Jeder Hobbygärtner kennt es sicher: Das
Gutschein-Paradoxon. Auch unter dem Namen Kaufrausch-Kalamität
bekannt, bezeichnet es den geistigen Zustand von Personen, die mit
einem wie auch immer gearteten geldwerten Vorteil bewaffnet ein
Gartencenter betreten. Äußere Anzeichen sind ein irrer Blick und
das hastige Hin-und-Her-Rennen mit dem Einkaufswagen, um nur kein
Objekt der Begierde zu verpassen. Zu diesem Syndrom gehört auch der
sofortige Verlust der Grundrechenarten. Der Patient neigt dazu, vor
allem die simplen Gesetze der Addition und Multiplikation
unverzüglich zu vergessen.
So kommt es dann, dass im Vollbesitz eines
Gutscheins stets ein jeder Betrag ab- statt aufgerundet wird, vor
allem bei Schwellenpreisen, so dass dieser raffinierte Schachzug des
Einzelhandels seine psychologische Wirkung zeigt. Aus 1,99 Euro wird
dann ganz schnell 1,00 Euro, vier mal 1,99 sind also schlappe 4 Euro
(Herr Adam Riese würde sich im Grabe umdrehen) - und weiter geht's
im Fieberwahn, denn nichts ist schöner, als das Geld anderer Leute
auszugeben.
Wer dann am Ende nur das doppelte bezahlen muss, hat
noch einmal Glück gehabt. Natürlich war dann in unserer Wahrnehmung
alles umsonst, denn wer könnte noch genau beziffern, was von den
Waren von dem Gutschein bezahlt wurde und was nicht? So hat man immer
noch ein gutes Gefühl. Auch das ist ein Charakteristikum des
Gutschein-Paradoxons.
In Gartencentern ist dieser Gemütszustand ein
besonders tückisches Problem. Es gibt schließlich so viele
Kleinigkeiten zu kaufen. Da gibt es verschiedenste vermeintlich
nützliche Gartengeräte, zu jeder Jahreszeit Blumenzwiebeln und
Sämereien, sowie zu allem Überfluss auch noch Topfpflanzen bis zum
Horizont. Und alles so schön bunt hier. Wer will da noch standhaft
bleiben?
Wenn man ein neues Beet oder gar einen ganzen Garten
mit Leben füllen muss, hat man es gut und kann beruhigt aus dem
Vollen schöpfen. Wenn die winzige Anlage aber schon an Völlegefühl
leidet, kann so ein Kaufrausch für die Pflanzen sehr unbequem
werden. Kaufe ich mir zum Beispiel ein neues Tränendes Herz, gibt es
am Ende bei den schon vorhandenen Pflanzen - und bei mir sowieso -
nur ein blutendes. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass die
Ausdehnung meines Gartens in der Erinnerung stets proportional zur
Entfernung von ihm steigt - also bilde ich mir immer ein, ich würde
noch massenhaft freie Pflanzplätze von der Größe eines mittleren
Marktplatzes haben.
Um mir und meinen Stauden also viel Kummer zu
ersparen, habe ich mit den Jahren ein paar Strategien zur Vermeidung
von pflanzlichen Spontankäufen entwickelt, für die ich eigentlich
keinen Platz mehr habe. Zum einen reise ich mit dem Fahrrad an, dann
kann man nicht so viel mitnehmen.
Außerdem halte ich mir immer vor Augen, dass so ein
Gutschein nicht sofort das Zeitliche segnet, wenn er nicht komplett
ausgegeben wird. Mittlerweile kann ich mir so etwas gut einteilen,
denn was ich vor allem brauche, ist torffreie Blumenerde, und das
immer wieder. Die ist nicht so billig wie die böse herkömmliche,
aber durch Gutscheine wird der Gemüseanbau im Topf zum wahrhaft
kostenlosen Vergnügen. Ein 20-Liter-Sack passt übrigens prima und
unfallfrei auf den Fahrradgepäckträger!
Viel lieber kaufe ich sowieso auf Pflanzenbörsen,
Sammler- und Staudenmärkten, wo es mehr Raritäten gibt als im
Baumarkt um die Ecke. Für seltene Stauden, die man auf einem schönen
Ausflug gekauft hat, tut man einfach alles und reißt sich ein Bein
für sie aus. Oder einen Frauenmantel. Für diese Veranstaltungen
gibt es leider selten Gutscheine. Sonst wären wir Gärtner aber auch
wirklich hoffnungslos verloren - das Gutschein-Paradoxon lässt
grüßen...