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Freitag, 14. Januar 2011

Pudding und Pillepoppen

Einige mögen die Existenz der Stadt Bielefeld leugnen, aber viele Bielefelder schaffen es sogar, den Botanischen Garten zu verfehlen.
Dabei hat Bielefeld viel mehr zu bieten als nur die gleichnamige Verschwörung und den berühmtesten Autobahnblitzer der Republik.

Es sind nicht die Ausmaße der Herrenhäuser Gärten und wir haben auch (noch) kein Tropenhaus zu bieten, dafür ist unser Botanischer Garten klein, aber fein - und vor allem ist er, wie viele Attraktionen der ostwestfälischen Metropole, sogar kostenlos zu besichtigen.

Also nichts wie los - hier eine Empfehlung für einen botanischen Stadtrundgang.

Da der Botanische Garten von der Innenstadt aus gut zu Fuß zu erreichen ist, fangen wir am besten in der Altstadt an. Nach der Besichtigung der schönen alten Gebäude laufen wir bis zum Ende der Fußgängerzone, lassen die Kunsthalle links liegen und gehen direkt weiter bis zur denkmalgeschützten Villa Bozi. Hier kann man sich mit edlem Gartenzubehör sowie Geschirr aus Meissen eindecken - oder sich auch mal wie der Elefant im Porzellanladen benehmen (nur für Auswärtige zu empfehlen). Man musss aber nichts kaufen, man kann auch einfach nur das sagenhaft historische Ambiente bewundern oder Englischen Tee mit Scones oder Kakao in Variationen zu sich nehmen und das alles bei freundlicher Bedienung, auch wenn man aussieht wie ein Schneemann.

Weiter geht's durch die Unterführung und links am Oetker-Seniorensttift vorbei, wo man sich mal kurz vorstellen kann, wie man im Alter nicht leben wird, falls kein Wunder oder ein Lottogewinn geschieht.

Die Schnellstraße ignorieren wir geflissentlich, stattdessen schauen wir lieber zur Sparrenburg, die trutzig vom Hügel gegenüber herabblickt.
Sobald der Puddingpulverbau von Puddingtown's berühmtestem Einwohner in Sichtweite kommt, halten wir uns rechts. Auf der anderen Seite der Straße geht es über einen historischen Friedhof mit altem Baumbestand, auf dem die halbe Bielefelder Prominenz begraben liegt.

Dann haben wir ihn endlich erreicht, den Botanischen Garten! Der Eintritt ist frei - soviel Garteninspiration für lau direkt am Teutoburger Wald bekommt man selten geboten.
Wer jetzt immer noch weiterwandern möchte, kann den Tierpark Olderdissen besuchen, der ebenfalls keinen Eintritt kostet und mal eben auf der anderen Seite des Hügels liegt.

Hier ein paar Appetithäppchen aus dem Botanischen Garten Bielefeld:

Das Herzstück ist das alte Bauernhaus:




 Im Herbst glänzt der große Tulpenbaum in Gelb - die Buchen im angrenzenden Teutoburger Wald staunen und schweigen. Vorne rechts wuchert die Domina der Stauden, Gunnera manicata, die im Winter unter einer dicken Decke Buchenlaub verschläft.

Die große Rasenfläche im Eingangsbereich wird jedes Jahr anders mit Blumenzwiebeln und danach Einjährigen bestückt. In einem Jahr waren es unter anderem Zier-Süsskartoffeln (Ipomoea batatas) - ein Fest für die Mäuse.


Zwischen der größenwahnsinnigen Gunnera und dem Bauernhaus befindet sich ein Großstaudenbeet mit Astern, Herbst-Margerite (Leucanthemum), Bergenien, Monarden, Helenium und Eisenhut, das einfach immer neidisch macht:







Ein Fächerahorn-Wäldchen mit knorrigen Vertretern in diversen Sorten schließt sich daran an:



Eine artenreiche Rhododendron- und Azaleensammlung unter alten Bäumen liefert Inspirationen für schattige Gartenbereiche:




Die Farntreppe - in den Fugen ungezogener Knotiger Storchschnabel (Geranium nodosum), der sich überall aussät. Im Hintergrund macht ein Baumwürger seine Arbeit:


Elfenkrokus, Bärlauch und Gelber Scheinmohn (Meconopsis cambrica) bringen ebenfalls einen Hauch von Anarchie in die Beete, da sie bei jeder Gelegenheit und in jeder Ritze auftauchen:
 




Ein besonderes Spektakel ist die Blumenzwiebelwiese, die von den ersten Frühlingszwiebeln bis zu den Herbstzeitlosen alles bietet:



Eine weitere Attraktion ist das Bienenhaus mit garteneigenen Völkern, die hier wie im Schlaraffenland leben. Den Blütenhonig kann man mit ein bisschen Glück dort auch kaufen, wenn der Imker gerade zugegen ist.


