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Montag, 18. Mai 2015

Den Samen Beine machen

An kaum einem Gartentier scheiden sich die Geister so wie an Ameisen (ich hatte hier schon einmal zu dem Thema geschrieben). Die einen bemängeln, dass die Krabbeltiere kollektiv die Pflasterwege unterhöhlen, den Sand aus den Fugen nach oben kehren und so für Unordnung sorgen. Die anderen beklagen den Nestbautrieb in Pflanztöpfen und Beeten, was Wurzeln haltlos machen kann. Vertrocknete Pflanzen sind die Folge. Nicht zu verachten ist auch die Viehwirtschaft der Damen, die dazu führt, dass Blattläuse nicht so schnell von Marienkäfern von den Stauden gefressen werden.

Manch einer stört sich außerdem noch am Schwarmverhalten der Geschlechertiere, das auf geheimnisvolle Weise in der ganzen Gegend zum gleichen Zeitpunkt stattfindet und hunderte von Königinnen samt kurzlebigen Prinzen in die Luft gehen lässt.

Aber ist denn gar nichts Gutes an den kleinen Anarchisten auf sechs Beinen? Eine Sache wäre da durchaus, die die Ameisen im Garten in neuem Licht erscheinen lässt und sie zu Verbündeten des Gärtners werden lässt.

Da Pflanzen nicht mobil sind, haben sich einige Arten auf Ameisenkuriere zur Verbreitung ihrer Samen spezialisiert, zum Beispiel die heimischen Lerchensporne Corydalis cava und solida:



Das ist eine praktische Sache, man braucht allerdings einen Lockstoff, denn umsonst machen die Insekten schon mal gar nichts. Die Belohnung für den Samen-Umzugsservice ist ein leckeres Anhängsel am Samen, das Elaiosom. Es ist weiß und hat in etwa die Form und Farbe einer Ameisenlarve.


Die glänzenden Samen mit Elaiosom fallen nach der Reife rasch zu Boden, wo das Fußvolk der hiesigen Ameisenvölker irgendwann einmal vorbeikommt und den Samen ins Nest transportiert. Ist die Leckerei abgefressen, wird der Samen irgendwo weggeworfen, wo er schließlich keimt.

Soweit die Theorie. Aber wie begehrt ist die Ware wirklich? Und wie effektiv sind die Fußgänger unter den Insekten bei der Vermehrung von Lerchenspornen im Garten?

Ich musste es ausprobieren und habe ein paar Samen in der Nähe eines Ameisennestes deponiert und mich auf die Lauer gelegt. Auf dem Bild links ist die Ausgangslage zu sehen mit den schwarzen Perlen, die ich vor die Ameisen geworfen habe, rechts unten der Nesteingang:

Es dauerte tatsächlich keine Minute, und dem ersten Samen wurden bereits Beine gemacht - weg war er. Zum Glück wurde er in Richtung Beet und nicht auf den Rasen getragen.


Auch der Rest ging weg wie warme Semmeln, bis das Volk an seine logistischen Grenzen stieß: Der Nesteingang war zu eng und der erste Samen steckt fest, da half auch kein Zerren und Ziehen mit vereinten Kräften. Übereifrige Kolleginnen stopften gleich noch zwei Samen in dasselbe Loch, was die Situation nicht besser machte. Das Umzugsunternehmen geriet ins Stocken (Bild rechts).

In weniger als einer Stunde waren die elf Testpakete aber verschwunden und auch der Samenstau im Nesteingang war aufgelöst. Die vielen Sämlinge im Garten an verschiedensten Stellen zeigen, dass die Ameisen das schon öfter gemacht haben müssen. Befindet sich ein Bau an einer Stelle, an der man gern neue Pflanzen sehen möchte, kann man die Ameisenvölker also auch gezielt für seine Zwecke einspannen.

Das Prinzip klappt auch bei Leberblümchen, Veilchen, Herbstzeitlosen, Schneeglöckchen und vielen anderen. Also doch gar nicht so doof und unnütz, die Ameisen.

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Die Rätselzwiebel aus der geretteten Biotonnensammlung ist übrigens tatsächlich als Ornithogalum umbellatum enttarnt worden! Kurz darauf habe ich völlig verblüfft so ein Kerlchen auch in meinem Rasen gefunden. Ob es auch per Ameisenkurier dorthin gelangt ist?


