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Samstag, 10. Januar 2026

Amsel-Amazon

Wenn Amseln Bewertungen schreiben würden...

(Der Auslöser dieses Artikels war das Weibchen mit der Schlehenfrucht im Schnabel, die es nicht schlucken konnte und daher wieder fallen ließ,) 


Schlehe:

"Hübsche blaue Klunker, sieht man nicht so oft, doch die Früchte in der Größe XL versprechen mehr als sie halten. Knalliges Lockangebot mit saftigen Versprechungen, dabei aber alles andere als benutzerfreundlich. Als Speise völlig ungeeignet, kriegt man nicht durch den Hals. Nur für Großmäuler."

★★


Weißdorn:

"Rot und mehlig, machen aber tatsächlich satt und sind schnabelgerecht. Großzügiges Angebot, leicht zu pflücken und von Weitem gut zu sehen. Äste mit Früchten etwas dünn, für größere Vögel oft nur im Flug abzuernten. Einen Stern Abzug dafür, dass der Strauch immer überlaufen ist. Da hilft nur schimpfen!"

★★★★


Eibe:


"Bietet mit den Nadeln gute Deckung, auch als Schlafplatz mit Vollpension sehr zu empfehlen. Früchte gut zu entdecken, aber etwas wässrig mit ekligem Kern. Vorsicht jedoch vor der Mogelpackung in Form von männlichen Exemplaren: Hier ist nichts zu holen, nimmt nur Platz weg!"

★★★★★


Büschel-Rose (Rosa multiflora):

"Das Angebot aus roten, süßen Hagebutten bleibt lange frisch. Auch im Schnee und bei Kurzsichtigkeit gut zu sehen. Äste mit Früchten eher für kleinere Kundschaft gemacht - viel zu wacklig. Auch gibt es viel zu viele Samen in den Früchten - man fühlt sich als billiger Samenkurier missbraucht."

★★★★


Zierapfel 'Golden Hornet':

"Optisch kein Hingucker. Früchte bald braun und matschig. Große Portionen, aber gut portionierbar, selbst für den kleinen Hunger. Erst saftig wie ein Trinkpäckchen, im Winter eher wie eine Marzipankartoffel. Wenn man geschickt ist und den Schnabel weit aufreißt, gibt es sie auch To Go. Aufgepasst jedoch vor herabfallenden Früchten! Hier sollte Helmpflicht herrschen!"

★★★


Pfaffenhütchen:

"Für Genießer: Hübsch präsentierte orangefarbene Leckereien in einer roten Verpackung - das Auge frisst mit! Von oben nicht gut zu greifen, man braucht viel Geschick, um die Früchte zu pflücken, und muss schneller sein als die Rotkehlchen. Kern groß und ungenießbar - geht nach kurzer Zeit retour!"

★★★


Faulbaum:

"Schwarze Früchte, pünktliche Lieferung im Spätsommer, dann aber nicht gut zu sehen, jedoch saftig und groß. Werden hauptsächlich von Migranten gefressen (Mönchsgrasmücken), im Herbst schon nichts mehr übrig. Keine Empfehlung als Winterfutter, da sind Produkte anderer Hersteller besser."

★★★★


Feuerdorn:

"Feurige Früchte mit Signalwirkung, die lange genießbar bleiben. Ideal als Winterfutter, wenn auch nicht immer leicht zu erreichen, vor allem bei Formschnittgehölzen, die zu kurze, zu dichte Zweige haben. Daher sind die oberen Beeren immer zuerst weg. Hier sollte nachgebessert werden. Wenig Konkurrenz, Vorsicht aber vor den Schlägertrupps der organisierten Ringeltaubenbanden!"

