerschale, Rudbeckia fulgida, Galium verum, Gold-Baldrian und Rudbeckia maxima:






Bienengarten mit Wabenstruktur nicht nur im Bienenstock - hat mich ein bisschen an die 70er Jahre erinnert (Dalli-Klick!):





Ein Besuch der IGA lohnt auf jeden Fall, nicht nur zum Seilbahnfahren. Bis 15. Oktober ist noch Zeit, ihr habt vielleicht auch besseres Wetter!