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Mittwoch, 14. März 2012

Dem Alltag mehr Würze geben

Dem Ingenieur ist nichts zu schwör. So heißt ein alter Spruch, der zwar durch keine Rechtschreibprüfung kommt, aber immerhin große Hochachtung vor einem ganzen Berufszweig offenbart. Nun mögen Ingenieure zwar mit allen Wassern gewaschen sein, was aber viele unter ihnen doch sehr schwör finden, ist das Wässern von Pflanzen - Kunststück: die brauchen ja auch keinen Strom und sind damit äußerst suspekt. Und so bieten die meisten Räume, in denen technisch gearbeitet wird, einen erschütternden Anblick. Entweder die armen Büropflanzen werden ertränkt oder vertrocknen.
Was dem Verursacher dann am Ende zu erfolgreich dahingemeucheltem Grünzeug einfällt, ist lediglich ein triumphales: "Na, wenigstens muss ich die jetzt nicht mehr gießen.", als wäre der stille Tod der armen Pflanze nur eine weitere gelungene Effizienzsteigerung im Arbeitsablauf. 

Umso erfreulicher ist, dass es doch auch Ingenieure gibt, die sich für Pflanzen interessieren. Eines dieser seltenen Exemplare hat sein Büro ein paar Räume entfernt von meinem und kümmert sich nicht nur vorbildlich um die Büro-Dracaenas, sondern baut auch Gemüse dort an. Chilis, um genau zu sein. Die Peperonipflanzen gedeihen sogar verblüffend gut in trockener, von PC-Lüftern gequirlter Atmosphäre.


Such die Peperoni - leider noch grün

Wer also zuhause keinen Platz für die Pflanzenzucht hat, keine sonnige Fensterbank findet, oder gar Ärger von seinem Partner bekommt, wenn auch nur eine weitere Pflanze einzieht, der sollte ernsthaft über den Anbau von Gemüse am Arbeitsplatz nachdenken. Allerdings gilt es dabei ein paar Regeln zu beachten:

  • Ein Übertopf sollte schon sein und muss zur Einrichtung passen, sonst kann es Ärger mit dem Innenarchitekten geben. Ob neu oder vom Trödel - rein weiße Kübel passen immer. Dicht sollten sie natürlich auch sein, denn Wasser verträgt sich schlecht mit elektronischem Gerät.
  • Keine Pflanzen anbauen, die abfärben. Wer schon einmal eine Tomate gestreift hat, weiß wovon ich rede - die gelben Flecken machen sich ganz schlecht auf dem weißen Hemd vom Chef.
  • Ganz wichtig: Für eine zuverlässige Urlaubsvertretung sorgen. Grund siehe oben: Wer sein junges Gemüse drei Wochen am Stück unter der fragwürdigen Aufsicht von Gießgegnern lässt, der wird am Ende nur Bedauern ernten, aber keine Früchte.
  • Nur selbstfruchtbare Arten wählen, denn gegen einen Bienenstock im Büro hat selbst der toleranteste Mitinsasse etwas einzuwenden. Paprika und Peperoni fallen in diese Kategorie, genauso wie ein Kaffeestrauch.
  • Die Pflanzen vor dem Einzug in ihr neues Zuhause gründlich auf Schädlinge untersuchen. Schildläuse können schlecht zielen, dafür aber ihren Honigtau weiträumig in der Gegend verteilen, was zu Kurzschlüssen führen kann. Mindestens führt das aber dazu, dass die Kollegen das Experiment Büro-Landwirt bald nicht mehr so gern haben. Wer ganz sicher gehen will, zieht die Pflanzen gleich vor Ort heran, wird zum Umtopfen aber das Gebäude verlassen müssen.
  • Auf kompatible Kollegen achten. Wer das Zimmer mit einem lichtscheuen Verdunklungfanatiker teilt, sollte lieber Champignons züchten. Die schmecken ja auch ganz gut.
  • Kalter Kaffee dagegen schmeckt zwar gar nicht, ist aber in Büros häufig anzutreffen und kann gut zum schnellen Gießintermezzo herhalten, sofern er keinen Zucker und keine Milch enthält. Diese Art der Entsorgung spart sogar Zeit und unnötige Wege!
  • Kaffeesatz taugt zum Wahrsagen wie zum Düngen von Pflanzen. Man kann zum Beispiel mit seiner Hilfe prophezeien, dass darin hauptsächlich Schimmel gedeihen wird - und das trifft sogar leider meistens zu. Daher aus Akzeptanzgründen lieber auf Langzeitdüngekegel zurückgreifen.
  • Nicht zuviel gießen - sonst droht eine Trauermückeninvasion, was die Kollegen auf die Palme treiben kann.

Wer Chilis mag, hat seine ideale Büropflanze schon gefunden. Die Aussaat aus Samen ist denkbar einfach - unnötigen Frust muss man bei eigener Anzucht nicht befürchten - die Kerne keimen binnen Tagen, wenn es warm genug ist. Mehrjährig sind sie außerdem noch, daher ungemein treue Büro-Begleiter. Also ran ans verschärfte Arbeitsplatzgemüse, der Alltag ist schon fad genug!


Übrigens: Wer besagte Urlaubsvertretung für die Peperoni war? Moi! Als Dankeschön durfte ich auch ein paar Früchte meiner Arbeit ernten. Und so kann ich ab sofort meinen Alltag mit eigenen Chilipflanzen aufpeppen - die Nachzucht hat schon begonnen!