★★★

Samstag, 7. Dezember 2019

Gartenvokabeln: Der Hausmeisterschnitt

Der Hausmeisterschnitt ist bestimmt keine Fachvokabel, die im Gartenbau gelehrt wird, aber viele Leute lieben ihn heiß und innig. Er geht so: Man schneidet ein Gehölz, das nicht an einer Hecke teilnimmt, einfach oben rum auf die gewünschte Höhe, meistens zwischen 1 und 2 Metern, gern auch rund. Am besten wird sämtliches Strauchwerk, was da so rumsteht, auf dieselbe Art behandelt. Dadurch sehen alle Sträucher am Ende gleich aus - es handelt sich hier eindeutig um den Kommunismus unter den Schnittformen - aber vor allem sehen sie nachher aus wie ein etwas ungleichmäßiges grünes Osterei. Auch muss man sich nicht mühsam mit den Wuchstypen oder gar Blütezeiten der einzelnen Pflanzen beschäftigen, hier herrscht militärische Gleichmacherei auf höchstem Niveau, dazu braucht keiner eine gärtnerische Ausbildung. Daher der Name.



Auch an öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Sporthallen wird der Hausmeisterschnitt geliebt, denn an Fachpersonal wird gerne gespart. Jeder, der ungefähr weiß, wo bei einer Heckenschere vorne und hinten ist, darf ran.


Blöd ist diese Schnitttechnik aber nicht nur für die Gehölze, die dadurch ihr arttypisches Gesicht verlieren, sondern auch für Insekten. Denn egal, ob Frühjahrs- oder Herbstblüher, mit dem Hausmeisterschnitt zu rechten Zeit schafft man es, die Blüte komplett abzuschaffen. Auch die jungen Knospen an den Triebspitzen, die Schmetterlingsraupen so lieben, sind weg. Der Hausmeisterschnitt ist also kein Kavaliersdelikt.

Während das Laub im Sommer noch gnädig den Mantel des Schweigens über die verschnittenen Sträucher ausbreitet, offenbart der Winter gnadenlos, wie es darunter aussieht: Es bilden sich unschöne Astquirle, die immerhin vielleicht ein Vogelenst tragen können.





Möchte man einem solcherart misshandelten Strauch das Blühen später wieder beibringen, muss man sich erst einmal mit einem krüppeligen Etwas zufrieden geben, das lange braucht, bis es seine natürliche Form wiedergefunden hat. Am besten schneidet man immer mal wieder einen Ast tief am Boden komplett heraus, damit neue Zweige nachwachsen können, die von jedweder Schnitttechnik noch unbelastet sind.

Aber ist euch schon einmal aufgefallen, dass der Hausmeisterschnitt nie bei Bambus angewandt wird? Dieses exotische Grasgewächs hat den Persilschein und darf unbehelligt vor sich hin wuchern, ohne eine neue, progressive Frisur befürchten zu müssen, auch in Privatgärten. Dabei blüht Bambus noch nicht einmal. Auf diese Sonderbehandlung  - oder besser: Nichtbehandlung  - sind bestimmt alle anderen Gehölze mächtig neidisch. Zurecht.

Nur eine kann den Hausmeisterschnitt tragen, weil sie den entsprechenden Charakterkopf dafür hat: Die Kopfweide. Aber nur, wenn alles direkt über dem Stamm abgeschnitten wird.



Diese Weiden haben nicht etwa einen Bart, weil sie so alt sind, sondern weil der Möhnesee immer noch zu wenig Wasser enthält, die trockenen Sommer lassen auch die Weiden in der Uferzone auf dem Trockenen sitzen:



Hoffentlich kommt nun niemand auf die Idee, den bärtigen Bäumen auch einen Hausmeisterschitt an ihren Luftwurzeln zu verpassen...

Samstag, 14. November 2015

Wintergesänge

Im Herbst und Winter herrscht das Schweigen im Walde. Viele Singvögel sind hauptberuflich nun mit Überleben statt Brüten beschäftigt und halten den Schnabel. Nur Kontaktrufe sind zu hören, Balzgesänge gibt es nicht mehr. Das ist mit ein Grund, warum dem Winter so ein bisschen der Pfiff fehlt. Wenn da nicht ein kleiner, kulleräugiger Vogel wäre, der zur Ehrenrettung der dunklen Jahreszeit beiträgt: Das Rotkehlchen ist der Held der Wintertage und - nächte, wenn es unermüdlich seine perlenden Strophen hören lässt.

