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Samstag, 16. Oktober 2021

Pingpong im Wohnzimmer

Jetzt kommt so langsam wieder die Zeit der Zimmerpflanzen. Und die sind teilweise genauso unterhaltsam wie das winterharte Grünzeug da draußen...

Ich hatte ja schon von meiner Anzucht von Dorstenia hildebrandtii berichtet. In der Zwischenzeit sind die Dinger verblüffend schnell gewachsen. Bei einer sukkulenten Pflanze erwartet man ja eher die Wachtsumsgeschwindigkeit einer Wanderdüne, aber die werden schneller groß als man eine Koalition im Bundestag gefunden hat...


 

Dieses enorme Tempo setzt sich auch in der Samenbildung fort. Denn das D in Dorstenia steht eindeutig für dynamisch! Die Blüten, die mich immer an das erinnern, was die Freiheitsstatue auf dem Kopf hat, neigen sich erst bescheiden  nach unten.

 





Ist ja auch blöd, wenn's da rein regnet. Passiert im Zimmer zwar selten, aber in ihrer Heimat Afrika sicher das ein oder andere Mal. Sobald die Samen reifen, schauen die Blüten aber nach vorn - und in die Zukunft, denn die Pflanze kann ihre Samen meterweit verschießen, besonders, wenn man sie berührt, doch wenn dies unterbleibt, wird Dorstenia ungeduldig und macht auch ohne fremde Hilfe von ihren Schießkünsten Gebrauch.

Das macht sie auch ganz hemmungslos im Zimmer und schon bald ist der Tisch vollgekrümelt und es keimt aus sämtlichen Töpfen. Zwei Pflanzen dicht beieinander sehen also immer so aus, als wollten sie Tennis spielen. Oder eher Tischtennis - die Samen sind nämlich auch passenderweise weiß.


So unterhaltsam sind nur Brutblätter, doch deren Kindel fallen gemäß der Schwerkraft eher nach unten und schaffen es höchstens auf die Fensterbank, aber nie auf den Sofatisch. Der Name Babywerfer ist also hier unangebracht, es müsste eher Babyfallenlasser heißen.


Eine ganz sittsame Pflanze, die nicht zu den Scharfschützen gehört, habe ich vor ein paar Wochen als Ableger bekommen. Es ist keine geringere als Philodendron scandens 'Brasil'. Diese wunderschön gezeichnete Sorte ist sehr begehrt und so habe ich mich riesig gefreut, sie von einer netten Bielefelderin geschenkt zu bekommen - plastikfrei in einer Glasflasche.




Zuerst waren da nur braune Luftwurzeln im Wasser - und jetzt bekommen sie weiße Söckchen! Noch ein paar Wochen und ich kann den blattbunten Brasilianer sicher einpflanzen. Und schon wieder wird das Homeoffice ein Stück bunter!

Samstag, 11. November 2017

Schneller Brüter auf der Fensterbank

Zimmerpflanzen sind dazu da, das Raumklima zu verbessern, dekorativ auszusehen und uns im Winter über die gartenlose Zeit hinweg zu trösten. Eigentlich sind sie immer nett und freundlich, nie laut und aufdringlich. Oder doch? Manche können auch anders und streben die Weltherrschaft an. Aber bitte nur mit Zentralheizung und bei fließend Wasser - aus der Gießkanne.

So eine grüne Mitbewohnerin, die sich allzu gern an alles und jeden ran schmeißt und sich mordsmäßig breit macht auf der Fensterbank, habe ich zuhause. Dass sie ihre Zimmerpflanzen-Nachbarn noch nicht von der Fensterbank geschubst hat, grenzt an ein Wunder. Da ich nämlich ein Herz für ausgefallene Sukkulenten habe, mag ich auch Brutblätter und hatte mir vor zwei Jahren in Hamburg Ableger von Kalanchoe laetivirens, einem recht feisten Brutblatt mitgenommen.

Und das brütet nun im Wohnzimmer über der Heizung so vor sich hin. Nach zwei Jahren ist ein überaus üppiges Monster daraus gewachsen, das das Wort Mutterpflanze nur allzu wörtlich nimmt.

Erst habe ich gedacht: Das mit dem Kindersegen bekomme ich schon irgendwie hin, klappt ja bei Kalanchoe daigremontiana auch. Doch letztere Art ist spindeldürr und ihre Ableger entsprechend winzig. Die dicke K. laetivirens aber ist dagegen eine echte Glucke mit respektablen Ausmaßen. Ein Blatt kann locker 20-30 Kindel produzieren, komplett bewurzelt und mit sechs Bättern dran.


Hier beide Babywerfer im Vergleich, links Spargeltarzan, rechts Matrone:


Man beachte die hochgeklappte Schranke am Stielansatz, die vielleicht verhindern soll, dass Kindel Richtung Mutterpflanze fallen?




Und diese frühreifen Dingerchen kullern in sämtliche Blumentöpfe und wuchern dort weiter. Oder sie liegen wie tote grüne Fliegen auf der Fensterbank herum. Man muss die Pflanze nur schräg anschauen, und schon heißt es: Ihr Kinderlein kommet.

Also kann ich ständig hinter Madame herräumen und bekomme dabei auch noch ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich so niedliche Pflänzchen kompostieren möchte. Doch ich kann sie nicht alle am Leben lassen, sonst würde man im Wohnzimmer knietief in Ablegern versinken.