Montag, 9. April 2012

Knöllchen

Es hat hier bereits leise Andeutungen gegeben, dass ich kein penibler Gärtner bin. Brennnessel und Giersch haben den Reihenhausgarten zwar im hohen Bogen zu verlassen, aber für die kleinen, wilden Frühlingsknöllchen habe ich eine große Schwäche. Das Scharbockskraut darf sich in der hintersten Gartenecke zum Bärlauch gesellen, wo es mit seinem frischen Grün schon zuverlässig den Boden deckt, wenn andere Stauden noch genüsslich im Winterschlaf liegen.

Scharbockskraut im Gras

Naiv oder naturverbunden? Das werden die nächsten Jahre zeigen. Bis jetzt kann ich der kleinen, bunten Spontanvegetation aber nicht ernsthaft böse sein, vor allem, wenn sie sich spätestens im Mai brav vom Acker macht und das Spielfeld den Großen überlässt.

Weitere, gern gesehene Teilnehmer an der Frühjahrsoffensive sind ebenso als Unkraut verpönt wie das Scharbockskraut, machen sich aber noch schneller wieder unsichtbar: Die beiden heimischen Lerchensporne Corydalis cava und solida.

Unterscheiden lassen sie sich anhand der Knolle, die beim Hohlen Lerchensporn (Corydalis cava) namensgebend hohl ist, beim selteneren Gefingerten (Corydalis solida) aber grundsolide. Minimalinvasiv kann man die beiden zum Glück auch äußerlich auseinander halten, denn der Gefingerte hat fein geschlitzte Tragblätter zwischen den Blütchen, wo sie beim Hohlen ganzrandig sind.

Corydalis solida mit seinen gefingerten Tragblättern

Corydalis cava mit ganzrandigen Tragblättern

Corydalis cava bildet besonders gern große Bestände mit rein weißen Blüten:

C. cava ganz in Weiß im Buchenwald
Corydalis solida

An zusagenden Plätzen neigen beide Lerchensporne zur Massenvermehrung, gerne auch im Wurzelbereich größerer Bäume (oft in lichten Buchenwäldern) und unter Hecken.

Bestand von C. solida auf einer Wiese im Park am Gehözrand

Als Bewohner des Waldes haben die heimischen Lerchensporne es immer ein bisschen eilig. Bevor das Blätterdach über ihnen allzu dicht wird, müssen sie mit der Familienplanung fertig sein. Bei aller gebotenen Eile führen sie ansonsten ein wahrhaft königliches Leben: Die Bestäubung im Buchenwald übernehmen hauptsächlich Hummelköniginnen. Wenn die Arbeiterinnen erscheinen, ist der Lerchensporn bereits verblüht. Die Verbreitung der Samen schließlich lassen sie vom Fußvolk des Waldes, den Ameisen, übernehmen.

Wer sich an einem sonnigen Tag etwas Zeit nimmt, wird auch im Garten eine illustre Gesellschaft an Corydalis antreffen: Behäbige Hummelköniginnen wechseln sich mit immer hektischen Pelzbienen ab.

Hummelhintern und Hohler Lerchensporn
Pelzbiene an Hohlem Lerchensporn


Auch in meinem Garten kommt ein kleiner Bestand vor, den ich als winzige Knöllchen aus einem anderen Garten bekommen habe. Wo ordnungsliebende Gärtner entnervt zum Spaten greifen, um die bösen Blumen wieder loszuwerden, warte ich jedes Jahr mit Hochspannung auf meine wilden Lerchensporne. Das ist immer wieder nerven-zerfetzend, denn im April greift pünktlich das Kontrollgremium der allgegenwärtigen Akeleien um sich und beschattet die kleinen Knollenpflanzen scheinbar zu Tode. Und so schleiche ich schon ab Ende Februar um das herum, was ich großspurig meinen Waldgarten nenne. In Wirklichkeit handelt es sich hierbei um die eineinhalb Meter Boden zwischen Zierapfel und Hundsrose.

Mein "Waldgarten"

Und genau hier geschieht jedes Frühjahr wieder ein kleines Wunder, wenn die Lerchensporne wie Phönix aus der Asche emporschießen und sogar üppig blühen. Dieses Schauspiel ist kurz und muss ausreichend gewürdigt werden. Im Zeitraffer werden nämlich dann Samen gebildet und die Blätter ziehen schnell ein, um bis zum nächsten Frühling im Boden zu verschlafen.


Weil die Pflanzen so überaus schnell Platz für Neues machen, darüber hinaus auch noch hübsch und nützlich sind, empfinde ich sie als durchaus gartenwürdig. Ich freue mich sehr über ihren Nachwuchs, der dank der Ameisen bereits an kahlen Stellen im Waldgarten aufkeimt, damit im nächsten Jahr noch mehr Hummelköniginnen satt werden können.