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Montag, 26. Mai 2014

Anhängliches

Da denkt der Gärtner, die Pflanzen wären einzig und allein zu seinem Wohlgefallen da und könnten mal ganz froh sein, dass er sich um sie kümmert und sie überhaupt in seinem Garten duldet. Pustekuchen, denn sie sind so frei und nutzen uns aus, wo sie nur können - drehen den Spieß um und missbrauchen uns als günstige Mitfahrgelegenheit.

Das hundsgewöhnliche Vergissmeinnicht ist so ein Beispiel - wenn man ihm zu nahe kommt oder es sogar im verblühten Zustand jätet, gibt es sich nicht etwa geschlagen, sondern hängt sich einfach an den Gärtner dran. Zumindest, wenn man etwas Langärmeliges, möglichst Wolliges oder Aufgerautes trägt. Die klebrigen Samenkapseln bleiben haften, bis wir sie auf ein ordentliches Aussehen bedacht an anderer Stelle im Garten abschütteln. Das kommt dem immer auf Ausaat versessenen Myosotis ganz gelegen.

So ein Verhalten kennt man von Kletten und Kletten-Labkraut, aber man rechnet nicht damit, dass auch das Vergissmeinnicht dieses Kunststück beherrscht und den Gärtner für seine Zwecke einspannt.


Ein anderer Vertreter dieser tollkühnen Trittbrettfahrer ist der Odermennig (Agrimonia). Er blüht im Juli und hat danach den ganzen Sommer lang Zeit, sich an den Gärtner heran zu schmeißen. Da der Große Odermennig (Agrimonia procera) locker 1,5 m Höhe erreicht, kann er mit Leichtigkeit sämtliche Körperteile besetzen und sich sogar als Haarschmuck anbiedern. Meist bemerke ich seine anhänglichen Samenkapseln erst, wenn ich irgendwann mal wieder in den Spiegel schaue, um meine von der Gartenarbeit als solche nicht mehr erkennbare Frisur zu sortieren. Auch an Katzenfell kleben die aufsässigen Samenbehälter noch ganz ordentlich.


Wenn man sie absammelt und irgendwo in den Garten wirft, hat man bald viele neue Jungpflanzen. Für Guerilla-Gärtner ist dies die wohl kleinste Samenbombe der Welt.

Ganz schön clever von den Pflanzen, den Gärtner so für sich einzuspannen. Man merkt dann auch gleich, wo man hingehört - von wegen der Garten unterliegt dem Menschen. Das Grünzeug gibt sich nicht mit dieser Rollenverteilung zufrieden. Aber was wäre ein Garten ohne ein bisschen Anarchie?

Montag, 16. Juli 2012

Mondfinsternis

Dieses Jahr ist es zappenduster an meiner Moonlight-Rose (die gelb-orangene von Kordes). Die reinste Mondfinsternis. Während sonst eine Blüte sich an die andere reiht, hat ihr der letzte Winter so sehr zugesetzt, dass sie kaum Kraft hat und nur eine Notblüte zeigt. 


Die Knospe blüht rosa-orange auf...

... am Ende strahlt sie sonnengelb

Das ist nicht von diesem Jahr, leider

Da die gelben Mondgesichter also heuer ausfallen, behilft sich Frau Moonlight auf andere Art und möchte mit gelben Blättern in sämtlichen Schattierungen auffallen. Was ihr auch gelingt, aber nicht im positiven Sinne. Hinzu kommen noch so lustige Flecken auf dem Laub.
Alle paar Wochen wieder kann ich letztendlich doch noch dahingeraffte Zweige herausschneiden. Das zehrt an der Substanz. An ihrer und an meiner.

Die andere Klettertante in meinem Garten, Manita, ist dafür eine echte Angeberin dieses Jahr und protzt nur so mit Blütenwolken, sehr zu meiner Freude und zum Vergnügen der Hummeln. Was die Winterhärte angeht, ist sie eindeutig die Zuverlässigere von beiden.

Manita

Eine Staude aber wittert Morgenluft ob der kränkelnden Moonlight-Rose: Der Wohlriechende Odermennig (Agrimonia procera), dem eigentlich eher eine Nebenrolle im Garten zufällt.
 
























Er möchte seiner Rosenverwandtschaft ein bisschen unter die Arme greifen: Bald zwei Meter hoch, versucht er doch noch ein bisschen Farbe dahin zu bringen, wie sie eigentlich hingehört: Nach oben in den siechen Strauch. Vor ihm war da netterweise auch schon die Gelbe Wiesenraute gewesen. Das alles sind zwar keine Mondgesichter, aber immerhin kleine Sternchen.

Ob der Wohlriechende Odermennig den Namen auch verdient hat, darüber kann man geteilter Meinung sein. Nach irgendwas riecht er jedenfalls. Ich finde es gar nicht mal so unangenehm, aber der Duft polarisiert. Was ihn sonst noch von seinem Wald-und-Wiesen-Vetter, dem Gewöhnlichen Odermennig (Agrimonia eupatoria), unterscheidet, ist seine beeindruckende Körpergröße: Während sein Verwandter allenfalls Kniehöhe erreicht, wächst dieser hier locker bis in den Wipfel einer Kletterrose. Wenn man ihn nicht aufbindet, kann er allerdings bei Sturm auch kurzfristig zum längsten Bodendecker der Welt werden.


Verbänderung


Seine gelben Blüten sind zwar nicht die größten, überzeugen aber durch ihre Fülle an einem reizenden, kerzenförmigen Blütenstand. Um ein bisschen mehr Fernwirkung zu erzielen, ist eine Gruppenpflanzung zu empfehlen.

So oder so neigt er früher oder später zur Grüppchenbildung, dank reichlicher Selbstaussaat. Seine Früchte haben raffinierte Krallen, mit denen sie sich auch mit Hilfe von Tieren verbreiten können, indem sie sich im Fell festkletten und so per Anhalter irgendwohin mitfahren.

Beim Gewöhnlichen Odermennig reichen zum Verschleppen noch kleinere Tiere - Füchse vielleicht - aber beim großen Bruder braucht es schon etwas größere Vehikel. In meinem Garten verbreitet er sich hauptsächlich über des Gärtners Haupthaar, habe ich den Eindruck. In diesem finde ich zumindest immer wieder anhängliche Odermennigsamen - und die sind gar nicht so leicht wieder zu entfernen, ohne dass es weh tut. Auch des Gärtners Kleidung wird gern genommen zum Anhaften.


Widerhaken an Odermennigfrüchten - hier mit Wanzengast

Weder Berührungsängste noch Keimhemmung haben die Samen. Überall hat man schnell eine ganze Brutstätte von kleinen Odermennigen. Im Jugendstadium sind sie rasch gejätet, ältere Semester aber sind hartnäckig, haben eine riesige Wurzel, aus der sie immer wieder austreiben. Oberhand über den Odermennig zu gewinnen ist daher etwas für Schnellentschlossene.

Zu Gute halten kann man ihm außerdem eine außerordentliche Trockenheitsresistenz. Gießen musste ich die wohlriechenden Pflanzen noch nie. Desweiteren verträgt er zur Not auch Halbschatten und ist Kompost nicht grundsätzlich abgeneigt.

Zuhause ist er im Bauern- wie im Naturgarten gleichermaßen. Wer einen solchen sein Eigen nennt oder einen anlegen möchte, der möge gerne bei mir anfragen. Wenn die Samen wieder so richtig anhänglich werden, kann ich welche abgeben (bei mehr als einer ernst gemeinten Zuschrift entscheidet das Los).