Ohne Rotkehlchens Gesangstalent wäre der Winter also noch schwerer zu ertragen. Und noch etwas macht die kleinen Federtiere so wertvoll: Sie lieben die orange-roten Früchte vom Pfaffenhütchen, die zufällig dieselbe Farbe haben wie ihr Gefieder. Und was zum Schnabel hineingeht, muss früher oder später hinten wieder herauskommen, und zwar keimfähiger als je zuvor und mit einer Starterportion Dünger ausgestattet.


Rotkehlchen sind Pfaffenhütchens Freund und bester Kunde (im Bild mampfen sie an Euonymus planipes). Dank der trällernden Vögel wächst in meinem Garten nun auch ein stattliches Exemplar von Euonymus europaeus, das mir Rotkehlchens spendiert haben.


Dass es da ist, ist an sich schon ganz schön, denn es sind gerade im Herbst fantastische Sträucher, die mit rotem Laub und rot-orangefarbenen Früchten entzücken. Doch das ist noch nicht alles: Meine Rotkehlchenspende wächst exakt mittig hinten vorm Gartenzaun. Genau genommen wächst es im Gartenzaun. Man möchte meinen, die Vögel hätten ein Gespür für Aesthetik und Symmetrie. In Wahrheit stand dort mal die Harlekinweide, die wir fällen mussten. Und zu ihren Lebzeiten saß wohl öfter ein sattes Rotkehlchen in ihren Zweigen und hat das Pfaffenhütchen gesät. Da hat man als Vogel auch viel mehr von.


Sämlinge erkennt man an ihren grünen, kantigen Zweigen, die später Korkleisten ausbilden. Ein weiteres Merkmal sind die glänzenden, großen Blätter, die sich derb anfühlen und ein bisschen an Kirschlaub erinnern. Die Blüten sind unspektakulär. Letztes Jahr zeigten manche Sträucher eine zweite Blüte im November (erstes Bild ganz oben Mitte). Pfaffenhütchen haben es immer eilig und wachsen rasch.


Mein Pflänzchen muss sich zunächst ganz tapfer im Schatten der Weide hochgearbeitet haben. Erst nachdem sie weg war, lief der Strauch zur Höchstform auf und bildete rasend schnell eine schmale Krone, die den Zaun weit überragt. Dieses Jahr schon gab es die ersten Blüten und sogar ein paar Früchte. Nur die Sache mit der hübschen Herbstfärbung muss mein Strauch noch üben.

Ich bedanke mich daher ganz herzlich bei allen Rotkehlchen für ihren Wintergesang und das Pfaffenhütchen. Ihr dürft jederzeit seine Früchte haben!

Mittwoch, 6. Mai 2015

Kraut-Funding

Viele fragen sich bestimmt: Was macht eigentlich das Null-Euro-Beet dieses Jahr so? Hat es immer noch keinen Cent gekostet oder ist dort mittlerweile der Wohlstand ausgebrochen? Seht selbst, was inzwischen passiert ist:

Vergissmeinnicht hat sich über wirklich nur homöopathische Kompostgaben eingeschummelt und blüht in großen Tuffs. Frühlings-Margeriten sind einfach aus dem Nichts erschienen. Kleine Pflänzchen von Geranium phaeum aus meinem Garten haben trotz ihrer Jugend schon Blüten.


Der Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias) geht es ebenfalls blendend, zur Sicherheit wurde sie noch durch weitere Ableger ergänzt, falls das mit dem Wuchern wider Erwarten nicht so klappen sollte.



