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Samstag, 6. Februar 2021

Der Garten als Klimaheld?

Mit dem Bisschen Garten, das ich mein eigen nenne, wäre es vermessen, wenn ich mich als Landwirt bezeichnen würde, obwohl ich Land habe und darauf Pflanzen und Tiere bewirte. Manchmal baue ich sogar Gemüse an.


 

Warum bespreche ich hier also das Buch "Regenerative Landwirtschaft" von Dietmar Näser, erscheinen im Ulmer-Verlag? 


 

Bin ich jetzt größenwahnsinnig geworden und meine, mit den ganze Großen mitschwimmen zu können? Was mich an dem Buch gereizt hat, war der Untertitel: Bodenleben und Pflanzenstoffwechsel verstehen. Jepp, das will ich! Seit einiger Zeit interessiere ich mich sehr für das Leben unter meinen Füßen, unter meinen Pflanzen und unter dem Kompost, den ich jedes Jahr auf meinen Beeten verteile. Gleichzeitig hilft dieses Buch, die Landwirtschaft zu verstehen: Was läuft oft falsch in der Wirtschaftsweise und wie macht man es richtig? Durch regenerative Landwirtschaft speichern Böden nämlich so viel CO₂, dass angenommen wird, dass man durch die richtige Bewirtschaftung den Klimawandel aufhalten könnte. Auch spart man Pestizide und erzeugt gesündere Lebensmittel, die voll sind mit sekundären Pflanzenstoffen, aber weniger ungesundes Nitrat enthalten.


 

Am Anfang des Buchs stellt der Autor dar, wie man dem Boden ansehen kann, wie es um ihn bestellt ist - und wie man die Ergebnisse aus der Bodenprobe interpretiert. Dann folgt die Technik. Das ist durchaus unterhaltsam geschrieben: "Achslasten, die [...] auf der Straße verboten sind, werden mit der modernen Erntetechnik heute in allen Kulturen erreicht. Die Straße ist gepflastert, Ihr Acker ist es nach der Ernte oft auch." Daher müssen die durch die Maschinen zu Beton zusammengefahrenen Böden wieder gelockert werden, sonst kommen die Pflanzenwurzeln nicht mehr durch. Auch sollte man warten, bis die Temperaturen frühlingshaft geworden sind, denn dann sind die Bodenorganismen aktiv, und der Boden verkraftet das Bewirtschaften viel besser.


 

Auch die weiteren Maßnahmen, toten Boden wiederzubeleben, können im Garten hilfreich sein: Komposttee lässt sich im kleineren Rahmen auch Zuhause herstellen und auf die Beete ausbringen.

Es wird erklärt, wie sich Pflanzen ernähren - und wie man den Boden so ernährt, dass die Pflanzen sich aus ihm selbst versorgen können. So werden sie widerstandsfähiger gegenüber Schädlingen und Trockenheit. Das wollen wir Gärtner doch auch!

Dann wird auf die einzelnen Gruppen der Bodenlebewesen eingegangen. Für Gärtner sind diese Kapitel ein Schatz an Informationen. Mykorrhiza-Pilze liefern den Pflanzen Wasser und Nährstoffe, im Gegenzug bieten die Pflanzenwurzeln ihnen Zucker über die Exsudate. Pilze mögen keine intensive Bodenbearbeitung - ein Grund, im Garten auf das Umgraben zu verzichten. Mykorrhiza-Pilze findet man nicht an den Wurzeln von Kohlgewächsen, daher wird das Bodenleben in diesen Kulturen mit einer Untersaat aus Kleegras gefördert, denn Gräser bilden gern eine Symbiose mit Pilzen. Auch wieder etwas, das man im Garten beherzigen kann: Auslaugende Kulturen wie Kohl werden mit Gräsern zusammen bodenfreundlich, der Trend zu Ziergräsern im Staudenbeet fördert ebenso den Humusaufbau und die Bodengesundheit.

Mischkultur fördert die Pflanzen also in erster Linie unterirdisch, denn jede Pflanzenart tut sich mit bestimmten Bodenlebenwesen zusammen, seien es Bakterien oder Pilze, so wird der Boden artenreich und widerstandsfähig.


Man lernt in diesem Buch erstaunliche Dinge aus der aktuellen Forschung. Wer hätte gedacht, dass Bakterien, denen man keine große Intelligenzleistung zugetraut hätte, sich zu unseren Gunsten steuern lassen und sogar wissen wie viele von ihrer Art vor Ort sind? Opportunistische Bakterien, die mehrere Stoffwechselwege zur Verfügung haben, lassen sich davon überzeugen, einen Stoffwechselweg unserer Wahl einzuschlagen, wenn wir ihnen nur das richtige Milieu bieten.

Was ich aus dem Buch mitgenommen habe:

  • Den Gartenboden im Winter am besten nicht betreten, und wenn, dann mit einem Brett unter den Füßen. Im Frühjahr ist er durch das erwachte Bodenleben elastischer und verträgt den Fußtritt besser.
  • Mischkultur dreht sich nicht nur um das Vertreiben von Blattläusen, sondern um die Förderung des Bodenlebens.
  • "Unkräuter" treten auf, wenn das Bodenleben gestört ist oder abbauenden Stoffwechsel betreibt. Der Stoffwechsel von Unkräutern ist hocheffizient, es sind häufig Pionierpflanzen, die auf schlechten Böden eine hohe Nährstoffaufnahme schaffen. Diese Arten reparieren gerade den schlechten, mikrobiell toten Boden. Anstatt sich um das Beseitigen der störenden Pflanzen zu kümmern, kümmert man sich um den Boden, dann verschwinden die Unkräuter von allein.
  • Den Gartenboden nicht umgraben. das stört besonders die Bodenpilze, die als Mykorrhiza den Pflanzen helfen, Wasser und Nährstoffe zu bekommen.
  • Ein aktives Bodennahrungsnetz hilft den Pflanzen, Trockenheit zu überstehen und macht sie widerstandsfähig gegen Schädlingsbefall und pathogene Pilze. Auch wird so Unkraut unterdrückt.
  • Boden sollte nicht lange unbedeckt bleiben. Nicht so wie in manchen Gärten, wo man standardmäßig nur braunen Boden sieht und ein paar Pflanzen darin wie auf dem Präsentierteller. Dort werden Unkräuter die Sache in die Hand nehmen, die man besser nicht mit Herbiziden behandeln sollte, denn....
  • ...Glyphosat hemmt die Humusbildung und schädigt die Bodenlebewesen. Als hätten wir es nicht schon immer geahnt...



 

Mein Fazit: Auch Gartenbesitzer können aus diesem Buch viel lernen. Und sei es nur, den Boden in Ruhe zu lassen und die regenerative Landwirtschaft zu unterstützen, zum Beispiel durch den Kauf von Bio-Lebensmitteln, wobei das Prinzip auch schon oft im konventionellen Anbau betrieben wird, denn zum Klimaretten reichen die Flächen der Biobauern (noch) nicht. Und die Landwirte, die ihre Böden beleben und sie so zu großen CO₂-Speichern machen, sind die wahren Ackerhelden!