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Samstag, 15. Juli 2023

Der Zögerliche

Jeden Samstag einen frischen Blogartikel zu veröffentlichen mit einem möglichst ganz neuen Thema, das die Welt noch nicht gelesen hat, und ohne alte Artikel hervorzuholen, ist gar nicht so einfach. Gerade im Sommer, wenn man mitunter am Garten vor lauter Trockenheit nichts Schönes mehr finden kann, sondern er einfach nur anstrengend und mitleiderregend ist. Manchmal geht die Kreativität noch vor dem Inhalt der Regentonne zuneige.

Diese Woche habe ich mich daher auch gründlich verzockt. Ich wollte die Geschichte von meinem Rauen Sonnenhut (Rudbeckia hirta) erzählen, aber die Blüte entblättert sich so unfassbar langsam und zögerlich, dass er sich trotz Anfeuerns meinerseits nicht rechtzeitig geöffnet hat. Aber, ach, was soll's: Jetzt ist es auch egal, ich erzähle die Geschichte trotzdem, sicher könnt ihr euch denken, wie so eine Blüte aussehen würde - denn siehe oben, ich hatte kein Alternativthema überlegt. Da müsst ihr jetzt also durch.

Zu diesem Sonnenhut bin ich auf der Messe in Stuttgart gekommen, wo ich Mitte April zu Interviews mit Volker Kugel eingeladen war.

 

Es gab eine Halle mit dem Thema Garten und dort war ein Stand der Stuttgarter Wilhelma, was schön war, denn dort war ich am Vortag erst gewesen. Die Wilhelma ist ja Zoo und Botanischer Garten in einem und so werden dort auch Pflanzen herangezogen. 

 

Die Wilhelma im April

Ein paar winzige Sämlinge hatten die Mitarbeiter der Wilhelma mitgebracht. Als kleine Aufgabe konnte man sich einen der Winzlinge - richtig, es waren die Sonnenhüte - in torffreie Erde topfen und mitnehmen. Dazu gab es eine Tüte aus kompostierbarem Material.



 

Das musste ich unbedingt machen, obwohl schon zu erahnen war, dass auch der kleinste Sonnenhut ein großer Klotz am Bein ist, wenn man ihn den ganzen Tag mitschleppen muss und am nächsten Tag mit der Bahn reist. Erschwerend kam bei diesem Leichtgewicht hinzu, dass die Tüte schon im vollen Zerfall begriffen war und Wasser durch kleine Risse im Boden lief. Immerhin zeigte das: Sie war wirklich kompostierbar, nur etwas übereifrig damit.

Nun musste der Sonnenhut also den Messetag miterleben, er hatte sogar noch spontan einen Auftritt, als es um das Thema Plastik ging. Danach unternahm der Topf mehrere S-Bahn-Fahrten und hat ein vom Verlag gesponsertes Abendessen beim Spanier über sich ergehen lassen (wo er vor Freude eine Pfütze auf dem Boden hinterlassen hat), er musste im Hotel übernachten, beim Frühstück zuschauen und danach den Intercity nach Bielefeld nehmen. Er hatte einen Fensterplatz, wo ich ihn beim durch Reservierungen erzwungenen Platzwechsel auch prompt fast vergessen hätte.

Im Garten bekam er einen Platz im Beet und ich musste feststellen, dass die rauen Blätter den Schnecken nicht zu schmecken scheinen, was für ein Glück! Die Tüte bekam dagegen einen Platz im Komposter - ich bin gespannt und hoffe, sie nie wieder zu sehen.

Und nun schaute ich jeden Tag ungeduldig nach der Pflanze (nicht der Tüte) und wartete auf Blüten. Ja, und hier ist nun der Stand, ganz aktuell: Er blüht auf, aber das zelebriert er ganz genüsslich. Immerhin zeigt er ganz viele Nebenknospen.

 

 


 

Ich finde, es hat sich gelohnt, ihn mitzunehmen. Und wenn er die Schnecken überlebt, kann ich ihn nächstes Jahr selbst aus Samen ziehen.

So, das war jetzt zwar kein Artikel mit Blüte, aber wenigstens mal wieder ein passendes Thema zu Günstig Gärtnern!

Samstag, 23. Juli 2016

Der Bart ist ab

Zweijährige Pflanzen haben's auch nicht leicht. Erst überleben sie den schlimmsten Winter, dann blühen sie sich die Seele aus dem Leib und am Ende wird ihnen noch vorgeworfen, dass sie keine Stauden sind. Heutzutage gilt es in Blumenkreisen schon als Makel, nicht mehrjährig zu sein.

Und in der Tat sind die Zweijährigen etwas lästig, denn sie sterben nach der Blüte meist auf Nimmerwiedersehen ab. Um auch im nächsten Jahr ihre Gesellschaft genießen zu können, muss man von den verblichenen Pflanzen Samen sammeln, sie sofort aussäen und irgendwie über den Winter kriegen. 