Auch so manch andere kuriose Gestalten im Pyjama trifft man in rauen Mengen (Streifenwanze):


Ein großes Steinbecken mit Wasserpflanzen ist Badeanstalt und Kinderstube von Grasfröschen und Erdkröten:



Natürlich hat der Ostwestfale ein eigenes Wort für ihre Nachkommen, nämlich "Pillepoppen". Fragt mich bitte nicht, woher das nun wieder kommt, ich bin auch nur zugereist.

Das Kräuter- und Heilpflanzenbeet wird von einer Pfingstrosenhecke flankiert:


Ein Heidegarten darf nicht fehlen:



... ebensowenig wie ein Steingarten:




Selbst überzeugte Wasserratten statten ihm gerne mal einen Besuch ab:


Aussicht vom Steingarten auf das Gewächshaus mit Sukkulenten sowie diverse Mammutbäume:


Bis auf eine Apothekerrose und einige Rosa hugonis wird man keine Diven hier finden. Aber dafür gibt es einen eigenen Rosengarten auf der anderen Seite der Stadt - der ebenfalls keinen Eintritt kostet.

Wem der Rundgang gefallen hat, der hat Gelegenheit, etwas in die Spendensammelbüchse zu werfen. Größere Summen nimmt Bielefelds bester Mitarbeiter ganz vollautomatisch entgegen, wenn man auf der Autobahn zu schnell ist. Dafür bekommt man auch ein schönes Foto als Erinnerung an einen Tag in der Stadt, die keiner kennt.

Sonntag, 25. Juli 2010

Kein Regen über Bielefeld

Kennt ihr die Bielefeldverschwörung? Diese unsägliche Theorie, nach der Bielefeld gar nicht existiert, sondern alle Hinweise auf diese Stadt frei erfunden sind? Wikipepdia gewährt ihr sogar einen eigenen Eintrag und zu allem Überfluss wurde der Unsinn jetzt auch noch verfilmt.
Die Bielefeldverschwörung nervt die meisten Bielefelder früher oder später ganz kolossal. Nimmt man es zunächst noch mit Humor, kann man beim dreiundzwanzigsten Mal "Ach, wo kommst du her? Bielefeld gibt's doch gar nicht!" schon weniger darüber lachen.

Das wahrlich Schlimme an der Sache ist, dass die Regenwolken tatsächlich an die Theorie zu glauben scheinen: "Wo soll ich abregnen? Ach was, mach ich nicht - die Stadt gibt's doch gar nicht."

Meistens läuft es so ab: Eine vielversprechende junge Regenfront nähert sich von Belgien kommend forsch dem Rheinland und gewährt ihm üppigen Sommerregen, leider auch oft gepaart mit bösen Unwettern. Aber immerhin, es regnet! Auch das Münsterland wird noch bedacht, man will ja nicht knauserig sein.
Doch dann taucht plötzlich der Teutoburger Wald am Horizont auf - die Wolken geraten ins Grübeln, erinnern sich an diese blöde Theorie und lösen sich dann flux in Wohlgefallen auf. Keine Chance - der Regen macht einen Bogen um diese Stadt, und das gründlich.

 
Noch 50 km vor Bielefeld findet der herrlichste Landregen statt, dann ist's vorbei mit Wasser für lau.
Und wieder heißt es Gießkannenschleppen: Es sollte olympische Disziplin werden. Die Bielefelder würden haushoch gewinnen.

Es ist zum Mäusemelken! Wie soll man denn unter diesen Umständen günstig gärtnern, verdammt noch eins?


Um diesen Effekt der wolkenweiten Verschwörung zu demonstrieren, klickt doch einfach bei der nächsten verheißungsvollen Regenfront einmal ins Regenradar.
Ihr werdet sehen, wie die wunderschönen Wolken Bielefeld meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Jetzt mal unter uns: Insgeheim hoffe ich hierbei natürlich auf den Vorführeffekt! Für morgen ist (wie so oft) Regen angekündigt und diesmal soll er angeblich auch Bielefeld erreichen. Also helft mir bitte, liebe Leser, und schaut den Wolken zu! Je mehr dies tun, umso besser!

Als Belohnung geb ich euch auch noch einen Tipp am Rande mit: Wenn ihr günstig gärtnern wollt, zieht nicht nach Bielefeld!

Nachtrag 26.7.: Dankeschön allen, die den Bielefeld-Effekt verfolgt haben, es hat gewirkt! Die Regenwolken haben sich nicht getraut, Bielefeld zu verfehlen. Es regnet schon seit einer Stunde!