Meine Nachbarin von schräg gegenüber hat noch einen stattlichen Ausläufer ihrer Purpur-Schlehe (Prunus spinosa 'Purpurea') gesponsert und als Zugabe Spornblumen aus Pflasterfugen und Spanische Gänseblümchen (Erigeron karvinskianus), die sich nach einiger Anstellerei und vielen Notwasserungen nun doch zum Mitblühen entschlossen haben.


Aus meiner Winterzweige-im-Wasserglas-Aktion stammen Hartriegel und Liguster. Ich bin außerdem ganz stolz, dass ich die geglückte Bewurzelung von Roter Heckenkirsche (Lonicera xylosteum) in der Vase bekannt geben kann! Der Strauch ist winzig und ziemlich zerrüttet, aber er lebt.

Josta- und Johannisbeere haben netterweise mit Absenkern und Stecklingen zur weiteren Auffüllung des Beetes beigetragen. Beim Thema spontane Bewurzelung macht denen ja so schnell keiner was vor.

Dazu noch ein Sämling vom Schmetterlingsflieder sowie allerlei Ausläufer meiner gesammelten Wildrosen und der Grundstock an Sträuchern steht, wenn auch noch nicht raumgreifend.

Efeu-Ableger und eine kleine Clematis vitalba haben die anspruchsvolle Aufgabe bekommen, den Zaun irgendwann blickdicht zu machen.

Dank des großzügigen Bodenumbruchs im neuen Beetteil, entstanden durch den Zaunbau, keimen reichlich Mohnpflanzen, die sicher Jahrzehnte im Boden auf ihren großen Augenblick gewartet haben. Sie dürfen natürlich blühen, meinen Segen haben sie. In das Erweiterungsbeet habe ich noch Phacelia ausgestreut, das sich im alten Teil durch Selbstaussaat erhalten hat, ebenso wie das Mauretanische Leinkraut.

Die Dahlien und Gladiolen vom letzten Jahr sind wieder glücklich unter der Erde, nachdem sie den Winter auf meinem Dachboden in Dunkelhaft verbracht haben. Von denen sieht man natürlich noch nicht allzu viel.

Und was wäre ein zünftiges Null-Euro-Beet, wenn nicht auch ein paar unbekannte Partycrasher teilnehmen würden, damit auch ja keine Langeweile aufkommt? Zur Fahndung ausgeschrieben sind diese beiden Opportunisten:



Ich freue mich außerdem, dass Anette vom Blog "Neuer Gartentraum" mir beim Kraut-Funding für's Null-Euro-Beet behilflich ist, denn sie hat mich nominiert für den OBI-Frühlingsgruß, das ist ein Sämereienpaket mit tollen Arten, wie Erdbeerspinat, Schnittknoblauch, Lupine und vielen anderen. Die Samen wurden in der Blumenstadt Erfurt produziert. Vor allem die Lupinen werden sich in dem sandigen Boden sicher wie zuhause fühlen.

Ich darf nun zwei weitere Blogs nominieren, die das Samenpaket erhalten können, wenn sie möchten. Ich habe mich entschieden für Patchgarden und Gartenbuddelei, weil beide einen großen Garten haben, der sicher noch viel freien Platz bietet.

Montag, 23. Februar 2015

Mehr Transparenz?

Bielefeld ist letztes Jahr 800 Jahre alt geworden. Glückwunsch nachträglich auch noch mal von meiner Seite. Zum Geburtstag hat die Stadt sehr auf Transparenz gesetzt. Leider an Stellen, wo ich das gar nicht mal so nötig fand - in den Stadtparks. Die Aufräumarbeiten im Februar sind mir ja sowieso schon immer ein Dorn im Auge, weil auch jahrzehntealte Kornelkirschen gern bis auf zehn Zentimeter über dem Erdboden eingeebnet werden. Doch selbst das leidige Auf-den-Stock-Setzen hat im Jubiläumsjahr nicht gereicht, es musste schließlich alles ordentlich aussehen für die Geburtstagsgäste. Also wurden ganze Gebüschgruppen lieber gleich durch Rasen ersetzt, dann ist auch ein für alle Mal Ruhe mit Strauchschnitt, so! Mit Vogelgesang zwar auch, aber sei's drum.