Die größte Herausforderung besteht aber darin, auch im nächsten Jahr noch Platz im Beet zu haben für die neue Generation der Zweijährigen. Während der Anzucht schlafen nämlich die Stauden nicht, sondern setzen alles daran, den neuen Raum einzunehmen, den die abgestorbenen Zweijährigen hinterlassen haben.

Die zweijährige Bartnelke (Dianthus barbatus) hat noch mit einem weiteren Imageproblem zu kämpfen: Wie viele Nelken gilt sie als hoffnungslos altmodisch. Und dann hat sie auch noch einen Bart...


Ich gestehe reumütig, dass auch ich mich jahrelang nicht wirklich um sie bemüht habe. Meine Mutter hatte sie mal hier und da, aber ich habe die bärtige Pflanze nicht groß beachtet. Letztes Jahr bekam ich dann übrige Sämlinge von meiner Mutter geschenkt, denn wenn Bartnelken in einer Disziplin wirklich richtig gut sind, dann ist das Keimen. Darin macht ihnen so schnell keiner was vor. Noch nicht mal eine Woche reicht den schwarzen Samen und die Jungspunde sind vollzählig angetreten.

Die Pflänzchen habe ich ins sonnige Null-Euro-Beet gesetzt und war dieses Jahr restlos überzeugt vom Charme der bunten Bartnelken, hier mit Mutterkraut und Oregano:



Keine Blüte gleicht der anderen und selbst eine einzige Pflanze kann verschiedenfarbige Einzelblüten haben, wenn sie so richtig einen drauf machen möchte.


Von weiß bis weinrot sind alle Abstufungen drin, gern dekoriert mit einem andersfarbigen Ring. Hier eine nicht repräsentative Auswahl all meiner Blüten:


Nicht nur ich war hin und weg von den dicken Blütenkugeln. Schmetterlinge lieben sie ebenso, manchmal kommt eine Hummel vorbei, und wenn man ganz genau hinschaut, findet man winzige Furchbienen, die die Staubgefäße abgrasen, ohne freilich an den Nektar am Grunde des langen Blütenkelchs zu gelangen:

Dieser Kleine Fuchs mit der Locke auf dem Rücken war gar nicht mehr wegzukriegen von den Blüten und flog den lieben langen Tag im Garten herum:


Die Bartnelken sind so gute Falterblumen, dass ich sofort Samen geerntet habe, sobald der Bart ab war, also die Saat reif. Im Juli ist es dann auch höchste Eisenbahn für die Aussaat, ab April kann man vorjährige Samen aussäen. Die Keimquote ist in jedem Fall hoch. Hier die lieben Kleinen, noch ganz ohne Bart:

Und nun hoffe ich, dass ich die bärtigen Damen in einigen Wochen irgendwo unterkriege, wo sie sich nicht von den Stauden unterkriegen lassen. Denn sie haben etwas Besseres verdient, die schönen Zweijährigen.

Sonntag, 18. Oktober 2015

Dahlien-Dramen

Bevor man einen eigenen Garten hat, stellt man sich so eine Grünfläche als pure Idylle vor, wo Blumen und Bienen sich gute Nacht sagen. Im Vollbesitz ein paar uralter Zimmerpflanzen wähnt man sich mit dem grünen Daumen ausgestattet, so dunkelgrün, wie es keinen zweiten gibt. Im Vorbeigehen hat man ja auch schließlich in anderen Gärten gesehen, dass das mit dem Blühen wohl nicht so schwer sein kann. Die öden Gärten daneben nimmt man sowieso nicht wahr.
Kommt der eigene Garten, kauft man die Gartencenter leer und pflanzt zusammen, was zusammen gehört. Denkt man zumindest. Bald jedoch beginnt ein Kleinkrieg unter den Stauden, ob neu oder alteingesessen. Der Traum vom blühenden Beet endet mit den Blüten einiger weniger Kraftprotze, die die schmächtigen gekauften Pflänzchen unter sich begraben haben.

Trotzdem: Ein Herbst ohne Dahlien hat den Namen nicht verdient, also geht man auch hier in die Vollen und versucht, die üppigen Dahlienbeete aus vorbildlichen Gärten nachzumachen. Die Nacktschnecken denken sich derweil: "Ein Frühling ohne Dahlien hat den Namen nicht verdient." - und mampfen die ersten zarten Triebe kurz und klein.

So wie hier im Dahlienschaugarten Lindau am Bodensee sollte das gefälligst aussehen, wo selbst der Kompost sichtbar von Erfolg gekrönt ist:





Bei mir sieht das leider nie so üppig aus. Und habe ich es mal zu ein paar wenigen Dahlienblüten geschafft, beginnt das Überwinterungsdrama.

In Lindau verpackt man die Knollen dazu in alte Apfelkisten, die es dank der Nähe zu den Obstplantagen genug gibt. Im September hatten die Kisten immer noch ein paar Insassen - geht das auch ohne Erde?


Eigentlich braucht man zum Überwintern einen kühlen Keller und ungefähr eine Badewanne voll Torf. Da letzterer aber gar nicht in die Tüte kommt, nimmt man alte Blumenerde und stellt die mit Knollen gefüllten Kisten in die Garage, wo es prompt unter Null wird und alle Dahlien Matsche sind.

