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Samstag, 17. Dezember 2016

Übersee-Botanik

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber der erste Gedanke, den ich montags morgens habe, ist nicht: "Das wurd' aber auch höchste Zeit - endlich wieder arbeiten!" Nicht umsonst heißt es auch: Das F in Montag steht für Freude. Und so war es nicht verwunderlich, dass wir in New York an einem Montag vor den verschlossenen Türen des Botanischen Gartens in Brooklyn standen. Da hatten wohl auch andere die gute Idee, dass man montags besser nicht zur Arbeit geht, und wenn doch, dann besser ohne lästiges Publikum.


Wir mussten leider draußen bleiben. Doch zu meiner großen Freude standen auf dem Schild mit den Eintrittspreisen jene glücklich machenden zwei Worte: "Tuesday: Free". Im Gegensatz zu: "Adults 12$". Auch der Samstag Morgen kostet keinerlei Eintritt.

Also sind wir an diesem sich zu verschlossen gebenden Montag einfach weiter durch Brooklyn an den Strand gefahren und am Dienstag noch mal wiedergekommen.

Tatsächlich: Die Tore standen sperrangelweit offen und keiner wollte Dollars haben für den Durchmarsch. Toll! Auf meiner Liste der schon abgehakten botanischen Gärten war noch nie einer auf einem fremden Kontinent gelegen - bis zu diesem dollarfreien Dienstag.

Die zweimalige Anreise hatte sich wirklich gelohnt. Der Garten war nicht so voll wie am Wochenende und man konnte sich in Ruhe den Pflanzen und Tieren widmen. Wieder einmal staunte ich, wie zielsicher mich deutsche Touristen in meiner Muttersprache ansprachen.  Es ging um die Monarchfalter, die sich an Tithonia-Blüten gütlich taten, die inmitten einer prächtigen mediterranen Anlage mit Wasserelement wuchsen.



Die Gewächshäuser boten Bonsais, Kakteen, Tropenvegetation und immer wieder erheiternde Pflanzen-Schilder, wie das mit "Pussy Ears".





Es gab einen Shakespeare-Garden, der auch in Europa hätte sein können.



Eine asiatische Anlage mit großem Teich und pompöser Architektur schloss an ein Arboretum an, bei dem es wieder viel zu lernen gab. Auch Gemüsebeete mit Kompostanleitung waren dabei.


 
Für mich das Highlight war der Discovery-Garden mit vielen heimischen Pflanzen, der als Entdeckungsraum für Kinder gestaltet ist.



Wer könnte den großen Schildern mit den fantastischen Zeichnungen schon widerstehen und nicht sofort versuchen, den Monarchfaltern im Garten zu helfen?



Überall standen kleine Kästen mit einer Kurbel, mit der man sich erst ein bisschen Strom erarbeitet, um dann Tiergeräusche abspielen zu können.


Wer findet den Roten Kardinal auf diesem Suchbild mit dem Hartriegel?

Das beim Eintritt gesparte Geld kann man gut und gern im Garten-Shop in Sämereien und Souvenirs oder Büchern anlegen. Man muss ja zuhause niemandem erzählen, dass man einmal umsonst zum Garten gefahren ist...

Samstag, 5. November 2016

Highlights auf der Highline

Pflanzen gehören auf den Laufsteg. Finde ich zumindest. Dummerweise können sie nicht so wahnsinnig schnell laufen. Macht aber nichts, auch ein gemächlicher Catwalk hat seinen Reiz. Wo es denn sowas Verrücktes gibt? In New York, der Stadt der Mode und der Stars. Eigentlich war der Garten auf Stelzen aber nicht als Catwalk für Pflanzen gedacht, sondern diente fauchenden Loks als Laufsteg.

Die Zeiten sind vorbei, und nun dient die alte Hochbahnstrecke glücklicherweise als botanische Flaniermeile zwischen Wolkenkratzern und mit Blick auf den Hudson River. Das wäre beinahe ins Auge gegangen, denn die Highline sollte dem Erdboden gleichgemacht werden. Stattdessen wurde eine Parklandschaft auf Stelzen geschaffen und von Piet Oudolf gestaltet.

Die Highline ist nun weltweit bekannt als größter Laufsteg für Pflanzen und beileibe kein Geheimtipp mehr. Der Eintritt ist kostenlos.


