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Donnerstag, 26. März 2015

Blöde Blühlücke

Mein Terrassenbeet hat es dieses Jahr erwischt. Es setzt eine Runde aus, denn es hat sich den Schrecken aller Staudengärtner eingefangen: Die gemeine Blühlücke. Diese zeichnet sich durch das Fehlen von Blumen aus, obwohl es zu dieser Jahreszeit durchaus Kandidaten geben würde, die bereitwillig in die Bresche springen könnten. Wenn man sie nur gepflanzt hätte. Zum Glück hat es nicht den ganzen Garten erwischt, sondern nur das Beet rechts vom Rosenbogen, wo als nächstes die Hyazinthen für Duft und Farbe sorgen werden.

Während links an der Terrasse der Trachystemon (Bild) schon seine blumenkohlähnlichen Blütengebilde aus dem Boden geschoben hat und Lungenkraut zusammen mit Scilla siberica für Frühlingsfreuden sorgt, herrscht rechts Flaute. Eine Schande ist das. Da hab ich wohl nicht aufgepasst.

Die Pelzbienen warten genauso ungeduldig wie ich darauf, dass endlich mal wieder Blüten geöffnet werden.

Nun lässt sich das Malheur dieses Jahr nicht mehr gut kaschieren, außer ich stecke gekaufte Pflanzen oder Kunstblumen zwischen die Stauden. Während ersteres die schon vorhandene Pflanzung wegen der großen Löcher richtig nerven würde, geht mir die Sache mit dem Plastik natürlich gegen die Biogartenehre. Die Bienen wollen sich auch nicht gern veräppeln lassen. Also heißt es, sich in Geduld zu üben und auf das herbstliche Blumenzwiebelangebot zu warten. Dann wird die Wahl auf Schneeglanz (Chionodoxa) oder Blausternchen (Scilla) fallen, denn die blauen Lückenbüßer sind pflegeleicht und kommen zuverlässig jedes Jahr wieder, damit es die Blühlücke nicht wagt, noch einmal zu erscheinen. Außerdem vermehren sie sich gut und sind sehr günstig in der Anschaffung - hier ein Teppich von Scilla siberica im Ravensberger Park:


Da vermutlich niemand gerade unter einem Überangebot der genannten Winzlinge stöhnt (keiner hat wohl je von einer Blausternplage gehört oder einer wirklich lästigen Schneeglanzinvasion), werde ich auch aus fremden Gärten keine Frischware bekommen.
Sollte jemand von euch in der glücklichen Lage sein, Hand an einen proppevollen Bestand von Scillas legen zu dürfen, schaut euch die Blüten jetzt ganz genau und mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Argusaugen an.

Vor allem der Zweiblättrige Blaustern (Scilla bifolia) kann unter dem Antherenbrand (Antherospora scillae) leiden, einer Pilzkrankheit, die die Pflanze zwingt, statt Pollen doch zur Abwechslung lieber Pilzsporen zu produzieren - ist doch mal was neues. Es gibt auch Arten, die Traubenhyazinthen oder Seifenkraut befallen. In jedem Fall ist die Pflanze von soviel Innovation nicht gerade begeistert, kann sie doch dadurch keine Samen bilden.

Für die Bienen stellt dies trotz wie immer strahlend blauer Blüten auch eine unschöne Blühlücke dar, denn an den parasitierten Blüten kann man keinen Pollen sammeln. Und mit Pilzsporen an den Hinterbeinen muss sich keine Biene im Stock blicken lassen.


Hier eine gesunde Pflanze, die gerade von einem winzigen Sandbienenmännchen besucht wird:


Manche der Sporen schaffen es mit Insekten oder dem Wind auf andere Unglücksraben, die am Ende dann auch aussehen wie ein Schornsteinfeger, aber ohne Glück zu bringen. Da die Pflanze den Befall nie mehr los wird, sollte man besser keine Ableger aus einem erkrankten Bestand sammeln.

Die Fernwirkung ist immerhin nicht beeinträchtigt durch den schwarzen Schmarotzer.

Trotzdem, dann bin ich eben geduldig und warte auf aus Kulturmaterial vemehrte Zwiebeln im Herbst. So ist die peinliche Blühlücke dann hoffentlich bald Geschichte!

