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Samstag, 15. August 2020

Der Garten als Kerzenständer

Dieses Jahr wird mein Garten zum Kerzenständer! Das war erst nicht beabsichtigt, aber nach und nach sind mir so einige Pflanzen in die Hände gefallen, die das Wort "Kerze" im Namen tragen und auch genauso wachsen: kerzengerade eben - und sie fackeln ein herrliches Feuerwerk im Blumenbeet ab.

Als Stammgast ist der Kerzen-Knöterich (Bistorta amplexicaulis) wie immer mit dabei. Die Blüten der Sorte 'Rosea' werden vor allem von Wespen und Honigbienen besucht, und zwar genau in der Reihenfolge. Wespen sind deutlich in der Überzahl.

Noch dazu habe ich zwei Pflanzen aus dem Friedhofsmüll retten können, die schöne gelbe Leuchtkerzen abbrennen: Eine Kleinblütige Königskerze und eine alles andere als kleinblütige Nachtkerze. Nachtkerzen (Oenothera biennis) gibt es in der bescheidenen und in der Angeber-Variante, letztere mit waschlappengroßen Blütenblättern. Meine ist die Show-Einlage schlechthin, riesige Blüten an einer fast mannsgroßen Pflanze.



Das Interessante an Nachtkerzen ist, dass die duftenden Blüten sich Abends in Windeseile öffnen, in der Dunkelheit mit ihrem blassen Gelb für Nachtfalter wie eine etwas funzelige Kerze in der Nacht leuchten, morgens noch ein bisschen Pollen für Honigbienen abgeben, dann aber mittags welken und abfallen. Wer die Nacht zum Tage gemacht hat, muss am Mittag auch mal  ausruhen. Nachmittags und am frühen Abend sehen Nachtkerzen demzufolge immer ein bisschen verlottert und wenig dekorativ aus.

Ein bisschen gepflegter wird ihre Erscheinung, wenn die alten welken Blüten endlich abgefallen sind - man kann auch nachhelfen, das geht ganz leicht. Und dieses Abfallen ist wirklich einzigartig. Während bei anderen Pflanzen sich nur die Blütenblätter verabschieden oder einfach welken und für immer als klebrige Masse am Samenstand verbleiben, hat der Nachtkerzenblütenstand an jeder Blüte eine Sollbruchstelle. Und genauso sieht es dann auch aus: Wie ein samenstandgewordener Unfall. Das soll aber so, unterhalb der Abbruchkante wächst die dicke Samenkapsel, der Rest kann weg. Eine exzentrische Amerikanerin eben.

Die Königskerze macht das weniger raffiniert, sie entledigt sich wie viele traditionsbewusste Pflanzen einfach der gelben Blütenblätter.


Meine Pflanze hatte einen wenig königlichen Start ins Gartenleben. Auf dem Friedhof wurde sie als Unkraut gejätet und weggeworfen. Ich habe den sterbenden Schwan mit seinen braunen putzlappenähnlichen, welkenden Blättern mitgenommen und eingepflanzt. Das funktioniert aufgrund der Pfahlwurzel eigentlich nicht besonders gut, aber diese Kerze wollte leben und blüht jetzt.

Leider wird am Ende wohl nur der Kerzen-Knöterich von dieser Lightshow übrig bleiben. Es ist fraglich, ob die beiden zweijährigen Kerzen genug freie Plätze für die Aussaat finden werden. Aber da der Malvenrost dieses Jahr viele meiner Moschusmalven und die Stockrosen dahingerafft hat, haben sie immerhin eine Chance.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Kunststück

Bielefeld hat ein neues Kunstwerk. Es befindet sich im natürlichen Habitat für Kunstwerke, und zwar nahe der Kunsthalle, draußen, im Skulpturenpark. Es ist nämlich nicht irgendein Kunstwerk, sondern ein begehbares, wetterfestes. Begehen darf es aber nur ein ausgewähltes Publikum, damit niemand Dinge damit tut, die einem Kunstwerk nicht so gut tun.