Während man so über die Hochbahnstrecke flaniert, ändert sich die Bepflanzung ständig. Fängt man bei den Hudson Yards an mit der Tour, kommt - nach einem Teil mit Astern, Rattle Snake Master und Gräsern - erst mal ein wildhafter Bereich in der vollen Sonne mit vielen heimischen Pflanzen - und mit Blick auf die geparkten Züge der Penn Station.





Endlich darf man sich über die Späte Traubenkirsche freuen, denn hier ist sie zuhause. Auch Nachtkerze und Goldrute sind legalisiert. Nur unsere Wilde Möhre gehört hier nicht hin, aber die Einwanderungsbehörde kann nichts dagegen tun.





Überall stehen einladende Bänke herum mit Blick auf die Pflanzen. Phlox, Vernonia, Amsonia, Blauraute, Lavendel, Oregano und Grannenlose Scheinbergminze (Pycnanthemum muticum) rahmen die Sitzplätze.




Immer mit dabei sind Hummeln und die korpulenten Östlichen Holzbienen, erkennbar am kreisrunden Haarausfall auf dem Rücken. Denen scheint es richtig egal zu sein, von welchem Kontinent eine Pflanze kommt.



Irgendwann nach einem Areal mit Schattenpflanzen kommen prärieartige Pflanzungen mit Solidago, Sonnenhüten und Kompass-Pflanze.



Dieser schöne kleine Busch hier ist Amorpha canescens, Lead plant, ein amerikanischer Schmetterlingsblütler mit blauen Blüten:


Dann gibt es waldartige Bepflanzungen mit Birken, die, wie es ihre Art ist, zwischen den Schienen wachsen. Dazu kommen Magnolien und der Sassafras, der ein richtiger Tausendsassa ist und sich gleich mehrere Blattformen an ein und demselben Ast ausgedacht hat. Vielleicht fand er sie alle schön und konnte sich nicht entscheiden, welche ihm am besten steht?



Es wird wieder wiesenartiger. Diesmal stehlen die schwarzen Früchte von Iris domestica (Blackberry Lily) zwischen Gräsern allen die Schau. Daneben Sonnenhut und Mädchenauge:


Zwischendurch wachsen neue Wäldchen, die sich mit Graslandschaften abwechseln. Was an heißen Tagen gut ist, damit man mal im Schatten sitzen kann.


Auch ein sumpfiger Bereich ist dabei, mit Chelone glabra, Kardinals-Lobelie und Lampenputzern:



Eingestreut sind Kunstwerke aus verrostetem Stahl oder ein bepflanztes Auto mit rostfreien Reifen verkleidet.



Dieses Schild hier ist eine Mogelpackung - es befinden sich keine nackten Sonnenbadenden in der Nähe. Ich habe zumindest keine entdeckt. Der Typ hier ist zwar fast nackt bis auf den wahnsinnig schicken Schlüpfer, aber der ist auch Kunst und geht nicht wirklich weg:



Am Ende der Highline angekommen möchte man gleich wieder den ganzen Weg zurückgehen, so schön war es. Der Kontrast von Wildheit und Wolkenkratzern ist faszinierend - selten haben Stauden und Gehölze so eine Bühne. Ein echter Catwalk für Pflanzen eben.



* Fußnote: Am Fuße der Highline war wohl gerade die Fashion Week und ich bekam ein Überlebenstütchen für selbige in die Hand gedrückt. Ich bin jetzt im Besitz von falschen Wimpern. Vielleicht kann ich da ja ein Kunstobjekt raus machen?

Freitag, 16. September 2016

Heimische Pflanzen für den Garden State

Auf der anderen Seite ist das Gras bekanntlich grüner. Und die Blumen bunter, ist ja klar. Doch gilt das auch für die Amerikaner? Immerhin haben die die dicksten Sonnenhüte in allen Farben und das sogar nördlich von Mexiko. Unsereiner in Europa jedenfalls wird doch ganz blass vor Neid beim Anblick von Rudbeckia, Echinacae, Silphia und natürlich auch den vielen prächtigen Seidenpflanzen (Asclepias) und Neuwelt-Astern. Auf der anderen Seite vom Atlantik ist ja auch alles ein bisschen größer, selbst die Stauden. Da können sich unsere heimischen Margeriten aber mal ganz warm anziehen.