Letztes Jahr war zur Abwechslung mal ein gutes Jahr für die Mexikanerinnen: Der Winter war so mild, dass sie bis Dezember im Null-Euro-Beet bleiben konnten. Was Besseres gibt es nicht, denn so haben sie frische Luft und gut befeuchtete, kühle Erde. Als ein bisschen mehr Frost drohte, habe ich die Damen ausgegraben, einzeln in Zeitungspapier eingewickelt, in einen großen Pappkarton geschichtet und diesmal auf den nicht allzu warmen Dachboden gewuchtet.

Und siehe da: Hat geklappt. Weil es nur ein paar Monate auf dem Trockenen waren, sind viele Dahlien tatsächlich ausgetrieben und haben geblüht. Leider nicht alle. Meinen Liebling 'Rocco' vermisse ich und die 'Rosemunde' mit dem dunklen Laub ist zwar noch da, hat aber immer noch nicht geblüht. Durch den frühen Frost letzte Woche wird sie das auch nicht mehr tun.

'Pfitzer's Joker' (rot-weiß) und die gelb-rote, deren Namen ich vergessen habe, haben aber durchgehalten:


Dieser kleine Kerl namens 'Cezanne' in Gelb hier ist eine Überraschung: Er war im Beet vergessen worden und hat den Winter draußen überlebt. Respekt! Da hätte ich mir selbst den Aufwand mit dem Zeitungspapier sparen können.


Das mit dem blühenden Garten ist also alles nicht so einfach, aber wir lassen uns ja nicht unterkriegen und lernen immer wieder was Neues dazu, bis der grüne Daumen vielleicht doch am Ende der unsere ist!

Sonntag, 19. Oktober 2014

Dahlien ganz menschlich

Dahlien und Menschen haben viel gemeinsam. Was, ihr glaubt dieser gewagten These etwa nicht? Nun, mit den runzligen, feisten unterirdischen Knollen will sich wohl niemand gern vergleichen, vielen Dank auch - mit den Blüten der schönen Mexikanerin dagegen umso lieber.




Und genau da lassen sich Gemeinsamkeiten entdecken! Dahlien werden nämlich ebenso wie viele Leute altersmilde. Will heißen: Wenn die Tage kürzer werden, lassen sich auch stolze Pflanzen mit prall gefüllten Blüten dazu herab, in der Mitte Staubgefäße freizulegen, um endlich einmal die Insekten an dem Blütenfest teilhaben zu lassen.




Das schaffen leider nicht alle Sorten - genauso wie eben auch nicht alle Menschen auf die gleiche Weise altern. Meine bis zum äußersten gefüllte Topfdahlie aber bringt es um Herbstanfang herum immer fertig, mehr oder weniger offene Blüten zu produzieren:


Schmetterlinge und Bienen sind ganz dankbar über so viel Offenheit und Großzügigkeit, da vorher nur knallige Mogelpackungen zur Schau gestellt wurden, die viel Farbe, aber wenig Nektar anbieten.

Hier die normalerweise stark gefüllte Sorte 'Rocco', die in der Mitte ein bisschen Platz geschaffen hat für kleine Insekten:

Von vornherein ungefüllte Dahlien sind natürlich immer besser für die Tierwelt - und haben noch einen großen Vorteil: Aus ihnen lassen sich besonders leicht Samen gewinnen, da ihre Blüten nicht nur Show sind, sondern tatsächlich der Fortpflanzung dienen!



Im Herbst gesammelte Früchte können im März auf der Fensterbank ausgesät und im Mai ins Beet gepflanzt werden. Sie blühen dankenswerterweise noch im selben Sommer, sind kostenlos und immer für Überraschungen gut: Wie werden die Blüten wohl aussehen - ganz die Mama oder ganz anders? Diese Spannung ist es auch, die viele Gärtner zur Anzucht der Pflanzen aus Samen verführt. Im Blog Maifelder Gartenlust kann man sich das Ergebnis der Aussaat anschauen.

Diese Art der Dahlienzucht ist zwar mühsam, vermeidet aber das lästige Überwinterungsproblem der Knollen, das ohne einen wirklich kalten Keller oder Dachboden schnell zur Katastrophe wird und eher in einer Pilzzucht endet.

Getopfte Dahlien sind dabei viel leichter zu überwintern als bodenlose Beetpflanzen - ich stelle sie einfach mitsamt Kübel auf den Dachboden, wo sie immer zuverlässig überleben. Ob die Knollen aus dem Gartenboden geholt nun trocken oder in Sand eingelagert werden müssen, daran scheiden sich die Geister. Frostfreies Klima bei um die 8 °C haben sie in jedem Fall am liebsten.

Und da hört der Vergleich mit den Menschen dann auch schon auf: Altersmilde oder nicht - nach dem Herbst des Lebens und einem erholsamen Winterschlaf fängt bei ihnen einfach ein neuer Frühling an - wie Phoenix aus der Knolle. Was eben noch schrumpeliges Speicherorgan war, ist im Mai schon wieder grün.

Die haben's gut, die Dahlien.