Das hier ist es. Es heißt „Final Wooden House“, ist von Sou Fujimoto und eine Replik des Originals, welches in Japan haust. Im Hintergrund die Sparrenburg. Die ist echt.

Kunstwerke sind wichtig, weil sie zum Nachdenken anregen und zeigen, was man alles so machen kann. Wenn man es kann. Das kann nämlich nicht jeder, deshalb gibt es den Beruf des Künstlers, den man für sein Talent sehr bewundert und ihn manchmal sogar dafür bezahlt. Wenn er Glück hat. Oder Beziehungen.

Aber nicht nur neue Kunstwerke sollte man eines Blickes würdigen - es kann auch lohnen, verschütt' gegangene, alte Kunstwerke wieder hervorzukramen, abzustauben und auszustellen.








So eins ist der Winzer'sche Garten an der Hochstraße unterhalb des Schützenbergs, mit Blick auf die Sparrenburg, der seit 2010 wiederbelebt wird und zunächst gründlich von alles-verschlingenden Brombeeren, diversem Gestrüpp und Efeu befreit wurde. 


Erst hatte er glücklich die Bomben des zweiten Weltkriegs überlebt, die die Villa der Familie Winzer 1944 getroffen und zerstört hatten. Dann aber hatte er es trotzdem jahrzehntelang gar nicht gut, wurde erst vernachlässigt, dann einfach vergessen. Jetzt ist er wieder zu besichtigen und hat immer geöffnet, kostenlos.


Die beiden steinernen Kunstwerke - Bogen und Grotte - sowie der hervorragende Blick über die Dächer der Stadt sind sicher die Hauptgründe für die Restaurierung des Gartens gewesen. Die Arbeiten wurden hauptsächlich durch 1-Euro-Jobs realisiert, unter Mithilfe der Drogenberatungsstelle und des Arbeitsamtes. Sowas ist eine tolle Sache, das ist günstiges Gärtnern auf kommunaler Ebene - und den Beteiligten hat es offenbar großen Spaß gemacht. Auch die Anwohner waren begeistert und beköstigten die Helfer mit Gratis-Kartoffelsalat, wie ich hörte.

Torbogen
 
Die Grotte

Die Aussicht vom Garten auf die Stadt ist aber auch dermaßen fantastisch! Die neuen Bänke laden dazu ein, gleich ein bisschen länger zu verweilen. Nur Ordnungsfanatiker werden hier nicht auf ihre Kosten kommen, wohl aber Freunde der heimischen Flora und Fauna.



Als dominierende Pflanze fällt die Kleinblütige Königskerze (Verbascum thapsus) ins Auge, die den Begriff "Leitstaude" wörtlich genommen hat und die Wege geradezu königlich begleitet.

Zusammen mit dem Schmalblättrigen Weidenröschen (Chamerion angustifolium) macht sie sogar den Kirchtürmen Konkurrenz:


Auch einen Gemüsegarten gibt es, inklusive Insektennisthilfe, die bereits gut besucht wird. 




Auch für die ganz Kleinen unter den Bienen ist gesorgt, die das reichliche Angebot an Phacelia und Feinstrahl (Erigeron annuus) im Garten lieben.

Furchenbiene an Erigeron annuus

Andere Furchenbiene an Phacelia
Mit dieser unwiderstehlichen Mischung aus blühender Wildheit, geordneten Pflanzungen und steinernen Zeitzeugen sind die Bienen um einen Lebensraum und die Gartenfreunde um eine Attraktion mit Aussicht reicher. Doch leider ist der Fortbestand des Projektes gefährdet. Die 1-Euro-Job-Angebote werden wohl nicht fortgesetzt. Und überhaupt ist die Stadtkasse leer.

Hoffen wir, dass der Garten nicht noch einmal unter Brombeeren verschwindet und sein überbordendes Blütenmeer behalten darf.