Montag, 22. April 2013

Kleine Blaumänner

So klein und schon so blau, und das am frühen Morgen. Das kann ungestraft nur sie, die winzige Wachablösung von Krokussen und Schneeglöckchen. Ob in sonnigen Staudenbeeten oder am Fuße alter Bäume in schütteren Rasenflächen - sie sind immer obenauf und lassen sich nicht unterkriegen. Sie legen uns nicht nur den blauen Himmel zu Füßen, sondern holen uns auch noch die Sterne vom Himmel. Die Kleinen im Blaumann, die sich so gut zum Verwildern eignen, sind zum einen der Schneeglanz (Chionodoxa), zum anderen der Nickende Blaustern (Scilla siberica).

Auf den ersten Blick sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich: Sie sind tintenblau, neigen zur Massenvermehrung und sind von eher zierlicher Gestalt. Während die Blüten von Scilla siberica aber bescheiden gen Boden schauen und nur von Ameisen gut zu sehen sind, himmelt der Schneeglanz gern die Wolken und damit auch den Gärtner an.



Die Fernwirkung in der Masse ist enorm - und viele Gartenbesitzer lieben ja blaue Blüten, was besonders gut im Frühling zu realisieren ist, denn dann gibt es eine besonders große Auswahl. Die kleinen robusten Zwiebelblumen mit dem Tintenherz dürfen da nicht fehlen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis dieser Zwerge ist auch unübertroffen: Man kauft ein paar Exemplare und es werden jedes Jahr wie von Zauberhand mehr. In nur wenigen Jahren blühen die Sämlinge bereits.

In vielen Stadtparks oder auf alten Friedhöfen kann man sich ein Bild davon machen, wie so ein blauer Bodenbelag aussehen kann, wenn er schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Besteht der Rasen unter den Bäumen eher aus Moos als aus Gras, sind Blaustern und Schneeglanz vor dem Raubtier Rasenmäher einigermaßen sicher.
In einem kleinen Garten wird man so etwas selten hinbekommen, es scheitert dort zunächst an den passenden Baumgiganten. Aber auch im kleineren Rahmen wird man mit den Zwiebelblumen auf Expansionskurs glücklich, unter Obstbäumen oder Sträuchern zum Beispiel - Beifallsstürme im Frühjahr sind ihnen in jedem Fall sicher.


Ein paar Dinge müssen allerdings beachtet werden, wenn es mit dem Blaumachen klappen soll: Chionodoxa forbesii samt sich besser als als C. luciliae, letzterer ist aber auch nicht untätig. Bei Blausternchen ist Scilla siberica 'Spring Beauty' zwar größer als die Art, aber auch geiziger mit Nachkommen. Während der Wachstumsperiode der Knirpse sollte man größere Erdarbeiten oder Rasenmähen an ihrem Standort meiden. Dünne grüne Stängelchen, die neben den blühenden Pflanzen aus dem Boden kommen, sind meist keine gewöhnlichen Grashalme, sondern Sämlinge, die in Ruhe gelassen werden wollen. So entsteht mit der Zeit eine richtige kleine Schonung von neuen Pflänzchen, die immer weiter ihre Kreise im Garten ziehen. Die Ameisen helfen dabei und machen den Samen Beine.

Kombinieren kann man die Kleinen mit Lungenkraut, Puschkinien oder kleinen Knollenpflanzen, die niedrige Teppiche bilden und so die zierlichen Blumen nicht unterbuttern. Lerchensporn (Corydalis cava und solida), Duftveilchen und Scharbockskraut eignen sich aufgrund gleicher Blütezeit besonders gut.

Nicht nur Gärtner lieben die blauen Invasionen. Für Bienen sind die zarten Zwerge eine wertvolle Frühjahrstracht. Leider gibt es auch einige andere Feinschmecker, die weniger pfleglich mit den Pflanzen umgehen: Nacktschnecken können über Nacht alle blauen Blüten für sich vereinnahmen und werden sie auch mit gutem Zureden nicht wieder hergeben - unsere Rache wird ihnen umso sicherer sein. Rötelmäuse sind noch weniger wählerisch, pflücken sich mal einen Blumenstrauß, mal wird gleich die ganze Pflanze dem Erdboden gleichgemacht. Vorsicht also vor Pflanzungen an Holzterrassen, die eine beliebte Mäuseunterkunft mit Direktanschluss an die Futterquellen darstellen.

Wer jetzt blaues Blut geleckt hat, sollte nur noch auf eines achten: Dass die Zwiebeln aus Kulturmaterial stammen und keine Wildfänge sind. Denn bei soviel guten Gaben, die uns die Pflanzen bescheren, kann man ihnen diesen Gefallen schon tun. Zum Glück passiert der Raubbau bei so vermehrungsfreudigen Arten aber nicht so häufig wie bei Alpenveilchen oder seltenen Schneeglöckchenarten. So viel Rücksichtnahme werden sie uns danken und dem Frühling einige blaue Stunden schenken.

