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Samstag, 27. Mai 2023

Siegertypen

Geht es nur mir so oder denkt ihr auch, es droht schon wieder eine Dürre? Nach dem Elend der letzten Jahre kann ich Sonne im Mai gar nicht mehr richtig genießen, weil ich immer Angst habe, dass es so schnell keinen Regen mehr gibt. Ich bin völlig pladder-paranoid, so lautet das Fachwort. Manche nennen es auch plemplem.

Wie gut, dass es Pflanzen gibt, die einem in jeder Situation, ob feucht-fröhlich oder nervig trocken, Freude bereiten. Mit Sedum kann man nichts verkehrt machen. Und diese Sukkulenten sind sich auch nicht zu fein, in Dingen vom Dachboden oder in Trödel zu residieren. Sie brauchen nicht viel Erde und nicht viel Wasser. Was sie aber wollen, ist viel Wasserabzug, wenn es mal zu nass wird. Daher kann man Tonscherben oder was man gerade an Trümmern übrig hat, unten in den Topf legen. Sie lassen sich gekonnt über den Topfrand hängen und können so auch etwas ramponierte Gefäße schön kaschieren. Besonders die Felsen-Fetthenne (Sedum rupestre) oder Tripmadam ist hierbei gut zu gebrauchen. Auch Sempervivum und Mauerpfeffer lassen sich einsetzen.

Hier eine kleine Kollektion von der Bodensee-Insel-Reichenau, wo ich ganz besonders viele Arrangements mit Sukkulenten gefunden habe. So sehen Sieger aus!







 

Auf der Landesgartenschau Balingen gab es das größere Kaliber in Form einer Trockenmauer. Auch dort schmiegt sich Sedum in jede Ritze und trumpft in der prallen Sonne richtig auf. Sie sind Fugen-Finder und Nischen-Nutzer.








Sukkulenten sind wie geschaffen für trockene Plätze - von denen es ja immer mehr zu geben scheint.

Samstag, 3. Dezember 2022

Findelpflanze XXL

Im Sommer Zimmerpflanzen zu vermehren oder anzuschaffen ist einfach, sie können alle auf der Terrasse wohnen. Im Winter kommt dann das böse Erwachen - vor allem für die Zimmerpflanzen, wenn man sie bei Frost nicht rechtzeitig reinholt. Tut man dies aber, stellt sich plötzlich die Frage, wohin mit dem ganzen Grünzeug?

Im Sommer begab es sich, dass ich mit dem Fahrrad in die Stadt fuhr und auf dem Rückweg eine in bester Innenstadtlage ausgesetzte Pflanze vorfand. Ich bin erst einmal nach Hause gefahren und habe das Erlebte sacken lassen. Es handelte sich um einen Bleistiftstrauch (Euphorbia tirucalli), ein Wolfsmilchgewächs mit dünnen verzweigten Trieben, aus denen ganz minimalistische Blättchen wachsen. Das Preisschild war auch noch dran, es belief sich auf 12,99 Euro. Nun war die Pflanze mittlerweile ziemlich aus der Form geraten, hatte sich unschön einseitig verzweigt und unglaublich dicke Triebe entwickelt. Da hatte man nun also einen ordentlichen Zuwachs für die eingangs investierten 12,99 Euro bekommen, aber das war offenbar zu viel des Guten gewesen. Und schon stand sie an der Straße.

Zuhause ließ mir die Euphorbie keine Ruhe. Sukkulenten sind ja immer prima, die machen im Urlaub keine Scherereien. Das Besondere bei Euphorbia tirucalli ist, dass sie in Kalifornien gern als Hecke um die Häuser gepflanzt wird und zusammen mit anderen heldenhaften Sukkulenten wie Geldbaum und Aloe einen Waldbrand kurz vorm Wohnhaus stoppen kann, weil die sukkulenten Triebe einfach verkochen, aber nicht weiterbrennen, während Kiefernnadeln und ähnliches einen Brand nur noch mehr anfeuern. So hat Euphorbia tirucalli schon so manches Eigenheim gerettet. Bezeichnenderweise wird besonders gern die Sorte 'Sticks on Fire' gepflanzt, weil sie so schöne rötliche Triebe hat. Wer wollte also nicht sicherheitshalber die Feuerwehr im Haus haben, vor allem, wenn sie so genügsam ist?