Immerhin hat's als kleine Entschädigung Blühstreifen an vielbefahrenen Straßen gegeben.

Auch im Null-Euro-Beet außerhalb meines Gartens hat sich im Winter viel getan. Ein neuer Zaun wurde gezogen vom Bauherrn nebenan. Der alte, in Teilen mit Efeu bewachsene wurde mit Stumpf und Stiel und Efeu entfernt. Bei soviel Transparenz muss nun auch die Nordseite des Gemeinschaftsgeländes wieder undurchsichtig werden. Immerhin wurde beim Zaun-Ziehen der Rasen gründlich zerstört, was mir in diesem Fall mehr als recht ist, denn nun muss ich ihn nicht wieder selbst abstechen.


Ein neues Beet wartet jetzt auf Begrünung und die Massaker der Stadtgärtner am Parkinventar können sich ausnahmsweise einmal nützlich machen. Ein wildes Sammelsurium an Zweigen habe ich kurzerhand von den Asthaufen eingesammelt, auf dem Fahrradgepäckträger versucht beeinander zu halten und zuhause in die Vase gestellt.

Leider ist winterliches Astwerk stets sehr bemüht, seine Anonymität zu wahren, wenn man sich nicht im Lesen von Knospen und Rinde versteht. Ohne Blüten, Blätter und Früchte, den ganzen bunten Tand also, sind viele Gehölze nur an ihren harten Fakten mit Vornamen anzusprechen. Nicht alle sind so freigiebig mit Informationen wie die Hartriegel mit ihrer roten Farbe oder der Liguster mit seinem oft noch anhaftenden Laub.

Daher habe ich Literatur zu Rate gezogen und die Geheimniskrämer ungeduldig, aber gemütlich, auf dem Sofa bestimmt. Manchmal bin ich im Bestimmungsschlüssel falsch abgebogen und habe dann ein wenig gemogelt, in dem ich allzu seltene, exotische Sträucher einfach ignorierte.


So zeigte sich, dass neben den schon erwähnten einfach zu erratenden Arten auch Schneebeere und Rote Heckenkirsche in die Hände gefallen sind. Mit im warmen Zimmer ausgetriebenem Laub und sogar Blütenknospen erhärtet sich der Anfangsverdacht weiter.


Die Inkognito-Fraktion hält sich bisher leider mit Wurzeln sehr zurück, dabei würde ich wahnsinnig gerne so eine Heckenkirsche vermehren. Der Liguster dagegen will schon wieder der erste sein und wurzelt wie verrückt, obwohl er als letzter in der Vase war, da er von meinem zweiten Raubzug stammt.

Damit hat sich der Liguster auf jeden Fall einen Stammplatz im neuen Beet erkämpft, was die Vögel sicher freuen wird. Auch der Sibirische Hartriegel möchte mitmachen und treibt oben wie unten aus.

Wäre doch gelacht, wenn wir nicht ein bisschen von der Transparenz verlieren könnten, die in vielen Lebenslagen gefragt ist - nur nicht immer unbedingt im Garten.

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Bei der Verlosung von "Ein Garten ist niemals fertig" hat gewonnen:

Mittwoch, 12. März 2014

Gesundheit!

Achtung, empfindliche Nasen sollten sich jetzt besser schnell woanders reinstecken, denn das folgende Bildmaterial ist wohl der Albtraum eines jeden Hasenusspollenallergikers. An einem Strauch von mittlerer Statur und ansonsten unauffälligem Erscheinungsbild fand ich diese äußerst reizende Puderquaste (links im Bild, rechts zum Vergleich normale Blüten).

Es gab nur diese eine am ganzen Gehölz und was sie ausgelöst hat, ist ungewiss - eine Art Verbänderung vielleicht? Jedenfalls ist dieser Sexprotz von einem männlichen Pollengeschoss wohl eine echte Rarität - wenn sich alle Haseln solch einen Angriff auf menschliche Nasenschleimhäute erlauben würden, und das womöglich noch aus jeder Knospe wachsend, wäre es wohl um sie geschehen.

