Kann ein Garten glücklich machen - trotz Maden, Mehltau und Muskelkater? Trotz Schnecken und Wühlmäusen? Wir unverbesserlichen Freiluftfanatiker werden das bejahen, wozu gibt es schließlich noch Meisen, Margeriten und Möhren? Ja, davon, dass ein Garten glücklich macht, müssen wir nicht erst mühsam überzeugt werden. Manchmal ist es aber trotzdem nett, eine zweite Meinung einzuholen, und sei es nur, um sich bestätigt zu sehen. Eine solche ist das Buch
"Wo die Seele aufblüht. Warum ein Garten glücklich macht." von Doris Bewernitz aus dem
Kreuz-Verlag.
Nach Jahreszeiten geordnet erzählt sie aus ihrem Berliner Garten in einer Schrebergartenanlage, die ungewöhnlicherweise direkt an einer S-Bahn-Station liegt, Lautsprecherdurchsagen inklusive. Mitten in der Stadt lässt sich trotzdem glücklich gärtnern - in ihrem Garten gibt es Kirschbäume, Pfirsiche, Nachtigallen und jede Menge selbstangebautes Gemüse, das sie mit Genuss zubereitet.
Wie viele dieser Bücher mit Gartenerzählungen verfügt es über keine Bilder, so dass man schon all seine Fantasie einsetzen muss, um sich diese Großstadtinsel vorstellen zu können. Aber das macht nichts, denn so kann man sich jeden Garten schöner und größer denken, als er vielleicht ist.
Er ist jedenfalls groß genug für all die Obstbäume, unzählige Rosen und alles-verschlingende Hokkaido-Kürbisse. Frau Bewernitz hat viele Tipps für das günstige Gärtnern auf Lager - sie berichtet vom Mulchen, von geretteten Rosen aus dem Rinnstein, von weggeworfenen Briefkästen, die zu Meisenkästen werden können, und natürlich vom Kompostieren. Selbst das Guerilla-Gärtnern ist ihr nicht fremd - sie träumt davon, Berlin von Hokkaido-Kürbissen beranken zu lassen.
Schließlich geht es auch noch um eine innovative Möglichkeit, Kraft und Handwerker zu sparen: Man lade einfach seine Freunde zur Mitmachparty im Garten ein, hänge Karteikarten mit den zu erledigenden Arbeiten an eine Wäscheleine und sorge für Gratis-Getränke und Essen. Und siehe da: Die Freunde kommen tatsächlich, nehmen sich eine Karteikarte ihrer Wahl und helfen sogar mit viel Vergnügen im Garten mit - Frau Bewernitz hat viel Muskelkater und Rückenschmerzen eingespart.
Eine andere brilliante Idee von ihr ist die, Rosenpatenschaften zu verschenken. Die Sträucher bleiben bei ihr im Garten, dürfen aber jederzeit besucht und betüddelt werden. Und vor allem: Die Paten fragen nun eher nach den Pflanzen als ohne Schenkungsurkunde - ein Freifahrtschein für ausschweifende Gartenschwärmereien, wo man als leidenschaftlicher Gärtner sonst oft auf quälend taube Ohren stößt.
Das Buch enthält viele kurze Kapitel, die man auf die Schnelle nebenbei durchlesen kann - in der U-Bahn oder auf dem Balkon. Meistens geht es hauptsächlich um die Beschreibung des Glücks mit dem Garten in verschiedenen Variationen, um Sinneseindrücke und Gefühle, nicht so sehr um Pflanzenportraits in aller Ausführlichkeit. Die Autorin beschreibt dafür detailliert, wie etwas schmeckt, sich anfühlt. Sie hört die Nachtigall trappsen und sogar das Herbstlaub fallen - faszinierenderweise macht jeder Baum ein anderes Geräusch! Sie erzählt von ihren Gedanken beim Müßiggang im Liegestuhl und beim Betrachten des gefrorenen Gartens im Winter - und auch viel aus ihrer Kindheit im Grünen.
Natürlich gibt es auch in ihrem Garten Probleme. Mit Nacktschnecken zum Beispiel. Das Kapitel allerdings hat mir am wenigsten gefallen, handelt es doch von der Sichtweise der Molluske auf den Menschen und umgekehrt. Am Ende philosophieren Schnecke und Mensch auch noch jeder für sich über Gott - das ging mir ein bisschen zu weit und wollte nicht so recht zum Rest des Buches passen.
Doris Bewernitz schreibt nicht so philosophisch-weise und belesen wie
Eva Demski
und nicht so selbstironisch, lustig und lehrreich wie
Susanne Wiborg
. Manches Mal waren mir die Kapitelchen zu kurz, gingen nicht genug ans Eingemachte, was die Pflanzen angeht. Aber der Titel des Buches erklärt es ja: Hier soll die Seele behandelt werden, das Glück und wie es sich wann anfühlt, nicht so sehr das Wissen. Und das klappt auch - man nimmt sich vor, den Garten mehr zu genießen, ihn mit allen Sinnen wahrzunehmen, zur Not auch mit dem Sinn für Muskelkater.
Alles in Allem gärtnert Frau Bewernitz nämlich durchaus sympathisch vor sich hin, freut sich an ihrem Gemüse und lässt Unkraut auch mal Unkraut sein. Viele Gedankengänge kann ich durchaus nachvollziehen, etwa die Überlegungen zum Thema, wieviel Dreck unter den Fingernägeln und wieviel verrutschte Frisur wohl noch gesellschaftsfähig sei.
Das Buch ist eine flüssig zu lesende, kurzweilige Anleitung, den Garten bewusster wahrzunehmen und sich an ihm zu freuen, statt sich darin kaputtzumachen. Oftmals erheiternd, manchmal nachdenklich. Ich kann ihren Stil zu gärtnern verstehen, er ist meinem sehr ähnlich - wenn ich auch nicht immer soviel Erfolg mit Hokkaidokürbissen habe. Und wenn ich mal wieder in Berlin bin, schaue ich nach, ob ich irgendwo eine wilde Kürbispflanze entdecken kann, die vielleicht Frau Bewernitz gesät hat...