Beim nächsten Innenstadtbesuch war der Unglücksrabe tatsächlich noch da und ich habe ihn mir geschnappt. Auf einen Fahrradgepäckträger passt doch mehr als man denkt. Zunächst kam der Findling auf die Terrasse. Kommt Herbst, kommt Rat.

Und nun war es soweit, es sollte Frost geben. Ich betrachtete mir den Bleistiftstrauch und war dann doch der Ansicht, dass er mir so nicht ins Haus kommt. Er war umfallgefährdet, kopflastig und schief gewachsen, sah einfach nicht mehr schön aus. 

Aber man kann aus der Pflanze ganz leicht Stecklinge machen, das ist nur eine ziemliche Sauerei, weil so viel Milchsaft heraustropft, den man sich nicht ins Auge reiben sollte. Oder ablecken. Oder so.

Hier die Stecklinge nach ein paar Monaten. Wenn der Steckling anwächst zeigt er das unmissverständlich durch die Bildung von kleinen Blättchen an den Zweigenden. 

 

 

Also habe ich alles vermehrt, was ging, nur das Unterteil ist jetzt draußen erfroren. Das sieht sehr traurig aus, aber der passte beim besten Willen nicht mehr ins Zimmer, so aus der Form geraten wie er war. Die Spitze habe ich gekappt, die seht ihr weiter unten im Topf.

 

Der Bleistiftstrauch taugt auch als Weihnachtsbaum. Das hier ist die abgeschnittene Spitze:





Langer Rede kurzer Sinn: Auch völlig aus der Form geratene Zimmerpflanzen kann man oft noch durch Stecklinge retten und muss sie nicht gleich an der Straße aussetzen.

Samstag, 15. September 2018

Stachlige Überraschung am Meer

Da ist man zufällig im Urlaub in Belgien, in Blankenberge, und möchte mal eben von der Unterkunft an den Strand laufen. Eigentlich eine Strecke, die man unter einer halben Stunde schaffen kann. Kurz vor den Dünen muss nur noch ein Parkplatz überquert werden. Komisch, da steht ein tschechischer Lieferwagen rum, der mit Kakteenbildern beklebt ist und mit der Aufschrift versehen, dass der Fahrer die stachlige Fracht entweder ex- oder importiert. Naja, auch ein Handelsreisender in Sachen pieksender Flora will vielleicht mal Urlaub an der Nordsee machen. Gerade, wenn man ständig die Unberührbaren im Rücken hat, braucht man Erholung, möglichst in Gesellschaft von handzahmer Botanik, die nicht ihre eigene Security dabei hat. Ein paar Meter weiter parkt aber noch so ein Vehikel, ebenso farbenfroh mit Stachelpflanzen beklebt, diesmal aus Frankreich. Und warum haben die Fahrer anderer Autos statt Strandmatten und Badesachen leere Körbe im Kofferraum, wie man sie auf dem Wochenmarkt findet?



Jetzt habe ich endgültig Witterung aufgenommen und folge den Massen unauffällig, die ihre leeren Körbe in Richtung eines großen Gebäudes schleppen. Ich ahne etwas, das mit Pflanzen zu tun haben könnte. Der Strand kann mal kurz warten.

Und wie der Zufall es so will, bin ich da geradewegs in die alljährlich im September stattfindende Konferenz der Kakteen- und Sukkulenten-Liebhaber gestolpert - die Europäische Länderkonferenz, kurz ELK, da muss ich natürlich hin. Irgendwie passt das ja auch - die Vollversammlung der Flora arider Gebiete direkt neben den Sanddünen.





