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Samstag, 15. September 2018

Stachlige Überraschung am Meer

Da ist man zufällig im Urlaub in Belgien, in Blankenberge, und möchte mal eben von der Unterkunft an den Strand laufen. Eigentlich eine Strecke, die man unter einer halben Stunde schaffen kann. Kurz vor den Dünen muss nur noch ein Parkplatz überquert werden. Komisch, da steht ein tschechischer Lieferwagen rum, der mit Kakteenbildern beklebt ist und mit der Aufschrift versehen, dass der Fahrer die stachlige Fracht entweder ex- oder importiert. Naja, auch ein Handelsreisender in Sachen pieksender Flora will vielleicht mal Urlaub an der Nordsee machen. Gerade, wenn man ständig die Unberührbaren im Rücken hat, braucht man Erholung, möglichst in Gesellschaft von handzahmer Botanik, die nicht ihre eigene Security dabei hat. Ein paar Meter weiter parkt aber noch so ein Vehikel, ebenso farbenfroh mit Stachelpflanzen beklebt, diesmal aus Frankreich. Und warum haben die Fahrer anderer Autos statt Strandmatten und Badesachen leere Körbe im Kofferraum, wie man sie auf dem Wochenmarkt findet?



Jetzt habe ich endgültig Witterung aufgenommen und folge den Massen unauffällig, die ihre leeren Körbe in Richtung eines großen Gebäudes schleppen. Ich ahne etwas, das mit Pflanzen zu tun haben könnte. Der Strand kann mal kurz warten.

Und wie der Zufall es so will, bin ich da geradewegs in die alljährlich im September stattfindende Konferenz der Kakteen- und Sukkulenten-Liebhaber gestolpert - die Europäische Länderkonferenz, kurz ELK, da muss ich natürlich hin. Irgendwie passt das ja auch - die Vollversammlung der Flora arider Gebiete direkt neben den Sanddünen.





Ein großer Saal und ein noch größeres Zelt sind bis zum Rand vollgestopft mit Verkaufsständen internationaler Anhänger der adipösen Flora. Einfach unglaublich, was für Raritäten hier an jeder Ecke lauern! Neben Kakteen in allen Daseinszuständen und kreativen Formgebungen gibt es auch Tillandsien, Euphorbien, Hawaii-Palmen, Lebende Steine, Adenia-Arten, Hoya und andere extravagante Kreaturen.






Man kann winzige Kakteenkinder kaufen, das Stück zu 70 Cent, oder aber riesige Kawenzmänner für einen dreistelligen Eurobetrag, bei denen man nachher zuhause keinen einzigen Fehler machen sollte.




Ableger von Stapelia liegen neben Samentütchen anderer Kakteen. Sogar das passende Substrat kann man hier erwerben. Internationale Experten halten außerdem Vorträge, das ist kostenlos.




Doch nicht nur die Ware ist bizarr, auch die Käufer und Aussteller sind ein illustres Völkchen. Man ahnt, dass dieses Hobby auch die Nerds unter den Pflanzenfreunden begeistert, die nicht nur ein schickes grünes Ausstellungsstück neben der Leselampe stehen haben wollen. Diese Kakteen-Koryphäen haben sicher einen randvoll mit Raritäten gefüllten Wintergarten. Das ist so ein bisschen wie die Giftschlangenhalter unter den Haustierbesitzern. Aber es nötigt mir auch großen Respekt ab, wenn man diese mitunter doch heiklen Zimmer- oder sogar Gartenpflanzen zum Wachsen und Blühen bewegen kann. Ich glaube, ich könnte das nicht. Daher versuche ich mich lieber an Bleistiftkakteen. Die gab es anscheinend auf der Veranstaltung gar nicht. Vielleicht sind sie einfach zu einfach.

Samstag, 8. September 2018

Brooklyn in Köln und andere Fundsachen auf der Gartenmesse

/* Enthält Produktplatzierungen, aber auch meine ehrliche Meinung. */

Wo kann man Anfang September schon geschmückte Weihnachtsbäume sehen, aber keinen Spekulatius essen, dafür Kaffee trinken, während ein paar Meter weiter Regenwürmer dabei sind, in Wohnzimmeratmosphäre Kaffeesatz zu verspeisen?