Hier habe ich mal ein paar Sprösslinge gerettet und in eine alte Kakao-Packung gesetzt, die nun als Übertopf dient - und schon sieht man: früh übt sich:

Sie an Freunde weiterzugeben, scheiterte auch bisher kläglich. Dort wurden sie einfach vertrocknen lassen, wohl als Präventivmaßnahme gegen eine militärische Invasion auf der Fensterbank.

Dabei ist das Mutterschiff schon schön. Und enorm pflegeleicht - bis auf das Aufräumen eben... Bei ernsthaftem Interesse kann ich gern mal ein paar Ablegerchen in gute Hände abgeben. Nur, falls es jemandem auf dem Sofa zu langweilig werden sollte...

Sonntag, 23. Oktober 2011

Der botanische Kettenbrief

Es gibt Pflanzen, die bergen gleich mehrere Kindheitserinnerungen in sich.
Und damit meine ich schöne Erinnerungen, nicht etwa kulinarische Entgleisungen wie Rosenkohl auf dem Teller, den ich bis heute nicht leiden kann.

Diese Pflanze, die ich meine, vermehrte sich damals ausschließlich durch Kindergeburtstage, wo sie unter der Hand als ganz heiße Ware vom Geburtstagskind zu den Gästen weitergereicht wurde.
Wir nannten sie Babywerfer, weil sie so lustige, schon fix-und-fertige Jungpflanzen an ihren Blättern hervorbrachte. Ohne jemals Blüten produziert zu haben. Das war eine Sensation.
Jedes Kind muss damals eine gehabt haben. Selbst bis in die Grundschule auf die Fensterbank hatten sie es geschafft. Trotzdem konnten sie am Ende weder Lesen noch Schreiben.

Korrekt heißt es Brutblatt und war vermutlich eine Kalanchoe daigremontiana.

Die Dinger haben das Schneeballsystem erfunden - man musste sie immer weiterreichen, bis das System am Ende kollabierte. So ähnlich wie die Kettenbriefe, die wir als Kinder auch mit Begeisterung verfasst haben.

Die winzigen Nachkommen, die man ergattert hatte, wurden zu Hause sorgfältigst eingepflanzt und dann mit Spannung beobachtet.
Wann kamen den nun endlich die ersehnten Babies? Und dann erschienen sie, und zwar mehr als man weiterverschenken konnte. Schließlich hat man nur einmal im Jahr Geburtstag.
Darüberhinaus lehnten irgendwann alle Gäste dankend ab. Komisch.

Der Nachwuchs landete als Trittbrettfahrer schon bald in den benachbarten Blumentöpfen, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die dadurch auf der Fensterbank mehr jäten musste als im Garten.
Als der Reiz des Neuen schließlich vergangen war und die Babywerfer eher aussahen wie sukkulentes Unkraut und nicht wie eine vorzeigbare Zimmerpflanze, wurden sie irgendwann entsorgt. Wahrscheinlich mussten sie den Winter draußen verbringen, das kommt der Todesstrafe gleich.
Meine Mutter hatte in den darauffolgenden Jahren endlich Ruhe vor dem Zeug, bis auch meine Schwester in das kindergeburtstagsfähige Alter kam, dann ging der Spaß von vorne los.

Tja, und so dachte ich, die Zeiten des Babywerfers auf der Fensterbank wären Geschichte, bis, ja bis ich letztes Jahr auf einer Landesgartenschau in der Ausstellungshalle ein paar Exemplare entdeckte, die ihre Babies bereits auf den Boden geworfen hatten.
Das war höhere Gewalt, die gestrandeten Exemplare mussten mit.

Zu meiner Entschuldigung kann ich anführen, dass es nicht die unkrautige Variante war, sondern die architektonisch wertvolle im modischen Fischgrät-Look mit Leopardenmuster:





Es handelt sich hierbei um Kalanchoe tubiflora, syn. Bryophyllum tubiflorum oder auch Kalanchoe delagoensis.

Dieses Brublatt ist wirklich ausnehmend hübsch. Filigran gebaut mit aparten Flecken, die sich erst mit zunehmendem Alter zeigen.
Pro Blatt kann es 4, oft sogar 6, Jungpflanzen hervorbringen, das macht bei 100 Blättern nach Adam Riese bereits mindestens 400 - und ein Exemplar kann im Laufe seines Lebens deutlich mehr Blätter haben!



Einmal hat es draußen im Regen auf der Terrasse gestanden - schon wurzelt in den Fugen der Nachwuchs.

Selbst Katzen versucht es zu besiedeln, allerdings scheiterte dieses kühne Vorhaben schon bald, obwohl das Basislager an der Westflanke vielversprechend aussah:


Man kann sich vorstellen, dass diese ausbreitungswütige afrikanische Pflanze nicht überall auf der Erde Freunde hat. In den Tropen kann sie einmal eingeschleppt zu einem Problem werden.

In unseren Breiten scheitert die Übernahme des Gartens und darüber hinaus zum Glück am jährlich wiederkehrenden Frost.

Die Kultur des schlanken Brutblatts ist denkbar einfach. Ein sonniger Platz wird vertragen, es kommt wochenlang ohne Wasser aus und lässt sich zur Not einkürzen, wenn es zu groß wird.

Kommen wir nun zum Kettenbrief: Wer dieses interessante Pflänzchen sein Eigen nennen möchte, nur zu, bitte melde dich. Ein paar Briefchen mit Babies kann ich verschicken - wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ihr verpflichtet euch lediglich, den Nachwuchs eurerseits an 10 Freunde weiterzugeben. Nein, war natürlich nur Spaß.
Ihr geht mit der Annahme einer Lieferung keine weiteren Verpflichtungen ein. Außer natürlich Unkrautzupfen auf der Fensterbank. Versprochen.