Viele Menschen, die ohne zu niesen an Corylus avellana vorbeigehen können, nehmen sie trotzdem kaum war, dabei gehört sie neben der Kornelkirsche zu den attraktivsten heimischen Vorfrühlingsblühern - nur dass die Gemeine Hasel immer noch eine Schüppe drauflegen kann und wochenlang neue Pollenschleudern in Gang setzt.

Vielen Gärtnern sind die im Wind wackelnden Kätzchen wohl nicht hübsch genug. Dabei muss man nur einmal nah herangehen, möglichst noch bei Sonnenschein, und man erkennt, wie außerdordentlich filigran diese Flatterwürste gebaut sind. Dazu kommen noch die winzigen, aber leuchtend roten weiblichen Blüten - wenn diese das Ausmaß der männlichen Fortpflanzungsorgane erreichen würden, wäre die Hasel- so beliebt wie die Zaubernuss, jede Wette.

Der Duft des heimischen Gehölzes haut nicht unbedingt vom Hocker - wer seine Pollen so verschwenderisch dem Wind anvertraut, der kann sich die Lockstoffe für Insekten ganz sparen.

Sind die hübschen Kätzchen mit der guten Fernwirkung noch nicht Grund genug, sich eine Hasel in den Garten zu holen, wären da ja schließlich noch die leckeren Nüsse. Wer schon einmal zum Frühstück von einer ranzigen Importhaselnuss im Muesli jäh aus dem Halbschlaf in die brutale Realität zurückgeholt wurde, wird die Ware aus dem eigenen Garten zu schätzen wissen - frischer geht es nicht. Erntet man sie nicht, freuen sich Eichhörnchen, Haselmäuse, Eichelhäher und in den Mittel- und Hochgebirgen auch Tannenhäher über die Herbstnahrung.

Für den Gärtner besonders interessant sind die sehr geraden Ruten, die so eine Hasel in ihrer Jugend produziert. Sie lassen sich im Frühjahr schneiden und sind unersetzlich für selbstgebaute Staudenstützen, Rankhilfen und Flechtzäune. Man muss aber mit dem Schneiden dran bleiben - ist der Strauch kein junger Hüpfer mehr, kann er locker über sechs Meter hoch werden und beindicke Äste produzieren, die man nur noch mit einer Säge durchkriegt. Zum Flechten taugt das dann auch nicht mehr. Regelmäßige Ernte der dünnen Ruten macht die Hasel sogar passend für kleine Gärten - dann blüht sie aber kaum noch und fruchtet natürlich auch nicht (ein Tipp für Allergiker, die ein solches Gehölz im Garten haben).



Auf größeren Grundstücke kann man aber durchaus das Beste aus beiden Welten haben - Blüten, Haselnüsse und Zweige zum Basteln. Zumindest, wenn man die Pollen gut riechen kann und in ihrer Gegenwart nicht zur Heulsuse wird, ansonsten muss man wohl doch auf die Früchte der Windsbraut verzichten - bevor am Ende auch aus dem eigenen Strauch so eine größenwahnsinnige Pollenfabrik entsteht...

Donnerstag, 22. August 2013

Brautschau

Auf meinem Schulweg damals kam ich an einer Spierstrauch-Hecke vorbei, die im Frühjahr einfach grandios aussah - wie ein übergroßer Brautstrauß. Ich kann nicht mehr sagen, ob es eine Spiraea arguta oder eine betulifolia war, jedenfalls blühte sie weiß - und das üppig, obwohl sie so streng geschnitten war. Wenn wir an diesem Grundstück vorbei kamen, wurde meine Mutter nie müde zu erwähnen, wie sehr Spierstrauchblüten stinken. Dennoch stand für mich eines schon in jungen Jahren fest: Wenn ich groß bin, habe ich auch eine weiße Spiraea. Keine edle - und vor allem duftende - Rose sollte es sein, nur dieses eine, wenig extravagante Gehölz.