Sowas geht sicher nur auf einer Gartenmesse, wie sie gerade mit der spoga+gafa in Köln stattfand. Leider fiel der Tag des Gartens unter freiem Himmel dieses Mal aus, was sehr schade war. So gab es eher den Tag des Indoor-Gartens in den Messehallen. Der einzige Auslauf, den ich hatte, war daher der Weg über die Deutzer Brücke vom Hauptbahnhof zur Messe und am Ende alles umgekehrt, diesmal aber mit vollem Rucksack und einer Kamera voller Bilder.




Links Kannenpflanze, rechts Kalanchoe thyrsiflora (Verkehrsopfer?):




Was sind also die diesjährigen Trends? Einer ist die Anzucht von Pflanzen im Zimmer mit Hilfe von LED-Beleuchtung. Das soll so einfach sein wie Kaffeekochen und sieht auch so aus, da die Samen teilweise in Erde-Pellets eingepresst sind und direkt in die Systeme eingeklinkt werden. Leider ist dabei aber viel Plastikmüll im Spiel, das geht sicher auch einfacher und günstiger mit eigenen Samen und eigener Erde - der Stromverbrauch ist dabei noch das kleinste Problem.


Stylisch wie ein Wohnzimmermöbel ist dieser Wurmkomposter. Gassigehen muss man mit den Würmern zwar nicht, aber ab und an muss man ihnen mal etwas zu fressen geben oder sie umbetten, damit unten Wurmtee und Kompost herauskommt. Das kann zumindest kein anderes Möbelstück leisten.


Während andere Aussteller ihre Pflanzgefäße mit Kunstblumen ausgestattet präsentierten (die ich auf ihre Unechtheit fachmännisch durch hemmungsloses Angrabbeln kontrolliert habe), tat sich der Stand von Scheurich wieder wohltuend hervor, da er mit lebenden Pflanzen dekoriert war und viele Keramikartikel zeigte. Auch diese Retrotöpfe haben mir gut gefallen. Es gibt sie noch nicht zu kaufen, aber bei der Bloggertour haben wir vier der kleinen Töpfe geschenkt bekommen. Mal schauen, ob ich die auch so schön bepflanzt bekomme. Zum Beispiel mit dem abgebrochenen Ast von Rhipsalis cassutha, den ich entführt habe (ich schwöre, es war rein gar keine Gewalt im Spiel, der lag schon unten und wäre am Ende in den Müll gefegt worden! Und wozu sonst ist eine leergegessene Butterbrotdose bitte gut?).









Ich war auch wieder missionarisch unterwegs, was verkorkste Bienenhotels angeht. Nützt aber sicher alles nichts, denn schließlich wurden die mit Biologen entwickelt und Splitter in den Bohrungen sind daher nach Meinung der Firma halb so wild - wilde Bienen werden trotzdem nicht einziehen.



Die neue Nisthilfe von Neudorff ist da schon besser geraten, wie auch der ganze Stand mit Blumen überzeugte:
 

Noch was neues: Blähton gibt es jetzt auch eingefärbt für Orchideen oder andere Pflanzen, bei denen es auf Transparenz ankommt:



Bei Landgard erfuhren wir noch viel über nachhaltige Pflanztöpfe. An Papp-Tabletts für den Transport wird bereits erfolgreich gearbeitet, aber mit dem Ersatz für Plastik hapert es noch, denn schließlich hat ein Topf aus Maisstärke keinen Startknopf, mit dem man die unverzügliche Verrottung einleiten kann, während er vorher monatelang brav und makellos im Verkaufsraum zu stehen hat. Und der wohnliche Wurmkomposter will die Behälter lieber nicht im Bauch haben.

Auch einen Vortrag eines Gartencenterbesitzers aus Brooklyn gab es noch bei der Bloggertour, wo ich mich nach Kräften mit meinem Englisch blamiert habe, denn so einseitig war der Vortrag gar nicht und der nette Joe Franqinha hat sich tatsächlich vorher alle unsere Blogs angeschaut und Fragen dazu gestellt. Sein Laden sieht recht nett aus und jetzt will ich schon wieder verreisen. Man muss also kein Freund von Weihnachtsbäumen im September sein, denn irgendwas Spannendes findet man immer auf der Gartenmesse, und wenn es ein Ast von einem Bleistiftkaktus ist...