Und für frischgebackene Besitzer historischer Gärten gilt: Erst den Efeu lüften, dann den Bagger holen! Denn vielleicht findet sich ja doch noch eine steinerne Überraschung....

Donnerstag, 23. Februar 2012

Auf Sand gebaut

Die meisten Menschen geraten wohl beim Anblick einer Dünenlandschaft in Verzücken. Die Sanddüne an sich ist mit ihrer herben Kargheit stets der Höhepunkt jeder Urlaubsreise. Nur das Kriechtier unter den Sandhaufen, die Wanderdüne, ist bei uns konservativer Spezies, die ihre Höhlen aus Beton oder Backstein nicht gern auf Treibsand baut, eher unbeliebt.
Pflanzen haben aber auch auf einer sesshaften Düne mit solidem Lebenswandel noch ganz andere Probleme: Zwar sind die meisten Exemplare nah am Wasser gebaut, aber ansonsten von Haus aus inkontinent und können das Regenwasser nicht lange halten.
Deswegen keimen viele einjährige Pflanzen bereits im Herbst aus, blühen im Frühjahr und bilden noch schnell Samen, bevor die große Sommertrockenheit das Leben im Sand zur Qual macht. Stauden und Sträucher haben es einfacher, können sie doch in ein tiefgehendes Wurzelsystem investieren, das ihren Standort trotz Durststrecken für Jahre attraktiv bleiben lässt. Behaarte Blätter mit gutem Verdunstungsschutz sind auch nicht verkehrt.

Königskerze in der Düne - behaarte Blätter

Wer also mit Sandboden oder Sommertrockenheit im Garten geschlagen ist, der kann sich in Dünenlandschaften Inspirationen holen - wer es hier schafft, schafft es überall.

Hier ein paar Bilder von blühenden Dünenlandschaften an der Nordsee - sogar das extrem regenarme Frühjahr 2011 konnte der Pracht nichts anhaben. Wobei man anstandhalber dazusagen muss, dass die bunten Klatschmohn-Arrangements nicht im naturbelassenen Teil der Düne wuchsen, sondern auf einem Sandhaufen, der wohl von Menschenhand umgegraben wurde. Dass aber nach dem Spaten nicht auch noch die Gießkanne ein Gastspiel hatte, kann als gesichert gelten.

Gewöhnlicher Natternkopf (Echium vulgare) und Klatschmohn

Ochsenzunge, Beifuß und Rauke





Gelber Wau, Gelbe Resede (Reseda lutea)

Spargel

Gemeine Ochsenzunge (Anchusa officinalis)

Nachtkerze

Weißer Steinklee (Melilotus albus)

Eselsdistel (Onopordum acanthium)

Gelber Wau, Gelbe Resede (Reseda lutea)

Gemeine Ochsenzunge (Anchusa officinalis)

Selbst für diese Monstrosität aus dem botanischen Gruselkabinett hatte die Dünenkrone noch genug Wasser parat: Ein Gewöhnlicher Natternkopf mit einer Verbänderung:


Zum Vergleich ein ganz normaler Blütenstand - auch schön, aber bei weitem nicht so spektakulär:


Den Hummeln ist dieser komische verbreiterte Spross einerlei, sie freuen sich sehr über diese blühende Fußgängerzone, in der sie so viele Blüten im Laufschritt erreichen können. Die mit Nektar eher geizige Rückseite wird sogar als Unterstand bei Regen genutzt. 

Viele dieser wilden Blumen sind großartige Gartenpflanzen - wunderschön und dabei so anspruchslos wie ein Kaktus. Wer also in seinem von Trockenheit gebeutelten Garten einmal etwas in den Sand setzen möchte, dem seien diese Gewächse ans Herz gelegt. Vielleicht wandern sie von selbst ein oder es lassen sich Samen auftreiben. Die Bienen und Hummeln werden sich freuen, auch ohne Düne.