Montag, 24. September 2012

Die drei vom Bahndamm

Zwischen Bahndamm, Bach und Bolzplatz schläft ein Schatz im Untergrund. Um diese Jahreszeit ist überhaupt nicht zu erahnen, welche Pracht im Boden verborgen liegt und auf den nächsten Frühling wartet. Nur über einen schmalen Trampelpfad zu erreichen offenbart sich dann eine heimliche Blütenpracht unter Ahornbäumen, die nur von Spaziergängern mit Abenteuergeist oder von heroischen Hundebesitzern entdeckt wird. Man hat immer ein bisschen das Gefühl, vom rechten Weg abzukommen, so schmal und geheim ist der Zugang. Es ist ungelogen eine echte Gratwanderung, denn man muss sogar einmal über einen winzigen Bachlauf springen, was aufgrund der wenigen Zuschauer aber ruhig auch unelegant geschehen darf.


Ab Februar oder März, je nach Großwetterlage, zieht mich dieses Bermudadreieck der Blumen magisch an, denn dann beginnt der Frühling der verwilderten Zwiebeln: Drei Arten sind es, die sich hier die Klinke in die Hand geben, allesamt wohl nicht einheimisch.
Dramaturgisch perfekt inszeniert betreten sie hübsch nacheinander die wilde Waldbühne, als gäbe es ein geheimes Drehbuch. Allein, wer das wohl geschrieben haben könnte, bleibt unklar. Ob hier vielleicht früher ein Garten war?

Erst erscheint zartrosa der zierliche Elfenkrokus (Crocus tommasinianus), der selbst direkt neben den dicksten Baumstämmen und in verdichtetem Erdreich blüht, als wäre er mit kleinen Presslufthammern ausgestattet. Bäume können sie zwar nicht ausreißen, wachsen aber zur Not einfach um diese herum. Selbst die begehrte zweifarbige Variante kann man hier finden.

Ist er verblüht, schiebt sich zwischen den Krokusblättern mehrheitlich dunkelblauer Schneeglanz (Chionodoxa) aus dem Boden. Ein paar hell rosafarbene Exemplare tanzen immer mal aus der Reihe. Neben den blühenden Pflanzen findet man auch viele grashalm-dünne, winzige Sämlinge:



Zu guter Letzt trumpfen im Mai blaue, langhalsige Hasenglöckchen auf, die, was die Größe angeht, eindeutig die Angeber sind, aber dabei nicht minder sozialkompetent. Auch hier sind Abweichler in Rosa zu finden.

Diese drei Geophyten sind nicht nur verträglich mit Artgenossen und Ahornbäumen, sondern auch ansonsten sehr sozial eingestellt, indem sie sich mit den anderen kleinen Zwiebelblumen klaglos den Lebensraum teilen. In perfekter zeitlicher Abfolge genießen sie die Aufmerksamkeit der Hummeln und der Sonne.

Ansonsten hält es keine Staude so recht aus mit den Ahornbäumen - zu viel Schatten, zu viel Wurzelkonkurrenz. Außerdem möchte so ein Gehölz seine Brut gerne weiträumig verteilen, zwangsläufig immer auch unter einen anderen oder denselben Ahorn, so dass der Boden übersät ist mit Schößlingen. Diese rauben den Stauden das letzte bisschen Sonne und den letzten Nerv noch dazu. Den Zwiebelblumen aber ist das fehlende Licht im Sommer auch schon egal und der von den Bäumen leer gesoffene Boden kommt ihnen nicht ungelegen.

Jetzt im September jedenfalls findet man dort, wo sich im Frühling die bunten Geophyten tummelten, tatsächlich nur Baumsämlinge in diversen Größen.


Warum ich euch das alles jetzt erzähle, und nicht - wie es sich für einen anständigen Blog gehört - im Frühjahr, zur besten Blütezeit? Weil es höchste Eisenbahn ist, Frühlingsblumenzwiebeln zu pflanzen. Und wer so heldenhaft unter wilden Ahornbäumen aus dem Boden schießt, sich vermehrt und ohne Extra-Düngung, Schneckenzaun und Wühlmausschutz sein Dasein fristet, der muss es doch wert sein, im Garten unter die Erde zu kommen, oder? Warum nicht einfach alle drei pflanzen, schließlich scheinen sie sich blendend zu verstehen, sogar mit Bäumen. Und sicher auch mit Gärtnern.