Samstag, 8. Februar 2020

Der perfekt unperfekte Garten

"Mein Garten soll ein bisschen verwildert aussehen." las ich mal in einer Gartenreportage, wo ein großer Holunder direkt an der Terrasse Hausbaum spielte. Das sage ich auch das nächste Mal, habe ich mir gedacht, das klingt überzeugend und nicht nach einem Versehen. Den perfekt unperfekten Garten verspricht auch Annette Lepple in ihrem neuen Buch - klingt das nicht verlockend? *

"Mein Wabi Sabi-Garten: Respektvoll gestalten, achtsam genießen. Der Weg zum perfekt unperfekten Garten", erschienen im Ulmer-Verlag. Das Titelbild ist schon mal vielversprechend mit den wild durcheinander tanzenden Dahlien und Verbenen:


Doch halt, was ist denn bitteschön "Wabi Sabi"? Nein, das ist kein Schreibfehler, es soll nicht Wasabi heißen und man kann es auch nicht essen. Es ist ein Prinzip, das dem Zen-Buddhismus entstammt. Annette beschreibt es so: "Alles ist vergänglich. Nichts ist jemals fertig. Nichts ist vollkommen.". Bisher hat dieses Prinzip noch niemand auf den Garten übertragen, dieses Buch ist also das erste, das sich Wabi Sabi im Grünen annimmt.


Im Garten bedeutet es tatsächlich nicht, alles vollkommen verwildern zu lassen, sondern pflanzliche Vagabunden als Zufallsbekanntschaften zu akzeptieren und alles etwas gelassener anzugehen, auch was Unkraut angeht. Nichts muss ewig halten, daher setzt Annette auf Materialien, die mit der Zeit Moos ansetzen oder Rost. Auch der Herbst wird nicht als düstere Jahreszeit angesehen, in der alles stirbt, sondern man kann mit den richtigen Pflanzen den Verfall sogar feiern, inszenieren und das Gartenjahr in einem Feuerwerk enden lassen, das sich in frostüberzogenen Blütenständen vom letzten Sommer bis ins nächste Jahr hin zelebrieren lässt.




Statt ein Idealbild des Gartens anzustreben, wird Wandel zugelassen und achtsam beobachtet - klingt doch sehr entspannend, oder?

Die Kapitel des Buches sind Folgende, Schritt für Schritt soll der Leser entschleunigt werden, damit er wieder durchatmen kann im Garten und alles ein bisschen gelassener nimmt, anstatt nach Vollkommenheit zu streben:



Was ist Wabi Sabi?
Ursprung des ästhetischen Konzepts
Wabi Sabi als holistisches Prinzip
Bedeutung von Wabi Sabi heute

Wabi Sabi im Garten
Was bedetet von Wabi Sabi inspiriertes Gärtnern?
- Natürliche Anmut
- Subtile Harmonie
- Ein Plädoyer für die Tierwelt
- Nachhaltige Praxis 
- Eine gesunde Basis
- Zauber des Wandels

Elemente von Wabi Sabi
Wasser ist Leben
Gezähmte Wildnis
Asymmetrie - Perfekt ungleich
Kunstvoll - Handwerk schätzen
Upcycling - Alten Dingen Leben einhauchen
Natürlich - Gestalten mit Naturmaterial
Dezent und heiter - der Pflanzstil

Wabi Sabi-Pflanzen
Reiz des Zufalls - Ein- und zweijährige Vagabunden
Schön im Tod - Glanzvoller Abgang von Stauden und Gehölzen
Stets im Wandel - Zauber der Jahreszeiten mit Gehölzen
Pittoresk - Malerische Wuchsformen

Service

Auch im "Wabi Sabi"-Garten muss man aber nicht nur meditativ zuschauen, wie Steine Moos ansetzen, man darf auch ruhig zupacken: Besonders interessant für Gärten mit Gehölzen sind Annettes Erläuterungen zum Transparenzschnitt, sie sagt, die Franzosen in ihrer Wahlheimat schneiden einfach alles und haben in der Beziehung keine Hemmungen. Bäume und Sträucher lassen sich so aufasten und auslichten, dass sie nicht nur einmal im Jahr zur Blütezeit gut aussehen, wie Flieder oder Rhododendron, sondern auch in der restlichen Zeit eine malerische Wuchsform annehmen. So kommt mehr Licht zum Boden und es lassen sich noch mehr Pflanzenschätze unterbringen, für die der Garten sonst zu klein wäre.


Und wo man schon in Handarbeit die Sträucher kunstvoll verändert hat: Bei Wabi Sabi wird auch Handwerkskunst mehr Bedeutung gegeben anstatt Dinge von der Stange zu kaufen.


Annettes Fotos in diesem Buch sind von gewohnt guter Qualität und untermalen den Text perfekt.  Viele interessante Beobachtungen und Lebenserfahrungen finden sich in diesem Buch, die dem Leser die Augen öffnen.


Ich finde den Ansatz des Buches wirklich wert, betrachtet zu werden. Wenn jeder nur ein bisschen mehr Wabi Sabi anwenden würde, wäre die Welt ein entspannterer Ort mit weniger Müll. Und ich weiß jetzt endlich, wie ich meinen Gartenstil nennen kann!

* Die Fotos in diesem Artikel stammen nicht aus dem Buch!

Kommentare:

  1. Guten Morgen Elke,
    das ist ganz sicher ein ganz tolles Buch. Ich glaube das zu wissen, weil es über dich hier irgendwie genau meinen Garten beschreibt ;-) Und dann muß es ja wohl ein gutes Buch sein....
    Schönes Wochenende und liebe Grüße,der Achim

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  2. Ein tolles Buch - wir brauchen alle mehr Wabi Sabi. Danke fürs Vorstellen.

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  3. Hallo Elke,
    ein interessantes Buch, das Gärtner/in zur Gelassenheit, zum Beobachten, Leben mit den Jahreszeiten und der Natur motiviert. Durchgestylte Gärten sind einfach nicht natürlich und darin dürfen die Pflanzen auch keine eigenen Bilder malen. Natürlich sollte man kurz vor der "Übernahme des Gartens" mal Gärtnerhand anlegen. ;-)
    Hab ein feines Wochenende - lieben Gruß, Marita

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  4. Das ist es, nun habe ich den passenden Namen für unseren Garten Wabi Sabi, klingt doch irgendwie exotisch und macht neugierig. Naturgarten dagegen wird immer mit "verunkrautet" in Verbindung gesetzt, was er ja durchaus nicht ist.
    Liebe Grüße
    Edith

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  5. Das klingt nach einem Konzept, das genau auf meiner Wellenlänge ist. Intuitiv klingt es für mich nach Wohlfühlgarten in dem Mensch und Natur gut leben können.
    Viele Grüße
    Claudia

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  6. Ein bisschen wild darf es schon zugehen. Auch wenn ich von Wabi Sabi bisher nichts gehört habe, das Konzept gefällt mir!
    Viele Grüße von
    Margit

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  7. Tolle Rezension über ein lesenswertes Buch

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  8. Hallo Elke,
    Wabi Sabi hört sich nach einer chinesischen Speise an. Danach habe ich solch einen Garten, er erfüllt alle Kriterien, ich bezeichne meinen Garten als "naturnah", das gefällt mir besser. LG...Stephanie

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  9. Ganz interessant! Ist ja an sich mein Prinzip des wild-romantischen Gartens. Nur mit dem Buddhismus habe ich es überhaupt nicht!

    Liebe Grüße auch hier
    Sara

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