Ein großer Saal und ein noch größeres Zelt sind bis zum Rand vollgestopft mit Verkaufsständen internationaler Anhänger der adipösen Flora. Einfach unglaublich, was für Raritäten hier an jeder Ecke lauern! Neben Kakteen in allen Daseinszuständen und kreativen Formgebungen gibt es auch Tillandsien, Euphorbien, Hawaii-Palmen, Lebende Steine, Adenia-Arten, Hoya und andere extravagante Kreaturen.






Man kann winzige Kakteenkinder kaufen, das Stück zu 70 Cent, oder aber riesige Kawenzmänner für einen dreistelligen Eurobetrag, bei denen man nachher zuhause keinen einzigen Fehler machen sollte.




Ableger von Stapelia liegen neben Samentütchen anderer Kakteen. Sogar das passende Substrat kann man hier erwerben. Internationale Experten halten außerdem Vorträge, das ist kostenlos.




Doch nicht nur die Ware ist bizarr, auch die Käufer und Aussteller sind ein illustres Völkchen. Man ahnt, dass dieses Hobby auch die Nerds unter den Pflanzenfreunden begeistert, die nicht nur ein schickes grünes Ausstellungsstück neben der Leselampe stehen haben wollen. Diese Kakteen-Koryphäen haben sicher einen randvoll mit Raritäten gefüllten Wintergarten. Das ist so ein bisschen wie die Giftschlangenhalter unter den Haustierbesitzern. Aber es nötigt mir auch großen Respekt ab, wenn man diese mitunter doch heiklen Zimmer- oder sogar Gartenpflanzen zum Wachsen und Blühen bewegen kann. Ich glaube, ich könnte das nicht. Daher versuche ich mich lieber an Bleistiftkakteen. Die gab es anscheinend auf der Veranstaltung gar nicht. Vielleicht sind sie einfach zu einfach.

Dienstag, 15. Januar 2013

Geld her oder ich gieße

Für jeden leidenschaftlichen Zimmerpflanzengärtner kommt irgendwann einmal die Zeit des Abschieds, wenn auch bloß vorübergehend. Nur die ganz genügsamen Vertreter der Spezies Homo hortensis werden es schaffen, das ganze Jahr ohne wenigstens einen Kurzurlaub auszukommen. Schließlich dient so ein Exkurs nicht nur der Erbauung, sondern auch der Beschaffung von neuer Beute für die Fensterbank oder den Garten.

Eine Urlaubsvertretung muss also her. Doch da die meisten Topfpflanzen eher den Tod durch Ertränken als Vertrocknen erleiden, ist Vorsicht angebracht. Nach dem Motto "Geld her oder ich gieße" neigen viele Anfänger dazu, die wertvollen Grünpflanzen durch zwar gut gemeinte, aber am Ende doch schädliche Wassergaben, umzubringen. Der grüne Daumen ist leider kein körperliches Merkmal, das äußerlich erkennbar wäre. Es empfiehlt sich daher, vorher in Erfahrung zu bringen, ob die anvisierte Gießhilfe zuhause durch üppiges Pflanzenwachstum glänzt, oder aber gar kein oder nur sieches Zimmergrün besitzt.

Möchte man ganz auf Nummer Sicher gehen, wählt man seine Topfmodels gleich danach aus, ob sie eine Woche unserer Abwesenheit auch ganz ohne Bewässerung vertragen. Und da gibt es eine Reihe attraktiver Vertreter, die allesamt genügsam, robust und auch leicht zu vermehren sind.

Meine Favoriten im Fensterbankformat möchte ich hier vorstellen.
 


