Im Sommer Zimmerpflanzen zu vermehren oder anzuschaffen ist einfach, sie können alle auf der Terrasse wohnen. Im Winter kommt dann das böse Erwachen - vor allem für die Zimmerpflanzen, wenn man sie bei Frost nicht rechtzeitig reinholt. Tut man dies aber, stellt sich plötzlich die Frage, wohin mit dem ganzen Grünzeug?
Im Sommer begab es sich, dass ich mit dem Fahrrad in die Stadt fuhr und auf dem Rückweg eine in bester Innenstadtlage ausgesetzte Pflanze vorfand. Ich bin erst einmal nach Hause gefahren und habe das Erlebte sacken lassen. Es handelte sich um einen Bleistiftstrauch (Euphorbia tirucalli), ein Wolfsmilchgewächs mit dünnen verzweigten Trieben, aus denen ganz minimalistische Blättchen wachsen. Das Preisschild war auch noch dran, es belief sich auf 12,99 Euro. Nun war die Pflanze mittlerweile ziemlich aus der Form geraten, hatte sich unschön einseitig verzweigt und unglaublich dicke Triebe entwickelt. Da hatte man nun also einen ordentlichen Zuwachs für die eingangs investierten 12,99 Euro bekommen, aber das war offenbar zu viel des Guten gewesen. Und schon stand sie an der Straße.
Zuhause ließ mir die Euphorbie keine Ruhe. Sukkulenten sind ja immer prima, die machen im Urlaub keine Scherereien. Das Besondere bei Euphorbia tirucalli ist, dass sie in Kalifornien gern als Hecke um die Häuser gepflanzt wird und zusammen mit anderen heldenhaften Sukkulenten wie Geldbaum und Aloe einen Waldbrand kurz vorm Wohnhaus stoppen kann, weil die sukkulenten Triebe einfach verkochen, aber nicht weiterbrennen, während Kiefernnadeln und ähnliches einen Brand nur noch mehr anfeuern. So hat Euphorbia tirucalli schon so manches Eigenheim gerettet. Bezeichnenderweise wird besonders gern die Sorte 'Sticks on Fire' gepflanzt, weil sie so schöne rötliche Triebe hat. Wer wollte also nicht sicherheitshalber die Feuerwehr im Haus haben, vor allem, wenn sie so genügsam ist?
Beim nächsten Innenstadtbesuch war der Unglücksrabe tatsächlich noch da und ich habe ihn mir geschnappt. Auf einen Fahrradgepäckträger passt doch mehr als man denkt. Zunächst kam der Findling auf die Terrasse. Kommt Herbst, kommt Rat.
Und nun war es soweit, es sollte Frost geben. Ich betrachtete mir den Bleistiftstrauch und war dann doch der Ansicht, dass er mir so nicht ins Haus kommt. Er war umfallgefährdet, kopflastig und schief gewachsen, sah einfach nicht mehr schön aus.
Aber man kann aus der Pflanze ganz leicht Stecklinge machen, das ist nur eine ziemliche Sauerei, weil so viel Milchsaft heraustropft, den man sich nicht ins Auge reiben sollte. Oder ablecken. Oder so.
Hier die Stecklinge nach ein paar Monaten. Wenn der Steckling anwächst zeigt er das unmissverständlich durch die Bildung von kleinen Blättchen an den Zweigenden.


Also habe ich alles vermehrt, was ging, nur das Unterteil ist jetzt draußen erfroren. Das sieht sehr traurig aus, aber der passte beim besten Willen nicht mehr ins Zimmer, so aus der Form geraten wie er war. Die Spitze habe ich gekappt, die seht ihr weiter unten im Topf.

Der Bleistiftstrauch taugt auch als Weihnachtsbaum. Das hier ist die abgeschnittene Spitze:
Langer Rede kurzer Sinn: Auch völlig aus der Form geratene Zimmerpflanzen kann man oft noch durch Stecklinge retten und muss sie nicht gleich an der Straße aussetzen.