Die Hecke gibt es mittlerweile nur noch in Fragmenten, einem Neubau sei Dank, aber groß bin ich inzwischen geworden. Meinen Wunsch von damals hatte ich allerdings nie vergessen. Bei der nächstpassenden Gelegenheit, als wir im Reihenhausgarten gerade Rasen abgestochen hatten, holte ich mir für wenig Geld einen kleinen Strauch aus dem Gartencenter - wenn doch alle Kindheitsträume so einfach zu erfüllen wären!

Meine Wahl war auf die grazile Spiraea cinerea 'Grefsheim' gefallen, eine frühblühende Variante Marke Brautstrauß, die praktischerweise immer zeitgleich und farblich abgestimmt mit meiner Süßkirsche blüht.


Dieser Strauch mit seinem immer gepflegten graugrünen Laub ist wirklich ohne Fehl und Tadel, sieht stets adrett aus und meldet sich nie krank. Eine zweite Blüte hat er leider nicht, höchstens eine ganz minimalistische im September an den Triebenden.

Und weil ich diese Spiraea so gern habe, wollte ich sie auch einmal vermehren. Ich habe zwar gar keinen Platz für noch ein Exemplar, aber meine Neugier musste einfach befriedigt werden. Würde ich es schaffen, diese zauberhafte Sorte zu vervielfältigen?

Überall steht geschrieben, dass man Spiersträucher durch Stecklinge vermehren kann. Aus Samen schon mal nicht, das stand scheinbar fest. Also steckte ich zu jeder Jahreszeit, die ich finden konnte, ein paar abgeschnittene Äste an schattige Plätze im Garten. Und siehe da - sie vertrockneten allesamt, das aber zuverlässig. Statt 'Grefsheim' sah das eher nach 'Altersheim' aus. Jetzt hatte ich also eine sichere Möglichkeit entdeckt, Äste dieser Pflanze umzubringen, mehr nicht.

In der Vase wollten sie auch lieber nicht wurzeln, dabei hatte ich so schon erfolgreich ihre bucklige Verwandtschaft, die Weidenblättrige Spiere (Spiraea salicifolia), zum Austreiben bewegt. Es sah also so aus, als wollte sich die Dame von mir persönlich eher nicht vermehren lassen.

Einige Jahre und mehrere fruchtlose Versuche später entdeckte ich beim Kompostverteilen im April an der Strauchbasis Jungtriebe in einiger Entfernung zu den älteren Zweigen - gerade weit genug weg, um einen Keil zwischen sie und den Hauptstrauch zu treiben. Wenig euphorisch stocherte ich also etwas mit dem Spaten an ihnen herum, bis ich mehrere dieser zarten Wesen in der Hand hielt. Welch Wunder - sie hatten tatsächlich schon von Haus aus einige feine, aber vielversprechende Wurzeln!

Diesmal wollte ich alles richtig machen. Ich setzte sie in Töpfe mit Blumenerde, stellte sie schattig auf und wässerte sie pflichtbewusst. Schon nach ein paar Monaten zeigten sich immer mehr neue Jungtriebe, die aus dem Substrat wuchsen. Die ältesten Zweige wuchsen ebenfalls ganz hervorragend, so dass das Ganze im Sommer schon aussah wie eine richtige Spiraea!

Jetzt hätte ich zwar bald eine richtige Hecke, aber leider ist mein Garten immer noch zu voll. Also muss mein Grefsheim-Nachwuchs ausziehen. Eine Idee, wo ich die Jungspunde hinpflanze, habe ich auch schon: Vorne in eines der Siedlungs-Gemeinschaftsbeete. Wer weiß - vielleicht sieht sie ja dort jemand auf dem Schulweg und der nächste Kindheitstraum ist geboren?