Meine Christrosen (Helleborus niger) sind ein bisschen wie Schneewittchen: Man weiß nie, wann sie aufwachen. Sie gelten deswegen auch als zickig und unzuverlässig. Tatsächlich kann ich auch nach meinen Exemplaren weder die Uhr noch den Kalender stellen. Die blühen, wann sie wollen. Wenn sie überhaupt wollen.
Letztes Jahr zum Beispiel blühte eine Pflanze im März, die anderen lieber gar nicht. Diesen Winter lief es schon besser: Meine älteste Staude fing bereits zu Weihnachten an und blüht immer noch. Selbstredend, dass das eine andere Christrose war als die, die im Frühling geblüht hat.
Helleborus niger lebt nach dem Motto: Gut Ding will Weile haben. Und so freue ich mich dieses Jahr ganz besonders über dieses wunderbare Exemplar, und zwar aus mehreren Gründen:
- Die Rötelmäuse, die sich aus den Blüten gerne einen Salat zubereiten, haben es offenbar noch nicht entdeckt. Oder sind verreist.
- Die Staude ist eng befreundet mit einer Frühlingsprimel - so eng, dass selbst mit chirurgischen Mitteln keine Trennung mehr möglich ist. Trotzdem kommen beide irgendwie klar.
- Der olle Kahlfrost hat ihr letzten Februar nichts ausgemacht, obwohl die Art ja nun mal wintergrün ist.
- Die weißen Blüten waren diesen Januar fast zwei Wochen unter Schnee begraben und sind einfach wieder auferstanden.
- Wie auch diese sind alle meine Christrosen adoptiert, denn sie werden gerne als Wegwerfpflanzen betrachtet - nach der Blüte hinfort damit. Und so nehme ich immer gerne ausrangierte Stauden in Pflege.
Christrosen-Adoption ist also der beste, einfachste und günstigste Weg seinen Garten damit zu bestücken. Wie man das macht? Zum Einen unbedingt bei gartenlosen Mitmenschen auf Topfpflanzen achten und sich gegebenenfalls als Interessent zur freundlichen Übernahme nach der Blüte anbieten. Wer ein Grab zu pflegen hat, wird ebenfalls reichlich Pflanzen absahnen können, denn die Grünabfallbehälter auf Friedhöfen sind im Frühjahr voll mit Christrosen. Die kann man nach getaner Arbeit dann mitnehmen. Die dritte Möglichkeit sind Gartencenter, die ausrangierte, blütenlose Staudentöpfe verramschen - meistens im März. Die Aussaat ist schon schwieriger und recht langwierig.
Im Garten angekommen sollte man den Stauden einen halbschattigen bis schattigen Platz zuweisen und sie regelmäßig mit zerstoßenen Eierschalen verwöhnen. Denn als Pflanze der Kalkalpen mögen die so etwas. Nadelgehölze als Nachbarn können sie deswegen aber überhaupt nicht leiden.
Eine Gabe Kompost im Frühjahr kann nie schaden. Umso besser, wenn dort schon Eierschalen inklusive sind.
Sommertrockenheit vertragen sie nach meiner Erfahrung ganz vorzüglich, man kann sie nach der Blüte also auch ruhig mal vergessen. Ist mir sogar schon passiert.
Hat man schließlich so wie ich einige Exemplare von Helleborus niger zusammengesammelt, wird man sich gehörig über die verschiedenen Blühzeitpunkte wundern. Habe ich ja weiter oben auch schon getan. Die Blütezeit der Art soll zwischen Februar und März liegen. Da der Handel es aber ganz verkaufsfördernd findet, Christrosen auch schon zu Weihnachten blühend unter's Volk zubringen (schließlich heißen die Dinger ja Christ- und nicht Karnevalsrose), gibt es viele Sorten, die vorgehen, 'Praecox' zum Beispiel. Das muss aber nicht sein - die Pflanzenvermehrer mogeln oft einfach, gaukeln den Stauden den Vorfrühling vor und im übernächsten Jahr blühen sie dann doch wieder im Februar.
Für Insekten sind die echten Vorfrühlingsblüher natürlich sinnvoller und man kann sie auch viel besser mit anderen Blüten kombinieren. Den voreiligen Weihnachtspflanzen bleibt als adretter Nachbar höchstens der Italienische Aronstab (Arum italicum), der zur selben Zeit auf der Bildfläche erscheint, ähnliche Standortwünsche hat und prima ins Farbschema passt.
Helleborus orientalis-Hybriden sollen übrigens einfacher sein und zuverlässiger blühen. Aber die bekommt man auch selten geschenkt.
PS: Dieses Bild hier ist für Alex aus dem Gwundergarten - erkennst du die Pflanze?