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Sonntag, 1. Dezember 2013

Gärtnerlatein

Man sollte ja meinen, dass der sämtliche Lebensgeister raubende Lateinunterricht in der Schule damals irgendeinen bleibenden Eindruck hinterlassen hätte und sich beim Gärtnern ein klein wenig nützlich machen könnte. Leider ist der einzige vollständige Satz, den ich noch im Schlafe und grammatikalisch korrekt wiedergeben kann, dieses hübsche Bonmot: "Rhenus fluvius est" - der Rhein ist ein Fluss. Das muss so ungefähr in der ersten Lateinstunde dran gewesen sein. Da war ich noch überzeugt, dass ich was für's Leben lerne. Dem aufmerksamen Leser wird jedoch nicht entgangen sein, dass man diesen Satz drehen und wenden kann, wie man möchte - es lässt sich aus keinem der enthaltenen Wörter irgendeine Sinnhaftigkeit für den Gartenalltag ableiten.

Nun ist laut einem internationalen Abkommen aber jede Pflanze gefälligst auf Lateinisch anzusprechen, denn so weiß jeder, was gemeint ist, ob er nun am Rhein oder am Nil gärtnert. Dummerweise haben sich seit jeher auch immer ein paar griechische Wörter dort eingeschlichen. Hinzukommen lustige Verballhornungen des Namens des Entdeckers einer Pflanze - man denke nur an Tulipa bakeri, die nach dem einschlägig bekannten Pflanzensammler George Percival Baker benannt wurde. "Bakeri" ist also schon mal kein Latein und die ganze Plackerei in der Schule hat mal wieder nicht so viel genützt.

Immerhin mit der Kenntnis von ein paar Adjektiven, insbesondere mit Wörtern für Farben, kann man sich halbwegs durchschlagen: Alba kennzeichnet stets eine weiße Blume, Nigra meint schwarz und Aurea hat was mit Gold zu tun und ist damit sofort auf der Liste der begehrten Stauden ganz nach oben gerutscht. Das hilft sowohl bei Art- als auch bei Sortennamen und meist ist Verlass auf diese Nomenklatur.



Händler, die etwas auf sich halten, werden sich also stets bemühen, den vollständigen lateinischen Namen für ihre Ware herzubeten, wenn es gut läuft auch noch mit Sortenbezeichnung.

Grundsätzlich misstrauen sollte man Versandgärtnereien, die kein bisschen Latein können und das auch in ihren Katalogen zur Schau stellen. So viel Platz, um den genauen wissenschaftlichen Namen der Ware abzudrucken, sollte schon sein. Das geht aber immer noch schlimmer - auch die deutsche Bezeichnung kann frei erfunden sein.


Ich bin einmal über den Namen "Bauernstaude" gestolpert. Das Bild ließ auf einen Beinwell schließen, aber das klingt offenbar zu profan. Ein anderer Artikel war mit "Bienenpflanze" betitelt. Mehr war nicht zu erfahren, auch das dürftige Foto bot Interpretationsspielraum. Es darf vermutet werden, dass es sich um ein Raublattgewächs gehandelt hat, möglicherweise war es die Gemeine Ochsenzunge (Anchusa officinalis). Bienenpflanze klingt natürlich viel besser und man kann dem Kunden praktischerweise eigentlich jede Boraginacee unter diesem Namen unterjubeln, es wäre noch nicht einmal gelogen.



Dennoch sollte man Händlern mit einem gewissen Hang zum Gärtnerlatein und mit allzu viel Fantasie mit ebenso viel Vorsicht begegnen, denn wer sich bei den Katalogen nicht um Genauigkeit bemüht, spart vielleicht auch anderswo. Wenn das gute Stück Staude, das man gekauft hat, dann allzu schnell sein Gartenleben aushaucht, wird man kaum Informationen finden können, wie man es beim nächsten Mal besser machen kann. Wie auch, ohne genaue Artbezeichnung.

  
Gute Versandgärtner erkennt man dagegen an ihrem tadellos geführten und gut recherchierten Auftritt, sei es als Katalog oder online. Ein bisschen Latein macht dabei immer einen guten Eindruck - solange es nur bei den Pflanzennamen Anwendung findet.

Auch wenn ich in der Schule also doch wenig Gärtnerlatein gelernt habe - ich traue keinem Händler, der keinen Wert auf botanische Bezeichnungen legt, denn so kann man am Ende viel Geld sparen.