Um herauszufinden, ob die Gartenbesitzer in den USA also genauso stolz auf ihre heimischen Stauden sind wie auf ihre Nationalflagge, habe ich mal im Garden State nachgeschaut. So wird New Jersey genannt, weil es tatsächlich hauptsächlich aus Gärten zu bestehen scheint. Und wo ich schon mal da war, habe ich natürlich für euch auch gleich mal New York inspiziert. Da wachsen immerhin dieselben Pflanzen wie im Nachbarstaat.



Umso enttäuschter war ich, nicht gleich am Flughafen von einem illustren Empfangskommitee aus Sonnenhüten und Seidenpflanzen empfangen zu werden. Stattdessen traf ich alte Bekannte am Straßenrand: Wegwarte, Götterbäume und Wilde Möhre.

Und wie sieht es in den Gärten aus? Nun ja, Garden State ist ein bisschen gemogelt, denn die Gärten bestehen zum großen Teil aus Rasen. Immerhin trauen sich die Amerikaner eher an Bäume ran als die Gartenbesitzer bei uns - und manchmal gibt es auch echte Highlights mit Blumen am Haus.





Ansonsten sehen die Beete - wenn es welche gibt - meist aus wie zuhause: Hosta, Tagetes, Katzenminze, Taglilien, Bartblume, Fette Henne zusammen mit Rosen. Manchmal sind tatsächlich Sonnenhüte dabei, aber eher die Zuchtsorten.




Und dann habe ich tatsächlich noch Kontakt zu Einheimischen gehabt, denn auch hier gibt es grüne Globalisierungsgegner. Man findet sie in botanischen Gärten, an ausgewählten Straßenrändern oder auf dem Highline Garden.

Die Grannenlose Scheinbergminze (Pycnanthemum muticum) hat es mir und den Insekten besonders angetan:


Diese silbrige Staude blüht monatelang von Juli bis September und steht gern sonnig, kommt aber auch mit lichtem Schatten zurecht.

Ein internationales Völkergemisch findet sich - typisch Manhattan - an den Blüten ein. Hummeln, Honigbienen, Kegelbienen, Blauflügel-Wespen (Scolia dubia) und die dicken Östlichen Holzbienen (Xylocopa virginica) mit der Glatze auf dem Rücken.


Die Kompasspflanze (Silphium laciniatum) ist ein Koloss und bei Hummeln beliebt - die Samen werden hier gerade von Goldzeisigen gefuttert:



Die Seidenpflanzen haben Besuch, den sie bei uns nicht haben - eine Wanze (Large Milkweed Bug), die ähnlich wie unsere Feuerwanze zu Großversammlungen neigt.

Der Monarch-Falter braucht Seidenpflanzen als Raupenfutter. Hier nuckelt er an einer Mexikanischen Sonnenblume (Tithonia rotundifolia):


Monarche sind jetzt auf dem weiten Weg nach Mexiko und holen sich ihren Vielfliegerbonus am Schmetterlingsflieder im Central-Park ab - Buddleja davidii wäre auch in China-Town gut aufgehoben:


Ein weiterer beeindruckend großer Schmetterling - ein echter Amerikaner also - ist der Schwarze Schwalbenschwanz (Papilio polyxenes). Hier macht er gerade einen Tankstopp an einem hübschen anderen Native American, dem Ysopblättrigen Wasserdost (Eupatorium hyssopifolium):


Ein Knaller in Pink und ganz beliebt bei Schmetterlingen, hier Dickkopffalter, sind Scheinastern (Vernonia):


Ebenfalls einen dicken Kopf hat diese Staude, der Palmlilien-Mannstreu (Eryngium yuccifolium). Der englische Name klingt aber viel cooler und allein deswegen sollte die Pflanze in keinem amerikanischen Garten fehlen: Rattlesnake Master. Toll, oder? Schilder am Gartenzaun a la "Vorsicht vor dem Hund" kann man sich getrost sparen, wenn man stattdessen ein geheimnisvolles "Beware of the Rattlesnake Master" haben kann.



Ach, wie gern hätte ich auch den Klapperschlangen-Meister, die Scheinbergminze und all die anderen im Garten. Aber dann wären sie ja nicht mehr einheimisch... Zu blöd.