Auf Platz 1 der leidensfähigen Lieblingspflanzen gehört meiner Meinung nach unbedingt das äußerst dekorative Dickblatt Crassula 'Hottentot'. Seine wilden Rastalocken sind einfach unvergleichlich. Mein Exemplar steht am eher schattigen Badezimmerfenster, was scheinbar des Öfteren dazu führt, dass meine Haarpracht sich ein Beispiel an der Pflanze nimmt. Leider springen keine hübschen Locken dabei raus, sondern eher etwas sturmfrisurartiges. Trotzdem möchte ich auf den Anblick der wilden Kreatur nicht verzichten, schließlich ist sie äußerst genügsam. Alle paar Wochen einmal in Wasser tauchen, gut abtropfen lassen und das war's auch schon. Vermehren geht ganz leicht - die dicken Triebe kommen schon bewurzelt daher und lassen sich leicht wieder anderswo einpflanzen.

Den Platz 2 teilt sich eine wilde Wohngemeinschaft am sonnigen Fenster bestehend aus einer rötlichen Echeverie und der Leuchterblume (Ceropegia woodii). Beide sind sagenhaft anspruchslos, kommen wochenlang ohne Wasser aus und sind dabei wahnsinnig dekorativ. Echeverien können das Sammelfieber entfachen, so vielgestaltig ist die Gattung. Vermehren kann man sie durch Blattstecklinge, aus denen sich rasch kleine Pflänzchen bilden. Die hübsche Leuchterblume ist eine tolle Ampelpflanze, die man leicht mit Hilfe ihrer kleinen kartoffelartigen Speicherknollen vervielfältigen kann. Einfach einen Trieb oberhalb des Knöllchens abzwacken und einpflanzen.

Nummer 3 ist zugegebenermaßen etwas invasiv - die Kindel des Brutblatts Kalanchoe delagoensis wurzeln in jedem Nachbartopf - Unkrautjäten auf der Fensterbank. Dafür ist die filigran wirkende Pflanze aber auch hart im Nehmen und überzeugt durch ihr extravagantes Leopardenmuster. Wird sie im Alter unansehnlich, topft man einfach ein paar ihrer Babies wieder ein und weiter geht's.

Auf Platz 4 der unverwüstliche Klassiker, der gute alte Bogenhanf Sansevieria trifasciata. Den hatte schon Oma in der guten Stube stehen, und zum Glück hat er die Jahrzehnte überdauert. Er macht sich schlank und passt damit auf jede sonnige Fensterbank, wo er mit Leichtigkeit ein vertikales, hohes Element in das Arrangement bringt. Heizungsluft ist ihm egal, umbringen kann man ihn nur durch zuviel Wasser. Er hält es wirklich wochenlang ohne Gießen aus. Spätestens wenn sich die Blätter zur Röhre wickeln, wird es höchste Zeit für einen guten Schluck. Der Bogenhanf lässt sich prima teilen und freut sich dann wieder über mehr Platz im Topf.

Nummer 5 lebt auch ohne viel Pflege und steht stellvertretend für all die grandiosen Geldbäume, die mit dem Alter so schön knorrig werden können.Crassula ovata ist die bekannteste Art,weniger verbreitet ist die Variante auf dem Bild: Crassula arborescens var. undulata mit bläulich bereiften, gewellten Blättern. Beide lassen sich höchst einfach aus Blattstecklingen vermehren. Bis sie hübsch bäumchenartig verzweigt sind, dauert es dann aber Jahre. Schneller geht's mit Triebstecklingen, die oft schon bereitwillig in der Luft herumwurzeln.

Diese Auswahl an trockenheitsverträglichen Zimmerpflanzen wird so manche Sorgen im Urlaub verhindern. Der Gießdienst muss lediglich die paar mimosenhaften Säufer bei Laune halten, wie beispielsweise das Einblatt (Spathiphyllum). Wenn er seine Sache am Ende gut gemacht hat, gibt es zur Belohnung dann auch noch einen Ableger vom Geldbaum und alle sind glücklich.