Samstag, 9. September 2017

Der Name der Blume: Neues von der Gartenmesse

Stellt euch vor, euch hätte man bei der Geburt den Namen Kronprinzessin Sophia gegeben und sich etwas dabei gedacht - und bei nächstbester Gelegenheit, sagen wir mal bei der Einschulung, würde man euch einfach mal Elfriede nennen. Oder Elke. Und der neue Name haftet wie Kaugummi auf Altstadtpflaster. Am Ende weiß niemand mehr, dass ihr mal Sophia getauft wurdet. 

Passiert doch im Leben nicht? Pflanzensorten passiert sowas andauernd. Der Züchter hat was ganz, ganz Tolles geschaffen mit den schönsten Blüten, die die Welt je gesehen hat, und nennt seine Sorte so, dass sie überall im Handel als seine Kreation bekannt werden müsste. Zum Beispiel 'Sternenhimmel'. Und dann steht sie im Baumarkt, der sich um Namen nicht schert, als "Petunie, blau", das Stück 1,99. Da kann man sich die ganze Mühe doch gleich sparen, oder?

Die neue Nelke 'Pink Kisses' wurde aufgrund dieses Namensschwindels zur Sicherheit ganz gezielt und mit Steckern, also einer Visitenkarte für Pflanzen - inklusive Knutschfleck - vermarktet. Neue Sorten sollen eine Geschichte erzählen, die dem Handel die Präsentation leichter macht.


Das und noch viel mehr Interessantes, habe ich bei einer Führung auf der spoga+gafa-Messe in Köln erfahren, zusammen mit Anja von Gartenbuddelei und dem Laubenhausmädchen.

Bei dieser gigantischen Veranstaltung gab es nicht nur die neuesten Trends zu sehen in Sachen Indoor-Gardening, Wohnzimmer im Grünen und Urbanem Gärtnern, sondern auch richtig praktische Tipps, zum Beispiel wie vermehre ich eine verblühte Schmetterlingsorchidee? Mit ganz viel Vernachlässigung, auch wenn's weh tut. Dann nämlich sollen Kindel an der Pflanze entstehen.

Überhaupt ist es ein neuer Trend, Ableger zu ziehen, und zwar so, dass das günstige Gärtnern nicht spießig, sondern ganz kreativ und hübsch daherkommt. Etwa in großen Glasbehältern:




Unter den Neuheiten, die mir am besten gefallen haben, waren die Konzepte von Emsa zum Gärtnern auf kleinem Raum:




Schön auch diese wetterfesten Bilder einer holländischen Firma, die es noch nicht zu kaufen gibt:

Überhaupt waren viele Aussteller aus Holland dabei, deren Waren es hier noch nicht in den Handel geschafft haben. Ich konnte meine Klappe ja wieder nicht halten und habe einem netten Holländer geraten, seine Bienenhotels noch mal zu überdenken, da sie zu viele Splitter oder sinnlose Bohrlöcher sowie noch sinnlosere Tannenzapfen aufwiesen.

Auch ein Trend: Kakteen und andere Sukkulenten kommen neuerdings ganz groß raus. Nicht nur am lebenden Objekt, sondern auch als Potemkinsche Kaktusdörfer: Unbewaffnete Kulissen, die man auf's Fensterbrett stellen kann, um nach außen einen grünen Daumen zu suggerieren - finde die Fälschung:


An einem so schönen, sonnigen Septembertag ging es auch noch nach draußen, zum Tag des Gartens im Kölner Rheinpark. Hier konnte man Blumen, Ideen und Gartenelemente live und in Farbe und vor allem bei Tageslicht anschauen.

Diese Backsteinmauer hat mir besonders gut gefallen, weil sie Streiflichter aus Flaschenböden und ein Fenster aus Omas Tortenplatte eingepflanzt bekommen hat:


Und warum nicht Ohrwürmer in Erdbeeren aus Metall wohnen lassen, oder die roten Früchtchen gleich dort hineinpflanzen? Auch das schlanke Tomatenhaus hat es mir angetan - ein echtes Supermodell unter den Gewächshäusern (Erdbeeren und Gewächshaus von gartenfrosch):




Ein schöner Stand von Vivaflora, liebevoll dekoriert mit Antiquitäten (und einer nicht antiken Heidelibelle):






Am Ende dieses Messetages taten mir die Füße weh und ich bin bewaffnet mit Gartenzeitschriften und Produktproben vom supernetten Blumat-Stand nur noch dankbar in den Sitz vom ICE gefallen. Aber schön und spannend war's in jedem Fall!